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StartseiteBüchermarktKeine Autorität außer dir selbst20.04.2017

Jón GnarrKeine Autorität außer dir selbst

An der Spitze der Best Party zog der Schriftsteller, Schauspieler, Comedian und Musiker Jón Gnarr als Bürgermeister ins Rathaus von Reykjavík und wurde so weltberühmt. Im zweiten Teil seiner Autobiografie erzählt Gnarr illusionslos von seiner Jugend im Island der 1980er-Jahre - und macht so auf beeindruckende Art und Weise den Zustand der Pubertät erfahrbar. 

Von Thomas Böhm

Der isländische Autor, Politiker und Comedian Jón Gnarr spricht in ein Mikrofon (imago stock&people)
Jón Gnarr (imago stock&people)
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Was hat man von diesen Lebenserinnerungen nicht alles erwartet? Von den Jugendjahren des Mannes, der mit Kunst die Lokalpolitik umkrempelte! Der es im Rathaus von Reykjavík zum berühmtesten Bürgermeister der Welt brachte. Der seine Aufgabe so ernst nahm, dass er sich das Wappen der Stadt auf den Unterarm tätowieren ließ. Zumindest einen wilden, triumphalen Bildungsroman: vom Islandpunk zum Nachrichtenstar. 

Stattdessen jedoch stieß bereits der erste Band "Indianer und Pirat" die Leser in die Abgründe einer isländischen Kindheit in den 1980er-Jahren. Die Fortsetzung schließt nahtlos an den ersten Teil an; an dessen Ende Jón Gnarrs überforderte Eltern beschließen, den 14-Jährigen in ein Heim für schwererziehbare Jugendliche abzuschieben, das irgendwo in den isländischen Westfjorden liegt. Mit der Schilderung dieser an ein Gefängnis erinnernden Einrichtung beginnt "Der Outlaw":

"Rings um die Gebäudeansammlung herrschte gähnende Leere. Die Umgebung bestand schlicht und ergreifend aus Felsen und Schneehaufen. Oberhalb der Schule waren die Berge, und unterhalb lag das Meer. Alles voller Nichts. (...) Der Wind hatte Orkanstärke. Der Schneefall  war meistens so dicht, dass man nur ein, zwei Schritte weit sehen konnte, und zwischen den einzelnen Gebäuden waren Seile gespannt, an denen man sich entlanghangeln musste. Es schneite und schneite, und der Schnee schmolz nie, und die Schneeberge türmten sich immer höher auf."

Bezug zu isländischen Nationalhelden

Die Beschreibung der gewaltigen Landschaften gehört zu den klassischen Bestandteilen fast aller isländischen Texte - insbesondere solcher, in denen jemand seine Empfänglichkeit für die erhabene Schönheit ausstellt und im Kampf mit der Natur seine Kreativität beweist. Eine Mischung, die schon die Wikinger der mittelalterlichen isländischen Sagas kennzeichnete – von denen etliche als Geächtete als "Outlaws" überleben mussten. An sie erinnert Jón Gnarr mit dem Titel seiner Autobiografie – und setzt sich gleichzeitig von ihnen ab, indem er ein englisches Wort für diese isländischen Nationalhelden wählt.

Denn es war nicht die isländische, sondern die britische Kultur, in der 14-jährige Jón Idole fand: in "Crass", einer Punkband, die anderen Punks wie "The Clash", "The Sex Pistols" oder Patti Smith Kommerzialität und Verlogenheit vorwarfen, sich selbst der Musikindustrie verweigerte und deren anarchistischer Grundsatz lautete: "Es gibt keine Autorität außer Dir selbst." Ein willkommenes Motto für einen Pubertierenden, zumal es jede Hemmung auslöscht. 

"Wenn keine Drogen zu kriegen waren, begnügten wir uns mit Würgespielen. Dabei lehnte man sich vornüber, atmete ungefähr eine Minute lang schnell aus und ein, richtete sich plötzlich auf und wurde von den anderen in den Würgegriff genommen. Dadurch bremst man die Sauerstoffzufuhr im Gehirn, verliert das Bewusstsein und bekommt gleichzeitig einen Kick, einem Rausch gleich.

"Vielleicht war ich die nächste Generation"

Jón Gnarr schildert die Suche nach dem Kick ungeschönt, die nach Orientierung illusionslos. Es gehört zu den beeindruckenden Lektüre-Erfahrungen dieses Buches, dass es den Zustand der Pubertät wiedererfahrbar macht, jene Phase, in der das Ich und die Welt füreinander unverstehbar sind und trotzdem Lebensentscheidungen getroffen, Lebenswege vorgezeichnet werden. 

Jón Gnarr spart in seinem Buch dabei die sexuellen Versuche und Irrungen nicht aus: Von einem Gangbang über eine Penisverkrümmung, deren operative Behebung ihn vorübergehend seiner Potenz beraubt, bis hin zu einer Zeit als ignoranter Schürzenjäger. 

"Vielleicht war ich die nächste Generation. Der Gedanke erfüllte mich mit Zufriedenheit und Selbstvertrauen. Ich konnte mir gut vorstellen, in Zukunft als Barkeeper zu arbeiten. Ich würde auf der Arbeit Alkohol mitgehen lassen, hätte ab und zu ein bisschen Haschisch und außerdem jede Menge Freundinnen, mit denen ich abwechselnd schlief. Sie wären manchmal sauer und würden Ärger machen, aber ansonsten wäre alles toll."

Verzicht auf Selbststilisierung und Macht als politische Geste

Spätestens in diesen Passagen wird aus der konsequenten Selbstentblößung des Buches Programm. Denn Jón Gnarr veröffentlichte es just in dem Moment, als nach seiner erfolgreichen Zeit als Bürgermeister ganz Island erwartete, er würde für das Präsidentenamt  kandidieren und die Wahl aufgrund seiner großen Popularität sicher gewinnen. Doch statt der mächtigste Mann Islands zu werden, zog Jón Gnarr es vor, sich als Loser und unsympathischer Typ darzustellen; den Mythos, zu dem er geworden ist, zu unterhöhlen. So ist der mit seiner Antisaga verbundene Verzicht auf Selbststilisierung und Macht eine politische Geste. Die Punker von "Crass" hätten keinen besseren Überbringer für ihre anarchistische Botschaft als Jón Gnarr finden können. Am Ende von "Der Outlaw" hat man lesend erfahren, was mit deren Slogan gemeint ist: "Es gibt keine Autorität außer Dir selbst."

 

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