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StartseiteBücher für junge LeserSex und physische Gewalt 21.06.2014

JugendbücherSex und physische Gewalt

Wie verhalten sich Menschen, denen man jede Hoffnung genommen hat? Friedrich Ani, der zu Deutschlands renommiertesten Krimiautoren gehört, wagte sich an dieses Unternehmen. "Die unterirdische Sonne" heißt der Roman, in dem Angst, Wut und Schmerz hochkochen. Einer der härtesten Jugendromane ist so entstanden.

Von Thomas Linden

Ein junges Mädchen schaut am 24.01.2014 in Berlin durch einen Türschlitz. (dpa / Ole Spata)
Der Autor Friedrich Ani schildert keine Details, wir erfahren aber, wie die Kinder, nachdem sie zurückgebracht werden, ihre Sprache verlieren, nur noch zittern und wimmern. (dpa / Ole Spata)
Weiterführende Information

Bücherfrühling 2014 (Deutschlandradio Kultur, Literatur, 15.03.2014)

Für diesen Roman gibt es nur Begeisterung oder Ablehnung, schwarz oder weiß. Die einen empfinden "Die unterirdische Sonne" als deprimierend, die anderen fühlen sich von einer unsichtbaren Hand in den Sog der Ereignisse um jene fünf Jugendliche im Alter zwischen elf und 16 Jahren hineingezogen, die nacheinander von der Straße weg entführt und in einen unterirdischen Raum verschleppt werden. Einzeln holt man sie zu Tag- oder Nachtzeiten in die obere Etage. Was mit ihnen geschieht, bleibt unserer Vorstellung überlassen. Ein Entkommen gibt es nicht.

Erzählton im verzweifelten Ernst

Friedrich Ani hat nach acht Jahren wieder ein Jugendbuch geschrieben, dessen Erzählton von einem geradezu verzweifelten Ernst durchdrungen ist. Diese Kinder scheinen die verlassensten Menschen der Erde zu sein. Ein Sujet, für das Ani Expertenwissen besitzt.

"Das Verlassensein ist, glaube ich, das Thema fast aller meiner Romane. Figuren, die an eine bestimmte Grenze in ihrem Leben gekommen sind und versuchen, diese Grenze zu begreifen und versuchen, sie zu überwinden, in der ein oder anderen Form. In dem Fall bei der "Unterirdischen Sonne", ist es ja so, dass die Personen zwangsweise an eine Grenze geführt werden, indem sie entführt und eingesperrt werden."

Kinder, die zittern und wimmern

Die Motive der Täter kennen wir nicht, aber was helfen den Kindern, die von Erwachsenen missbraucht werden, auch die Hintergründe für deren Verbrechen? Ani schildert keine Details, wir erfahren aber, wie die Kinder, nachdem sie zurückgebracht werden, ihre Sprache verlieren, nur noch zittern und wimmern. Ein schwieriges Sujet, das sich auch einem erfahrenen Krimiautor nicht leicht erschließt.

"Ich habe immer wieder in der Nacht Bilder gesehen, von den Jugendlichen im Keller und ihrem Leben unter der Bettdecke, wie sie sich verstecken, den Matratzen, wie sie da im Bad sitzen, und die Furcht aus ihren Augen und ihren Worten klingt, und ich wusste, das sind meine Figuren. Ich bin am richtigen Ort. "

"Bunker Diary" ein Roman zum gleichen Sujet

Auf die besonders düsteren Sujets der Jugendliteratur war in den letzten Jahren der Engländer Kevin Brooks spezialisiert und er liefert jetzt mit "Bunker Diary" einen raffinierten Thriller zum gleichen Sujet. Sechs Personen, darunter ein Kind und der jugendliche Erzähler, werden in einem perfekt konstruierten Verlies gefangen gehalten und müssen erleben, wie sie der Macht ihres Entführers total ausgeliefert sind. Die Erbarmungslosigkeit von Anis Roman kann es mit Brooks aufnehmen, schon deshalb stellt der Roman eine Zäsur innerhalb der deutschen Jugendliteratur dar.

Darstellung von Sex und physische Gewalt

Im Auslöschen jeder Hoffnung tritt vielleicht noch deutlicher als in der Darstellung von Sex und physische Gewalt ein Tabubruch zutage. Denn die pädagogische Forderung nach Ermutigung haftet der Jugendliteratur immer noch an. Ein ungeschriebenes Gesetz, dessen Wirksamkeit sich in den ersten tadelnden Stimmen zum Buch und in der Tatsache niederschlägt, dass der Verlag das Lesealter ängstlich auf 16 Jahre hochschraubte. Ani hatte jedoch ein anderes Ziel im Auge.

"Ich wollte schon zeigen, dass es nicht einfach ist, diese Geschichte auszuhalten. Ich habe überhaupt keinen Kompromiss machen wollen."

Aber was hat Ani dann an Brooks Roman fasziniert?

"Mich hat an 'Bunker Diary' beeindruckt, das Ende, und dass er diese Geschichte so konsequent zu Ende erzählt, und die Jugendlichen tot sind am Schluss. Er hat natürlich den dramaturgischen Trick, dass er aus der Sicht einer Figur erzählt. Es ist leichter einer Figur zu folgen, als mehreren. Das macht es einfacher, in die Geschichte hineinzukommen und dranzubleiben und weil die ganze Art und Sprache aus der Sicht dieses Jungen erzählt ist. Ich war sehr neugierig und wusste nicht, wie es ausgeht, und war doch beeindruckt, dass Kevin Brooks denen keine Chance mehr gibt, was sehr realistisch ist und sehr traurig, sehr hart und gleichzeitig angemessen. Er hat sich nicht davonstehlen wollen und Pädagogen umschmeicheln wollen."

Erzählen als Überlebensstrategie

Bei Ani wird aus der Perspektive jedes Kindes erzählt, diese Vielstimmigkeit ist eine Qualität seines Romans. Jeder der Fünf besitzt einen anderen familiären Hintergrund. Ein sechster Junge kommt hinzu, der alle Grausamkeiten kennt, die Erwachsene Kindern antun können, und mit ihm flackert der Wille zum Widerstand auf. Der Roman stellt eine großartige Leseerfahrung dar, man geht mit seinen Protagonisten an die äußerste Grenze menschlicher Einsamkeit. Zugleich entsteht eine Zärtlichkeit zwischen den Kindern, wenn sie sich aus ihrem vorherigen Leben erzählen. Das Erzählen erweist sich hier denn auch als Überlebensstrategie.

Ani findet - ohne zuviel zu verraten - ein plausibles Ende für seine Geschichte, zugleich offenbart sich in ihm die Achillesferse des Textes, denn wo uns zuvor die dichte Prosa des Kerkers gefangen hielt, droht die Geschichte mit dem Auftauchen von Polizei und Fluchtszenario in die Kolportage abzurutschen. Gleichwohl legt man diesen Roman nicht aus der Hand. Ani berührt mit seinem Sujet der Klaustrophobie - das sich auch in der Debatte um NSA und rasant perfektionierte Überwachungstechniken wiederfindet - eine Nervenbahn unserer Gegenwart.

Zeichen unserer Zeit

Das Gefühl des Eingesperrtseins und die Empfindung in der Welt, dass man in einem Zimmer eingesperrt ist, und sei es das eigene Lebenszimmer, ist, glaube ich, sehr verbreitet und ein Zeichen unserer Zeit.

Mit der "Unterirdischen Sonne" gibt uns Friedrich Ani eine Vorstellung von der bohrenden Trauer, die das Eingesperrtsein im Menschen auslöst, aber er zeigt auch, dass es selbst in auswegloser Situation darauf ankommt, das Beste aus seinem Leben zu machen.

 

Friedrich Ani: Die unterirdische Sonne.
Roman; cbt Verlag, 336 Seiten gebunden, 16,99 Euro

Kevin Brooks: Bunker Diary.
Roman, aus dem Englischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschahn; Deutscher Taschenbuchverlag, 300 Seiten, 12,95 Euro

 

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