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StartseiteLyrixJuli 2014: Zufall01.07.2014

Juli 2014: Zufall

Im Juli ist »lyrix« im Ludwigsburg Museum. Findet eure Inspiration in Gedichten von Dagmara Kraus und in Justinus Kerners Klecksografien.

Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)
Würfelspiel (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)

Was ist eigentlich Zufall? War der Urknall und die Entstehung der Erde ein unglaublicher Zufall der Natur - oder folgt alles einem göttlichen Plan? Ist der Verlauf unseres Lebens zufällig oder doch schicksalhaft vorherbestimmt?

Stellt euch vor, ihr fahrt ans andere Ende der Welt und trefft ausgerechnet dort Leute, die aus dem gleichen Heimatort kommen wie ihr. Es gibt zahlreiche solcher Beispiele: Man denkt an eine Person, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, und genau in diesem Augenblick ruft sie an. Oder man schlendert die Straße entlang, summt dabei ein Lied und genau dieses Lied läuft eine Minute später laut im Radio eines vorbeifahrenden Autos. Ganz ähnliche Geschichten passieren immer wieder, sie faszinieren uns, da wir solche Zufälle nicht erklären können. Aber kann man den Zufall beeinflussen? Über diese Fragen streiten sich Philosophen seit Hunderten von Jahren. Doch auch in anderen Bereichen, wie der Mathematik, spielt der Zufall eine Rolle. Mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung versucht man ihm beispielsweise eine Ordnung zu geben. Auch in verschiedenen Kunstformen wird der Zufall bewusst als Mittel genutzt:

Tintenklecksbilder, sogenannte "Klecksografien", entstehen beim Zusammenlegen eines Papierbogens über noch nicht getrockneter Tinte. Die verlaufende Farbe bildet filigrane oder flächige Muster, aus deren Umrissen sich mit Fantasie Verschiedenstes lesen und deuten lässt. Das Ergebnis ist nicht im Vorhinein beeinflussbar – eine spielerische Kunst des Zufalls.

 

 Tintenklecksbilder, die sogenannten €žKlecksografien", entstehen beim Zusammenlegen eines Papierbogens über noch nicht getrockneter Tinte. Die verlaufende Farbe bildet filigrane oder flächige Muster, aus deren Umrissen sich mit Fantasie Verschiedenstes lesen und deuten lässt. Das Ergebnis ist nicht im Vorhinein beeinflussbar - eine spielerische Kunst des Zufalls. (Ludwigsburg Museum)Klecksografie von Justinus Kerner (Ludwigsburg Museum)

 

Der in Ludwigsburg geborene Arzt und Schriftsteller Justinus Kerner kultivierte die unbeabsichtigt beim Falten von Briefseiten entstandenen Klecksbilder als eigene Kunstform und dichtete zu ihnen.

Probiert es doch selber einmal aus und lasst euch von Klecksografien inspirieren: Greift zu Papier, Tinte und Stift - kreiert eure eigenen Tintenbilder und lasst euch vom Zufall leiten.

 

Ein weiteres Beispiel für die Verknüpfung von Kunst und Zufälligkeit bietet die Autorin Dagmara Kraus. In ihrem Gedicht "ey phoebus" bildet sie ein Anagramm der ersten sechs Verse von Sibylla Schwarz' "Mein Alles ist dahin". Ein Anagramm, auch bekannt als "Schüttelwort", bezeichnet ein Wort, das durch die Umstellung einzelner Buchstaben eines anderen Wortes entstanden ist. Bei Gedichten werden häufig ganze Zeilen zu einem Anagramm umgestellt.

 

ey phoebus
anagramm

mainil um nut, stirntosen. indes hallt es, dein lied,
die zeile frost in meinen riemen, manch trieb
hisste konen, fiebergesichte. wallhin isst wer vom duft,
isst das wir (eden blich), bittbildes herziterative tiervieh
– tyrann; kinnhoch mied ich dich, nachtnest, zickig dann,
todin, rot, irr liebsiech. bleibe : hymne mich

für A. M. H.

 

(Sibylla Schwarz - Mein Alles ist dahin)  

Mein Alles ist dahin / mein Trost in Lust und Leiden /
mein ander Ich ist fort / mein Leben / meine Zier /
mein liebstes auff der Welt ist wegk / ist schon vohn hier.
(Die Lieb' ist bitter zwahr / viel bittrer ist das Scheiden.)
Ich kan nicht vohn dir seyn / ich kan dich gantz nicht meiden /
O liebste Dorile! Ich bin nicht mehr bey mir / [...]

 

Auch Dagmara Kraus' Gedicht "vermotzling" entstand teilweise durch Zufall: Und zwar mit Hilfe des Denckrings von Georg Philipp Harsdörfer. Auch wenn es beim ersten Lesen inhaltlich wenig Sinn zu ergeben scheint, folgen die Wörter doch einem poetischen Strom.

 

vermotzling

befodsiges gegenrupflein / vonfözen erongbar !
abschwymter / obenpubslein sonderstöpslich !
söser schnades ! unterbubster abquörtling !
blörscher schongser / anstörtzling / entlördtling !
hurfbar / entkrohtbar ! erbresslich abstruder
unrunscher ! niedermannhafft zuveipig !
herbuscher vonstutsal mitstöhmling ! bohsling !
zerbulstlein ! oblömmling ! schläpter losnöbblein
sonderbrautheit / mitthängsischer schmönfes !
wegentraumsal abschneurchlich ! unterrumfling !
mißtrifung ! töftlein autbar / schwitzsam / rössicht !
wieschnukeit / wegschnukeit / söhler losienges
loslökkef gröndtniß ! einpfriemmling fürpflöheit !

(beide aus Dagmara Kraus, kummerang, kookbooks 2012, Abdruck mit freundlicher Genehmigung von kookbooks)

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Zufall gemacht? Glaubt ihn an ihn oder denkt ihr, alles ist vorherbestimmt? Und für den Fall, dass ihr zur Inspiration eine eigene Klecksografie anfertigt – schickt uns doch ein Foto von eurem Zufalls-Kunstwerk mit!

Wir freuen uns auf eure Einsendungen und Zufallsgeschichten! 

 

Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage.
Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.

 

(Foto: Katja Zimmermann)Dagmara Kraus (Foto: Katja Zimmermann)Dagmara Kraus, geb. 1981 in Wrocław. Studium der Komparatistik, Kunstgeschichte und des Literarischen Schreibens in Leipzig, Berlin und Paris. Schreibt und übersetzt Gedichte. kummerang, Berlin 2012; kleine grammaturgie, Solothurn 2013; revolvers für flubis, Berlin 2013. Miron Białoszewski, Wir Seesterne, Leipzig 2012; Edward Stachura, der punkt überm ypsilon, Berlin 2013.

   

Außenansicht des Ludwigsburg Museum (Foto: Roland Halbe)Außenansicht des Ludwigsburg Museum (Foto: Roland Halbe)Das Ludwigsburg Museum zeigt die vielseitige 300-jährige Geschichte der Stadt. Die ständige Ausstellung des Museums bietet Einblicke, wie die württembergischen Herzöge ihre Idealstadt formten und was aus ihren Plänen wurde: Nach der Gründungszeit kamen neue Ideengeber und entwarfen eigene Vorstellungen. Als Garnison, kulturelles Zentrum und Wirtschaftsstandort erhielt Ludwigsburg neue Aufgaben und neue Gesichter. Ausgewählte Exponate bringen in abwechslungsreich gestalteten Themenräumen die Entwicklung der Stadt nahe, erzählen von ihren Bewohnern und laden dazu ein, Ludwigsburgs unbekannte Seiten zu entdecken.

 

Die Unterrichtsmaterialien für Juli 2014 zum Download!

 

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