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StartseiteTag für TagJudenfeindliche Töne28.03.2013

Judenfeindliche Töne

Die problematische Theologie der Johannespassion von Johann Sebastian Bach

Ausgerechnet die Leidensgeschichte Jesu aus jenen beiden Evangelien mit den schärfsten Aussagen gegen die Juden, dem Matthäus- und dem Johannesevangelium, wurde von Johann Sebastian Bach zu seinen brillanten Passionsmusiken verarbeitet.

Von Monika Konigorski

Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)
Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)

Am Karfreitag, dem 7. April 1724, wird die Johannespassion von Johann Sebastian Bach in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt. Passionsvertonungen in dieser Zeit verbinden die Evangelienberichte über das Leiden und Sterben Jesu mit Chorälen und frei ergänzten Stücken. Sie sollen Zuhörerenden und Aufführenden die Heilsbedeutung der Geschehnisse nahe bringen. Die Johannespassion ist die erste Passion, die Johann Sebastian Bach schreibt.

"Es geht um das zentrale Ereignis im Leben und Wirken Jesu, das von Anfang an das Verhältnis der Kirche, der Nachfolger Jesu, der Juden belastet hat. Und zwar angesichts der Frage: Wer ist verantwortlich für diesen Mord, für diese widerrechtliche Hinrichtung?"

Der emeritierte Kölner Bibelwissenschaftler Johann Michael Schmidt hat sich ausführlich mit dem religiös begründeten Antijudaismus in der christlichen Tradition beschäftigt. Auch die Passionen von Johann Sebastian Bach hat er erforscht.

"Die Johannespassion ist von Anfang an im Schatten der größeren Matthäuspassion gehört worden. Im Schatten auch insofern, als die judenfeindlichen Töne der Matthäuspassion eben auch in der Johannespassion zum Klingen kommen. Diese beiden Darstellungen haben die schärfsten judenfeindlichen Spitzen."

Wie die neutestamentlichen Texte über die Juden zu verstehen sind, ist in der Forschung umstritten: Handelt es sich um antijudaistische Verwerfungen? Oder spiegeln die Texte innerjüdische Auseinandersetzungen zwischen den Jesusanhängern und der jüdischen Mehrheitsgesellschaft wider?

Die Wirkungsgeschichte der Texte war teils verheerend. Kirchen wie weltliche Regierungen beriefen sich immer wieder auf die Aussagen des Neuen Testaments, um Diskriminierung und Verfolgung von Juden zu rechtfertigen.

Johann Sebastian Bach steht mit seiner Vertonung in dieser judenfeindlichen Rezeptionstradition. Bibelwissenschaftler Johann Michael Schmidt zitiert eine der letzten Bach-Biografien von Martin Geck, wenn er sagt:

"So krass und so brutal sind diese Judenchöre nie in Musik gesetzt worden wie in der Johannespassion von Bach."

Ein Beispiel: Die Juden rufen dem – wie es im Text heißt – zögernden Pilatus entgegen: "Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet."

"Es gibt etwas, das charakteristisch ist für die Johannespassion, dass nämlich vergleichbare Texte durch gleiche Tonsätze, gleiche Musik einander zugeordnet werden. Diese Verwendung gleicher Tonsätze für verschiedene Texte war zur Zeit Bachs bekannt als eine musikalische Figur. Und die Bezeichnung dieser besonderen musikalischen Figur heißt 'perfidia' – also Untreue, Perfidie, wir kennen das als Fremdwort. Und nun hat in den Neunzigerjahren eine Musikwissenschaftlerin gesagt: Das kann doch nur auch inhaltlich gemeint sein, dass nämlich dem Christenglauben, der fides Christiana, die perfidia judaeorum entgegengestellt worden ist."

Die Musikwissenschaftlerin Dagmar Hoffmann-Axthelm bezeichnete Bach als lutherischen Prediger, der die Judenfeindschaft seines Lehrmeisters in Töne umsetzte. Auch wenn ihre Deutung umstritten ist – die perfidia judaeorum greift ein bekanntes Muster der Polemik gegen die Juden auf: Sie hätten sich durch ihren Unglauben und ihre Untreue selbst aus der Erwählungsgeschichte hinausgestoßen.

Die Theologie Luthers hat Bach massiv beeinflusst. Daneben, so Johann Michael Schmid, das nähere Umfeld Bachs selbst:

"Leipzig war Handelsstadt, war offen, es hat auch zur Zeit Bachs wieder ansässige Juden in Leipzig gegeben. Aber in Leipzig sind auch große antisemitische, wie man vielleicht heute schon sagen könnte, judenfeindliche Werke erschienen, zur gleichen Zeit, die Bach wahrscheinlich nicht unbekannt geblieben sind, die vor allem aber seine Hörer und die Aufführenden bestimmt haben dürften."

Erdmann Neumeister beispielsweise, bekannter Poet und Theologe, ein Librettist Bachs. Neumeister verfasste auch Lexikonartikel, die im Blick auf das christlich-jüdische Verhältnis richtungsweisend waren – in negativem Sinne:

"Da würde man sagen, die sind 200 Jahre später, also in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts geschrieben. Da klingen nämlich auch schon fast antisemitisch, also das Wesen der Juden und ihre Wesensart diffamierende Äußerungen an."

Die Bach-Renaissance in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führt auch zu einer Renaissance der Bachschen Passionen. Ausgerechnet der jüdische Komponist Felix Mendelsohn Bartholdy führt nach langer Zeit erstmals wieder Bachs Matthäuspassion auf. Auch die Johannespassion erklingt wieder. Sie sorgt für Aufmerksamkeit. In der Zeit der Reichsgründung stehen gerade die gebildeten Schichten judenfeindlichen Gedanken offen gegenüber. Bibelwissenschaftler Johann Michael Schmidt:

"Das ist dann über den Ersten Weltkrieg und die Zwanzigerjahre hineingeflossen in die Zeit des Dritten Reiches, und hier war der Antisemitismus Staatsräson geworden, und von gleichgeschalteten Musikwissenschaftlern, leider auch Kirchenleuten, wurde auch Bach mitinstrumentalisiert, wenn es darum ging, das Deutsche und den Deutschen an Bach herauszustreichen. Bis hin in Anfang des Krieges, da gibt’s einzelne Zeugnisse, die die Aufführung gerade der Johannespassion dafür rühmen, dass sie die Wehrkraft und den Widerstand gegen die übermächtigen Feinde unterstützten und stärkten."

Im vergangenen Jahr wurde im Berliner Dom eine überarbeitete Fassung der "Johannespassion" aufgeführt. Drei jüdische Autoren hatten einzelne Worte ausgetauscht, die Arientexte ersetzt durch Bearbeitungen von jüdischen Gebeten und Versen von Paul Celan, Else Lasker-Schüler und Friedrich Nietzsche.

Johann Michael Schmidt hält es für überzeugender, Bachs Werk nicht zu verändern, wohl aber über Genese und Hintergrund aufzuklären:

"Das muss den Menschen klar gemacht werden, wie diese Texte zu verstehen seien. Man kann natürlich literarische Texte noch hinzufügen, um darauf aufmerksam zu machen, dass dieser Jesus nicht nur als Individuum gelitten hat, sondern dass er ja ganz bewusst als König der Juden gekreuzigt worden ist. Ein König repräsentiert sein Volk. Und so ist eine mögliche Interpretation von Jesus am Volk auch das Kreuz des jüdischen Volkes, das ja unvergleichlich mit sechs Millionen im letzten Jahrhundert danebensteht. Ein Bogen kann geschlagen werden, im Sinne der Trauer, und nicht nur Trauer über den Einzelnen, sondern über sein Volk."

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