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StartseiteTag für TagProvokation um jeden Preis12.10.2016

Junge SalafistenProvokation um jeden Preis

Eigene Musik, eigene Sprachcodes, eigene Moral: Salafismus trägt Züge einer Jugendmode. Wer sich anschließt, rebelliert gegen Schule, Eltern und Gesellschaft. Helfen solche Ansätze, um Jugendliche vor Islamismus zu bewahren? Eine Hamburger Tagung stellt Präventionsideen vor.

Von Mechthild Klein

Ein Mann schaut sich eine Internetseite über den sogenannten 'Islamischen Staate' an. Insbesondere durch das Internet als Plattform für Extremisten radikalisieren sich heute junge Menschen. (imago / Reporters)
Insbesondere durch das Internet als Plattform für Extremisten radikalisieren sich heute junge Menschen (imago / Reporters)

Ihre Hymnen kann man leicht im Internet finden und mitsingen: Naschids, Lieder, die zum Kampf mit dem Schwert aufrufen – für den Islam, gegen die angebliche Tyrannei des Westens. Diese Musik hören auch Neo-Salafisten. Sie haben ihre eigene Kleidung, ihren eigenen Sprachcode und jede Menge Vorschriften – viele äußere, sichtbare Zeichen. Salafisten bieten Jugendlichen eine neue Identität und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer weltumspannenden Gemeinschaft. Eben eine neue Familie mit einer Ideologie, die allerdings kaum hinterfragt wird.

"Es ist wichtig im Blick zu behalten, dass Radikalisierungsprozesse eben nicht nur bestimmte Biographien betreffen, bestimmte soziale Milieus, sondern letztlich jeder Jugendliche, jeder junge Erwachsene davon betroffen sein kann. Das heißt, Prävention muss auch diese Zielgruppe im Blick haben."

Götz Nordbruch ist Islamwissenschaftler und arbeitet für Verein Ufuq in Berlin. Ufuq ist arabisch und heißt "Horizont" -  der Verein ist bundesweit Ansprechpartner für Institutionen und Pädagogen zum Thema: Jugendkultur, Islamismus und Salafismus. Nordbruch warnt vor einer vorschnellen Verurteilung von jungen Menschen,  die den Salafismus für sich entdecken. Grundsätzlich macht Nordbruch mehrere Andock-Ebenen aus, wo Salafisten gezielt Jugendliche anwerben.

Auf der Suche nach einem Neuanfang

Die Welt der Neo-Salafisten kennt nur Schwarz oder Weiß. Sie, die wahren Muslime – dort diejenigen, die auf dem Irrweg gehen. Die Islamwissenschaftlerin Nedra Ouarghi versucht, solche extremen Positionen zu entschärfen. Sei es in der Präventionsarbeit des Hamburger Vereins "Legato" oder auch in den Moscheen der Hansestadt. Ouarghi stellt auch im Auftrag des islamischen Dachverbands Schura sicher, dass in ihren Moscheen eine Jugendarbeit geleistet wird, in der radikale Positionen keine Chance haben. "Meine Beobachtung ist, das auch für viele dieser jungen Leute, also Mädchen, die konvertieren, aber auch Jungs, die konvertieren (…) die dann übereifrig sind. Und verlieren dann sozusagen den Fokus und kommen dann selber nicht mehr zurecht. Auch von Druck, den sie sich selber antun, nicht immer von außen und dass dann so gut wie möglich machen wollen, alles was mit Religion zu tun hat. Für sie ist dann alles Religion."

Das Projekt "Legato" in Hamburg wendet sich an Familien und Pädagogen, wie man gemeinsam mit radikalisierten Muslimen umgehen kann. Viele Neo-Salafisten sind auf der Suche nach einem Neuanfang, sind vielleicht in der Schule oder im Job gescheitert, haben familiäre Probleme oder sich von Freund oder Partnerin getrennt – all das kann ein Auslöser sein, warum Jugendliche einen Neuanfang suchen.

"Und der Salafismus ist sozusagen, die radikalste Form eines Neuanfangs. Weil man dort bei Null wieder anfängt. Man kann die Sünden, das Scheitern hinter sich lassen und ist plötzlich Teil der Avantgarde, die für die gute islamische Gesellschaft kämpft."

Doch es gibt Wege der Prävention, sagt der Islamwissenschaftler. Er verweist auf Konzepte der Gewaltpräventions- und Ausstiegsprogramme der extrem rechten Szene. Bevor Jugendliche in Rechtsextreme und Dschihadisten-Gruppen abdriften, teile Sie ähnliche Frustrations-Erlebnisse und sind auf der Suche nach einer neuen Identität. Prävention heißt daher, die Sorgen der Jugendlichen auch ernst zu nehmen.

"Es ist wichtig, den Kontakt zu behalten, das Gespräch zu suchen. Und Jugendlichen den Eindruck zu geben, trotz ihrer radikalen Antworten, die sie geben, trotz ihres radikalen Verhaltens, die Chance haben, zurückzukommen, ernst genommen zu werden. Das falscheste, was man machen kann, ist die Tür zuzuschlagen und das Gespräch abzubrechen."

In jeder Provokation ein Gesprächsangebot sehen

Nordbruch ist Islamwissenschaftler, aber vor allem auch Pädagoge. Das wichtigste sei, den Jugendlichen zuzuhören – selbst wenn man keine Antworten auf die Fragen habe. Es geht darum, Diskussionsräume zu schaffen.

"Ich glaube, man kann viel bewirken als Lehrer, oder auch als Mutter oder Vater, dass man deutlich macht: Es gibt Konflikte, auf die ich auch keine Antwort hab. Und mit dieser Unsicherheit kann ich leben. Das ist schwer, aber ich kann damit leben. Das ist etwas, was in der Gesellschaft heute natürlich immer wichtiger wird, dass ich damit zurecht komme, dass ich unsichere Momente erlebe."

So sollen in der Präventionsarbeit Kinder und Jugendliche damit konfrontiert werden, dass es normal ist, auch mal frustriert zu sein oder ohnmächtig – dass das nicht das Ende der Welt ist. Die Frustrationstoleranz gilt aber auch für die andere Seite. Aber was macht man, wenn ein Schüler IS-Symbole an die Wand der Schule schmiert?

Götz Nordbruch rät, in jeder Provokation ein Gesprächsangebot zu sehen. "Denn das ist es letztlich – jeder 16-Jährige will provozieren ... bei vielen Jugendlichen ist es dieses stolze Muskelzeigen, dieses Mackergehabe, das Verteidigen des Islam oder bei manchen eben auch das Spiel mit Symbolen von dschihadistischen Organisationen. Dahinter steckt meines Erachtens weniger der Wunsch nach Religiosität (...), sondern es geht eher darum sichtbar zu werden. Zu zeigen, wer man ist, überhaupt gehört zu werden, Selbstwirksamkeit zu erfahren."

Zuhören, Gesprächsräume öffnen - das wirkt doch sehr hilflos und gesprächstherapeutisch. Es scheint, als verschieben sich hier auch die Grenzen des Umgangs miteinander – wenn jeder Provokation mit Verständnis begegnet wird. Offensichtlich steht hier die Präventionsforschung noch ganz am Anfang.

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