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StartseiteKultur heuteJunge deutschsprachige Literatur im Ring12.11.2012

Junge deutschsprachige Literatur im Ring

Der 20. Berliner Wettbewerb Open Mike

Auf dem Literatur-Nachwuchswettbewerb Open Mike konnten junge Literaten für 15 Minuten ihre Texte vorstellen. 21 Autoren haben mit ihren Prosa- und Lyriktexten um die Wette gelesen und sich um Preise sowie um die Aufmerksamkeit von Verlegern bemüht.

Von Cornelius Wüllenkemper

Junge Literaten lesen am Mikro um die Wette. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Junge Literaten lesen am Mikro um die Wette. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Worüber schreiben junge Leute, wenn die großen historischen Umwälzungen vorüber, die ideologischen Debatten verstummt sind, und die Systemfrage auch angesichts der Dauerkrise nicht nachdrücklich gestellt wird? Die Frage nach den Stoffen, oder ob es für gute Literatur nur einen guten Stil braucht, stand beim diesjährigen Open Mike im Mittelpunkt. Sechs Lektoren großer Verlage wählten aus 634 eingesandten Prosa- und Lyriktexten 21 aus. Deren Autoren lasen um Preise, Preisgelder, und vor allem um die Aufmerksamkeit von Verlegern und dem Publikum um die Wette. Bevor die Jury nach zwei Tagen und 6,5 Stunden Lesungen den 1. Prosapreis an einen der jüngsten Teilnehmer, den 23-jährigen Hessen Juan S. Guse verlieh, ging Lektor Daniel Beskos mit der jungen Schriftstellergeneration ins Gericht:

"Wir hätten uns da oft eine bestimmte Rohheit gewünscht, mehr Kanten, mehr Reibungen. Es scheint so zu sein, dass die Themen quer über alle Einreichungen – und das ist ja schon seit Jahren auf dem Open Mike als Tendenz zu beobachten – sich aus der eigenen Anschauung speisen, aus dem was einem vertraut ist, Familie, Freunde, Beziehungen. Politische Themen oder gewagte literarische Experimente sind in der Prosa wirklich eine Ausnahme, und auch gute Dialoge findet man leider nur selten."

Soweit so kritisch die Einschätzung von Daniel Beskos. Der Siegertext von Juan S. Guse konnte die Jury denn auch aufgrund der Wucht seiner Sprache, "syntaktisch komplex aber immer klar", so hieß es, überzeugen. "Pelusa" erzählt einen halb traumatischen, halb surrealistischen Ausschnitt aus dem Leben eines Paares in einem einsamen Haus am Rande der Anden.

"Seitdem Pelusa ihre Finger an einen Hund verloren hat und sie es ablehnte, sich ihre Fußzehe als Daumen transplantieren zu lassen, sammeln wir keine Früchte mehr im Wald, sondern fahren stundenlang raus in die nächste Ortschaft, um Obst zu kaufen, das wir verkochen und zu Marmelade verarbeiten. Sie klemmt das letzte Glas mit ihrer rechten Ellenbeuge fest und dreht den Deckel mit der linken Hand zu. Ich stehe hier, vor dem Fenster, und spüle. In den Innenrändern des Topfes hat sich verbrannte Marmelade eingenistet. Mit dem Scheuereisen kreise ich den Boden des Topfes ab, während Pelusa mir die Dinge nennt, die ich falsch mache."

Bedroht von wilden Hunden und einem Sturm, geht es hier um Pelusa, die den Ich-Erzähler mit ihrem Kind verlässt, ein Fahrrad, das auf sich warten lässt und die Reparatur eines zerborstenen Fensters. Wer daraus Literatur macht, hat den 1. Preis womöglich verdient. Und sonst? Eine eigentümliche Ähnlichkeit vieler Texte in Inhalt und Ton war festzustellen: Da ging es um unsichere Beziehungen zwischen Freundschaft, Liebe oder doch nur Sex, die in lakonisch-kurzen Sätzen erzählt werden, durch die eine gewisse Ratlosigkeit - oder ist Gleichgültigkeit? - durchscheint. Kerstin Schubert las einen perspektivisch wirklich brillant geschriebenen Text über eine zwanghafte Frau mit Asperger-Syndrom. Verena Boos legte eine gut geschriebene Reportage über die Aushebung eines Massengrabs der Franco-Diktatur vor – mit Literatur hatte das allerdings wenig zu tun. Und dann war da Joey Juschka, die mit ihrem eigenständigen, unprätentiösen Text über Berliner Jugendliche des "Vereins zum Schutz alleinlaufender Frauen" aus dem Rahmen fiel.

"Ich sehe schon die erste Frau zum Beschützen: Direkt vor uns läuft eine Blondine die Treppe herunter, so dunkelblond, gewelltes Haar, enges T-Shirt. Stöckelschuhe. Die ist so ein typisches Opfer: Die guckt ganz verletzlich und auf so was fahren die ab, die Spinner. Ich nenn sie einfach Spinner, weil sonst haben die nichts gemeinsam: Das geht querbeet, durch alle Rassen und Altersstufen und durch alle Grade von Blödheit."

Für diesen literarischen Realismus, wie er beim Open Mike sonst nicht zu hören war, erhielt Joey Juschka zurecht den Publikumspreis. Im Bereich der Lyrik machte der erst 22-jährige Martin Piekar das Rennen. Auch in seinen Gedichten fand sich wieder die Themensuche im eigenen Inneren und die weitgehende Abwesenheit von jugendlicher Experimentierlust:

"Ich fühle mich so Bastard zwischen Wüste
Und Oase. So halb und halb,
so weder
doch kein Wechselbalg.
Stünde ich im Bilde, trüge ich
Ein schwarzes Hemd,
statt des weißen, aber ich
würde so schauen wie Edward James:
aus dem Bild hinaus."

Der 20. Open Mike Wettbewerb scheint Hans Magnus Enzensbergers Behauptung zu belegen, dass wir in einem "ereignislosen Jahrzehnt leben". Die Frage ist, ob Literatur unbedingt große Stoffe braucht. Einige der Texte konnten dies widerlegen. Und dennoch gibt es zum Glück noch Luft nach oben: Sowohl bei den Texten, die erstaunlich professionell geschrieben und vorgetragen wurden, hochkonzentriert wie auf der Zielgraden zum Buchmarkt. Und auch beim Open Mike, der erstmals im Heimathafen Neukölln stattfand, mit 30 Prozent mehr, vornehmlich jugendlichen Besuchern, größerer Bühne, Fernsehberichterstattung, umfangreichem Rahmenprogramm, und erstmals auch mit Liveblog. Das alles ist erfreulich, wenngleich es im Bereich der Literatur ohne das Rohe, Kantige, Schräge schnell langweilig wird.

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