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StartseiteInformationen am MorgenSchreiben als Drahtseilakt 19.02.2018

Journalisten in der TürkeiSchreiben als Drahtseilakt

Deniz Yücel ist frei, aber mehr als 100 türkische Journalisten sind immer noch im Gefängnis - darunter auch Mitarbeiter der türkischen Zeitung "Cumhuriyet". Ihre Kollegen im Istanbuler Verlagshaus arbeiten trotzdem weiter - unter enormem Druck und zuweilen auch mit Angst.

Von Karin Senz

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Vor dem Justizpalast in Istanbul hält eine Person einen Banner mit der Aufschrift #CumhuriyetSusmaz in die Luft   (AFP / Ozan Kose)
"Cumhuriyet wird sich nicht zum Schweigen bringen lassen" - Demonstration für Pressefreiheit und Journalisten der türkischen Oppositionszeitung "Cumhuriyet" vor dem Jusitzpalast in Istanbul (AFP / Ozan Kose)
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Vor dem Eingang des Verlagshauses der "Cumhuriyet" in Istanbul stehen große Absperrgitter "Polis" steht drauf. Drinnen Sicherheitsschleusen. In der Redaktion brütet Nazan Özcan grade über der Titelseite für den nächsten Tag.

"Das ist total schwer, denn unser Chefredakteur ist im Gefängnis. Wäre er da, würde ich ihn fragen: Geht das so, oder nicht? Aber jetzt kann ich mich nur noch an internationalen journalistischen Richtlinien orientieren."

Es ist eine Gratwanderung jeden Tag auf’s neue. Denn die "Cumhuriyet" ist eine der wenigen regierungskritischen Zeitungen in der Türkei, die noch übrig geblieben sind. Nazans Chefredakteur ist nicht der einzige Kollege, der im Gefängnis sitzt, gegen andere laufen Verfahren. Was, wenn auch sie verhaftet wird:

"Ich will mir diese Frage gar nicht stellen. Denn wenn ich mich das jeden Tag fragen würde, könnte ich meinen Job nicht machen. Und ich sag' mir immer, ich bin nicht so wichtig. Ich bin nur eine ganz normale Journalistin. Aber klar - das kann mir auch passieren."

Ständig von Inhaftierung bedroht

Im Gefängnis könnte die junge Redakteurin nicht mehr schreiben. Ihr Chef Aydin Engin war schon mehrmals im Gefängnis, insgesamt kommt der 77-Jährige auf gut sechseinhalb Jahre:

"Ich habe in meinem Beruf drei Miltärputsche erlebt. Jedes Mal nach dem Militärputsch war ich im Gefängnis. Nur wegen meiner journalistischen Arbeit. Deshalb ist die Schmerzgrenze hoch."

Er lehnt sich kurz zurück in seinen abgenutzten Sessel. Sein Schreibtisch steht in einer Ecke eines großen Sitzungsraums. Alles ist in die Jahre gekommen, für neue Möbel und hohe Gehälter ist kein Geld da, erzählt er. Neben einer Verhaftung droht auch immer, dass der Verlag geschlossen, beziehungsweise übernommen wird, erzählt Engin. Man habe schon versucht sie zu kaufen.

"Wir sind nicht verkäuflich, aber die Gefahr ist nicht vorbei. Erdogan oder die AKP-Regierung kann viele Mittel gegen uns einsetzen, zum Beispiel Zwangsverwalter. Wir haben aus Europa viel Solidarität bekommen, fast aus der ganzen Welt. Aber wenn wir so weitermachen, kann die Regierung versuchen, diese Zwangsverwalter formell durchzusetzen."

Nicht einfach und unglaublich anstrengend

Das macht ihm dann doch Sorgen. Was würde dann aus den vielen mutigen Journalisten in seiner Redaktion? Nur wenige haben gekündigt, weil sie den Druck nicht aushalten. Auch Nazan Özcan will durchhalten, sagt sie und sieht dabei sehr müde aus:

"Es ist einfach unglaublich anstrengend und bedrückend, aber im selben Moment fühlt es sich auch gut an. Denn Du machst was sehr Wichtiges. Und eines Tages werden junge Journalisten vielleicht sagen: Die bei 'Cumhuriyet' haben durchgehalten für unsere Rechte."

Am Tag nach Deniz Yücels Freilassung haben sie natürlich das Foto von ihm und seiner Frau vor dem Gefängnis auf die Titelseite genommen – aber auch die Fotos der drei türkischen Journalisten, die parallel zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden.

Es sind schizophrene Zeiten für Journalismus, sagt die "Cumhuriyet"-Redakteurin. Dabei wirkt sie klein und zerbrechlich an ihrem Schreibtisch.

Aydin Engin sitzt einen Stock drüber. Er schreibt an einer Kolumne über diesen Tag. "Jeder Tag ist wie gestern", ist der Titel. Gemeint sind die schizophrenen Zeiten. Wann die zu Ende sind?

"Ganz ehrlich, weiß ich nicht, aber wir wollen weitermachen für die Demokratie, für die Pressefreiheit, Meinungsfreiheit. Gewinnen wir? Weiß ich nicht! Verlieren wir? Weiß ich auch nicht! Als Journalisten bei "Cumhuriyet" leben wir das Tag für Tag."

Dabei ballt der 77-Jährige immer wieder die Faust, als wollte er unterstreichen: Er wird kämpfen, so lange er schreiben kann.

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