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StartseiteLyrixJuni 2012: Der Irrsinn dieser Welt01.06.2012

Juni 2012: Der Irrsinn dieser Welt

In unserer Welt läuft vieles verkehrt. Immer wieder wundert man sich, warum Dinge so passieren und nicht anders, warum Politiker jene Entscheidungen treffen und andere nicht, warum Menschen oft so handeln, dass anderen Schaden entsteht, statt einander zu helfen. Die Welt ist in vielen Bereichen irrsinnig, und gerade Kinder erkennen das meist schon früh. Sie beginnen Fragen zu stellen, auf die Erwachsene oft keine Antworten wissen.

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Fotograf: Sven Adelaide
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Fotograf: Sven Adelaide
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Downloads:

lyrix-Juni2012-PDF-Deutschunterricht

Warum führen Menschen Kriege? Warum gibt es Umweltverschmutzung? Wieso sterben Tiere aus? Wieso gibt es Superreiche und ganz Arme? Warum lernen wir Menschen nicht aus unseren Fehlern? Was findet ihr, ist der Irrsinn unserer Welt? Woran sind wir Menschen selbst schuld? Dichtet über diesen Irrsinn. Ihr könnt wie immer reimen oder nicht reimen, sucht euch eine freie Form, denn der Irrsinn lässt sich nicht in Formen pressen, das zeigt auch Jakob van Hoddis’ Gedicht. Vielleicht aber lässt er sich in Worte einfangen und begreifbar machen. Wir sind ganz gespannt auf eure Sicht auf die Welt – und ihren Wahnsinn.

Einsendeschluss ist der 30. Juni 2012!

Hier findet ihr die lyrix-Regeln zum Nachlesen.
Für den Versand eures Gedichts findet ihr hier eineE-Mail Vorlage.

In den Bildern der Künstler Franz Radziwill und Bernhard Heisig findet der Irrsinn dieser Welt auf zwei ganz unterschiedliche Arten Widerhall. Den Strand von Dangast malte Radziwill 1929 eigentlich meisterhaft realistisch und detailgetreu, ergänzt jedoch um das Flugboot, das surreal über der ganzen Szenerie schwebt. Zwar gab es damals tatsächlich Ansätze, Flugboote zu entwickeln, das Flugboot im Bild steht aber eher für alle Verheißungen und vielleicht auch Bedrohungen der Moderne, denn Radziwill hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu den Entwicklungen der modernen Technik. Symbolisch wirkt der Himmel im Gemälde düster und bedrohlich.

Auch in Bernhard Heisigs Mechanismen des Vergessens werden Wirklichkeit und Traumwelt vermengt. Heisig verarbeitet in dem Bild seine Kriegserlebnisse. Der Maler erlebte den Zweiten Weltkrieg als deutscher Soldat und war später Kriegsgefangener. Das Bild zeigt viele Motive, reale und surreale, die wie Versatzstücke zusammengefügt sind. Es beinhaltet auch Referenzen auf andere Künstler wie Otto Dix und verweist immer wieder auf die traumatischen Kriegserlebnisse Heisigs. Die Uhr im Bild, die "fünf nach zwölf" zeigt, kündet von Endzeitstimmung. Dass Krieg einer der größten Irrsinne unserer Welt ist, wird in diesem Bild mehr als deutlich.

Aus rechtlichen Gründen konnten wir euch die Bilder von Franz Radziwill und Bernhard Heisig nur im Zeitraum vom 01.-30. Juni zur Verfügung stellen. Sie sind daher an dieser Stelle nicht mehr vorhanden. Betrachten könnt ihr die Bilder aber auch auf den Internetseiten des Landesmuseums Oldenburg:

Strand von Dangast mit Flugboot und Mechanismen des Vergessens


Weltende
von Jakob van Hoddis

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.



Jakob van Hoddis schrieb sein Gedicht "Weltende" Anfang des 20. Jahrhunderts, es wurde 1911 erstmals veröffentlicht. Damals änderte sich viel in der Welt: technischer Fortschritt, Ende des Deutschen Kaiserreichs, der nahende Halleysche Komet – Diese Angst vor der Apokalypse, die in der Gesellschaft umging, wird in dem Gedicht aufgegriffen.
Van Hoddis betrachtet das alles in seinen abgehackt wirkenden Zeilen sehr nüchtern, fast absurd reiht er die Ereignisse aneinander, schafft Gegensätze: "Die meisten Menschen haben einen Schnupfen" – dies scheint angesichts drohender Katastrophen, Fluten und stürzenden Eisenbahnen bedeutungslos. Aber van Hoddis überzeichnet hier jene Menschen, denen das eigene Zipperlein bedeutender ist als die großen Katastrophen der Welt. Dieser Egoismus bei der Gewichtung von Problemen, stets nur Dinge für wichtig zu halten, die einen selbst betreffen – das ist Irrsinn, den wir täglich in den Nachrichten erleben können. Mit seinem Gedicht gilt van Hoddis als einer der Begründer des lyrischen Expressionismus, der von Auflösung, Chaos und Orientierungslosigkeit geprägt ist, und das in seiner Form genauso wie inhaltlich. Deshalb hat das Gedicht kein Reimschema und auch sonst wenig Ordnung, wie man sie aus klassischen Gedichten kennt.

Die begleitenden Unterrichtsmaterialien für den Deutschunterricht stehen hier als PDF zum Download zur Verfügung:

lyrix-Juni20120-PDF-Deutschunterricht

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