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StartseiteBüchermarkt"Der Mann, der Balzacs Romane schrieb"03.09.2014

Jürg Beeler"Der Mann, der Balzacs Romane schrieb"

Der 1957 in Zürich geborene Literaturwissenschaftler und Autor Jürg Beeler erzählt in seinem neuen Buch "Der Mann, der Balzacs Romane schrieb" von der Rivalität eines rauchenden Bibliothekars zu seinem verstorbenen Zwilling.

Von Bettina Hesse

"Beginnen wir mit der Tragödie. Beginnen wir mit dem Tag, an dem Millionen von Aschenbechern arbeitslos wurden." Der Satz zeichnet die Grundstimmung: Der Held, Jan Panowski, ist nicht nur passionierter Raucher, er verbindet mit dem Rauchverbot im "Schwarzen Engel" eine schicksalhafte Wendung zum Schlechteren. Fortan rechnet er nur noch in unschöner Zeitrechnung: Jeder Tag ist Tag X nach dem nationalen Rauchedikt. Die Geschichte beginnt mit dem Abstieg. Schon den Großvater, ein Wunder von einem Mann, sah man nie ohne Zigarette, und so avancierte er zum Vorbild. Von Anfang an blitzt durch das Erzählte um den spröden Helden der hintergründige Humor des Autors.

Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Jürg Beeler: "Man kann ihn ja nicht produzieren, aber es ist das, was meiner Sprache eigen ist und was geschieht, wenn ich schreibe, und worüber ich auch gar nicht reflektiere, weil es meine Art des Erzählens ist."

Der rauchende Icherzähler arbeitet sich aber an einem ganz anderen Familienmitglied ab: Jan Panowski hat einen Zwillingsbruder, David Panowski, der in Paris lebt und kluge Bücher schreibt. Den Kontakt zu ihm hat er abgebrochen. Bald nach dem Rauchverbot erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Bruders - nicht, dass ihn das sonderlich betrübt - doch die Frauenstimme am Telefon könnte Raymonde aus Paris gewesen sein, seine frühere Geliebte und jetzige Frau des Bruders. Eigentlich fühlt er sich erleichtert, aber die häufigen Verwechselungen, früher mit dem bekannten Autor, nun mit dem Verstorbene lassen ihm keine Ruhe: er fühlt sich in seinem zurückgezogenen Dasein als ehemaliger Bibliothekar gestört. Nur einmal, als er den Mut zusammennimmt und eine Frau im Café kritisch auf ein Machwerk des Bruders anspricht, um ihr diese "Idolatrie zu versalzen", stellt sich heraus: sie liest gar nicht Panowski, sie liest "Anna Karenina" - und mit ihr bleibt er immerhin einige Jahre zusammen.

Als Bibliothekar ist Jan Panowski arbeitslos, weil die Stadtbibliothek bis fast auf die Grundmauern niederbrannte. Und ausgerechnet er saß nachts allein in der riesigen Bibliothek, im Saal für Alte Drucke und Rara, als das Feuer ausbrach. Keinem konnte er später erklären, warum er sich zu diesem Zeitpunkt an seinem Arbeitsplatz befand.

Seitdem recherchiert er Bibliotheksbrände, unternimmt schwarze Reisen, nach Löwen und zu anderen Brandorten, um über das Thema zu arbeiten.

Schließlich macht er eine Therapie, doch sie hilft ihm nicht.

So zieht Jan Panowski den leibhaftigen Menschen große Dichter vor, allem voran Monsieur Balzac! Er ist der einzig geduldige Zuhörer, wie die anderen Größen der Weltliteratur auch.

Aus einem Impuls heraus fährt Panowski doch zur Beerdigung des Bruders nach Paris und sieht sich mit den Erinnerungen an seine eigene, intensive Zeit dort konfrontiert: Die Liebe zur Tänzerin Raymonde, die solange hielt, bis plötzlich der Zwillingsbruder auftauchte. Wird sie zur Beerdigung kommen? Seine Gedanken schweifen auch zur intellektuellen Freundin von damals, Adrienne, er sucht sie sogar auf. Je mehr er in die Vergangenheit eintaucht, umso mehr Fragen und Zweifel erscheinen und verleiden ihm die geliebte Stadt. Sein Leben scheint die stille, zuweilen obsessive Ordnung zu verlieren. Zugleich nimmt die Geschichte deutlich Fahrt auf.

Wieso dauert das, dramaturgisch gesehen, so lange?

Jürg Beeler: "Ja, vielleicht hat es auch lange gedauert, bis ich selber in Fahrt gekommen bin. Ich hatte die Figur sehr rasch, diesen Jan Panowski sehr bildhaft vor mir, und nach zwei Jahren erst, als ich auf die Idee kann, diesen Zwillingsbruder einzuführen, diesen Doppelgänger, war mir die Handlung auch klar."

Zahlreich und auch dunkel sind die Geschichten von Schuld und Verdrängung, die Jan Panowski nun Monsieur Balzac erzählt. Der schillernde Charakter der französischen Literatur, der über Victor Hugo sagt, er leide an chronischer Seelendürre, wird ihm mehr und mehr zum Gegenüber, eine Gegenfigur, die keinen Schaden anrichten kann, wie der leibhaftige Zwillingsbruder. Was zunächst die Stimmen "von Autoren aller Herrenländer" waren, setzt sich mit Balzac als Dauergesprächspartner durch und entwickelt sich zum amüsanten Vexierspiel zwischen Erinnerung und Fantasie. Der gewitzte Bonvivant taucht jedoch erst auf, wenn Panowski den Wein öffnet, um über die Qualität eben dieses Weines, den Nationalcharakter der Deutschen/Schweizer oder Literatur zu schwadronieren.

"Ich muss ihm dankbar sein, auch wenn ich ihn oft verfluche. Manchmal lesen wir uns gegenseitig vor. Hören Sie sich diese Sätzchen wieder an, fehlt da nicht die Wut, der Furor, der die Worte vor sich herjagt!

Sie reden immer von der Wut. Nicht der Zorn fehlt diesen Sätzen, sondern die Liebe, die sie öffnet und aus der Wüste eine Stadt macht."

Immer wieder erzählt der Text voller Volten auch Kulturwissen und von der Melancholie um entschwundene Errungenschaften und Zeiten, in denen es mehr Muße und Genuss gab. Doch häufig stellt sich der fantasiebegabte Raucher als unzuverlässiger Erzähler heraus, dessen Leben nicht immer so schwarz war wie die Wände im "Schwarzen Engel". Liefert Panowski also heimlich ein Schelmenstück? In Paris steht er zwischen zwei Frauen, ein Motiv, das in Ihren letzten Romanen immer wieder auftaucht. Was bedeutet dieses wiederkehrende Schema?

Jürg Beeler: "Ja, man kommt ja wahrscheinlich sich selber irgendwann auf die Spur, gerade indem man merkt, dass sich Sachen wiederholen. Ich habe mir tatsächlich überlegt, die letzten vier Romane gehören zusammen, soll ich das als Tetralogie bezeichnen oder nicht. Dann bin ich aber doch wieder davon abgekommen, weil diese vier Romane ja eigentlich auch unabhängig voneinander sind. Aber sie gehören zu einem Universum. Sicher ist, dass meine Protagonisten oft renitent sind und sich reiben, das ist vielleicht das Wichtige."

Während Jan Panowski vor seinen Erinnerungen in Paris die Flucht ergreift, beginnt der Autor das große Unbenennbare in Sprache sichtbar zu machen und die philosophische Unterströmung tritt deutlicher zutage: die Stille beim Zusammenbruch der Welt ist zu hören:

"Nun ist er tot, nun hält er endlich mal die Klappe, hatte ich gedacht, als ich im Weinkeller vor den Flaschen stand. Endlich Ruhe, endlich Stille! Aber in der Stille beginnt man die beunruhigendsten Geräusche zu hören, in der Stille kündigen sich die bedrohlichsten Ereignisse an. Müsste nicht gerade in den Sekunden vor dem Einsturz der Welt die absoluteste Stille herrschen, eine unwirkliche, traumhafte, transzendentale Stille?"

Der Erzähler fühlt sich vom Lärm der Welt existenziell bedroht. Hat diese philosophische Grundierung nicht schon apokalyptische Züge?

Jürg Beeler: "Ein Roman gewinnt ja fast eine apokalyptische Dimension am Schluss. Auch in diesem letzten eigentlichen Balzac-Monolog, wo er eine Art Bild findet für Entropie, also, dass alles in der Welt zum Stillstehen kommt, mit einer ganz eigenen und schrägen Theorie von den Numatomen, wenn sich die Menschen, wenn sie länger zusammen sind, immer mehr angleichen, wie Herr und Hund, und er stellt sich vor, dass das das Ende der Welt ist, wenn alles zu diesem Stillstand kommt. Mein Protagonist natürlich, der leidet unter diesem Lärm und träumt eigentlich von der Stille."

Jürg Beeler: "Der Mann, der Balzacs Romane schrieb".
Zürich 2014, Dörlemann Verlag. 207 Seiten, 19.90 Euro

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