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StartseiteKalenderblattMit dem Balkanzug von Berlin nach Konstantinopel15.01.2016

Jungfernfahrt vor 100 JahrenMit dem Balkanzug von Berlin nach Konstantinopel

Wer vor 100 Jahren etwas auf sich hielt und wer es sich leisten konnte, der reiste mit der Eisenbahn. Der Orient-Express ist heute noch Legende, aber seinerzeit hatte er einen Konkurrenten: den Balkanzug. Um die Jungfernfahrt von Berlin nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, zur Zeit des Ersten Weltkrieges wurde viel Aufsehen gemacht.

Von Regina Kusch

Foto von 1915 von dem Balkanzug. (imago/United Archives)
Luxus und Abenteuer vor 100 Jahren - von Berlin nach Konstantinopel. (imago/United Archives)
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"Das ist wirklich ein Freudentag für uns alle! Der erste Balkanzug personifiziert den Triumph unserer Waffen und unserer Industrie. In dem Augenblicke, da wir von Berlin nach Konstantinopel fahren können, haben wir den Beweis dafür erbracht, dass der Sieg unser ist."

Der deutsche Schriftsteller und Frontberichterstatter im Ersten Weltkrieg Ludwig Ganghofer gehörte zu den zahlreichen Ehrengästen, die zur ersten Fahrt geladen waren. Mit Tannengirlanden geschmückt und von Jubelrufen der Schaulustigen begleitet, brach der Balkanzug am 15. Januar 1916 vom Berliner Anhalter Bahnhof nach Konstantinopel auf, via Dresden, Prag und Wien. Ein zweiter Zug startete am Bahnhof Friedrichstraße und nahm die Strecke über Breslau. In Ungarn wurden beide Teile vereinigt. Zwei Dutzend Journalisten sollten Bericht erstatten. In Dresden stieg sogar der sächsische König Friedrich
August III. zu. Der Eisenbahnhistoriker Friedhelm Ernst:

"Man muss sehen, dass damals die erste Hälfte des Ersten Weltkriegs für Deutschland Erfolge gebracht hatte, militärische Erfolge. Demzufolge weitete man auch das Interessensgebiet und den Einflussbereich aus. Es war ein Streben nach Macht."

Balkanzug sollte Orient-Express überholen

Sofort nach dem Sieg über die serbische Armee setzten Deutschland, Österreich und Ungarn gemeinsam den Balkanzug ein. In aller Eile war die zerstörte Schienenverbindung zwischen dem Kaiserreich und seinen osmanischen Verbündeten wiederhergestellt worden. Man fuhr in Konkurrenz zum luxuriösen Orient-Express, der von den Kriegsgegnern Frankreich und Belgien betrieben wurde. Zwei Schlafwagen, je ein Sitzwagen mit preußisch blauen Polstern für die erste und zweite Klasse und, das war das Wichtigste, ein Speisewagen sollten den Reisenden einen ähnlichen Komfort bieten.

"Man hatte eine Art von Kronleuchtern in den Speisewagen damals. In vielen Speisewagen gab es Gardinen, sie hatten ein zweites Fenster auf halber Höhe innen noch einmal vor das Hauptfenster gesetzt, um vor Zugluft bewahrt zu sein. Und sie hatten viele Spiegel bzw. auch künstlerisch gestaltete Bilder an den Seitenwänden im Speisewagen drin."

Der österreichische Publizist Karl Kraus stellte in seiner satirischen Zeitschrift "Die Fackel" einen Bericht über einen serbischen Flüchtlingszug dem des mitreisenden Journalisten Julius Hirsch gegenüber, der die propagandistisch inszenierte Jungfernfahrt so dokumentiert hatte: (*)

"Budapest hatten wir einige Minuten vor 12 Uhr nachts verlassen. Man hatte uns dort mit magyarischer Glut empfangen. Die Zigeunermusik freilich fehlte; die fiedelt jetzt eins den Russen zum blutigen Tanz, und das ist wichtiger. Wir fahren durch die dunkle Einsamkeit der Puszta. Es ist noch keine Restauration im Betrieb, und der Speisewagen erwartet uns erst wieder um 2 Uhr nachmittags in Nisch. An sanften Waldbergen vorbei führt der Schienenstrang nach Jagodina. Die zierliche Moschee mit dem maurischen Tore und dem schlanken Minarett interessiert heute alle weniger als die kleine Hütte im Bahnhof, in der ein deutscher Soldat heißen Tee schenkte."

Unangenehme Grenzkontrollen zum Schutz vor Geheimagenten des Feindes

Ab Serbien ging die Fahrt, vorbei an den einstigen Schlachtfeldern, durch besetztes Gebiet. Weil bekannt war, dass auch Geheimagenten diese Strecke nutzten, waren die Kontrollen besonders streng. Jeder Reisende brauchte einen Pass mit Lichtbild und einen Passierschein der deutschen und österreichischen Militärbehörden.

"Die Grenzkontrollen waren das Unangenehmste, was es seinerzeit gab. Und hier setzt der Komfort des Schlafwagens ein. Die waren sehr beliebt, weil man eben weniger gestört wurde."

Die militärischen Entlausungsvorschriften galten jetzt auch für Zivilisten, die eine Bescheinigung vorweisen mussten, dass sie ungezieferfrei waren. Doch trotz solcher Unannehmlichkeiten stimmte auch der Korrespondent der "Berliner Zeitung am Mittag" in die Lobgesänge auf den Balkanzug ein.

"Mit preußischer Pünktlichkeit kamen wir über die türkische Grenze. An allen Bahnhöfen, die wir jetzt durchfuhren, bildeten Gruppen von Türken und einige Türkinnen in ihrer malerischen Tracht mit Händeklatschen und Zurufen Spalier. Sie waren aus ihren weit entfernten Dörfern herbeigeeilt, um dieses Weltereignis mitzuerleben."

Zweimal wöchentlich legte der Balkanzug die gut 2.000 Kilometer lange Strecke zurück.


Anm. d. Red.: An dieser Stelle wurde eine Korrektur vorgenommen.

 

 

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