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StartseiteTag für Tag"Tief religiöse Leute sind genauso komisch wie Atheisten"09.06.2016

John Irving"Tief religiöse Leute sind genauso komisch wie Atheisten"

Dem amerikanischen Schriftsteller John Irving sind Gläubige suspekt, aber Nicht-Gläubige auch. Dennoch steckt sein neuer Roman "Straße der Wunder" voller religiöser Bezüge. Er erzählt von einem Missionar und mehreren Madonnen - vor allem aber von der Hoffnung, dem Elend zu entkommen.

Von Brigitte Neumann

US-Autor John Irving bei seiner Ansprache während der zentralen Gedenkfeier für den verstorbenen Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Theater Lübeck; Aufnahme vom 10.5. 2015 (picture alliance / dpa)
John Irving, untypisch mit erhobenem Zeigefinger (picture alliance / dpa)

45 Minuten Interview mit dem amerikanischen Starautor – und die Chance für exakt fünf Fragen. Zur Begründung sagt John Irving, bei diesem Buch könne er keine kurzen Antworten geben, denn es habe ihn über 25 Jahre lang begleitet.

"You can’t talk about this novel with a short answer. Because it was 20 years a screenplay. And then another five or six years being written as a novel. So it’s a more than 25- year-process. There is no short answer."

Zwanzig Jahre lang hatte er den Stoff von den Müllkippenkindern aus Mexiko-City als Drehbuch im Kopf. Aber da gab es ein Problem: Filme können nur eine relativ kleine Zeitspanne umfassen, sagt Irving. Die beinahe 800 Seiten umfassende Geschichte von Juan Diego und seiner Schwester Lupe aber sollte zwischen Kindheit und Erwachsenenalter hin- und hergehen. Und zwar um zu zeigen, dass die entscheidenden Weichen in der Kindheit gestellt werden, und dass dieser Anfang alles bestimme. Ist der Anfang verkorkst, könne es dazu führen, dass einer unfähig sei, sein Leben als Erwachsener voll und ganz auszuschöpfen. So wie Juan Diego.

Wundertätige Madonnen, ein US-Missionar und ein wunderschöner Transvestit

Als Kinder durchwühlen Juan Diego und Lupe riesige Abfallhaufen am Rand einer Mexikanischen Stadt nach Nützlichem – Kupfer, Aluminium, Glas. Ihre Mutter ist Hure, aber auch Putzfrau im örtlichen Waisenhaus der Jesuiten; ihr Vater: unbekannt. Juan Diego ist der Name eines Indios, dem im 16. Jahrhundert eine dunkelhäutige Madonna erschien, die als "Unsere Liebe Frau von Guadelupe" bis heute als Patronin Lateinamerikas verehrt wird. Lupe, benannt nach eben dieser dunkelhäutigen Jungfrau, ist Hellseherin und kann die Gedanken anderer Menschen lesen. Allerdings wird sie ihr Leben lang nur einen kindlichen Kauderwelsch sprechen und auf die Übersetzerdienste ihres Bruders angewiesen sein. Juan Diego hingegen ist ein Sprachvirtuose. Er hat sich mit Büchern vom Müll nicht nur ganz allein Lesen und Schreiben beigebracht, sondern gleich noch eine Fremdsprache: Englisch. Weitere Hauptpersonen: Verschiedene wundertätige Madonnen, ein amerikanischer Missionar, der sich bis aufs Blut geißelt, um seine Begierden zu dämpfen, ein wunderschöner Transvestit, Zirkusleute, Löwen, und Juan Diego als Erwachsener, der zum Schriftsteller geworden ist.

John Irving sagt: "Er ist ein einsamer Mann. Er hat keine Partnerin, keine Kinder. Er lebt vollkommen alleine. Und indem ich ihn zum Schriftsteller machte, konnte ich begründen, dass er sein halbes Leben nur in seiner Vorstellungswelt lebt. Das ist so, wie in einem Traum zu leben, fernab der Wirklichkeit. Ich hätte ihn auch zu einem Schauspieler machen können, aber dann hätte er ein soziales Leben geführt. Er hätte Freunde gehabt. Schreiben isoliert eher."

Der Held: ein 54-Jähriger unter dem Einfluss von Beta-Blockern

Sehr anrührend beschreibt John Irving seinen Helden, der als 54-Jähriger schon ein alter Mann ist. Wie er, geschlagen mit einer Herzkrankheit und unter dem Einfluss von Beta-Blockern, dahindämmert, seine Umwelt nur noch schemenhaft wahrnimmt. Wie er immer wieder die Erinnerungen an seine zwar ärmliche, aber ereignisreiche und erfüllte Kindheit aufsucht; wie Halluzinationen von übermächtigen, rachsüchtigen und sexuell fordernden Madonnen ihm zu schaffen machen.  "Es ist kein Geheimnis, dass Armut und Glaube häufig zusammengehören", erklärt Irving. "Sie haben eine gute Beziehung. Und der Glaube beginnt in der Kindheit. Der Wunsch, an etwas zu glauben, was besser ist, als die eigenen Umstände. Etwas, das Hoffnung gibt, trotz der eigenen Wirklichkeit. Das ist menschlich. Und darum geht es in dieser Geschichte."

"Straße der Wunder" ist ein Roman über Anfang und Ende, Kindheit und Alter. Und über Spiritualität – die katholische Kirche in Mexiko kommt bei John Irving nicht gut weg, aber die Hoffnung auf ein Wunder, auf Erlösung, verbindet alle Figuren in diesem Buch. Sie prägt auch Juan Diegos Ziehvater, den Müllkippenboss Rivera, der in Notfällen des Lebens die großen Marienstatue in der Jesuitenkirche um Hilfe bittet. Irving erzählt: "Rivera deuete auf sie und sagt zu den beiden alten Patres: Ich komme wegen ihr, nicht wegen euch." Ich glaube, Rivera spricht für eine Menge guter Katholiken. Es ist das Wunder von Maria und der Jesusgeschichte, die sie zum Glauben gebracht hat. Es ist Maria, die sie anbeten. Und so ist es überhaupt:  Die Leute, die in die Kirche, die Moschee oder die Synagoge gehen, wollen nicht den Pfarrer, den Rabbi, den Mullah sprechen, sie kommen wegen des Originalwunders. Daran glauben sie."

Irving wurde von seiner Großmutter religiös erzogen

Der US-Amerikaner John Irving wurde religiös erzogen, und zwar von seiner Großmutter. Sie bestand darauf, dass er mit ihr jeden Sonntag zur Andacht geht. Den Eltern war das Thema eher gleichgültig. "Später war ich in einer Schule, da wurde Kirchgang verordnet, egal wohin. Man konnte zum Beispiel in die Katholische Kirche gehen, in eine sehr frühe Messe, die nur 20 Minuten lang war. Und dann war man das ganze Wochenende befreit von weiteren Kirchgängen.  Also ging ich vier oder fünf Jahre in die katholische Kirche. Das war interessant." 

Weil er fand, dass das literarisch Fiktive und das religiös Spirituelle miteinander verwandt sind, belegte John Irving, neben seinem Studium der englischen Literatur als Zweitfach Religionswissenschaften. Damals entdeckte er, dass die großen Buchreligionen sich in den wesentlichen Punkten gleichen, obwohl sie häufig in Konflikt miteinander geraten. "Ich fand es immer ziemlich komisch, wenn tief religiöse Leute versuchen, andere zu überreden, ihre Religion anzunehmen. Aber genauso komisch sind häufig auch Atheisten.  Beide wollen, dass man an das glaubt, was sie glauben. Dabei gibt es keinen Beweis für die Richtigkeit dessen, was sie sagen. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der tot war, ins Leben zurückkam und einen genauen Rapport ablieferte."

"Ich habe den Atheisten genauso zum Deppen gemacht wie den Pfarrer"

Agnostiker sei er, sagt John Irving, nimmt es aber im nächsten Satz  wieder zurück und meint, ach, es sei weder relevant für den Fortgang der Welt, woran er glaube noch für sein Schreiben. Er schreibe nie über sich. Und könne leichter sagen, was er ablehne. "Ich habe mich in diesem Roman ganz schön angestrengt, den Arzt Dr. Vargas, den Atheisten, genauso zum Deppen zu machen wie die beiden alten Pfarrer. Seine Antworten machen genauso wenig Sinn. Als die große Madonna ihre dicken Tränen laufen lässt, schaut Vargas zum Dach. Und Bruder Pepe sagt: Es regnet nicht. Mit anderen Worten: Der Mann der Wissenschaften ist auch zu nichts nütze."

John Irving, der für seinen Roman "Straße der Wunder" mehrere Monate das Treiben auf mexikanischen Abfallhalden beobachtet und mit sogenannten Müllkippenkindern und ihren Müttern gesprochen hat, sieht ein sozialkritisches Motiv im Zentrum seines Buches:  "Die Müllkippenkinder in Mexiko, es gibt sie immer noch, genauso wie in den 1970ern. Es brennen heute vielleicht nicht mehr so viele Feuer auf dem Müll, denn sie haben etwas dafür getan, dass man dort besser atmen kann.  Wogegen sie nichts unternommen haben, ist die Kinderarbeit. Die Kinder kriechen weiter durch den Abfall."

Und solange das so ist, lautet John Irvings Fazit: Viel wichtiger als der Glaube ist die Wirklichkeit.

John Irving, Straße der Wunder. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, 772 Seiten. 26 Euro
 

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