• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 13:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHolocaust-Überlebende als Unterhaltungsstars09.03.2017

Jüdische Medienmacher im NachkriegsdeutschlandHolocaust-Überlebende als Unterhaltungsstars

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland zerstört, demoralisiert und von Alt-Nazis durchsetzt. Die Menschen hungerten nach Brot ebenso wie nach Unterhaltung. Entertainer der ersten Stunde waren viele ehemals Verfolgte des Nazi-Regimes: So etwa Quizmaster und Showgrößen wie Fritz Benscher und Hans Rosenthal, die beide Juden waren.

Von Ursula Storost

Der beliebte Quizmaster während einer "Dalli-Dalli"-Sendung im Juni 1978. Hans Rosenthal moderierte mehrere Quizsendungen im Hörfunk sowie im Fernsehen, bis ihm im Mai 1971 mit "Dalli-Dalli" der große Durchbruch gelang. Bis zum September 1986 moderierte er die ZDF-Quizsendung 153 mal. In seiner 1980 erschienenen Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" schildert er u.a. seine Leidenszeit als Jude im Dritten Reich. Hans Rosenthal wurde am 2. April 1925 in Berlin geboren und starb am 10. Februar 1987 ebenda an Krebs. (dpa/ picture-alliance/  Istvan Bajzat)
Hans Rosenthal moderierte mehrere Quizsendungen im Hörfunk sowie im Fernsehen. 1971 gelang ihm mit "Dalli-Dalli" der große Durchbruch. In seiner 1980 erschienenen Autobiografie schilderte er u.a. seine Leidenszeit als Jude im Dritten Reich. (dpa/ picture-alliance/ Istvan Bajzat)

Ab 1945 trafen sie auf ein Publikum, das sie bewunderte – und noch wenige Jahre vorher an die Nazis ausgeliefert hätte. Sie waren Spaßmacher und verkörperten gleichzeitig das schlechte Gewissen der Nation.


Benscher:  "Das ist eigentlich ein Übergangsmantel und meine Frau sagt, es ist kalt."

Es war im Jahr 1949 als Fritz Benscher sein Kabarettstück "der Übergangsmantel" kreierte. Es erzählt davon, wie eine Ehefrau nach dem Krieg die Hakenkreuzfahne weiterverwertet: als wärmendes Innenfutter für einen Mantel.

"Meine Frau ist nachdenklich, hat sie mir gesagt, wenn ich ihn es jetzt mal so auszieh’ bei fremden Leuten, dann könnt ich Schwierigkeiten bekommen. Und deshalb hat sie rausgeschnitten, das Zeichen, das Hak …. Und jetzt krieg ich immer so ne frische Luft da auf dem Rücken."

"Er war eben kein Mainstream auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war er aber so ein gewiefter Medienmann, er brachte auch immer wieder Neuerungen rein, " sagt Dr. Beate Meyer. Die Historikerin am Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden hat das Leben des Rundfunk- und Fernsehstars Fritz Benscher erforscht.

"Er hat zum Beispiel die erste Autofahrersendung der Bundesrepublik konzipierte, die großen Erfolg hatte. Und damit stimmten sowohl seine Einschaltquoten beim Radio wie auch nachher beim Fernsehen."

Ab 1955 lief die Autofahrer Sendung "Nimm’s Gas weg" erfolgreich beim Bayerischen Rundfunk. Ab 1958 war Benscher dann auch im Fernsehen tätig. Mit seinem Tick Tack Quiz. Immer lustig, immer provokativ, immer anders als der Mainstream.

Kabarettistin Claire Waldoff und Schauspieler und Moderator Fritz Benscher (A0009_dpa)TV-Moderator Fritz Benscher im Jahr 1950, hier mit der Kabarettistin Claire Waldoff (A0009_dpa)

Geboren wurde Fritz Benscher 1904 als. Sohn eines Hamburger Kaufmanns, der ebenso deutsch national wie jüdisch orthodox dachte. Seit Ende der 1920er-Jahre arbeite Benscher am Theater und beim Rundfunk. 1933 erhielt er Auftrittsverbot. Er schulte zum Sargtischler um, arbeitete für die jüdische Gemeinde. Ab 1943 folgten Konzentrationslager: Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Nach der Befreiung meldete er sich sofort beim Bayerischen Rundfunk, der jetzt in amerikanischer Hand war, erzählt Beate Meyer.

"Er wollte Reeducation machen. Das wollten auch die amerikanischen Besatzungssoldaten, die ihn eingestellt haben für’n bayerischen Rundfunk. Und er wollte das militaristische und das nazistische Denken aus den Köpfen der Deutschen vertreiben."

Hakenkreuz-Kissen als Bewerbertest

Beim Bayerischen Rundfunk avancierte der unbelastete Benscher schnell zum Oberspielleiter. Er stellte die Sprecher ein - oder lehnte sie ab. Und, so Beate Meyer, er setzte alles daran, den neuen Rundfunk vom braunen Gedankengut freizuhalten.

"Er hatte also ein Sitzkissen mit einem eingestickten Hakenkreuz, extra dafür angefertigt. Dann hat er also den Bewerbern einen Platz angeboten und hat dann aus ihrer Reaktion auf dieses Kissen geschlossen, ob sie schlagfertig sind, ob sie für den Funk geeignet sind. Aber auch auf ihre politische Haltung geschlossen."

Auch manchen ehemaligen UFA Stars, die mit den Nazis geschmust hatten, versuchte er Hindernisse in den Weg zu legen.

"Er hat es geschafft, dass Victor de Kowa und Willy Birgel ein knappes Jahr lang nicht spielen durften in München, weil sie eben belastet waren. Aber dann waren die wieder in den Studios und haben gute Gagen kassiert."

Stars blieben Stars. Trotz brauner Vergangenheit. Weil das Publikum sie wollte. Die Verfolgten, die das Nazi Regime überlebt hatten, wurden bei ihrer Rückkehr nach Deutschland weniger gewollt. Das hatte Fritz Benscher erfahren. 1948 schilderte er es so.

"Unsere französischen Kameraden berichteten uns von ihrem Empfang in Paris, unsere belgischen Kameraden berichteten von der Begrüßungsfeier in Brüssel. Wir wurden in unserem Heimatland wie Fremde aufgenommen – aber nicht wie willkommene Fremde."

Die Deutschen wünschten sich Normalität

Die deutsche Nachkriegsgesellschaft war nicht nur geprägt von Hunger, Armut und Zukunftsangst. Es gab genauso Missgunst und Ressentiments gegenüber denen, die Opfer der Nationalsozialisten waren. Die wurden von den Befreiern bevorzugt, bekamen Wohnungen und Arbeit, kommentiert Dr. Miriam Rürup. Die Historikerin ist Leiterin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.

"Vor allen Dingen die Remigranten hatten damit zu kämpfen, dass es dann vor allem in den 50er Jahren mit der Vorstellung, ihr wart in Sicherheit während wir hier vor Ort waren. Ihr kehrt jetzt zurück, um euch zu rächen, um uns Schuldgefühle zu bringen. Das war das, was denen entgegengehalten wurde, die aus dem Exil zurückgekommen sind. Egal ob es Juden oder nicht Juden waren. Das war so eine gewisse Grundhaltung."

In dieser Atmosphäre, so Miriam Rürup, trafen Radio- und Fernsehmoderatoren wie Benscher auf ein Publikum, das sie vorher verfolgt hatte.

"Oder die der Verfolgung zugesehen hat, ohne etwas zu unternehmen. Oder einfach profitiert hat von der Verfolgung, ohne aktiv zu verfolgen."

Normalität. Das wünschten sich die meisten Deutschen. Die Vergangenheit hinter sich lassen. Unterhaltung, so Miriam Rürup, war ein Mittel für diese Menschen.

"Die möglicherweise auch sehr aktiv versucht haben zu verdrängen, was im Nationalsozialismus geschehen ist. Vor allem aber sind die 50er und auch die 60er Jahre die Zeit in der die Unterhaltungsindustrie enorm geboomt hat."

Rosenthal überlebte die Nazi-Zeit versteckt in einer Laubenkolonie

Vom Unterhaltungsboom der Nachkriegsjahre profitierte auch der Quizmaster Hans Rosenthal, sagt die Historikerin Anne Giebel. Rosenthal hatte im Holocaust seinen Bruder und andere Angehörige verloren.

"In den 50er-Jahren hat Hans Rosenthal ja in einer Gesellschaft gelebt, die sich damit arrangiert hatte, da nicht mehr drüber zu reden. Die die Entnazifizierungsopfer, wie es damals hieß, rehabilitiert und reintegriert hat, die im öffentlichen Gedenken sich vor allem um die Kriegsopfer gekümmert hat."

Anne Giebel arbeitet an der Universität Jena an einer Dissertation über das Leben Hans Rosenthals. Der spätere Radio- und Fernsehunterhalter hatte die Nazizeit versteckt in einer Berliner Laubenkolonie überlebt.

"Er sagt im Nachhinein, dass er in der Laubenkolonie, eines der wenigen Medien, die ihn mit der Außenwelt verbunden haben, während er sich ja auf ganz engem Raum über zwei Jahre in so einer Art Hühnerstall hat verstecken müssen, war so ein kleines Rundfunkgerät über das er Nachrichten und Meldungen aus der Außenwelt empfangen hat."

Das führte ihn im April 1945 direkt zum Berliner Rundfunk, den die Sowjets übernommen hatten.

"Also hier ging ganz viel los, was die neue Zeit betraf, was den Bruch mit dem NS betraf. Und ich denk, das war einer der Orte, die ein natürlicher Anlaufpunkt für jemanden wie Hans Rosenthal war."

Rosenthal wurde Unterhaltungschef des Rias

Drei Jahre später wechselte Rosenthal zum  Rias nach Westberlin. Eine Rundfunkanstalt, die von Amerikanern auch mit Hilfe vieler Migranten aufgebaut wurde. Und die für Demokratisierung arbeitete.

"In seinem Umfeld gab es beileibe nicht nur Überlebende wie Gerhard Löwenthal und Kurt Flatow sondern auch Figuren, die im 3. Reich mitgemacht hatten. Und in diesem Klima hat er sich aber ganz gut eingefädelt und hat er sich nach vorne gearbeitet Stück für Stück."

Hans Rosenthal machte Karriere, wurde Unterhaltungschef des Rias.

Rosenthal: "Das war Spitze"

Im Gegensatz zu Fritz Benscher war Rosenthal nicht angriffslustig, verwies die Deutschen nicht auf ihre braune Vergangenheit. Und, so Anne Giebel, er redete lange nicht öffentlich über seine jüdische Verfolgungsgeschichte.

"Also das wurde nicht zur Sprache gebracht weil das zu viele kritische Fragen aufgeworfen hätte im Sinne von, wie haben sich denn die anderen verhalten gegenüber Juden, die von der Deportation bedroht waren. Insofern war das ne zu große Belastung für eine Gesellschaft, die sich über das Schweigen stabilisiert hat."

Rosenthal engagierte sich in der jüdischen Gemeinde

Erst nachdem Hans Rosenthal in den 70er-Jahren ein erfolgreicher Fernsehunterhalter geworden war, interessierte sich die Medienöffentlichkeit für seine Vergangenheit.

"Und da merkt man, wie aus dem Schweigen heraus für Rosenthal die Phase beginnt, wo seine Geschichte erzählbar wird. Auf der Grundlage seines Ruhmes als Integrationsfigur, als Quizmaster. Er hat was Schlimmes erlebt, aber danach ging es mit seinem Leben wirklich bergauf und jetzt ist er quasi eine Berühmter."

Hans Rosenthal war einer der berühmten Deutschen, die sich nach 1945 in der jüdischen Gemeinde engagiert haben. Fritz Benscher hat das nicht getan, sagt Beate Meyer. 

"Er selber begründete das immer damit, dass Gott einen so viel besseren als ihn, nämlich den Oberrabbiner Josef Carlebach, mit dem Benscher befreundet war, im Holocaust hätte lassen und Benscher hätte er überleben lassen. Und das hätte ihm seinen Glauben an Gott genommen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk