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StartseiteCorso"Der Ort war ein Lebensvorbereiter"06.03.2017

Joy Denalanes neues Album "Gleisdreieck""Der Ort war ein Lebensvorbereiter"

Der U-Bahnhof "Gleisdreieck" in Berlin ist Schauplatz großer sozialer Unterschiede: Schicke Townhouses grenzen an düsteren Straßenstrich. Hier ist Sängerin Joy Denalane aufgewachsen. Im Corsogespräch erzählt sie, weshalb sie diesem Ort ihre neue Platte gewidmet hat und warum Zweifeln wichtig sein kann.

Joy Denalane im Gespräch mit Ulrich Biermann

Die Sängerin Joy Denalane vor einem bunten, modernen Gemälde. (Deutschlandradio/Kerstin Janse)
Joy Denalane im DLF-Funkhaus in Köln. (Deutschlandradio/Kerstin Janse)
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Joy Denalane Die Queen des deutschen Souls

Ulrich Biermann: "Alles leuchtet", die Singleversion aus Joy Denalanes neuem Album "Gleisdreieck". Für wen leuchtet alles, Joy Denalane?

Joy Denalane: Ich glaube, für jeden Menschen ist sozusagen die Vorstellung, dass er sich Inseln schafft, auf denen er ein Glück empfindet. Das sind sehr flüchtige Momente, wie man so lernt im Laufe des Lebens, aber ich denke, alle Menschen sind darauf erpicht, sich diese Inseln zu schaffen. Und das meine ich eigentlich mit "Alles leuchtet", es geht eigentlich gar nicht um die große Erleuchtung oder um Menschen, die privilegiert sind, bei denen es mehr leuchtet als bei anderen, sondern eigentlich um was ganz Allgemeines, ein Lebensgefühl, das man sich bauen muss, manchmal auch künstlich, um es zu ertragen.

Umzug ins Gleisdreieck war sozialer Aufstieg

Biermann: Willkommen zum "Corso"-Gespräch! Mit "Alles leuchtet", in dieser Singleversion endet das neue Album "Gleisdreieck" – Gleisdreieck, ein, wie das im Immobiliendeutsch so schön heißt, Projektentwicklungsgebiet. Als Sie dort lebten, Ende der 70er, in den 80ern, da war das eher Niemandsland, verlassene Freifläche zwischen den beiden Teilen Berlins, am Rande von Kreuzberg. Was war das für Sie?

Denalane: Also, für mich war es erst mal einfach mein Zuhause, mein neues Zuhause, muss ich sagen, denn ich bin mit meinen Eltern dorthin gezogen, da war ich sechs Jahre alt, und wir kamen aus der Kurfürstenstraße, das ist der U-Bahnhof eine Station weiter, viele Leute kennen es auch als Potsdamer Straße oder so. Da bin ich eigentlich die ersten sechs Jahre großgeworden, in einem Altbau mit Ofenheizung, ziemlich marodes Gebäude, viertes Stockwerk, ohne Fahrstuhl. Und wir sind dann umgezogen zum Gleisdreieck, in einen Neubau, der war gerade sechs Jahre alt, also nagelneu, Maisonettwohnung, Fahrstuhl, Zentralheizung, für mich war das wie ein Schloss und…

Biermann: Aufstieg.

Denalane: Ein Aufstieg, wirklich ein sozialer Aufstieg und selbst als Kind hatte ich das so empfunden, weil alles so schön und sauber und neu war. Und das war eine schöne Zeit dort, aber tatsächlich war es ein Ort, an dem nicht viel los war. Außer die paar Blocks, die ich gerade beschrieben habe, gab es da nicht viel außer viel freie Fläche und irgendwo der U-Bahnhof und hinter unserem Haus natürlich die Mauer.

"Es war ein Minimodell für ein pluralistisches Leben"

Biermann: Um im Bild des Gleisdreiecks zu bleiben, und das war Gleisdreieck ja auch: ein abgeschlossener Raum, aber auch gleichzeitig ein Freiraum, den man als Kind wunderbar durchstreifen, entdecken kann, in dem man erfinden kann, in dem man sich finden kann. Was ist davon geblieben?

Denalane: Ach, ich glaube, viel ist davon geblieben. Ich denke, der Ort war sicherlich auch ein Lebensvorbereiter. Also, man muss sich vorstellen, dass in diesem Block oder in dieser Umgebung, in der es nicht viel gab außer eben diese paar Hochhäuser, sehr viele Kinder gelebt haben. Und das war unser aller Glück, denn es waren Kinder aus unterschiedlichsten Elternhäusern mit unterschiedlichstem Background, also mit anderen Worten verschiedene Lebensbiografien, die da aufeinanderkamen. Und ja, man hat seinen Weg gefunden. Und es war ein kleiner Mikrokosmos, im Prinzip so etwas wie, ja, eigentlich ein Minimodell für so ein pluralistisches Leben, eine multiethnische Mikrogesellschaft würde ich es mal nennen.

Biermann: Klingt sehr positiv, es gibt auch diese Zeile in "Himmel berühren": "Jeder Tag wird mir neu zu Füßen gelegt." Da ist die Welt ja offen, da leuchtet wieder alles. "Jeden Tag neu verzeiht mir die Welt", da ist alles möglich. Und jetzt, danach auf dem Album wird es sehr traurig, wird es sehr einsam!

Denalane: Na ja, es ist halt sehr facettenreich und ich glaube. Also, dieses Album ist bestimmt ein Panorama, ja, von Gedanken und Momenten, die sich da verarbeiten. Aber ich glaube, dass diese, ja, sagen wir mal: Lebensmaximen, die mich schon immer antreiben, die man hört auf zum Beispiel einem Song wie "Himmel berühren" oder aber auch "Alles leuchtet", das ist etwas, das mich nie verlassen hat. Also, ich glaube auch irgendwo tatsächlich an diese Vorstellung von der Möglichkeit, also, dass ab morgen alles sozusagen auf null gestellt ist. Das ist alles noch rein und man hat die Chance, es auf jeden Fall besser zu machen. Und das genieße ich auch. Ich bin auch ein Morgenmensch, muss ich dazu auch sagen.

"Ich bin bestimmt eine Zweiflerin"

Biermann: Aber in den Songs höre ich das oft nicht. Es geht viel um Tasten, um Zweifeln, um Suchen, um Trennung, um die Frage, was ist aus dem geworden, wo ich herkomme, was ist aus den Menschen geworden, mit denen ich Umgang hatte, was ist aus Liebe geworden. Zweifeln Sie viel?

Denalane: Ich bin bestimmt eine Zweiflerin, ja. Aber ich glaube, ich bin. Ja, sagen wir mal, ich denke, nichts ist selbstverständlich. Und das ist vielleicht auch eine Erkenntnis, die mit dem Alter kommt oder mit den Lebenserfahrungen. Ich habe den Eindruck, je mehr ich sehe oder gesehen habe, desto weniger habe ich das Gefühl gehabt, Dinge verstanden zu haben, weil es so viele Perspektiven gibt, es ist so facettenreich, die Welt. Und Gesellschaften sind so komplex, der Mensch allein, der einzelne Mensch ist so komplex, dass ich eigentlich mehr und mehr zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ich weniger weiß, als ich immer dachte.

Biermann: Für mich hat sich die Frage gestellt: Geht es nicht vielleicht auf diesem Album ums Erwachsenwerden? Was heißt erwachsen werden?

Denalane: Das ist jetzt eine Frage an mich?

Biermann: Nein, es ist eine Frage, die ich an das Album hatte.

Denalane: Ja, was heißt erwachsen werden, keine Ahnung. Also, ich glaube, erwachsen werden heißt vielleicht auch ein Stück weit, wie kann ich das beschreiben. Also, sich selbst, also die Kontrolle. Der Kontrollverlust, das habe ich irgendwann mal glaube ich gesagt, Kontrollverlust zu akzeptieren. Zu begreifen, dass man ein Teil von allem ist, dass man einen bestimmten Teil bestimmen kann und andere Dinge nicht bestimmbar sind. Und das ist vielleicht etwas, was mit dem Erwachsenwerden einhergeht. Weil man natürlich als junger, unverwundbarer Mensch sich damit nicht auseinandersetzen muss.

Biermann: Das heißt dann auch, den Zweifel akzeptieren?

Denalane: Ja.

"Ich habe eigenlicht ein anderes Album aufgenommen"

Biermann: Wenn ich das musikalisch sehe, das Album: sehr gelungen, nicht aufdringlich, sehr zurückgenommen, das schmiegt sich, das fließt, das groovt. Wie funktioniert das mit einem Team von insgesamt sechs Produzenten?

Denalane: Super! Ich muss sagen, das war für mich auch wirklich wegweisend eigentlich, diese Entscheidung zu treffen, mein Team zu erweitern. Weil, ich habe vor "Gleisdreieck", dem Album, das jetzt draußen ist, eigentlich ein ganzes anderes Studioalbum aufgenommen. Und die Idee war eigentlich. Ich hatte eine Idee für mich formuliert, der ich nachgegangen bin, und da ging es um Sound, einen bestimmten Sound zu kreieren. Und das ist eigentlich auch ganz gut geworden, fand ich, und ich habe dann die Gewerke an den Tisch gerufen, habe gesagt, hier, Leute, das ist mein neues Album, wir können jetzt eigentlich anfangen mal, uns was zu überlegen, wann es rauskommt. Und in einem stillen Moment habe ich es mir doch noch mal angehört und auf einmal ganz große Zweifel an mir selbst gehabt, weil ich dachte: Also, was ist denn das jetzt eigentlich? Bin ich einer Idee nachgegangen?

Biermann: Aber was war es denn?

Denalane: Es war, ich würde sagen, ein sehr dynamisch produziertes Ike-und-Tina-Turner-retroeskes Soulalbum. Und es hat auch total Spaß gemacht, also, es war eine gute Zeit da im Studio, ich war in New York hauptsächlich, um das aufzunehmen und auch zu schreiben, aber irgendwie habe ich so den Eindruck gehabt, das ist jetzt hier gerade so eine Wiederholung von etwas, was ich schon mal irgendwie gemacht habe. Und das war für mich dann so alarmierend, die Erkenntnis darüber, dass ich es über Bord geworfen habe. Und das war auch eine schwere Entscheidung, denn ich habe natürlich viel Zeit investiert, ich habe mit Menschen gearbeitet, mit denen ich zusammen diesen Traum formuliert habe, ein Album zu produzieren, und ich habe Geld ausgegeben.

Biermann: Das heißt aber: Wieder Zweifel, und zwar zulassen und sagen, nein, das ist es nicht.

Denalane: Ja.

"Es ist etwas zurückgenommener"

Biermann: Aber wie lang brauchte es dann, um zu dem zu kommen, was jetzt "Gleisdreieck" ist?

Denalane: Ich glaube, das waren dann noch mal zwei Jahre und. Ja, zweieinhalb Jahre oder so. Und da bin ich eben auch rausgegangen, aus meiner Comfort Zone, sage ich jetzt mal, und habe mich zusammengetan mit Leuten, die ich entweder gar nicht kannte oder aus der Ferne nur kannte, deren Arbeit ich vielleicht mal irgendwo mitbekommen hatte. Und das war total wichtig und gut. Das war für mich echt der richtige Move, wie man so schön sagt.

Biermann: Dieses - ich habe das "zurückgenommen" genannt. Würden Sie dem zustimmen, dass es musikalisch sehr viel zurückgenommener ist? Da ist nichts musikalisch vorne, Sie sind auch nicht vorne und sagen, hallo, das ist das und dies ist das, sondern es gibt viel mehr Suchen, Fragen…

Denalane: Es ist vielleicht nicht so hymnisch aufgebaut musikalisch, das kann man vielleicht sagen, obwohl eben, so eine Nummer wie "Alles leuchtet" hat dann vielleicht auch schon einen hymnischen Anstrich, sage ich mal. Aber es ist etwas zurückgenommener. Und ich glaube, das liegt weniger jetzt vielleicht an der Produktion an sich, sondern mehr an der Art des Gesangs. Und das war eine Entscheidung, die ich getroffen hatte, bevor ich ins Studio gegangen bin. Ich komme, man muss sich noch mal zurückerinnern, von diesem Ike-und-Tina-Turner-, extrem dynamisch-extrovertierten Gesang, und habe dann gesagt, okay, alles auf null. Und habe mich gefragt: Was kann ich eigentlich machen, um mich nicht selbst zu wiederholen? Und ich bin eine sehr ambitionierte, technisch versierte Sängerin immer gewesen und habe versucht, mich da zu verbessern, und habe dann entschieden, das alles wegzulassen. Also, diesen ganzen Stuck mal beiseitezunehmen und zu überprüfen, ob dieses Gebäude dann eigentlich immer noch steht, wenn man das alles weglässt und nur die Melodie da ist. Und ich glaube, das ist vielleicht dieses etwas Zurückgenommenere.

Biermann: "Gleisdreieck" von Joy Denalane, letzte Woche erschienen, ab 20. April dann auf Tour, los geht’s in Gera, elf Termine quer durch die Republik und einen Termin in Zürich, und dann gibt es im Sommer natürlich die Festivals. Danke für den Besuch bei "Corso"!

Denalane: Danke für die Einladung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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