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StartseiteInformationen am Morgen"Das Leben als Flüchtling ist miserabel"07.04.2016

Jordanien"Das Leben als Flüchtling ist miserabel"

Jordanien ist neben dem Libanon und der Türkei das Land, das in den letzten fünf Jahren die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Viel berichtet wird über das im Norden Jordaniens gelegene Flüchtlingslager Zaatari. Doch die große Masse der syrischen Kriegsflüchtlinge lebt außerhalb von Lagern - viele als Menschen zweiter Klasse.

Von Martin Gerner

Syrische Flüchtlinge in Jordanien  (Heikki Saukkomaa, dpa picture-alliance)
Syrische Flüchtlinge in Jordanien (Heikki Saukkomaa, dpa picture-alliance)
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"Wir fahren jetzt in ein kleines Dorf zwischen Irbid und Ramtha, das hier direkt an der syrischen Grenze liegt."

Unterwegs mit der Helferin Sarah an der syrischen Grenze, auf jordanischer Seite.
In Ramtha schlagen gelegentlich Raketen der syrischen Kriegsparteien ein, berichten Einwohner. Ob gezielt oder als Irrläufer weiss keiner genau. Ärzte ohne Grenzen unterhält hier in einem jordanischen Krankenhaus eine Klinik. Auch in Irbid, der Großstadt ein paar Kilometer weiter, die bedingt durch den Krieg enormen Zuwachs verzeichnet.

In Irbid gibt es rund 140.000 Flüchtlinge, so Omar Abdalla von Ärzte ohne Grenzen. Das sind allein 22 Prozent aller Flüchtlinge in Jordanien. 

Deutsche Politiker besuchen mit Vorrang immer noch das rund 50 Kilometer entfernte Lager Zataari. Dabei lebt die große Masse der syrischen Kriegsflüchtlinge außerhalb der Lager in Jordanien. Viele als Menschen zweiter Klasse, wie einige selbst sagen.

Ärzte ohne Grenzen sieht vielerlei Traumata

"Es gibt vielerlei Traumata: Familien wurden getrennt von Vater oder Kindern. Sie haben kein festes Einkommen. Deshalb teilen sich mehrere Familien eine Wohnung. Das können 15 Menschen auf extrem engen Raum sein, was zu neuen Problemen führt. Die Geldvorräte schwinden, weil sie nicht arbeiten dürfen. Einkaufen wird zur Last. Angst, Depressionen und Stress – all das sind Folgen, die wir behandeln."

Die Mitarbeiterin führt mich zu einer syrischen Familie auf dem Land, die Hilfe braucht aber nicht jeden Tag in die Stadt fahren kann.

"Meine Frau hat einen Bruch der Eingeweide im Bauchbereich. Das zu operieren kostet in Jordanien 1.600 JD, rund 2.000 Euro. Die kann ich nicht aufbringen."

Der Mann ist mit seiner vierköpfigen Familie aus Idlib geflohen, im Norden Syriens. Er will anonym bleiben.

"Das Leben als Flüchtling in Jordanien ist miserabel. Als wir ankamen sollte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen feststellen, ob wir Anspruch auf Leistungen haben. Statt dessen hat einer der Mitarbeiter Geld von uns verlangt. Bekommen haben wir nichts."

Die Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Irbid ist nicht überfüllt an diesem Tag. Zur Zeit kommen 100 bis 200 Menschen über die Grenze bei Ramtha, in Hochzeiten sind es 1.000 bis 2.000. Dieser Patient kommt aus Tafas, bei Darra'a, der syrischen Stadt in Grenznähe, von wo der Protest vor fünf Jahren ausging. Vor drei Jahren ist er nach Jordanien geflüchtet.

"Damals wurde meine Sohn angeschossen. Ein Verwandter, ein Arzt, wollte ihm helfen. Auf dem Weg ist er selbst angeschossen worden. Dann lag mein Sohn mit der Wunde verletzt zu Hause. Eine Woche lang habe ich mich nicht getraut, ihn in ein Krankenhaus zu bringen, aus Angst er würde festgenommen. Ich habe seine Wunde selbst mit sieben Stichen genäht. Notdürftig. Dann gab es endlich eine private Klinik, der wir vertrauen konnten."

"In Amman finde ich keine Arbeit"

Von Irbid eine Stunde mit dem Auto in die Hauptstadt Amman. Fünf Millionen Einwohner. Syrische Flüchtlinge dürfen auch hier nicht offiziell arbeiten, nur schwarz. Viele Jordanier fürchten ihre Konkurrenz. Um Sary leidet darunter. Mit Familie ist sie vor drei Jahren aus Homs geflohen. Jetzt bewohnt die Familie zu fünft eine Wohnung mit Schimmel und Feuchtigkeit an den Wänden, für teueres Geld.

Amman in Jordanien (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)Viele Flüchtlinge leben in Amman, der Hauptstadt Jordaniens (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)
"Ich habe Großfamilie und Freunde zurückgelassen. Und meine Arbeit. Die Probleme sind psychologischer und emotionaler Art. In Amman finde ich keine Arbeit als Grundschul-Lehrerin. Ich habe deshalb mit Kochen angefangen und verkaufe Essen in der Nachbarschaft. Ich verkaufe Frittiertes und Gebackenes wie Kibbeh, Klösse aus Bulgur mit Füllung. Auch Eingemachtes wie Makdous, gefüllte Mini-Auberginen, die über Syrien hinaus bekannt sind. Die Leute rufen bei mir an und bestellen oder ich informiere sie über mein Facebook-Account."

Im Wohnzimmer stehen riesige Einmachgläser dicht an dicht, und Schalen mit Perlen.
Um Sary verkauft auch Schmuck, den sie in stundenlanger Kleinarbeit fertigt.

"It is not enough, but it's good." Wir kommen zurecht. Wir haben gelernt, ein bescheidenes Leben zu führen hier in Amman. Die größte Schwierigkeit ist, nicht legal arbeiten zu können. Für viele Syrer ist das schwer zu akzeptieren. Deshalb schauen wir nach Alternative außerhalb von Jordanien.

Jordanien hat genug mit palästinensischen Flüchtlingen zu tun

So wächst die Unzufriedenheit der gut eine Million syrischen Flüchtlinge in Jordanien. Um Sary denkt bereits ans Auswandern nach Amerika. Es fällt das Wort Deutschland. - Jordanien vermittelt derweil nicht ernsthaft den Eindruck als wolle und könne es die Flüchtlinge integrieren. Es hat genug mit seinen palästinensischen Flüchtlingen zu tun. Von denen sind viele arbeitslos. Eine explosive Mischung, zusammen mit dem Syrienkrieg und der jordanischen Salafisten-Szene. 

Wie denkt ihr Sohn, ein studierter Chemiker, über die aktuellen Syrien-Verhandlungen?

"Ich habe wenig Hoffnung. Der Krieg wird nicht aufhören. Er wird vielleicht noch 20 Jahre weitergehen. Eigentlich sollte das Morden ein Ende haben. Nichts kann die Toten wieder lebendig machen. Aber viele sinnen auf Revanche und Rache: 'Sie haben meinen Bruder umgebracht, jetzt sollen sie dafür büßen'. Ich werde auch deshalb nicht zurückgehen, solange es eine Wehrpflicht in Syrien gibt, die Männer wie mich einzieht. 

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