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Jugend, Freundschaft , Hoffnung

Vom Leben in Sofias Plattenbauten

Reportagen von Simone Böcker und Dirk Auer, am Mikrofon: Norbert Weber

Will man Bulgarien kennenlernen, dann muss man raus zu den Plattenbauten.
Will man Bulgarien kennenlernen, dann muss man raus zu den Plattenbauten. (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)

Jugend, Freundschaft, Hoffnung. So heißen die Plattenbau-Viertel, die sich um den Stadtkern von Bulgariens Hauptstadt Sofia legen - Namen, die von der sozialistischen Vergangenheit erzählen. Ausländische Besucher sind oft schockiert vom Anblick der grauen Betonwüsten, die sie auf ihrer Fahrt vom Flughafen Richtung Zentrum durchqueren müssen. Doch hier zu leben bedeutet bulgarische Realität. Mehr als zwei Millionen Bulgaren - ein Viertel der Gesamtbevölkerung - sind in Plattenbauwohnungen zuhause. Allein in Sofia gibt es rund 300.000 dieser Wohnblöcke, in denen eine halbe Million Menschen leben. Gleichförmig, hellhörig und mit einer aufs Minimale begrenzten Privatsphäre.

Dagegen steht das Zentrum Sofias, für den Besucher gleichbedeutend mit Sofia selbst: ein hybrides Gemisch aus Europa und Orient, aus Modernität und Vergangenheit. Spuren der Thraker, der Byzantiner, der Römer und auch der Kommunisten koexistieren mit den Zeichen des neuen ökonomischen Wandels. Die Hauptstadt boomt: Neue Bürogebäude werden aus dem Boden gestampft. Ihre gläsernen Fassaden funkeln neben morbiden und einsturzgefährdeten Altbauten, deren Charme schon seit Jahrzehnten leise vor sich hin leidet.

"Sofia ist Europa - der Rest ist Bulgarien", behaupten die Großstädter. Das zeugt von deren Überheblichkeit. Doch will man Bulgariens Hauptstadt und ihre Bewohner wirklich kennen lernen, dann muss man raus - zur Hoffnung, zur Jugend, zur Freundschaft. Oder nach Ljulin, mit über 200.000 Einwohnern das älteste und größte Plattenbauviertel der Stadt - und das einzige mit U-Bahn-Anschluss.


Ein Pendler zwischen zwei Welten
Von der Plattenbausiedlung Ljulin ins Zentrum Sofias

Stanislav hat Feierabend. Wie jeden Nachmittag steigt der 30-Jährige an Straßenmusikanten vorbei die Stufen zur U-Bahnstation Serdica hinab.

" Ich mag das Zentrum nicht. Sofia ist eine orientalische Stadt mit allen orientalischen Merkmalen - den Märkten, den Zigeunern und den ganzen kleinen Straßenverkäufern, die irgendwelchen Müll verkaufen. Es gibt zu viele verschiedene Architekturstile, das Ganze ist keine gewachsene Einheit. Aber andererseits, irgendwie mag ich es doch, weil Sofia meine Heimatstadt ist und ich hier aufgewachsen bin. "

Der klein gewachsene junge Mann mit Baseball-Mütze und langem Haarzopf, steckt das Ticket in den Automaten und schiebt sich hinter den anderen Feierabendpendlern durch das Drehkreuz. Wie viele Bewohner der Außenbezirke hat Stanislav ein zwiespältiges Verhältnis zur Innenstadt.

" Gut, das Zentrum ist angesehener. Da hat früher das Bürgertum gewohnt. In Ljulin gibt es kein Bürgertum. Es ist ein neues Viertel. Die Leute kamen während des Kommunismus in den 60er, 70er Jahren aus den Dörfern, aus der Provinz hier her. Deshalb schauen die Leute aus dem Zentrum auf Ljulin auch etwas von oben herab. "

Stanislav arbeitet für eine Werbeagentur im Zentrum Sofias. Seit seiner Kindheit wohnt er in Ljulin. Früher lebte man dort wie in einer anderen Stadt, erzählt er. Aber auch heute noch, wo Sofia längst mit seinen Trabantenstädten zusammengewachsen ist, sei eine Fahrt vom Zentrum nach Ljulin wie das Überschreiten einer unsichtbaren Grenze.

" Wenn man ins Zentrum geht, dann macht man sich fein, man zieht etwas besonderes an. Wenn ich aber in Ljulin ausgehe, dann denke ich nicht darüber nach, wie ich mich kleide. Ich gehe auch im Trainingsanzug aus, weil man in Ljulin unter sich ist. Ich mag das. Die Leute in Ljulin sind echter, natürlicher. Es gibt keine Vorurteile. "

Nur 10 Minuten vom historischen Zentrum Sofias entfernt: Ein sechsspuriger Boulevard, der Ljulin von Süd nach Nord zerteilt. Hier ist die Hauptschlagader des Viertels: Supermärkte, Tankstellen, Möbelhäuser säumen die breite Straße.

" Sehen Sie mal! Schauen Sie, wie weit die Blöcke sich hin ziehen. Ljulin ist unglaublich groß. Das Viertel reicht zwei Kilometer in diese Richtung und drei in diese. "

Bis zum Horizont reihen sich die Plattenbausilos hintereinander. 10 bis 15 Etagen hohe Gebäude, deren verwitterte graue Betonfassaden mit den Jahren spröde geworden sind. Die Flächen zwischen den Gebäuden sind ungepflegt und dienen als Parkplätze; neben überfüllten Abfalltonnen häuft sich der Sperrmüll, alte Matratzen und Möbelstücke wurden hier wahllos entsorgt.

" Okay, das ist die eine Seite von Ljulin. Wenn man das richtige Ljulin kennen lernen will, muss man hinter diese Blöcke gehen, da kann man die richtige Atmosphäre spüren. Gehen wir hier hinter, und dann zeige ich Ihnen das echte Ljulin. "

Stanislav biegt von der Hauptstraße ab, in einen vom Regen aufgeweichten Pfad, der durch zwei Blöcke hindurchführt. Die Gebäude stehen im Rechteck zueinander, in der Mitte ist eine gemeinsame Grünfläche, ein gelbes Klettergerüst, ein paar alte Bänke. Neben einem Eingang hat jemand ein kleines Beet angelegt.

" So sieht es aus, das echte Ljulin. This is my block. "

Stanislav wohnt hier mit seiner Frau, seiner Schwester und seiner Mutter in einer Zwei-Zimmerwohnung. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Von einer vereinzelten Straßenlaterne fällt schummriges gelbes Licht herüber. Was macht es denn nun genau aus - das echte Ljulin?

" Es ist vor allem dunkel (lacht). Ich liebe es, wenn es warm ist, hier auf der Bank mit einem Bier zu sitzen. Das ist super. Mit Sonnenblumenkernen, drei, vier Freunden. Wir reden bis zwei oder drei Uhr in der Nacht. Mit billigen Vergnügen verbringen wir die Zeit hier. Man ist hier sehr gesellig. "

Aber: Ist das Zentrum nicht doch einfach schöner?

" Was bedeutet schon schön? Sofia insgesamt ist nicht besonders schön. Das Zentrum ist anders, vielfältiger, aber schön? "

Am Eingang seines Blocks braucht Stanislav keinen Haustürschlüssel.

Mit einem Ruck dreht er der Knauf der rostigen Metalltür nach links - und verschwindet durch die Tür ins Innere.

In seinem Roman "Verfall" beschreibt der bulgarische Schriftsteller Vladimir Zarev zwei typische menschliche Schicksale in Zeiten des politischen Umbruchs. Während machtbesessene Politiker, die das Land eigentlich in das westliche Europa integrieren sollten, Bulgarien ausbluten lassen, lebt der größte Teil der Gesellschaft in Not und Elend. Eindrucksvoll schildert Zarev dabei auch die Lebenswirklichkeit der Menschen in den Plattenbausiedlungen der Hauptstadt Sofia.


Die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft und die schnelle Industrialisierung des Landes waren die Gründe, warum in den 50er- und 60er-Jahren die Menschen in Bulgarien vom Land in die Stadt strömten. Vor allem junge Menschen wanderten aus den Dörfern ab, weil sie sich in den Städten bessere Lebens-, Bildungs- und Arbeitschancen erhofften. Doch schon bald waren die negativen Konsequenzen zu spüren: allem voran der immense Mangel an Wohnraum. Schnelle Maßnahmen waren erforderlich. Die Lösung: Riesige, standardisierte Plattenbau-komplexe für teilweise mehr als 100.000 Bewohner, die auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft wurden. In Sofia sind die ersten Plattenbauten Ende der 60er-Jahre entstanden. Trotz aller architektonischen Tristesse: Die vom Staat zugeteilte Wohnung war für die meisten Bulgaren die einzige Möglichkeit überhaupt eine Familienwohnung zu bekommen. Besonders für die vom Land Gekommenen galt die Plattenbauwohnung als Zeichen für sozialen Aufstieg. Die Platte wurde zum Symbol materiellen Erfolgs.

Mittlerweile sind die Blocks in die Jahre gekommen, immer wieder wird über die Lebensdauer der Gebäude spekuliert. Doch auch wenn die Blöcke von außen oft grau und verlottert, die Grünflächen mit Müll übersäht sind, Glühbirnen im Treppenhaus fehlen und die Aufzüge defekt sind - jenseits der Türschwelle erwartet den Besucher oft ein schmuckes Wohnreich.



Im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Heute
Das Leben in der Platte

Sonntagmittag bei Familie Dimitrov. Eine bunte Rüschenschürze spannt sich über den rundlichen Bauch von Todor. Am Wochenende ist die Küche sein Revier. Der kleine untersetze 59-Jährige knetet den Teig für das Weißbrot.

" Das wird eine bulgarische Pitka, nach dem alten Rezept meiner Eltern. Man nimmt Milch, Hefe, Mehl und warmes Wasser, formt daraus kleine Stücke und backt sie. "

Dazu gibt es Hähnchen und Reis. Seine Tochter Valentina hilft ihm dabei. Der Herd, ein jugoslawisches Fabrikat, ist schon ein viertel Jahrhundert Jahre alt, genauso wie der Kühlschrank, die Einbauschränke, der gesamte Plattenbaublock. Seit 25 Jahren wohnen Todor und seine Frau Anastasia hier: Block 33, Eingang B,
Appartement Nr. 17.

" Wir wollten als junge Familie allein wohnen. Das war nicht so einfach. Wir haben dafür mit einer Baubrigade 10 Monate in einer Fabrik gearbeitet. Jeder bekam eine Wohnung danach. Damals gab es einen großen Bedarf. Man hatte mehr Geld als heute, und die Wohnungen waren viel billiger. Aber die Wohnungen reichten nicht für alle. "

Fünf Jahre hatten sie zuvor bei Anastasias Eltern gelebt und auf eine Wohnung gewartet. Anastasia wollte damals eigentlich nach Ljulin, sagt Todor.

" Zwei Tage hat sie Ljulin hinterher geweint. Aber als wir dann hier her kamen - das Viertel war grün, es gab Kindergärten, gute Wege mit Asphalt - da sagte sie: hier ist es aber schön. Und deswegen bereuen wir es nicht, gerade hier in dieses Viertel gezogen zu sein. Wir haben uns schnell eingelebt. Ein junger Mensch konnte auch im Sozialismus glücklich sein. "

Todor nimmt das Hähnchen aus dem Ofen. Um das Blech abzustellen, muss er erst den Toaster aus dem Weg räumen. Platzprobleme gehören zum normalen Alltag im Plattenbau. Deswegen haben die Dimmitrovs, wie fast alle Nachbarn, auch den Balkon vor der Küche verglast. So ist er zu einem Teil der Küche geworden: im Winter dient er als Kühlschrank, im Sommer als Lagerraum.

Anastasia führt durch den schmalen Flur, die kleine dunkelhaarige Frau zeigt den Stauraum für Kleider, Putzmittel und die Sommerreifen in den Einbauschränken. Alles ist klein, sagt sie, aber praktisch. Für uns reicht es.
Von nebenan dringt ein Klopfen.

" Hier hört man hämmern und klopfen. Die Nachbarn renovieren gerade. Das müssen wir erdulden. Solche Geräusche hört man manchmal sogar auch in der Nacht. Etwas klopft oder jemand stolpert. Alles hört man. Das sind die schönen und schlechten Dinge. Wir sind sehr nah beieinander. "

Anastasias Eltern besaßen im Zentrum von Sofia ein kleines Haus mit Garten und Obstbäumen. Dort ist sie aufgewachsen. Eine schöne Kindheit habe sie dort gehabt, sagt Anastasia. Doch dann fiel das Haus - wie viele anderen Häuser auch - der kommunistischen Stadtplanung zum Opfer. An der Stelle entstanden große Plattenbaublocks, die Eltern bekamen dort eine neue Wohnung.

" Mein Vater bekam einen Herzinfarkt, weil er das Haus seines Vaters verlor. Vor allem den Garten mit den schönen Rosenbeeten - überall gab es Rosen und alles hat geduftet. Aber man konnte nichts machen, allen ist das gleiche passiert. Als wir uns in dem neuen Haus eingerichtet hatten, das dann ein Platte war wie diese, sagten sie sich: wie dumm wir waren! Weil das neue viel schöner war. "

Schöner - das hieß vor allem praktischer. Es gab warmes Wasser und Zentralheizung. Manchmal denkt Anastasia noch an den Rosengarten zurück. Der war wirklich schön. Aber man gewöhnt sich, sagt sie. So ist das.

Im Wohnzimmer ist der Coachtisch gedeckt. Todor schenkt von seinem selbst gebrannten Rakija ein - einem hochprozentigen bulgarische Obstbrand.

Tochter Valentina ist 25 Jahre alt, vor drei Monaten ist ihr Freund Mitko mit in die Wohnung eingezogen. Die beiden wollen dieses Jahr heiraten und - wie die meisten Bulgaren - eine eigene Wohnung kaufen.

" Wir wissen nicht, ob uns das gelingen wird. Der Wohnungsmarkt ist sehr dynamisch. Vor einem Jahr hat so eine Wohnung wie diese noch 42 000 Euro gekostet. Im Moment kostet sie 100 000 Euro. Die Preise steigen und wir wissen nicht, ob wir etwas Preis günstiges finden werden. Dazu kommt noch die Frage, ob wir wirklich in Sofia bleiben wollen oder woanders hin gehen, in ein Dorf ziehen oder vielleicht ins Ausland. "

Nach dem Essen geht es auf den Balkon zum Rauchen. Gegenüber, rechts und links, reihen sich die Blocks wie versetzte Spiegelbilder aneinander. Jeder Block ein Patchworkmuster aus Wäscheleinen, unterschiedlichen Balkonverkleidungen, bröckelnder Bausubstanz. Zwischen den Gebäuden ein grünes Wiesenquadrat, ein paar Hunde streunen herum. Todor zeigt Richtung Vitoscha, dem Gebirge, das sich hinter den Blocks abzeichnet.

" Die Reichen lassen sich jetzt am Fuß des Vitoscha-Gebirges nieder. Da bauen sie sich Häuser in sehr kitschigem Stil, mit hohen Mauern und Bewachung. Und sie leben dort direkt neben dem Dorfnachbarn, der noch mit seinen Kühen da wohnt. Sie grenzen aneinander. "

So ein kleines Häuschen am Stadtrand - einen Moment lang schaut Todor träumerisch in den Himmel. Dann fällt sein Blick zurück auf die betongraue Realität.

" Architektonisch ist es hier wie bei einer Scheibe Brot - alle gleich. (lacht) Alle Wohnungen sind wie kleine, einheitliche Kisten. Es wäre besser, wenn es größere Vielfalt von Formen und Farben gäbe. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, an die schönen und an die hässlichen Dinge. Es gab einfach keine andere Möglichkeit als die Platte für uns. Aber das ist unser Leben und für uns ist es in Ordnung. "

Sofia wächst. Rasant. Ungehemmt. 1,3 Millionen Menschen leben offiziell in der bulgarischen Hauptstadt. Tatsächlich sollen es bereits schon mehr als zwei Millionen sein. Und so wird immer neuer Platz gebraucht.

Zu den Opfern des Baubooms gehören vielerorts die Roma, die sich in den frei geblieben Zwischenräumen der Plattenbauviertel angesiedelt haben - in provisorischen Hütten, ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne jegliche Infrastruktur.
Wenn es nach den Bürgermeistern ginge, dann wären diese illegal errichteten Siedlungen schon längst von der Bildfläche verschwunden, egal, ob es für die Bewohner Alternativen gibt oder nicht. Doch die meisten wurden bislang noch geduldet - zumindest so lange bis das Grundstück das Interesse von Investoren erweckte.



Unerwünschte Nachbarn
Romasiedlung in Drushba

Das ist das Ghetto, sagt Miroslav Ivanov. Der kleine untersetze Mann, 53 Jahre alt, wohnt kaum 50 Meter von der Barackensiedlung entfernt, die in einer anderen Welt zu liegen scheint. Auch er ist ein Rom, bzw. einer von den Zigani, wie die Bulgaren normaler Weise zu ihrer ungeliebten Minderheit sagen. Miroslav hat ein eigenes Haus. Er hat es sich eigenhändig aufgebaut - auf seinem eigenen Grund und Boden, alles legal, mit Dokumenten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Roma, die hier leben.

" Einige sind aus den Dörfern gekommen. Sie hatten keine Arbeit dort und kamen deshalb in die Stadt. Hier suchten sie sich dann eine freie Fläche, wo sie sich dann mit ihrem Hab und Gut nieder ließen. Um zu überleben durchwühlen sie den Müll und sammeln alles was sie finden können. "

Doch damit könnte es hier schon bald vorbei sein. In der Siedlung geht die Angst um. Der Grund sind zwei neu gebaute Blocks, kaum 100 Meter von dem Romalager entfernt.

" Diese Baracken stören die Aussicht der zukünftigen Mieter, wenn sie auf ihrem Balkon sitzen. Und deshalb können die Wohnungen nicht so gut verkauft werden. Ich meine, es ist nicht schlecht, dass man neue Häuser baut und das Viertel schöner macht - aber was passiert mit diesen Leuten? Hier läuft das so: Der Staat verkauft den Boden, dann kommen die neuen Besitzer mit zwei, drei Bodyguards und Gewehren und bedrohen die Leute. Sie sagen, das gehört jetzt uns, haut ab, morgen fangen wir an zu bauen. "

Besuch bei Lalja Koleva. Die rundliche Frau mittleren Alters wohnt mit Mann und sieben Kindern in einem provisorischen Bretterverhau. Sie trägt eine alte blaue Trainingshose und einen grünen Pullover. Seit vier Jahren lebt sie in der Siedlung. Ihr provisorisches Heim hat sie so gemütlich eingerichtet wie nur irgendwie möglich. An der Wand hängen Bilder mit christlich-orthodoxen Motiven, es gibt ein paar Regale und Matratzen, auf denen tagsüber gesessen und nachts geschlafen wird.

" Früher ging es uns besser. Wir haben sehr gut gewohnt, sehr schön, in einer Mietwohnung in Block 311, das ist nicht weit entfernt von hier. Auch mit den Nachbarn gab es keine Probleme. "

Das Problem war jedoch: Die Kolevs konnten ihre Strom- und Wasserrechnung nicht mehr bezahlen. Die scheinbare Rettung nahte in Form einer privaten Firma, die das Angebot machte, die Wohnung vom Staat günstig zu kaufen. Auf dem freien Markt sollte sie dann zu einem vielfach höheren Preis wieder verkauft werden.

" Sie haben gesagt, sie geben das Geld meinem Mann, aber davon haben wir nie etwas gesehen. Nur 900 Leva, das sind 450 Euro, und deswegen sind wir jetzt in dieser Lage. Ich will einfach das Geld damit wir uns etwas Eigenes kaufen können, aber man hat uns gesagt, das ist alles, nur 900 Leva - sonst nichts. "

Miroslav nickt. Er kennt mehrere Fälle, wo Familien auf diese Weise ihre Wohnung verloren haben.

" Diese Firmen kennen Leute, die ihnen erzählen, da sind Mieter, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Und dann machen sie ein Angebot. Sie bezahlen die Rechnungen, lassen sich eine Vollmacht zum Verkauf der Wohnung geben - und dann sind sie verschwunden auf nimmer wieder sehen. "

Lalja wirft sich eine alte bulgarische Armeejacke über und tritt ins Freie. Sie hat Tränen in den Augen.

" Niemand von der Stadt kümmert sich um uns. Tag und Nacht, denke ich nach. Ich bin alt genug, um auf der Straße zu wohnen, aber was wird mit den Kindern? Ich habe es satt, ständig umzuziehen, es gibt kein gutes Leben in diesem Bulgarien. "

Vor den Baracken stehen große Kanister mit Trinkwasser. Die Leute holen das Wasser aus einem Fluss, erzählt Miroslav und zeigt auf ein Pferd, das neben einem selbst gezimmerten Karren steht - noch immer das übliche Transportmittel für Roma. Es ist eisigkalt. Über den Hütten steigt Rauch auf. In der Luft liegt der Gestank von verbranntem Plastik. Für einen Moment vergisst Miroslav sein Mitgefühl,

" Sie haben keine Hemmungen, sie schädigen alle, die in dem Viertel wohnen. Sie bringen den ganzen Müll hierher, sie verbrennen alles, was sie finden. Und sie klauen. Das ist schlecht. "

Eine junge Frau kommt aus einer der Hütten. Auf ihrem Arm trägt sie ein kleines Kind. Diese Frau kommt vom Land, meint Miroslav

" Nein, ich bin aus Sofia. Mein Mann wohnt auf dem Land, aber er trinkt, deshalb bin ich wieder zurückgekommen. Hier siehst Du es, hier ist mein Pass. Ich bin hier geboren. "

Schnell hat sich eine ganze Gruppe versammelt - aus allen Richtungen kommen die Bewohner der Siedlung herbeigelaufen, um ihrer Empörung Luft zu machen.

" Der Bürgermeister muss etwas unternehmen. Ich habe drei Söhne, wir wohnen alle in einem einzigen Zimmer zusammen. Wie kann ich mich da umziehen oder waschen?

Wenn die Baracken abgerissen werden, haben wir nichts. Es gibt kein Wasser, die Kinder sind schmutzig. Im Kommunismus unter Shivkov war es besser. Er war der Beste für uns. "

Miroslav beobachtet die Szene mit zwiespältigen Gefühlen. Er selbst hat immer versucht, etwas aus seinem Leben zu machen - gegen alle Widerstände. Er hat gearbeitet und Wert auf die Ausbildung seiner beiden Kinder gelegt.

" Wenn aber jemand wie ich bereit ist, sich zu integrieren: Warum unterstützt ihn niemand aus der bulgarischen Gesellschaft? Ich habe meine Wohnung im Block verkauft, weil die Beziehungen mit den Bulgaren wirklich schwierig sind. Sie wissen einfach nicht, was sie wollen. Wenn wir sehr gut angezogen und die Kinder ausgebildet sind, dann sind sie neidisch. Wenn man aber schlecht wohnt, wie meine Nachbarn in diesen Baracken hier - dann sagen sie: Schaut nur, wie sie leben, die Zigeuner. "


Auch 44 Jahre Kommunismus haben es nicht geschafft, das Problem der Wohnungsknappheit in Bulgarien in den Griff zu bekommen. Noch in den 80er Jahren lebten die meisten Familien in viel zu kleinen Wohnungen und mussten sich dort auf engstem Raum arrangieren. Selbst als "äußert bedürftig" eingestufte Familien mussten lange warten, bis sie - und das nicht immer - eine eigene oder größere Wohnung zugewiesen bekamen. Entscheidend waren - wie so oft - die richtigen Beziehungen. Das Ziel der kommunistischen Wohnpolitik war die Aufhebung der Klassen, die Beseitigung der sozialen Hierarchien: Professoren, Journalisten, Ärzte sollten zusammen mit Busfahrern, Bauarbeitern oder Verkäuferinnen unter einem Dach leben.

Auch 18 Jahre nach der politischen Wende hat sich in Bulgarien in Punkto Wohnfläche und sozialer Durchmischung nicht viel geändert. Zu gering sind die Möglichkeiten, sich etwas anderes zu leisten. Zwar sind in der privaten Wirtschaft die Einkommen teilweise rasant gestiegen, doch die Gehälter vieler anderer Berufsgruppen bewegen sich nach wie vor auf einem Niveau, das kaum zum Leben reicht. Besonders Lehrer, Ärzte, Professoren gehören zu den Wendeverlierern. Somit ist - anders als im Osten Deutschlands - das Leben in der Platte auch für viele gebildete Bulgaren noch immer der Normalfall.



Intellektuell und arm
Der Traum vom eigenen Haus

Aksinia Mihailova ist auf dem Heimweg, Richtung Jugend. Genauer gesagt Jugend 3 - so heißt der dritte Abschnitt des Viertels Mladost auf Deutsch. Sie unterrichtet Französisch und Bulgarisch an der 10. Schule in Mladost 1, und wenn das Wetter schön ist, dann geht sie lieber zu Fuß als den überfüllten Trolleybus zu nehmen.

" Wenn ich zwei Monate nicht in Sofia bin, finde ich mich manchmal nicht mehr zurecht. Seit der Wende sind hier überall diese Hypermärkte entstanden, es gibt Tankstellen, Autohäuser mit teuren Autos in den Vitrinen, Fitnesscenter. Die Infrastruktur, die Transportverbindungen, Essen, Lebensmittel, Kleidung - all das ist besser geworden. Aber was das andere angeht, ... "

Die große blonde Frau schüttelt den Kopf. Aksinia Mihailova ist Mitte vierzig, hat ein hageres Gesicht und wirkt abgekämpft. Innerhalb von fünf Minuten hat sie sich schon die zweite Zigarette angesteckt. Vor ihrem Block liegen leere Plastikflaschen und anderer Unrat.

" Siehst du, wie hübsch es ist hier ist? Am schönsten ist es eigentlich, wenn Schnee liegt, weil man dann nichts anderes sieht. Dann ist alles weiß und unschuldig. "

Hinter einer rostigen Metalltür geht es in einen kargen Hausflur, vorbei an einer Reihe verbeulter Briefkästen.

" Vom ersten Stock, wenn ich in den Aufzug steige, weiß ich in jeder Etage, was die Hausfrauen kochen. Weil es riecht sehr intensiv nach Essen. Und so ist es im ganzen Block. Man hat das Gefühl, wie hinter einer bloßen Trennwand zu leben. Ich weiß, wann die Leute über mir duschen oder auf Toilette gehen. Ich weiß, wann jemand Probleme mit dem Hund oder der Katze hat. Das sind alles Geräusche, an die wir uns langsam gewöhnen, aber die uns Stück für Stück umbringen.

Ich bin mir sicher, dass kein vernünftiger Mensch in so einem Block freiwillig leben möchte. "

Aksinias wohnt im sechsten Stock - in einer Zwei-Zimmer- Wohnung, zusammen mit ihrem Mann Detelin und Ihren zwei Kindern Momtschil und Tea, 15 und 9 Jahre alt.

Rund 150 Euro verdient sie als Lehrerin. Ihr Mann bekommt als Journalist auch nicht viel mehr. Beide sehen sie sich vor allem als Intellektuelle, als Schriftsteller. Im Wohnzimmer reichen Regale, voll gestopft mit Büchern, bis unter die Decke. In der Ecke steht ein Arbeitstisch mit einem Computer. Einen Esstisch gibt es nicht, dafür muss das kleine Tischchen vor der Couch reichen. Nachts schläft Detelin auf dem Sofa, Mutter und Kinder teilen sich nebenan das Schlafzimmer.

" Wenn ich sagen würde, dass ich das hier schön finde, würde ich lügen. Es ist vor allem ein Zwang, hier leben zu müssen. Ich mag Platz, ich würde gerne atmen und mich auf dem Balkon zurücklehnen können. Aber wir haben überhaupt keine Chance, eine größere Wohnung zu kaufen. Und deshalb wurde die Küche zum Schlafzimmer, der Balkon zur Küche, und es gibt noch eine kleine Kammer, die wir renovieren wollen. So machen wir aus 36 qm eine Vier-Zimmerwohnung. "

Aksinia macht Tee auf dem umfunktionierten Balkon, der Wände und Fenster bekommen hat. Von hier hatte sie bis vor kurzem einen wunderschönen Blick auf das Bergpanaroma. Doch nun versperrt ihr ein neuer Block die Aussicht. Trotzdem sitzt sie hier oft neben der Spüle im Sessel, korrigiert Schularbeiten und raucht. Es ist der einzige Platz in der Wohnung, den sie mehr oder weniger für sich hat, sagt sie.

" Zwei Stunden am Abend sind wir alle zusammen. Und eigentlich sollte das eine Zeit sein, die man mit seiner Familie glücklich verbringt. Aber die Enge beeinträchtigt diese Freude, und du empfindest es wie eine Strafe. Einer will vielleicht einen Film sehen, einer will Musik hören, einer will schlafen und ausspannen. Für mich ist das nur Stress, für die Kinder auch, vor allem im Winter, wenn sie nicht raus können und wir vier hier eingeschlossen sind auf engstem Raum. "

Man bezahlt hier mit seinen Nerven - ein hoher Preis für die kleine Wohnung, für die paar Kubikmeter Luft, meint Aksinia. Ihr tut es vor allem für ihre Kinder leid, dass sie ihnen keine schönere Umgebung bieten können - einen Garten, mehr Natur. Und es fällt ihr schwer, ihnen zu erklären, warum es trotzdem wichtig ist, zu lernen, zu studieren.

" Es ist nicht einfach den Kindern zu vermitteln, dass Bildung etwas ganz wichtiges ist. Denn sie sagen, ihr, die ihr so viel studiert habt und so viel wisst, was habt ihr dadurch erreicht? Mein Mann hat ein Kinderbuch geschrieben, da war mein Sohn fünf Jahre alt. Und er fragte: Papa, warum schreibst du so viel? Wer kauft schon Bücher? Alle kaufen Tomaten! Geh und verkaufe Tomaten, die werden alle kaufen. Manchmal fragen wir uns wirklich, warum wir nicht lieber Tomaten verkaufen gehen. "

Aksinia und ihr Mann Detelin stehen in Kontakt mit Dichtern, Philosophen und Intellektuellen aus ganz Europa, berichtet Aksinia nicht ohne Stolz. Doch weil das Geld einfach nicht reicht, übersetzt sie abends auch noch Bücher aus dem Französischen.

" In dem neuen System müssen sich alle um sich selbst kümmern. Man muss viele Berufe in einem vereinen, um leben zu können. Keiner unterstützt dich, die Honorare sind winzig, und es gibt nicht genug Verlage. Intellektuelle Arbeit ist einfach nicht mehr angesehen. "

Und so fragt sich Aksinia manchmal, wozu sie überhaupt von früh bis spät arbeitet. Wie viele bulgarische Familien mit geringem Einkommen lassen die Mihailovs die Heizung ganz abgestellt - zum großen Ärger der Nachbarn, deren Rechnung dadurch noch höher wird. Aber was tun, wenn ein Abendessen mit der Familie in einer Pizzeria schon ein Viertel des Monatseinkommens verschlingen würde.

" Es gibt zwei völlige Parallelwelten in Bulgarien. Das Sofia Business Center ist 10 Minuten von hier. Da gibt es junge fröhliche, gut angezogene Leute, alles ist hübsch. Nur 10 Minuten von mir entfernt existiert eine Welt, die überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun hat. Viele Leute schauen von außen auf diese Welt und fühlen sich schlecht, weil sie von ihr ausgeschlossen sind. Sie schließen sich ein, ziehen sich zurück. Das ist die Kehrseite all dieser schönen Dinge - das was mit den Menschen passiert ist. "

Am schlimmsten sei aber, dass auch das Geld für Bücher fehlt, sagt Aksinia und beginnt mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Detelin und die Kinder werden bald nach Hause kommen.

" Früher habe ich gesagt, vielleicht bekomme ich in einem anderen Leben ein großes Haus. Aber meine Freunde meinten, ich soll das nie sagen, weil ich es dann vielleicht in diesem Leben nicht schaffe. Und deshalb sage ich es nicht mehr. "


Ende der 60er Jahre beschloss der bulgarische Staat an Sofias Stadtrand auch ein Studentenstädtchen zu bauen. Damit sollte der steigenden Zahl an Studenten begegnet werden. So entstanden zunächst 60 Wohnheimblocks, genannt Studentskigrad - übersetzt Studentenstadt. Mittlerweile wohnen über 40.000 Studenten in dem Viertel. Die Stadt ist bis zu den Grenzen von Studentskigrad gewachsen, und das ehemals graue Plattenareal hat sich zu einem der trendigsten Stadtteile Sofias entwickelt. Ständig werden neue Bars und Klubs eröffnet. Eine laute, bunte Parallelwelt in grauer Betonwüste.

Studenstkigrad
Partyland im Plattenbau

Modisch gekleidete junge Menschen stolzieren über löchrige Gehsteige, telefonieren mit teuren Handys und schwenken ihre Miniatur-Handtaschen. Musik dröhnt aus den Straßencafés. Die Läden haben rund um die Uhr geöffnet, um die Studenten mit Burgern, frischer Wäsche oder Kondomen zu versorgen. Kioske, unzählige Imbissbuden und Waschsalons sind in kleinen Hütten zwischen den Blocks untergebracht. Ein ganzes Viertel, speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse junger Menschen. Ethnologiestudentin Kristina kauft im kleinen Eckladen Brot und Käse für den Abend.

" In Studentskigrad gibt es etwas für alle Geschmäcker: Fitnessstudios, Internetcafés, Schönheitssalons. Es gibt allein fünf Friseure hier in diesem Teil des Viertels. Von Kneipen gar nicht zu sprechen, die gibt es alle 10 Meter. Und es kommen ständig neue dazu, keine davon macht Pleite. Man kann hier gar nicht Pleite machen. Immer finden sich Kunden. Das ist das bequemste Viertel in Sofia zum Leben! Alles ist nah von zuhause. "

Die kleine zierliche Studentin hat auch in anderen Stadtteilen Sofias gelebt, aber in Studentskigrad fühlt sie sich am wohlsten.

" In anderen Vierteln siehst du Leute, die vom Leben ziemlich mitgenommen sind, weil sie arm sind, weil sie viel arbeiten müssen für wenig Geld. Hier gibt es so etwas nicht. Hier sind die Leute jung und fröhlich. Dieser Platz ist einmalig. Immer findet man eine Möglichkeit zum ausgehen und um sich zu amüsieren. "

So jung und modern der Lebensstil - im Kontrast dazu stehen die Wohnheime mit ihren Relikten aus dem Sozialismus vergangenen Tage. Am Eingang zu jedem Block sitzt eine Pförtnerin hinter einem Fensterchen. Einlass gibt es nur mit Chipkarte, Fremde müssen sich anmelden.

Stela wohnt schon seit drei Jahren in Studentskigrad. Im Block 45, 14. Stock, Zimmer 324. Mit drei anderen Studentinnen teilt sie sich zwei Zimmer - eins davon nutzen sie als Küche, im anderen stehen vier Betten. Die Möbel sind schäbig, der Teppich verschlissen, das Interieur verströmt noch den Charme der sozialistischen Vergangenheit. Ein Schrank muss für die Habseligkeiten der Mädchen reichen, überall stapeln sich Büchern, Papiere, Klamotten. Es gibt auch nur einen Computer, für einen weiteren ist kein Platz, sagt Stela.

" Irgendwie kriegen wir das dennoch immer wieder hin: die eine liest, die andere arbeitet am Computer, die dritte schreibt oder liest auf dem Bett, wenn es keinen Platz gibt. So geht's. Wenn alle gleichzeitig lernen müssen, ist es problematisch, denn es gibt nur zwei Tische. Du setzt dich und liest, im nächsten Moment musst du essen oder ausgehen, dann musst du deine Sachen wegräumen, damit eine andere den Platz nutzen kann. "

Privatsphäre ist Luxus in Studentskigrad - doch die Miete ist unschlagbar günstig. 40 Leva - rund 20 Euro - sind auch in Bulgarien extrem wenig. Stela kommt aus der Kleinstadt Pernik. Genauso wie Galia, Stelas Freundin. Beide waren anfangs schockiert von den Wohnverhältnissen, von den beengten muffigen Zimmern. Aber schnell haben sie sich daran gewöhnt - und mehr als das, erinnert sich Galia.

" Im ersten und zweiten Jahr in Studentskigrad hatte ich das Gefühl, in einem Ferienlager zu sein. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit kannst du Pizza essen gehen oder dich mit Freunden treffen. Es ist völlig normal um 2 oder 3 Uhr nachts raus zu gehen um etwas zu essen zu kaufen. In anderen Städten ist das einfach nicht so. Studentskigrad schläft nie. Es gibt viele interessante Leute aus ganz Bulgarien, mit vielen verschiedenen Interessen. "

Für kaum einen Studenten ist es eine wirkliche Alternative, im Zentrum zu wohnen, schon allein finanziell. Dafür kommen immer mehr Menschen aus dem Zentrum nach Studentskigrad, um sich ins Partyleben zu stürzen.

Galia und Stela machen sich auf den Weg in ihre Stammpizzeria. Schon im Flur hört man die Musik. Hier draußen herrscht Nachtleben pur, sagt Galia, und scheint sichtlich die Atmosphäre zu genießen.

" Und noch ein Klub, und noch einer... Das ist schon laut abends, klar. Jeden Abend. "

So wird das Plattenbauviertel immer mehr zum Partyland. Studieren in diesem Umfeld? Man gewöhnt sich an alles, sagen die beiden. Bei Pizza und Salat machen sie sich Gedanken über ihre Perspektiven. Vielleicht doch ins Ausland gehen? In ihrer Heimat erwarten sie niedrige Löhne, und vielleicht lebt es sich woanders eben doch besser als in Bulgarien. Und vielleicht wohnt man auch schöner. Aber das kann noch etwas warten.

Im Moment finde ich es einfach super hier im Plattenbau. Das ist solch ein dynamischer Ort und es gibt Arbeit, man trifft Leute, das ist wunderbar. Ich bin zufrieden. Im Moment kann ich mir nur diese Art zu leben vorstellen.



Literatur:
Vladimir Zarev, "Verfall", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

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