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Startseite@mediasres"Den Mut haben, sich zu wehren"01.05.2017

Journalisten und Tarifverhandlungen"Den Mut haben, sich zu wehren"

Tarifflucht, Tarifbruch, der Trend zum frei Beschäftigten: Der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke über den schwierigen Kampf der Gewerkschaften gegen sich verschlechternde Bedingungen im Medienbereich - und die Möglichkeiten des einzelnen Journalisten.

Frank Werneke im Gespräch mit Brigitte Baetz

Am 20.02.2014 demonstrierten Journalisten in Tübingen im Rahmen eines Warnstreiks. (picture alliance / dpa 7 Franziska Kraufmann)
Werneke: Tarif-Auseinandersetzungen sind ein "Kampf an ganz, ganz vielen Stellen". (picture alliance / dpa 7 Franziska Kraufmann)
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Brigitte Baetz: Gewerkschaften beklagen häufig, dass ihre Interessen und Sichtweisen in der öffentlichen Debatte viel zu selten berücksichtigt werden. Aber liegt das vielleicht auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Gewerkschaften? Der journalistische Zweig von Verdi beispielsweise nennt sich "DJU in Verdi", was nicht gerade für Klarheit spricht. Frank Werneke ist bei Verdi Leiter des Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie - und stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft. Ihn fragte ich, ob die komplizierte Verdi-Struktur Journalisten nicht eher abschreckt, beispielsweise bei der Anfrage von Interviewpartnern.

Frank Werneke: Nein, ich glaube schon, dass alle, die im Medienbereich tätig sind, wissen, dass Verdi die Gewerkschaft der Medienschaffenden ist. Und zwar aller Medienschaffenden. Und dass wir auch Journalistinnen und Journalisten organisieren. Und um die Interessen und die beruflichen Spezifika von Journalistinnen und Journalisten nochmal besonders abzubilden, haben wir halt die DJU als Teil von Verdi.

Baetz: Nun muss ich Ihnen die Entwicklung in den Medien nicht vortragen, die kennen Sie sehr gut: Outsourcing, Tarifflucht bei den Zeitungen, junge Mitarbeiter werden zu schlechteren Konditionen eingestellt als die älteren. Welche Handlungsoptionen haben Gewerkschaften im Bereich Medien heutzutage überhaupt noch?

Werneke: Naja, man muss da, glaube ich, ein bisschen unterscheiden zwischen den fest angestellten Kolleginnen und Kollegen und den freien Kolleginnen und Kollegen, die ja eine große Zahl von Journalistinnen und Journalisten ausmachen, die also freiberuflich tätig sind. Die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die fest angestellt in Redaktionen sind, nimmt leider immer weiter ab, die Redaktionen werden immer weiter ausgedünnt. Und, Sie haben es schon angesprochen: Es gibt eine ganz unselige Tendenz in fast allen Zeitungshäusern, zu versuchen, die Tarifverträge, soweit es irgendwie den Verlegern möglich ist, zurückzudrängen.

Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, besser bekannt als Verdi.  (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, besser bekannt als Verdi. (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)

Was können wir tun? Wir können uns dagegen wehren. Wir machen das auch mit Erfolg an der einen oder anderen Stelle. Aber es ist eine Auseinandersetzung - ein Kampf, kann man ruhig sagen - an ganz, ganz vielen Stellen. Das heißt, wir versuchen dort, wo Tarifflucht begangen wird in Redaktionen, Tarifverträge wieder herzustellen, auch, wenn nötig, mit Mitteln von Arbeitskämpfen. Das gelingt uns an der einen oder anderen Stelle. Aber es ist eine schwierige Auseinandersetzung.

"Alle müsse die Kraft entwickeln, Tarifverträge durchzusetzen"

Baetz: Wo ist Ihnen das denn gelungen?

Werneke: Ein Beispiel aus der vergangenen Zeit ist "Zeit Online", wo es uns gelungen ist, dort erstmals einen Tarifvertrag durchzusetzen.

Baetz: Früher waren es ja vor allem die Drucker - damit meine ich jetzt nicht die Geräte, sondern die Arbeiter in der Druckindustrie, die gestreikt haben und die Tarifkonflikte im Zeitungsgewerbe nach vorne getrieben haben. Wer übernimmt denn jetzt die Aufgaben?

Werneke: Es ist so, dass die Drucker immer noch streiken, wenn es um ihre Tarifauseinandersetzung geht, aber auch Journalistinnen und Journalisten sind und in der Lage, sich an Tarifbewegungen zu beteiligen. Alle Tarifabschlüsse der letzten Jahre sind bei Journalistinnen und Journalisten einhergegangen mit Streikauseinandersetzung. Und nur durch die Streikbewegung ist es uns dann gelungen, Tarifergebnisse, die einigermaßen akzeptabel gewesen sind, durchzusetzen und gekündigte Tarifverträge, insbesondere Manteltarifverträge - also da, wo es um Arbeitszeit und ähnliche Dinge gegangen ist - für Journalistinnen und Journalisten durch Verleger wiederherzustellen.

Heute, anders als in der Vergangenheit, ist es ja fast überwiegend so, dass es eine rechtliche Trennung gibt zwischen den Zeitungsverlagsredaktionen und den Zeitungsdruckereien. Von daher finden diese Tarifbewegungen in aller Regel nicht in einem zeitlichen Zusammenhang statt. Das war vor 15, 20 Jahren anders. Aber von daher ist es so, dass alle Beschäftigten im Zeitungsbereich die Kraft entwickeln müssen, um Tarifverträge durchzusetzen und Tarifverträge auch zu verbessern.

"Müssen Freie auch in den Streik treten?"

Baetz: Deren Position wird natürlich auch dadurch geschwächt, dass es immer mehr freie Mitarbeiter gibt, in Zeitungen und bei Rundfunkanstalten natürlich auch. Müssen sich Freie auch einmal daran gewöhnen, dass man in den Streik treten muss?

Werneke: Es ist uns gelungen - zugegebenermaßen nicht in der Breite, wie das vielleicht wünschenswert gewesen wäre, aber bei den Tarifbewegungen, ich bin da jetzt mal bei den Tageszeitungsverlagen - auch freie Kolleginnen und Kollegen zu beteiligen, auch an Streikauseinandersetzungen. Weil es ja so ist, dass auch für die Freien tarifvertragliche Regelungen gelten, die parallel oder im Kontext mit den tarifvertraglichen Regelungen mit den festangestellten Redakteurinnen und Redakteuren verhandelt werden. Es ist uns in den letzten beiden Tarifrunden auch gelungen, für die freien Kolleginnen und Kollegen Ergebnisse zu übertragen, so dass die Tarifbewegungen für die freien Kolleginnen und Kollegen eine absolute Bedeutung haben.

Im Rundfunk ist es so, dass die dort freien Beschäftigten eigentlich flächendeckend - in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten - Tarifverträge haben. Und es ist auch ein ganz wichtiges Handlungsfeld für uns, dass dort die Bedingungen - da geht es auch um Verwertungsrechte und ähnliche Dinge im Bereich des Rundfunks - verbessert werden für die freien Kolleginnen und Kollegen.

Baetz: Was tun sie aber denn, wenn die Tarifverträge beispielsweise nicht eingehalten?

Werneke: Wenn Tarifverträge nicht eingehalten werden, ist es notwendig, dass diejenigen, denen Tarifrechte vorenthalten werden, auch den Mut haben, sich zu wehren. Weil, wenn Tarifverträge gelten und sie nicht eingehalten werden, dann ist es das gute Recht von alle Beschäftigten, das gilt auch für Redakteurinnen und Redakteure, diese Tarifrechte einzuklagen. Und das unterstützen wir dann selbstverständlich mit unserem gewerkschaftlichen Rechtsschutz. Das machen wir für festangestellte Redakteurinnen und Redakteure genauso wie für freie Journalistinnen und Journalisten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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