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StartseiteLyrixJuni 2016: Such ich von oben Muster01.06.2016

Juni 2016: Such ich von oben Muster

Im Juni sucht lyrix nach Mustern: Wir schauen von oben auf Muster von Stoffen und Bildern, aber auch auf Gedanken- und Lebensmuster. Können wir die Muster mit einem Blick von oben erkennen? Fügen sich so die kleinen Details in ein großes Ganzes? Lasst euch von dem inspirieren, was Ann Cotten in ihrem Text „Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)“ geschrieben hat und schaut euch das aufwendig gemusterte Zehdenicker Altartuch aus der Nikolaikirche, Stiftung Stadtmuseum Berlin, an.

Menschen gehen über den Monastiraki-Platz in Athen (picture-alliance / dpa / Orestis Panagiotou)
Menschen gehen über den Monastiraki-Platz in Athen (picture-alliance / dpa / Orestis Panagiotou)

Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)

Hier werden Noppen, nein, wie soll man sagen,
hier werden Schlaufen angebaut. Auf ihnen
gehen Diplomaten und wir. Und unten geht es
je Schlaufe einmal senkrecht hoch – die Jugend -
und biegt sich um und krümmt sich wieder in den Staub.
Und jede Schlaufe führt zu einer neuen Schlaufe,
an der man ziehen könnte, um die erste zu verkleinern.
Und jede ist selbst ein Gemisch von Fäden,
die schlängeln sich und eilen unaufhörlich,
sich und einander festigend in ihren Meinungen.
Such ich von oben Muster in der öden Wust,
kann ich nur streicheln, streicheln,
die Finger in das kraulen, was dann nachgibt,
meine Gedanken verwirrt und alle Tränen aufsaugt

Text: Ann Cotten

Habt ihr mal auf den Boden runtergeschaut, auf dem ihr geht? Vielleicht steht ihr gerade auf buntgemusterten Fliesen oder einem von Rissen durchzogenen Bürgersteig? Wenn ihr dann von oben eure Füße auf diesem Boden fotografiert und das Bild bei Instagram hochladet, seid ihr nicht allein: Unter dem Hashtag #ihavethisthingwithfloors gibt es mehr als 300.000 Einträge, die Fundstücke von Bodenmustern auf diese Art zeigen.

Das Von-oben-auf-etwas-Schauen – die Vogelperspektive –, weckt vielerlei Assoziationen: ein neuer Blickwinkel auf Dinge, Orientierung durch Distanz, aber auch ein Gefühl von Freiheit. Ein Muster, ob ganz konkret oder im übertragenen Sinn, besteht aus sich wiederholenden Elementen, die zusammen ein Ganzes bilden. Kleine Muster bilden zusammen ein großes, das Kleine findet sich im Großen und über das Große geht es ins Kleine eines Musters. Das kann zuerst ganz schön verwirrend sein. Bis man ein Muster erkannt hat, muss man vielleicht erst einmal seinen Blick darauf ändern, es aus größerer Entfernung oder eben von oben betrachten.

Um Mustererkennung geht es auch in Ann Cottens Text "Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)". Der Teppich mit seinem "Gemisch von Fäden" zieht sich durch das Gedicht. Eines führt zum anderen: "jede Schlaufe führt zu einer neuen Schlaufe", aus Noppen, Fäden und Mustern wird ein Stoffstück, das auch "alle Tränen aufsaugt", ein unendlicher Spannteppich. Doch welche Muster gilt es überhaupt zu erkennen? Unser Denken, unser Verhalten, unsere Gefühle: All dies folgt bestimmten Mustern, die wir uns erst bewusst machen müssen. Aber inwiefern sind wir überhaupt in der Lage, diese Muster in unserem Leben, in der Natur und in der Gesellschaft zu erkennen und vielleicht zu verändern? Hilft es uns, wenn wir sie "von oben", aus einer anderen Perspektive, suchen, um sie zu verstehen?

Schreibt uns von den Mustern, die ihr "von oben sucht"? Wie sehen Muster auf Stoffen, Bauwerken, Gemälden, Geschirr und vielem mehr aus? Seid detailverliebt. Welche Muster in Gedanken und Gefühlen würdet ihr gern erkennen? Wie hilft euch dabei ein Blick "von oben"? Nehmt die Muster auseinander, geht vom Kleinen ins Große, führt "Schlaufen zu neuen Schlaufen". Knüpft euren "unendlichen Spannteppich".

Schickt uns eure Texte zum Thema "Such ich von oben Muster"! Wir freuen uns auf eure Gedichte!

Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage.

Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.

Die Unterrichtsmaterialien zum Download findet ihr hier.

Ann CottenAnn Cotten

Ann Cotten

geb. 1982 in Iowa, USA, seit 1986 in Wien, seit 2006 in Berlin. Studium der Germanistik, Abschluss mit einer Arbeit über Listen in der Konkreten Poesie.

Publikationen und Sonstiges: Fremdwörterbuchsonette (edition suhrkamp, 2006), Das Pferd (Sukultur, 2007), www.glossarattrappen.de (2008), Nach der Welt. Listen in der Konkreten Poesie (Klever, 2008), Rotten Kinck Schow (Veranstaltungsreihe mit Sabine Scho und Monika Rinck, ab 2008;  www.rottenkinckschow.de), Verschwörung und Verwechslung (Veranstaltungsreihe mit Joachim Wendel, 2008), Kritik und Cover (Ausstellung/Performance, KW Berlin, 2009), Phantasmagoria (Ausstellung mit Jo Vogl bei Martin Janda, Wien, 2009), Florida-Räume (Suhrkamp, 2010), I, Coleoptile (engl., Broken Dimanche Press, 2011), Pflock in der Landschaft (Schock-Edition, 2011), Helm aus Phlox (mit D.Falb, H. Jackson, S. Popp, M. Rinck; Merve 2011), Der schaudernde Fächer (Suhrkamp, 2013), Hauptwerk. Softsoftporn (Engstler, 2013), Rein – ja oder nein? (beim Drucker Slotta, Berlin 2013), Lather in Heaven (engl., Broken Dimanche Press, 2015), Verbannt! (Suhrkamp, 2016)

Jeden Monat ist lyrix zu Gast in einem deutschen, österreichischen oder Schweizer Museum und lässt Lyrik auf Kunst treffen. Angelehnt an das aktuelle Monatsthema findet dort eine Schreibwerkstatt oder eine Autorenbegegnung mit der Autorin/dem Autor unseres Monatsthemas statt. Wer sich für diese Werkstätten und Begegnungen interessiert, schreibt einfach eine Mail an info-lyrix@deutschlandradio.de.

Im Juni 2016 besuchen wir mit Ann Cotten die Nikolaikirche (Stiftung Stadtmuseum Berlin). Auch dort könnt ihr von oben Muster suchen. Und zwar auf dem aufwendig geschmückten Zehdenicker Altartuch, einer Tischdecke für den Klosteraltar des Zisterzienserinnenklosters in Zehdenick.

Mehr zu lyrix in der Nikolaikirche findet ihr hier: http://www.stadtmuseum.de/aktuelles/mittelalterliche-textilkunst-und-zeitgenoessische-gedichte

Zehdenicker Altartuch (© Stiftung Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin)Zehdenicker Altartuch (© Stiftung Stadtmuseum Berlin | Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin)

Zehdenicker Altartuch, Detail  (© Stiftung Stadtmuseum Berlin |Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin)Zehdenicker Altartuch, Detail (© Stiftung Stadtmuseum Berlin |Reproduktion: Hans-Joachim Bartsch, Berlin)

Nikolaikirche Berlin, Sakristei mit dem Zehdenicker Altartuch (© Stiftung Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt)Nikolaikirche Berlin, Sakristei mit dem Zehdenicker Altartuch (© Stiftung Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt)

Das Zehdenicker Altartuch

Das Zehdenicker Altartuch stammt aus der Zeit um 1300 und gehört zu den wichtigsten Schätzen der mittelalterlichen Textilkunst in Nordostdeutschland. Es wurde vermutlich von den Nonnen des Zisterzienserinnenklosters in Zehdenick gefertigt. Als Dauerleihgabe des Evangelischen Stifts Kloster Zehdenick befindet es sich in der Obhut des Stadtmuseums Berlin und ist in der Nikolaikirche ausgestellt.

Das Tuch fasziniert zum einen durch seinen Bilderreichtum, zum anderen durch die verwendeten textilen Techniken. Das 3,80 m lange und 1,60 m breite Tuch besteht aus allerfeinstem Leinengewebe. Es ist aus 76 einzelnen, sternförmigen Tuchstücken zusammengesetzt.

Die einzelnen Bildflächen und Details heben sich nur durch verschiedene Muster voneinander ab, die durch unterschiedliche Sticktechniken entstehen. Die Bilder erzählen vor allem Begebenheiten aus dem Leben Jesu. Die einzelnen Bildfelder werden durch ein netzartiges Gewebe – Filetstickerei genannt – miteinander verbunden. Diese Zwischenräume sind ebenfalls bildlich geschmückt mit Ornamenten, christlichen Symbolen und phantastischen Wesen.

Entlang der Ränder wird das Tuch von Heiligenbildnissen und einem lateinischen Vers gerahmt: "Es steht fest, dass auf dem Altar Fleisch aus Brot geschaffen wird. Dieses Brot ist Gott; wer zweifelt ist schuldig. Eine heilbringende Speise, die auf heilige Altäre gelegt wird, wenn sie empfangen wird." Dadurch wird deutlich, dass das Tuch wahrscheinlich als Altartuch, also als Tischdecke für den Klosteraltar, genutzt wurde.

Nikolaikirche Berlin (© Stiftung Stadtmuseum Berlin, Foto: Oliver Ziebe)Nikolaikirche Berlin (© Stiftung Stadtmuseum Berlin, Foto: Oliver Ziebe)

Nikolaikirche, Stiftung Stadtmuseum Berlin

Die Nikolaikirche, eines der fünf Museen der Stiftung Stadtmuseum Berlin, prägt das Zentrum der Stadt seit ihrer Gründung. Sie war die erste Kirche des mittelalterlichen Berlin und über 700 Jahre lang dessen Hauptpfarrkirche. An ihrer Architektur lässt sich diese lange Geschichte bis heute ablesen. Der feldsteinerne Turm umschließt die ältesten in Berlin erhaltenen Räume. Die mehrmals umgebaute Kirchenhalle und ihre innere Ausstattung zeugen vom bürgerlichen Gestaltungswillen sowie der wirtschaftlichen Leistungskraft der Berliner im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ende des 19. Jahrhunderts entstand die charakteristische Doppelturmspitze, die auch heute die Silhouette der Stadtmitte mitbestimmt.

Infolge von Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg erlitt die Nikolaikirche schwerste Schäden. Erst in den 1980er-Jahren wurde sie wiederaufgebaut und 1987 als Museum neu eröffnet. So präsentiert sie sich heute als einzigartiges Baudenkmal, das mit einer Dauerausstellung seine eigene wechselvolle Geschichte erzählt und über die Berliner Stadtgeschichte informiert.

Zum Stadtmuseum Berlin zählen neben dem Museum Nikolaikirche auch das Märkische Museum, das Ephraim-Palais, das Museum Knoblauchhaus und das Museumsdorf Düppel.

www.stadtmuseum.de

www.stadtmuseum.de/nikolaikirche

 

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