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StartseiteEssay und DiskursJugendlichkeit25.12.2009

Jugendlichkeit

Leitbilder der Gegenwartsgesellschaft Teil 1

Zu gravierenden sozialen und ökonomischen Verwerfungen dürfte der demografische Wandel nur dann führen, wenn unsere Gesellschaft sich als nicht fähig erweisen sollte, ihr institutionelles Gefüge und ihre Ökonomie rechtzeitig dem veränderten Altersaufbau und dem Rückgang der Bevölkerung anzupassen.

Von Joachim Weiner

Fitt, auch im hohen Alter, das ist die Maxime (AP Archiv)
Fitt, auch im hohen Alter, das ist die Maxime (AP Archiv)

"Deutschland vergreist! (...) Jede Frau bringt weiterhin im Durchschnitt 1,4 Kinder zur Welt wie in den vergangenen 25 Jahren. Die Lebenserwartung steigt weiter gleichmäßig um zwei bis drei Monate pro Jahr. Die Zahl der Zuwanderer bleibt bei knapp 200000 pro Jahr - wie im Durchschnitt der vergangenen 50 Jahre. Nur wenn wir an einem oder mehreren Faktoren etwas ändern, wird auch die Zusammensetzung oder Zahl der Einwohner unseres Landes in der Zukunft anders aussehen. Ändert sich an den Zahlen nichts, so ist Deutschland wie wir es heute kennen, schlicht nicht überlebensfähig."

Demografische Frontberichte wie dieser, den Jan Boris Wintzenberg 2003 im Stern veröffentlicht hat, haben hierzulande seit Längerem Konjunktur. Kaum eine Woche, in der uns die Medien nicht mit neuen Schreckensszenarien überraschen, die sie aus den statistischen Daten zur Bevölkerungsentwicklung herausdestilliert haben. Die beunruhigenden Nachrichten aus der lange kaum beachteten Welt der Demografie verdanken wir dem unbestreitbaren Faktum, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtpopulation in unserem Land seit den 70er-Jahren kontinuierlich ab- und der der über 60-jährigen rasant zunimmt, wir also in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft leben.

Die aus den Zahlen zum Bevölkerungsrückgang bis 2050 von den Demografen abgeleiteten Prognosen versetzen zunehmend auch Politiker, Ökonomen und Sozialwissenschaftler in Alarmstimmung, weil sie einen erheblichen Rückgang der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, ein Absinken des erreichten Wohlstandsniveaus und erhebliche soziale Verwerfungen für unsere Gesellschaft befürchten. Was im Einzelnen unserer Republik im Gefolge des schleichenden Bevölkerungsschwunds droht, hat der renommierte Sozialwissenschaftler Franz Xaver Kaufmann in seinem Buch "Schrumpfende Gesellschaft" aufgelistet.

"Der Wegfall des Bevölkerungswachstums und erst recht ein
Bevölkerungsrückgang senkt die Investitionschancen innerhalb eines Wirtschaftsraums und vermindert das Wirtschaftswachstum.
- Der Mangel an beruflichem Nachwuchs und eine verlangsamte
Erneuerungsgeschwindigkeit der Erwerbstätigen Bevölkerung
beeinträchtigen die Durchsetzung von Innovationen und die Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität.
- Ein dauerhafter Bevölkerungsrückgang führt zum Rückgang der Binnennachfrage, vor allem hinsichtlich der Deckung von Grundbedürfnissen, und zu Wertverlusten, vor allem auf den Immobilienmärkten; das Altern der Bevölkerung führt zu erhöhter Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen, deren steigende Preise die Nachfrage nach anderen Gütern reduzieren.
- Die Verschiebung des Verhältnisses zwischen dem Bevölkerungsanteil der Erwerbstätigen und demjenigen der Nicht- mehr Erwerbstätigen intensiviert Verteilungskonflikte um Anteile des Volkseinkommens.
- Das Altern der Wählerschaft veranlasst Politiker, die Bedürfnisse älterer Generationen ernster zu nehmen, als diejenigen der nachwachsenden Generationen.
- Der Rückgang der Frauen im gebärfähigen Alter beschleunigt den Geburtenrückgang exponentiell.
- Es entsteht massenhaft eine Lebensphase zwischen dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem "gebrechlichen Alter", die bisher institutionell und kulturell kaum strukturiert ist."


Diese und andere alarmierende Prognosen, aufgrund derer der eine oder andere Journalist Deutschland bereits auf dem Weg in eine Gerontokratie sieht, sind zwar nicht aus der Luft gegriffen, müssen sich aber keineswegs zwangsläufig erfüllen. Darüber sind sich zumindest jene Demografen einig, die, wie der Statistiker Gerd Bosbach, nicht der Versuchung erliegen, die derzeitige Entwicklung für die nächsten 40 Jahre linear fortzuschreiben, weil sie aus der Vergangenheit um die Unwägbarkeiten wissen, die solche Langzeitprognosen schnell zu Makulatur werden lassen. Welcher Demograf, so Bosbach, hätte etwa 1900 in seine Berechnungen zur demografischen Entwicklung Deutschlands in den nächsten fünf Jahrzehnten zwei Weltkriege einfließen lassen können?

Zu gravierenden sozialen und ökonomischen Verwerfungen dürfte der demografische Wandel nur dann führen, wenn unsere Gesellschaft sich als nicht fähig erweisen sollte, ihr institutionelles Gefüge und ihre Ökonomie rechtzeitig dem veränderten Altersaufbau und dem Rückgang der Bevölkerung anzupassen.

Schaut man sich allerdings an, wie unsere Gesellschaft bislang auf die schleichende Veränderung ihrer Altersstruktur reagiert, dann könnte man Zweifel daran haben, dass sie die richtigen Antworten auf die demografische Herausforderung des 21. Jahrhunderts findet.

Skepsis ist zumindest solange angebracht, wie die Politik allein von der Steigerung der Geburtenrate und des Wirtschaftswachstums die Lösung des demografischen Problems erwartet und die Gesellschaft einem Jugendlichkeitskult huldigt. Das ist schon deshalb fatal, weil die Rechnung der Politik absehbar nicht aufgehen dürfte. Die Hoffnung, die Geburtenrate allein durch finanzielle Anreize zu steigern ohne zugleich das Angebot an Kindertagestätten und die Arbeitsbedingungen für Frauen merklich zu verbessern, könnte sich schon bald als illusionär erweisen. Können Wachstumsraten überhaupt den demografisch bedingten Rückgang der Binnennachfrage und die durch den Altersanstieg der Bevölkerung gestiegenen Kosten für Gesundheit und Pflege kompensieren?

Der ehemalige Bundesvorsitzende der Jungsozialisten Nils Annen hat 2003 auf einem Zeitforum über "Die vergreiste Gesellschaft" den scheinbar zentralen Fehler beschrieben, an dem der Umgang der Politik mit dem demografischen Wandel krankt:

"Unser entscheidendes Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von der Struktur des Lebenslaufs her für eine jüngere Bevölkerung gemacht wurde. Und grundlegende Reformen, in der Bildung, in der Wirtschaft, in der Arbeitswelt, im Gesundheitswesen, sehe ich hier noch nicht. Es wird immer noch in die Vergangenheit geschaut, es werden immer noch in der Gesellschaftsstruktur, die entstanden ist, andere Wege der Finanzierung gesucht."

Nur wenn die Gesellschaft diese Mischung aus einem hartnäckigen Strukturkonservatismus und blindem Marktvertrauen, mit der die Politik auf die Überalterung der Bevölkerung reagiert, nicht länger hinnimmt und massiv auf die notwendigen Strukturveränderungen in den Bereichen Arbeit, Bildung und Soziale Sicherung drängt, kann der demografische Wandel so gestaltet werden, dass er für die nachwachsende Generation nicht zu einem ökonomischen und sozialen Desaster wird.

Das allerdings setzt voraus, dass sie sich absehbar von dem unreflektierten Jugendlichkeitskult verabschiedet, der sich von einem Adoleszenzkonzept zu einem altersübergreifenden kulturellen Leitbild entwickelt hat, das sich in einem jugendlichen Habitus und Lebensstil verkörpert, der in allen Gesellschaftsschichten gepflegt wird. Jugendlichkeit war früher eine Lebensform die allein der noch von den Verantwortlichkeiten der Erwachsenenwelt entlasteten Jugend vorbehalten blieb und als Ausdruck ihrer Opposition gegen die Normen, Werte und Lebenskonzepte der Erwachsenengesellschaft galt. Doch heute scheint sie zu einer möglichen Lebensform für alle Alterstufen mutiert zu sein. Die dahinter stehende Geisteshaltung beschreibt der Soziologe Ronald Hitzler:

"Vom Standpunkt des Erwachsenenseins aus erscheint es ( ... ) für Menschen mit der Geisteshaltung 'Jugendlichkeit' als symptomatisch, dass sie all das, was getan wird, weil es dem Welt- und Selbstverständnis von Erwachsenen zufolge, aus guten Gründen getan werden muss, ebenso praktisch wie beiläufig in Frage stellen. Und zwar dadurch, dass sie es nicht nur nicht tun, sondern dass sie sich schlicht damit nicht befassen wollen. Kurz: dem Protagonisten von Jugendlichkeit ist symptomatischerweise die Erwachsenengesellschaft solange relativ gleichgültig, wie diese ihn hinlänglich akzeptabel versorgt und zugleich in Ruhe lässt."

Befördert wird diese mentale Disposition dadurch, das Jugendlichkeit in unserer konkurrenz- und leistungsfixierten Marktgesellschaft gleichsam zum Pflichtprogramm aller Altersgruppen geworden ist und dadurch jugendliche Verhaltensmuster und Einstellungen zunehmend Einzug in die Erwachsenenwelt halten. Sich dauerhaft körperlich und mental, jung und fit zu halten, ist hierzulande längst zu einem sozialen Imperativ geworden, dem sich niemand dauerhaft verweigern kann, wenn er nicht auf Erfolg, Status und Anerkennung verzichten will. Gilt doch alt und verbraucht oder hässlich und unattraktiv auszusehen, nicht mehr als weitgehend unverschuldetes Schicksal, sondern als ein selbstverschuldeter Makel, auf den zunehmend mit Intoleranz, Mobbing und sozialer Ausgrenzung reagiert wird. In den Medien, der Werbung und der Mode fungiert der alte, faltenreiche und verbrauchte Körper, sofern er überhaupt vorkommt, vorwiegend als abschreckendes Beispiel für diejenigen, die noch nicht bereit sind, mit allen auf dem Schönheits-Verjüngungsmarkt zur Verfügung stehenden Mitteln für ein jugendliches und ästhetisch akzeptables Aussehen zu sorgen.

Allenthalben dominieren junge, fitte und makellos schöne Körper, die der breiten Masse als Vorbilder für ein erfolgreiches, genussvolles und erfülltes Leben präsentiert werden. Als Beleg dafür, dass es jeder in der Hand hat, sich auch im Alter ein jugendliches und attraktives Aussehen zu erhalten, müssen in der Regel wohlhabende, entweder von der Natur begünstigte oder mit den Mitteln der plastischen Chirurgie zurechtgestylte Prominente fortgeschrittenen Alters herhalten. Zu resignieren gilt nicht in diesem verbissenen Wettrennen gegen den altersbedingten Verfall von Körper und Geist. Welch verquere Einstellung zum Alter sich in unserer Jugendlichkeitsgesellschaft zunehmend entwickelt, dokumentiert die Internet-Anzeige eines abgedrehten Personaltrainers, in der er, um neue Kundschaft wirbt:

"Sie haben ein Recht darauf, gesund, fit und gut aussehend zu sein. Denn ohne Gesundheit ist Alles Nichts. Für immer gesund, fit und schlank zu sein, ist leichter als sie es für möglich gehalten haben. Falls Sie mehr Gewicht haben als ihnen lieb ist oder falls der Rücken zwickt. Ändern sie es Jetzt! Sie werden entdecken: Gesundheit, Fitness und Schönheit funktioniert."

Nicht zuletzt dank solcher Appelle und Empfehlungen steht die intensive Bearbeitung des eigenen Körpers mit den reichhaltigen Angeboten der Kosmetik-, Fitness- und Gesundheitsindustrie, notfalls auch mit den Mitteln der plastischen Chirurgie, heute hoch im Kurs. Längst nicht mehr nur bei Frauen, sondern zunehmend auch bei Männern. Selbst junge Menschen, die in der ein oder anderen Hinsicht nicht den von den Medien und der Werbung gefeaturten Körper- und Schönheitsidealen entsprechen, sind in erschreckend großer Zahl bereit, sich unter das Messer eines Schönheitschirurgen zu legen, um sich den Normkörpern ihrer medialen Idole so weit wie möglich anzunähern.

For ever young lautet die Parole, mit der seit Jahren ein gigantische Wachstumsraten erzielender Anti-Aging Markt immer mehr ältere Menschen dazu bewegt, einen erheblichen Teil ihres Einkommens für Salben, Tinkturen Wellness-Angebote und chirurgische Körperkorrekturen auszugeben, um so jung auszusehen, wie sie sich heute dank der verbesserten medizinischen Versorgung und der Abnahme körperlicher Schwerstarbeit fühlen. Die Differenz zwischen dem biologischen und dem gefühlten Alter, ist ein geradezu ideales Einfallstor für eine immer weiter ausufernde Verjüngungsindustrie, die ihre Wundermittel bevorzugt in einem auf jung getrimmten Beautyslang anpreist. Das klingt dann wie in einer Internet-Anzeige der Firma Beautesse, die wohl nur schwer zu toppen sein dürfte.

"BEAUTESSE- das führende Premium-Magazin für Beauty&Well-being im Internet liefert ihnen jede Woche neue Informationen, aktuelle Trends und Beauty-Reports, so wie alles was sie zum Thema Schönheit und Wohlbefinden wissen wollen. Die innovativsten Kosmetik-Produkte, Trends von Beauty-Doc, die schönsten Day Spas und Wellness-Oasen , die besten Relax-Ressorts. ... Fans von Kosmetikneuheiten treffen sich im CLUB BEAUTESSE und holen sich wertvolle Beauty-Boxen als Club- Geschenk. Beauty-Tester bewerben sich um den STAR DER WOCHE -jede Woche ein neues Beauty-Produkt. Kostenlos zum Ausprobieren. Der wöchentliche Newsletter und der tägliche RSS Feed versorgt sie mit allen Informationen."

Zur Jugendlichkeitskultur gehört aber noch mehr als nur ein jugendlich anmutender und makellos schöner Körper. Auch die Dinge, mit denen, wir uns im Alltag umgeben, angefangen von der Armbanduhr, der Kleidung und der Wohnungseinrichtung, bis hin zum Fahrrad und zum Auto müssen so designed sein, dass sie dem Konsumenten als Verkörperungen seines Jugendlichkeitsanspruchs verkauft werden können. Einen besonders signifikanter Beleg dafür, liefert eine Internetanzeige in der ein neues BMW Cabriomodell, einer gut situierten und reiferen Kundschaft als Inbegriff von jugendlicher Schönheit, Kraft und Eleganz anpriesen wird.

"Die schlanke Silhouette, die muskulösen Radhäuser und die markant ausgeprägte Schulterlinie prägen das elegante und jugendliche Design des neuen Cabrios. ..Wie alle BMW 1er ist auch das neue Cabrio sportlich orientiert, drückt aber gleichzeitig Eigenständigkeit und Eleganz aus. .. Das neue Cabrio überzeugt durch ein beeindruckend selbstbewusstes Design ... Die Fahrzeugsilhouette wirkt durch die langen und zugleich rahmenlosen Türen besonders kompakt. ... . Da sich über den Rädern nur wenig Masse befindet, wirkt die Flanke sehr athletisch und straff."

Auch wenn der Wunsch der Menschen möglichst lange jung auszusehen, körperlich fit zu bleiben und ein beschwerdefreies Leben zu führen weder unverständlich noch neu ist, und ein entsprechend pfleglicher Umgang mit dem eigenen Körper erheblich dazu beitragen kann, so hat doch aus der Sicht vieler Psychologen der Kampf gegen das Altern in unserer alternden und schrumpfenden Gesellschaft, streckenweise schon einen pathologischen Zug angenommen. Gemeinsames Kennzeichen der von ihnen diagnostizierten Formen des Jugendwahns, die unterdessen als Peter-Pan oder Dorian-Grey- Syndrom auch einem breiten Publikum geläufig sind, ist die Unfähigkeit einer wachsenden Zahl von Menschen beiderlei Geschlechtes, den fortschreitenden Verfall ihres Körpers als unvermeidliches Schicksal zu akzeptieren und ihr Selbstbild ebenso wie ihre Lebensweise daran anzupassen.

Sie erfahren die sinkende Attraktivität ihres Körpers und den Abbau seiner Leistungsfähigkeit als eine tiefe narzisstische Kränkung, auf die sie mit Depressionen und anderen schwerwiegenden psychischen Erkrankungen reagieren, die in der Regel erhebliche Einschränkungen ihres Alltags bis hin zur Berufsunfähigkeit und dem Verlust jeglicher Lebensfreude zur Folge haben. Dass immer häufiger auch junge Menschen mit dieser Symptomatik in den Praxen der Psychotherapeuten auftauchen, ist ein deutlicher Hinweis auf die pathogene Wirkung des expandierenden Jugendlichkeitskults, für die insbesondere Personen mit einem nur schwach ausgebildeten Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl empfänglich sind.

Dass heute so viele Menschen mit steigendem Alter systematisch beförderten Jugendlichkeitskult einen vergleichsweise hohen zeitlichen und finanziellen Tribut zollen, lässt sich allerdings nicht, wie manche konservative Kulturkritiker glauben machen wollen, einem kollektiven pathologischen Jugendwahn zuschreiben. Die postmoderne Jugendlichkeitskultur, die unterdessen nahezu allen Bereichen unserer Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt hat, ist keinem kollektiven Wahn geschuldet, sondern dem grundlegenden Strukturwandel, der sich in den 90er-Jahren in der Arbeitswelt vollzogen und unserer Gesellschaft einen erneuten Individualisierungsschub beschert hat. Der Übergang vom fordistischen Arbeitsregime hin zu prozessorientierten Arbeitsstrukturen und zur Projektarbeit, der bereits in den 70er eingesetzt hatte, war mit völlig neuen Anforderungen an die Arbeitnehmer verbunden.

Gefragt waren nicht mehr in erster Linie fachliche Qualifikationen und die Bereitschaft ein tariflich ausgehandeltes Arbeitsquantum sachgerecht zu bewältigen, sondern Kompetenzen, die bis dahin vorwiegend im privaten Bereich als Persönlichkeitsmerkmale geschätzt wurden. Jetzt wurde von der Wirtschaft neben ausreichenden Fachkenntnissen ein Optimum an Flexibilität, Mobilität, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität, Offenheit, Belastbarkeit und Leistungsbereitschaft verlangt, Eigenschaften also, über die in dem verlangten Ausmaß vorwiegend junge Menschen verfügen. Nicht umsonst liegt heute das erwünschte Einstellungsalter in der Wirtschaft in der Regel unter 35 Jahren. Gleichwohl wurde dieses jugendliche Kompetenzportfolio zu einem auch für ältere Arbeitnehmer verbindlichen Standard erhoben. Das führte dazu, dass viele von ihnen an ihre Kapazitätsgrenze stießen und entweder ihren Arbeitsplatz verloren oder wenn möglich das Angebot zur Frühverrentung annahmen.

Der auf diese Weise in Gang gekommene Verjüngungsprozess auf dem Arbeitsmarkt wurde in den letzten Jahren von der Wirtschaft durch Rationalisierungsprogramme und Fusionen weiter vorangetrieben, weil der globalisierte Finanzmarkt die Senkung von Personalkosten, mit steigenden Börsenkursen belohnt. Mit dieser Entwicklung verbunden war der Anstieg von befristeten Arbeitsverhältnissen, Mini-Jobs und vor allem der Leiharbeit, mit der Folge, dass immer mehr Arbeitnehmer aufgrund der zwischenzeitlichen Arbeitslosigkeit Schwierigkeiten hatten, die für die Rente notwendigen Berufsjahre nachzuweisen.

Die neue Klasse der Wissensarbeiter, die in großer Zahl im Bereich der neuen Medien, der Informationstechnologie, der Biotechnologie oder im Energie- und Finanzsektor operierten, hatte keine Probleme mit den neuen Arbeitsformen. Entsprachen sie doch ziemliche genau ihrer Vorstellung von Arbeit, als einer kreativen, selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Tätigkeit, im Dienst der Selbstverwirklichung.

Sie empfanden daher den Abschied von den hierarchisch strukturierten und zeitlich regulierten Arbeitsformen der produktionsorientierten Industriegesellschaft als einen befreienden Kreativitätsschub. Dafür waren sie bereit, die klassische Rolle des weisungsgebundenen und sozial weitgehend abgesicherten Arbeitnehmers gegen die des Arbeitskraftunternehmers einzutauschen, der weitgehend eigenständig in befristeten Projekten arbeitet und permanent selbst für seine Beschäftigungsfähigkeit sorgen muss. Für sie ist Jugendlichkeit ein notwendiges Aushängeschild, um im Geschäft zu bleiben.

Der breiten Masse der Arbeitnehmer aber haben die neuen Arbeitsformen, die enorme Beschleunigung der Arbeitsprozesse durch die moderne Informationstechnologie und die rapide Verschlankung der Belegschaften vor allem eine erhebliche Verdichtung der Arbeit ohne entsprechende Einkommenszuwächse beschert. Das Bestreben der Wirtschaft, durch fortschreitende Verdichtung und Beschleunigung des Arbeitsprozesses, die maximale Rendite aus ihrem Humankapital herauszuholen, hat im letzten Jahrzehnt, dazu geführt, dass sich der Zeitpunkt, an dem der einzelne Arbeitnehmer an die Grenzen seiner physischen und psychischen Kapazitäten stößt, immer weiter nach vorne verlagert hat.

Was mit Blick auf den demografischen Wandel die vom Feuilleton, vielfach beklagte Jugendlichkeitskultur, zu einer ernst zu nehmenden Gefahr für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft in der Gegenwart und erst recht in der Zukunft macht, ist ihr hegemonialer Status, unter dem die Alten und die Jugend gleichermaßen zu leiden haben.

Insbesondere die 65-80jährigen die heute als Junge Alte oder als "silver agers" bezeichnet werden, weil sie sich körperlich und mental oft ein gutes Jahrzehnt jünger fühlen als sie sind, sehen sich in der Jugendlichkeitsgesellschaft, die eine konkurrenz- und leistungsfixierte Marktgesellschaft ist, einem nicht unerheblichen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt.

Nicht nur durch die Politik und die Medien, sondern auch und vor allem durch eine soziale Umwelt, die auf den verfallenden Körper, eine merklich verringerte physiologische und mentale Wendigkeit und sichtbare Gebrechen aller Art, zunehmend mit einem vorwurfsvollen, abwehrenden und exkludierenden Verhalten reagiert. Außerdem wird den Rentnern von den jüngeren Generationen gerne vorgeworfen, dass ihre Rentenbezüge zu hoch seien, und sie auf Kosten der kommenden Generationen leben würden. Die Politik hingegen denkt mit Unterstützung der Medien seit Jahren immer lauter darüber, nach in welcher Form die rüstigen Rentner, etwa in Form von unbezahlter Bürgerarbeit, noch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten könnten, um die, die noch arbeiten, steuerlich zu entlasten. Überdies signalisiert sie ihnen durch die schleichende Einschränkung der von den Krankenkassen abgedeckten medizinischen Leistungen und den permanenten Hinweis darauf, dass heute, schon wegen der zunehmenden Finanzierungsprobleme des Gesundheitssystems, jeder für seine Gesundheit ein hohes Maß an Eigenverantwortung übernehmen muss, dass es für sie ratsam ist, alles dafür zu tun, um möglichst lange jung, fit und gesund zu bleiben.

Vor allem der fortschreitende Übergang zu einer Zweiklassenmedizin lässt für die Zukunft der heute noch fitten jungen Alten, nicht Gutes hoffen. Das gilt insbesondere für die jungen Alten, in den bildungsarmen Milieus, die in der Regel nicht über die finanziellen Ressourcen verfügen, um sich die von der Anti-Aging Industrie angebotenen Wellness- und Fitnesspakete leisten zu können. Sie werden in unserer immer rücksichtsloser agierenden Gesellschaft zunehmend als überflüssig empfunden, weil sie im Gegensatz zu ihren betuchten Altersgenossen, nicht einmal für den Markt als Konsumenten interessant sind.

Kaum weniger als die Alten, hat die Jugend unter der hegemonial gewordenen Jugendlichkeitskultur zu leiden. Von allen Seiten als Zukunft unserer Gesellschaft beschworen, in die aber die Politik nicht bereit ist zu investieren, - man denke nur an den katastrophalen Zustand unseres Bildungssystems und das Fehlen einer ressortübergreifenden Jugendpolitik- hat sie heute erhebliche Schwierigkeiten gegen die Normen, Werte und Lebensstile der Erwachsenenwelt eine eigenständige Identität und Lebensform zu entwickeln. Was immer sie in dieser Hinsicht unternimmt, wird von dem unablässig nach Jugendlichkeit dürstenden Markt aufgesogen und als Konsumgut für die Erwachsenengesellschaft aufbereitet. Die sitzt um ihren Bedarf an Jugendlichkeit zu decken der Jugend wie ein Parasit im Nacken, der seinen Wirt unablässig zur Entwicklung immer neuer Jugendkulturen nötigt, um sich ihrer sofort zu bemächtigen. Der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme, zeichnet in seinem Aufsatz Das Verewigen und das Veralten der Jugend ein sehr anschauliches Bild des permanenten Enteignungsprozesses, dem die Jugend heute unterworfen ist:

"Noch niemals wurde jede Attitüde, jede neue oder pseudoneue Regung, Expressivität oder Tonlage in irgendeiner jugendlichen Subkultur, beinahe noch in statu nascendi, vom weltweiten Netz der Scouts aufgespürt, von Verwertungsexperten kalkuliert und von Trendmachern medial aufbereitet. Jugend wird rückstandslos professionalisiert, in Zirkulation gebracht, verbraucht, recycelt, vermüllt. ( ... ) Jugend heißt, als Markt entdeckt und als Promotionfaktor in allen anderen Marktsegmenten implementiert worden zu sein."

Während der überwiegende Teil der mit ausreichenden Bildungskapital ausgestatteten Jugendlichen heute frühzeitig vor dem Konkurrenz- und Leistungsdiktat der Jugendlichkeitsgesellschaft kapituliert und weitgehend illusionslos in die Schlacht um Geld, Macht und Status zieht, bleiben die Bildungsverlierer aus den Unterschichtmilieus frühzeitig auf der Strecke, weil es für sie keine Plätze gibt. Gebraucht werden sie allenfalls von den Medien, die sie in eigens auf die Unterschicht zugeschnittenen Formaten wie "Deutschland sucht den Superstar" oder den nachmittäglichen Talkshows, einem grölenden Publikum, als sozial und intellektuell defizitäre Subjekte präsentiert, die den Menschen zu Hause am Bildschirm ein beglückendes Überlegenheitsgefühl verschaffen.

Der Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes in den letzten beiden Jahrzehnten, macht deutlich, dass Jugendlichkeit ein verhängnisvolles Leitbild für unsere schrumpfende und alternde Gesellschaft ist. Spielt doch die hegemoniale Jugendlichkeitskultur einer renditefixierten Ökonomie in die Hände, in deren Rahmen der grundlegende Umbau des Arbeitsmarktes, des Bildungssystems und der sozialen Sicherungssysteme, den die demografischen Entwicklung erfordert, kaum denkbar ist. Eine Gesellschaft, in der die Kohorte der über 65 jährigen größer ist, als die der unter 25jährigen, kann es sich nicht leisten, die Menschen über 50 aus dem Arbeitsmarkt herauszudrücken und einen erheblichen Teil der nachwachsenden Generation durch die Maschen eines hoch selektiven Bildungssystems fallen lassen. In ihr muss die Arbeit so umverteilt und an die Leistungsfähigkeit der einzelnen Alterskohorten angepasst werden, dass die unumgängliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit von den Menschen als Gewinn und nicht als Zumutung erfahren wird.

Das erfordert u.a. den Verzicht auf einen gnadenlosen und ungesunden Konkurrenz- und Leistungsdruck, die Aufteilung der Lebensarbeitszeit in Phasen der Beschäftigung und der Weiterbildung und vor allem die Beseitigung aller Nachteile, die den Frauen heute durch die Entscheidung für ein Kind, entstehen. Parallel dazu, muss unser selektionsorientiertes Bildungssystem zu einem finanziell und personell gut ausgestatteten System der Begabungsförderung für Kinder- und Jugendliche aus allen sozialen Schichten werden, in dem kein Kind mehr zurückgelassen werden darf.

Diese und alle darüber hinaus notwendigen Strukturveränderungen, erfordern ein grundlegend anderes Steuersystem, eine erhebliche Verringerung der Lohnspreizung und der Renditeerwartungen sowie ein Gesundheits- und Altersvorsorgesystem, in das alle Bürger entsprechend ihrer Einkünfte einzahlen.

Nichts davon lässt sich im Rahmen unserer auf Jugendlichkeit fixierten Marktgesellschaft auch nur ansatzweise umsetzen, solange die Politik die Lösung der zentralen Probleme, die uns der demographische Wandel beschert, an den Markt delegiert.

Derzeit sieht es daher so aus, als ob wir nur die Wahl hätten uns von der Jugendlichkeitskultur, und mit ihr von einer Ökonomie zu verabschieden, die sich von der Gesellschaft soweit abgenabelt hat, dass sie ihre Funktion, den anderen sozialen Systemen die für Funktionieren notwendigen Finanzressourcen zur Verfügung zu stellen, nicht mehr erfüllt, oder aber auf dem in den 90er-Jahren eingeschlagenen Weg fortzuschreiten, an dessen Ende uns eine totalitäre, verrohte und gnadenlose Leistungsgesellschaft erwartet, in der der Markt alles und der Einzelne Nichts ist.

Joachim Weiner ist Bildungssoziologe und Veranstaltungsmacher. In zahlreichen Publikationen, darunter auch Hörfunkbeiträge, hat er sich in den vergangenen Jahren mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen befasst. Vor allem reflektierte er den Stand der bildungspolitischen Diskussion in Deutschland. Dabei ist er stets als prononcierter Kritiker der hiesigen sozialökonomischen Verhältnisse in Erscheinung getreten. Im Rahmen seiner in lockerer Folge veröffentlichten Serie "Leitbilder der Leistungsgesellschaft erschienen auch Hörfunkbeiträge über "Coolness", "Bildung" und "Leistung".

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