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StartseiteInterviewJournalist Leyendecker kritisiert Kachelmann-Berichterstattung scharf31.05.2011

Journalist Leyendecker kritisiert Kachelmann-Berichterstattung scharf

Redakteur der "Süddeutschen" bemängelt fehlende Professionalität

Für einige angeblich neutrale Berichterstatter stand das Urteil im Prozess gegen Jörg Kachelmann schon zu Beginn des Ermittlungsverfahrens fest - Hans Leyendecker sieht die Gerichtsreportage zum "Schmuddelkind" verkommen. Ein unabhängiges richterliches Urteil sei dennoch nicht in Gefahr.

Jörg Kachelmann (AP)
Jörg Kachelmann (AP)

Silvia Engels: Heute spricht das Mannheimer Gericht seinen Urteilsspruch im Fall Jörg Kachelmann. Rund um diesen Prozess gegen den Wettermoderator ist ja ein seltsames Missverhältnis entstanden. Weite Teile des Verfahrens wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Kaum jemand weiß also, was tatsächlich gesagt wurde, und dennoch haben viele Menschen eine klare Meinung, ob die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Wettermoderator nun stimmen oder nicht. Ein Überblick über Stimmungen, Stimmen und die Rechtsordnung.

O-Ton: Offiziell werden sie nie einen Richter finden der sagt, das hatte auf mich irgendeinen Einfluss. Jeder wird sagen, ach, ich bin da ganz, das interessiert mich alles gar nicht.

O-Ton: Wir haben in den ersten Monaten nach der Festnahme eine glasklare Vorverurteilung, eine Stigmatisierung erlebt, die wirklich schlimm war. Das heißt, es wurde sein intimstes Privatleben ausgebreitet.

O-Ton: Gott und alle Welt macht sich Gedanken darüber in den Medien, wie es wohl Herrn Kachelmann geht, wenn er zu Unrecht belastet wird. Das ist in der Tat eine sehr ernste Frage, weil das ist ja was Existenzielles. Ich lese aber kaum, wie es denn wohl dem mutmaßlichen Opfer geht, wenn es die Wahrheit sagt, und ich habe gesagt, danach müssen wir auch mal fragen.

O-Ton Jörg Kachelmann: Aufgrund meines Wissens, dass ich unschuldig bin, habe ich keinen Grund, mich von irgendetwas fern zu halten, vor irgendwas wegzulaufen. Ich bin unschuldig und kann dazu stehen und setze alle Hoffnung in die deutsche Justiz, dass diese Unschuld festgestellt wird.

Engels: Jörg Kachelmann und weitere Stimmen und Stimmungen rund um diesen Prozess. – Spektakulär ist diese Verhandlung in jeder Phase verlaufen, und dazu beigetragen haben Prozessbeteiligte wie Staatsanwaltschaft und Verteidigung, aber auch die Medien, und darüber wollen wir sprechen mit Hans Leyendecker. Er ist Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und Spezialist für investigativen Journalismus. Guten Morgen, Herr Leyendecker.

Hans Leyendecker: Guten Morgen.

Engels: Vorverurteilung und Vorfreispruch, beide Positionen waren in den letzten Monaten in Medien im Fall Kachelmann nachzulesen. Kann das Gericht da überhaupt noch irgendwie unbefangen urteilen?

Leyendecker: Die Berufsrichter sind unabhängig. Die Berufsrichter lassen sich davon auch nicht irritieren. Ob das die Schöffen erreicht hat, wird man sehen. Aber das glaube ich nicht, dass man wirklich ein Gericht so beeindrucken kann, weil ja auch vieles, was in den Medien steht, falsch ist. Jeder, der die Akten kennt, der nun tatsächlich auch die Zeugen gehört hat, weiß, wie er zu sortieren hat. Also ich glaube, da besteht eher eine Gefahr bei Schöffen, die darauf möglicherweise so aufgeregt reagieren, wie Medien reagieren.

Engels: Schauen wir ein wenig auf diese Ebene der Medien im Verlauf dieses Prozesses. Zu Anfang war ja vor allen Dingen die Rolle der Staatsanwaltschaft in der Kritik, ihre angebliche Voreingenommenheit gegenüber dem Angeklagten. Hat sich grundsätzlich, wenn Sie es betrachten auch mit Blick auf andere Prozesse, die Rolle der Staatsanwaltschaft in ihrem Verhältnis zu den Medien gewandelt in den letzten Jahren?

Leyendecker: Ja, das hat sie. Also in den vergangenen Jahren sind Staatsanwaltschaften, was Medienkontakte angeht, professioneller geworden, und auch sie sind ein Stück aufgeregter geworden. Sie reagieren sehr schnell, wenn Medien drängen. Denken wir da an den Fall der Sängerin der No Angels. Da gab es zunächst keinen Namen. Medien drängten, um dann zu erfahren, wie die junge Frau hieß, die angeblich mit Männern ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte und aidskrank war. Da hat eine Staatsanwaltschaft eigentlich ängstlich reagiert, weil sie wollte irgendwie der Anfragen Herr werden, haben gedacht, na gut, dann geben wir den Namen preis. Also man muss sich immer wieder klar machen, das Ermittlungsverfahren ist ein Verfahren, in dem es zunächst um einen Anfangsverdacht geht in der Regel. Das ist sozusagen der verletzlichste Teil des Verfahrens. Und viele Ermittlungsverfahren werden am Ende eingestellt. Die Schwierigkeit für Medien besteht eigentlich darin, wenn sie ganz ungestüm und auch mit so einer Vorverurteilungs- oder Vorfreispruchmentalität herangehen, dass sie immer außer Acht lassen, dass Millionen Ermittlungsverfahren eingestellt werden. Das Dilemma ist, dass der Zuschauer, Zuhörer, Leser glaubt, ein Ermittlungsverfahren ist ein Urteil. Das ist großer Quatsch! Ein Ermittlungsverfahren ist erst mal nur ein Ermittlungsverfahren, das so oder so ausgehen kann, und man hat auch tatsächlich von der Unschuldsvermutung auszugehen. Das wird immer stärker ignoriert.

Engels: Im Verhältnis zwischen Staatsanwaltschaft, wenn wir da noch kurz bleiben, und den Medien wird ja auch immer wieder der Vorwurf laut, die Staatsanwaltschaft gebe möglicherweise unter der Hand Akten heraus. Diesen Vorwurf gab es auch in diesem Prozess. Wie steht es denn um die Staatsanwaltschaft als Quelle gegenüber Journalisten? Sie arbeiten ja auch sehr viel investigativ.

Leyendecker: Ja gut, aber Journalisten reden nicht über Quellen. Nur allgemein muss man sagen, jetzt unabhängig von diesem Fall, es gibt so einen alten Journalistenspruch, der heißt: Der beste Freund des Journalisten ist der Anwalt. Also, dass Staatsanwaltschaften hingehen und tatsächlich Unterlagen herausgeben, damit sie eine Berichterstattung haben, die in ihrem Sinn die beste ist – dabei wissen manchmal Staatsanwälte gar nicht, was für sie das Beste ist -, das ist die große Ausnahme. Es ist mehr so, dass Anwälte die Gelegenheit nutzen, um ihren Standpunkt in die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn das im Interesse des Mandanten ist, ist das auch völlig in Ordnung. Es gab aber – das war früher stärker als heute sinnigerweise – Verteidiger, die die Akten rausgegeben haben, um selbst als Staranwalt oder anderes gefeiert zu werden, und dabei haben manche von denen das Interesse des Mandanten außer Acht gelassen. Das gibt es heute weniger.

Engels: Gerade im Fall Kachelmann wurde ja auch die Rolle der Gerichtsberichterstatter, also die der Journalisten, die Tag für Tag im Prozess sind, oder sich zumindest da schon vorab eine Meinung bilden, ja auch angezweifelt, ob bei einigen die Distanz und die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt wurde. Würden Sie das auch so sehen?

Leyendecker: Ja, das muss man so sehen. Es fehlt auch die Professionalität bei vielen. Die Gerichtsreportage ist ja so ein Schmuddelkind. Wenn Sie mal in die Breite schauen, einige Blätter leisten sich Gerichtsreporter, "Spiegel", "Süddeutsche", oder auch Sabine Rückert von der "Zeit" ist natürlich jemand, die sehr viel Ahnung hat. Aber der normale Gerichtsreporter macht das entweder selten, oder er ist im Beruf irgendwie außer Rand und Band, oder er ist Alkoholiker. Wenn Sie so Untersuchungen sich angucken, stellen Sie fest, man schickt entweder die ganz jungen hin, die ganz alten hin, die raus sind. Die Gerichtsreportage wird vernachlässigt. Wir haben eine sehr aufgeregte Gerichtsreportage von der ersten Stunde an gehabt. Wenn wir uns Alice Schwarzer ansehen, die für mich alles verloren hat, was man überhaupt, wenn sie journalistisches Renommee noch jemals hatte, die da agiert hat – die war ja nicht Berichterstatterin, sondern die hat sich selbst zum Mittelpunkt gemacht und sie hat eine These gehabt, an der hat sie immer festgehalten, die These nämlich, dass es eine Nebenklägerin gibt und dass die Nebenklägerin auch Opfer ist. Das mag ja auch so sein. Nur sie hat sich nicht, obwohl sie es anders behauptet, an die Grundsätze journalistischer Objektivität gehalten, sondern hat immer nur das eine, egal was passierte, hat sie immer nur den einen Film abgespielt. Es gibt auch andere, die haben das in die andere Richtung getan. Also was Sie am Anfang sagten, Vorverurteilung, Vorfreispruch, das alles hat es ohne Ende gegeben in diesem Verfahren. Nur das Interessante ist ja auch, dass mittlerweile Gerichtsreporter auch Talkshow-Bewohner geworden sind. Das heißt, dieselben Menschen, die dort das runterspulen, was sie immer runtergespult haben, treten dann in der Talkshow auf, um das dann auch noch mal zu machen. Also wir haben hier diesen Kreis auch noch mal erweitert. Der Gerichtssaal ist ja längst hinter uns gelassen worden, man ist überall in der Gesellschaft und schwätzt überall, und hier kann man auch noch mal begründet sehen, man schwätzt auch über Dinge, die man gar nicht kennt, weil ein Großteil des Verfahrens ist halt außerhalb der Öffentlichkeit, auch der Gerichtsöffentlichkeit gewesen. Von daher gibt es Rollenträger, die unerträglich waren.

Engels: Herr Leyendecker, Sie sagen, dass sich diese Entwicklung hin auch zu den Talkshows einfach noch einmal verstärkt hat. Was können, was sollten Medien und vielleicht auch Gerichte und Staatsanwaltschaften und Verteidiger aus diesem Fall Kachelmann für künftige Prominentenprozesse lernen?

Leyendecker: Ich weiß nicht, ob das Gericht was lernen kann. Für eine Staatsanwaltschaft ist das auch schwierig. Es ist für alle Beteiligten eigentlich schwierig. Man muss nur das Ende sehen, und das Ende ist: Es hat ein sehr langes Verfahren gegeben, es hat ein Verfahren gegeben, in dem der Norden einen Freispruch, der Süden die Verurteilung mehr oder weniger forderte, und mit vielen irrationalen Dingen. Das heißt, eigentlich müssen die Journalisten wieder dazu finden, dass sie sich selbst an die Hand nehmen, dies analysieren, fragen, was hat das alles noch mit dem Pressekodex zu tun, was da gewesen ist. Nur ich glaube, die Aufgeregtheit ist jetzt jedes Mal so groß, dass es vielleicht so einen Aufruf eines älteren Herrn geben kann, dem aber dann im Grunde auch wieder keiner folgt. Ich bin ziemlich hoffnungslos, was die Frage angeht, lernen wir eigentlich noch aus Sachverhalten.

Engels: Die Rolle der Medien im Fall Kachelmann, ein Beispiel für andere, möglicherweise auch ein Beispiel, wie es auch zukünftig geht. Wir fragten das Hans Leyendecker, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung. Vielen Dank für Ihre Zeit heute Morgen.

Kachelmanns Tag der Entscheidung - Urteilsverkündung im Vergewaltigungsprozess

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