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StartseiteTag für TagDie dunkle Nacht der Seele15.10.2014

Johannes vom KreuzDie dunkle Nacht der Seele

Johannes vom Kreuz war einer der bekanntesten Mystiker des Christentums. Er unterstützte die Reformbemühungen Teresa von Avilas im Orden der Karmeliten und geriet dadurch immer wieder in Konflikt mit den Kirchenoberen. Seine mystischen Erfahrungen hat er in einem umfangreichen lyrischen Werk überliefert.

Von Burkhard Reinartz

Holzkreuz in einer Kirche (AFP/Olivier Morrin)
1568 gründete Johannes vom Kreuz die erste reformierte männliche Ordensgemeinschaft. (AFP/Olivier Morrin)

"Mi alma se ha empleado / y todo mi caudal en su servicio / yo ano guardo ganado / ni ya tengo otroficio / que ya sólo en amar es mi ejercicio"

"Meine Seele hat all meine Kraft / in seinen Dienst gestellt: / So achte ich nicht auf Gewinn,
sondern nur der einen Aufgabe, / Mich allein in der Liebe zu üben"

"Olvido de lo criado / memoria del Criador,/
atención o lo interior, / y erstarse amando al Amado"

"Ich vergesse das Geschaffene / im Gedanken an den Schöpfer
Und bin im tiefsten Seelengrund voll Aufmerksamkeit / Als Liebender ganz dem Geliebten hingegeben."

Johannes vom Kreuz kommt 1542 in dem kleinen Dorf Fontiveros bei Ávila in Kastilien zur Welt. Sein Vater Gonzalo de Yepes stammt aus dem toledanischen Adel, wurde aber verstoßen, weil er die Weberin Catalina Alvarez geheiratet hatte. Johannes wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit neun Jahren verliert er seinen Vater und zieht mit der Mutter und seinem Bruder Francisco nach Medina del Campo bei Valladolid.

Den Weg der Zurückgezogenheit gewählt

Hier besucht er das "Colegio de los Doctrinos" und erledigt einfache Arbeiten für die Ordensschwestern des Konvents der Kirche "Santa María Magdalena". Zunächst arbeitet er als Krankenpfleger im Hospital "Inmaculada Concepción". Mit achtzehn Jahren wird er in das neu gegründete Jesuitenkolleg in Medina del Campo aufgenommen. Hier studiert er drei Jahre lang Humanwissenschaften, Rhetorik und klassische Sprachen.

Nach der Ausbildung beginnt er das einjährige Noviziat bei den Karmeliten der Stadt. Es scheint, als hätten seine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend ihn bewogen, den Weg der Zurückgezogenheit eines kontemplativen Lebens zu wählen.

Bevor Johannes sich ganz dem Klosterleben zuwendet, studiert er drei Jahre lang in Salamanca Philosophie, wird anschließend zum Priester geweiht und kehrt nach Medina del Campo zurück. Dort trifft Johannes zum ersten Mal Teresa von Avila. Die Begegnung prägt sein Leben nachhaltig. Teresa schlägt ihm vor, sich ihr "zur Ehre Gottes" anzuschließen und ihren Plan zur Reform des Karmel zu unterstützen.

Im "goldenen Zeitalter" Spaniens, dem 16. Jahrhundert, regiert die katholische Kirche mit größter Selbstverständlichkeit - auch abgesichert durch das grausame Werkzeug der Inquisition. Im Zuge der überseeischen Eroberungen entsteht für die ohnehin Wohlhabenden ein enormer Reichtum.

In den Klöstern werden die strengen Ordensregeln immer mehr abgeschliffen. Gegen diese Tendenz bemüht sich Teresa von Avila um die Reform des Ordens. Sie zielt gegen die "Verweltlichung" auf eine stärkere Kontemplation und Abgeschiedenheit der Ordensleute. Praktisch bedeutet das: eine streng erimitische Ausrichtung: kollektive Einsamkeit, inneres Beten und körperliche Arbeit. In vielen Klöstern bricht ein Sturm der Entrüstung gegen die Reform los. Der Konflikt wird schließlich durch die Trennung in "beschuhte" und "unbeschuhte" Karmeliten entschärft. Bei den "Unbeschuhten" findet Johannes seine Heimat. 1568 gründet er die erste reformierte männliche Ordensgemeinschaft.

"Ohne Gott kann ich nicht leben"

Von 1572 bis 1577 lebt Johannes als Spiritual und Beichtvater der Schwestern des Klosters von Avila. Teresa von Avila schreibt in dieser Zeit ihre wichtigsten Werke, Johannes seine ersten. Sein Einsatz für die Reform des Ordens sollte ihm schon bald viel Leid bringen.

"Vivo sin vivir in mí, / y de tal manera espero, /
que mueroproque no muero"

"Ich lebe, ohne in mir zu leben, / Und in solchem Zustand hoffe ich, /
dass ich sterbe, weil ich nicht sterbe"

"En mi yo no vivo ya, / y sin Dios vivir no puedo,
pues sin él y sin mí quedo, / este vivir que sera?
Mil muertes se me hará, / pues mi misma vida espero,
muriendo porque no muero"

"Schon lebe ich nicht mehr in mir, / und ohne Gott kann ich nicht leben.
Wenn ohne IHN, dann auch ohne mich ich bleibe. / Dieses Leben, was soll es dann sein?
Es wird für mich wie tausend Tode werden, / denn mein eigenes Leben erwarte ich,
sterbend, weil ich nicht sterbe"

"Sácame de aquesta muerte, / mi Dios, y dame la vida;
no me tengas impedida / en este lazo tan fuerte; / mira que peno por verte,
y mi mal es tan entero, / que muero porque no muero"

"Bring mich heraus aus diesem Tod, / mein Gott und gib mir das Leben;
Halt mich nicht fest / in dieser so harten Schlinge. / Sie wie ich leide, um dich zu sehen.
Und so umfassend ist mein Leiden, / dass ich sterbe, weil ich nicht sterbe."

Im Kerker erfährt er in der Dunkelheit die Gegenwart Gottes

Diese Zeilen aus dem "Geistigen Gesang" sind 1577 in einem lichtlosen Verließ entstanden. Johannes vom Kreuz - wie er sich inzwischen nennt - wurde von konservativen Karmeliten entführt und in Toledo aufgrund der Intrige einer falschen Anklage in einen Klosterkerker geworfen. Hier entstehen neben anderen Gedichten der "Geistige Gesang" und die berühmte "Dunkle Nacht" der Seele.
Der Heilige bleibt neun Monate lang eingekerkert - ohne Kleiderwechsel, Gespräche und geistigen Beistand. In der Nacht vom 16. auf den 17. August 1578 gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in das Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen Toledos.

"In einer dunklen Nacht / voller Sehnsucht in Liebe entflammt / oh glückliches Geschehen!
entkam ich unerkannt / als mein Haus schon stille lag."

Die neunmonatige Zeit im Kerker erlebt Johannes neben dem Schrecken des "horror vacui" - dem Schrecken der Leere - als eine Zeit der Reinigung. Im Kerker erfährt er in der Dunkelheit die Gegenwart Gottes.

Ähnlich wie die "sieben Wohnungen der inneren Burg" Teresa von Avilas sieht auch Johannes die Vereinigung mit dem Göttlichen in verschiedene Entwicklungsstadien gegliedert. So setzen die Erkenntnisse der "Dunklen Nacht" einen Prozess voraus, den Johannes vor allem in der Schrift "Aufstieg auf den Berg Karmel" beschreibt.

"Die Seele muss Gott ein liebevolles Aufmerken entgegenbringen."
Dieses "liebende Aufmerken" ist ein Horchen nach innen, denn Gott ist im Menschen anwesend.
"Die Mitte der Seele ist Gott."

Sagt Johannes vom Kreuz. Doch das erleben nur wenige Menschen, weil im Alltag die Sinne, der Verstand und der Wille des Menschen laut und überaktiv sind. Doch wahres Gotteserleben bedarf der Stille. Es bedarf "liebender Aufmerksamkeit", die ohne eine konkrete Vorstellung von Gott erwartungslos lauscht und schaut.

Amt des Oberen der Gemeinschaft im Karmel von Segovia

Im Gegensatz zum Sich-Aktiv-Sich-Vorbereiten auf dem Weg zum "Berg Karmel der Gottesvereinigung" erlebt der Mensch im nächsten Stadium das Wirken Gottes eher passiv als dunkle Kraft, die ihr Licht vorübergehend verbirgt und sich als Dunkelheit zeigt. Wer sich der dunklen Nacht der Seele hingibt, den erwartet in der Gottesvereinigung reiche Belohnung:

"Sie bewirkt in der Seele eine intensive, zärtliche und tiefe Wonne, die man mit sterblicher Zunge nicht ausdrücken kann und alles menschliche Verstehen übersteigt. Denn eine in Gott geeinte und verwandelte Seele atmet in GOTT und zu GOTT die gleiche göttliche Sehnsucht wie Gott sie atmet zur Seele. Jeder lebt in dem Andern und der eine ist der Andere und beide sind eins durch liebende Verwandlung. Ich lebe, aber nicht ich. Christus lebt in mir."

Nach seiner Flucht aus dem Kerker und einer kurzen Zeit der Erholung wird Johannes vom Kreuz nach Andalusien gesandt, wo er zehn Jahre in verschiedenen Klöstern verbringt. Im Süden Spaniens ist der Konflikt zwischen beschuhten und unbeschuhten Karmeliten weniger aufgeladen. Dann kehrt er in seine Heimat Kastilien zurück, in den Karmel von Segovia, wo er das Amt des Oberen der Gemeinschaft bekleidet.

1591 wieder ein Angriff auf den unbequemen Mystiker: Er wird aller Verantwortungen enthoben und soll aus dem Orden ausgestoßen werden. Später plant man, den schon von Krankheit geschwächten Mönch in die die neue Ordensprovinz Mexiko zu schicken. Nur sein schlechter Gesundheitszustand vereitelt diesen Plan.

"Was mir Sorge macht, ist, dass man jemandem die Schuld gibt, der keine hat."

Spirituelle Liebeslyrik

Johannes zieht sich mit 49 Jahren in ein einsames Kloster in Jaén zurück, wo er schwer erkrankt. Er stirbt in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1591, während seine Mitbrüder das Nachtgebet des Matutin sprechen. Nicht zuletzt das poetische Vermächtnis des Juan de la Cruz, seine spirituelle Liebeslyrik, macht den Mystiker auch im 21. Jahrhundert lesens- und bedenkenswert.

"Apaga mi enojos, / pues que que ninguno basta a deshacellos,
y véante mis ojos / pues eres lumbre dellos,
y solo para ti quiero tenellos."

"Nimm doch endlich hinweg meine Angst, / Denn niemand sonst kann sie mir nehmen.
Meine Augen möchten dich gerne schauen, / Denn du machst sie hell und sehend,
Und nur für dich allein sollen sie leuchten."

"Descubre tu presencia / y máteme tu vista y hermosura;
mira que la dolencia / de amor, que no se cura
sino con kon la presencia et la figura"

"Enthülle mir doch deine Anwesenheit, / auch wenn mich der Anblick deiner Schönheit tötet
Du siehst doch die Schmerzen der Liebe, / die man durch nichts heilen kann
als durch deinen Anblick und deine Gegenwart"

 

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