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Juryurteil: "Sie haben Eier"

Deutscher Webvideopreis 2012 geht an Protestvideo von ORF-Journalisten

Von Sina Fröhndrich

Die Gewinner des Webvideopreises 2012
Die Gewinner des Webvideopreises 2012 (EWVA / Christof Wolff)

Der Webvideopreis kürt Videos im Netz. Er wurde erst zum zweiten Mal in Düsseldorf verliehen. In neun Kategorien gab es jeweils einen Jury- und Publikumspreis. Das beste Video stammt aus Österreich.

Die beiden grau melierten Herren wollen nicht so recht auf diese Bühne passen, wie sie da auf dem lachsfarbenen Retrosofa sitzen. Zwischen YouTubern in Karohemd und T-Shirt, in der rechten Hand das Smartphone zum Twittern, in der linken die Kamera zum Filmen.
Dieter Bornemann, einer der grauen Herren:

"Also die erste Begrüßung hier war bei einem Interview - da hat mich ein Kollege angesprochen mit 'Ah hier kommt jetzt die ältere Generation', ab heute ist es offiziell, dass ich alt bin."

Bornemann ist Journalist beim österreichischen ORF - und Gewinner des Abends. Das beste deutschsprachige Webvideo aus Sicht der Jury: der Protestclip von Journalisten des österreichischen Fernsehens, die sich gegen parteipolitische Einflussnahme wehren.

"Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern nicht den Parteien um das zu unterstreichen, werden wir unseren Protest fortsetzen."

Die Begründung der Jury - natürlich in Form einer Twitternachricht: "Sie haben Eier." Der Preis: Eine Szene des Clips, festgehalten in Farbe. Nicht nur der Jury, auch der Netzgemeinde gefällt das Video, sagt Dieter Bornemann.

"Wir haben innerhalb von drei Tagen 500.000 Klicks gehabt. Das Tolle daran war, plötzlich war die "ZiB"-Redaktion cool bei den Jüngeren. Die, die uns nie geschaut haben, hat gefunden der Protest, der hat sich da echt ausgezahlt und die Jungen finden plötzlich, dass wir da echt eine gute Arbeit leisten."

Das alte Medium Fernsehen also - es steht im Mittelpunkt der Preisverleihung, bei der es doch eigentlich ums Video im Internet gehen sollte. Aber: Medien sind keine Frage des Alters, sagt ORF-Journalist Bornemann. Und Jury-Mitglied Richard Gutjahr ergänzt:

"Es geht nicht darum, irgendwie, wie alt jemand ist oder ob er für ein altes Medium oder ein neues Medium arbeitet. In Zukunft wird alles eins sein. Und wir alle machen und nutzen Medien und insofern verstehe ich diesen Preis einfach auch als eine Art Friedenspfeife."

"Ich find' das wirklich schön, dass quasi jeder jetzt seine Meinung preisgeben kann und das theoretisch für jeden offen steht."

Philipp Laude - 21-jähriger Webvideomacher und der zweite große Preisträger des Abends. Mit dem Trio Y-Titty bespielt er einen YouTube-Kanal mit Comedy-Clips. Ihre Parodie auf ein Computerspiel hat inzwischen mehr als eine Million Klicks. Und wurde nun von den Zuschauern zum besten Webvideo gewählt.

"Für das ganze Medium war es eine riesen Entwicklung, hin von so einer Nischensache, die jetzt wirklich langsam ja auch ihren festen Platz gefunden hat und sich ganz massiv rasant wohin entwickelt und wir sind Teil davon und das ist unglaublich geil."

Laude und seine Kollegen sind so etwas wie Größen in der Webvideo-Szene, verdienen sogar Geld mit ihren Clips.
Die Netzgemeinde professionalisiert sich. Davon zeugt auch die Preisverleihung am Samstagabend. Gäste in Abendkleidern im edlen Düsseldorfer Savoy-Theater. Allerdings gibt es auch unkonventionelle Elemente, weil das doch viel besser zum Genre passt. Kuschliges Gedränge auf der Bühne, wo Preisträger Nüsse knabbern und auf dem Boden sitzen. Und auch Tonprobleme passen irgendwie zu dieser Gala.

"Ich liebe die Pannen, die passiert sind, ganz ehrlich,"

sagt Veranstalter Markus Hündgen nach der Verleihung. Er will den Webvideomachern eine Plattform geben. Ihnen mit dem Preis zu mehr Bekanntheit verhelfen. Auch den ganz Kleinen.

"Ich fand immer noch superklasse die Lochis mit ihrem Toastbrot."

Die Lochis, Zwillingsbrüder, zwölf Jahre alt. Publikumssieger in der Nachwuchskategorie mit einem Liebeslied an eine Scheibe Toast. Markus Hündgen:

"Die zeigen so wirklich, wo die Medienrevolution hingeht, die sind zwölf, und die sitzen da und schneiden die Dinger und singen das, autotunen das, laden das hoch, haben jeweils zweieinhalbtausend Fans bei Facebook. Ich hab mich mit denen mal unterhalten, die wissen nicht mal, was eine CeBiT ist, die sind so aus dem kompletten Medienzirkus raus und möchten auch gar nicht rein, die ziehen ihr Ding durch und das ist grandios."



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