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StartseiteInformationen am Morgen"Keiner war je der Meinung, dass die Ukraine ein eigenes Land ist"07.07.2014

Kämpfer aus Russland"Keiner war je der Meinung, dass die Ukraine ein eigenes Land ist"

Russland spielt in der Ukraine ein doppeltes Spiel. Der Föderationsrat hat zwar die Genehmigung für einen offiziellen Militäreinsatz in der Ukraine zurückgezogen, zugleich aber kämpfen zahlreiche russische Staatsbürger in den Reihen der Separatisten. Der Zulauf sei ungebrochen, sagt ein Mitglied des illegalen "Volkssturms Donbass".

Von Gesine Dornblüth

Ein pro-russischer Kämpfer in der Nähe in der Nähe von Karlivka (dpa/picture-alliance/Stringer)
Ein pro-russischer Kämpfer in der Nähe in der Nähe von Karlivka (dpa/picture-alliance/Stringer)
Weiterführende Information

Ukraine-Krise - "Es gibt keine militärische Lösung dieses Konflikts" (Deutschlandfunk, Interview mit Gernot Erler, 07.07.2014)

Ukraine - Russland will neue Verhandlungen über Waffenruhe (Deutschlandfunk, Aktuell, 06.07.2014)

Der Mann wartet in einem Straßencafé in Kaluga, etwa 200 Kilometer südwestlich von Moskau. Er ist Mitte 40, Armani-T-Shirt, seinen Milchshake trinkt er mit einem Strohhalm. Er hat Schwielen an den Händen, abgeknabberte Fingernägel. Er nennt sich Ruslan.

"Einfach Ruslan. Meine Funktion ist wichtig, nicht meine Person. Ich leite einen Klub von Leuten, die ihre Pflicht darin sehen, das russische Volk und die gesamte europäische Zivilisation vor dem Faschismus und vor dem konkreten ukrainischen Nazismus zu schützen."

Ruslan hilft Freiwilligen, die in der Ostukraine in den Reihen der Separatisten kämpfen wollen. Er sei Vertreter der Wehrersatzämter des "Volkssturms Donbass", wie die illegalen Truppen in der Ostukraine heißen. Die Männer melden sich bei ihm über das Internet. Hunderte seien bereits mit seiner Hilfe in den Krieg gereist, sagt er.

"Es fahren vor allem Leute mit Kampferfahrung. Leute meines Alters, über 40. Sie kommen aus ganz Russland. Von Wladiwostok bis Kaliningrad. Das ist die Elite unseres Landes. Das sind echte russische Menschen."

Viele der Männer hätten in den 90er Jahren in den Konfliktherden der auseinandergebrochenen Sowjetunion gekämpft, auch er selbst: In Abchasien, in Karabach, in Transnistrien. Später auch in Jugoslawien oder 2008 in Georgien.

Ruslan war Anfang des Jahres auf der Krim und später in Slawjansk in der Ostukraine. Er sagt, die Männer bekämen keinen Sold, sie zögen aus Überzeugung in den Krieg. Er selbst habe sein Auto verkauft und finanziere seine Arbeit über Spenden.

"Ich rüste die Freiwilligen aus. Ich kaufe Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, die aber noch nicht verdorben sind. Die gibt es billiger. Oder günstige Uniformen. Deshalb bin ich heute hier in Kaluga, morgen in Woronesch, übermorgen in Rostow."

Parteien werben für "Freiheitskampf"

Das Telefon klingelt. Ein Mann ist dran. Ob die Kontaktadresse angekommen sei?

"Das war jemand vom Verband der Landetruppen im Militärbezirk der Jamal-Nenzen. Fünf Veteranen sind bereits unterwegs."

Ruslan trifft die Kämpfer in Rostow am Don im Süden Russlands. Von dort schickt er sie über die Grenze in die Ukraine. Wie und wo genau, will Ruslan nicht sagen. Russischen Medienberichten zufolge überqueren die russischen Kämpfer die Grenze abseits der regulären Übergänge. Ein Heckenschütze hat der Internetzeitschrift "Colta" erzählt, sie müssten die Waffen selbst bereits in Russland besorgen. Ruslan behauptet, seine Leute würden erst jenseits der Grenze bewaffnet. Sie unterstünden dem Rebellenkommandeur Igor Girkin, genannt Strelkow, Schütze.

Ruslan gibt an, vollständig ohne die Unterstützung des russischen Staates oder irgendwelcher gesellschaftlicher Organisationen zu agieren. Doch auch große Parteien werben für den, wie sie sagen, "Freiheitskampf" in der Ostukraine.

"Der Strom von Freiwilligen wird weiter wachsen"

Moskau. Eine Kundgebung der Kommunisten. Ein Duma-Abgeordneter hat sie organisiert. Die Kommunisten stellen die zweitgrößte Fraktion im Parlament. Einige hundert Demonstranten sind gekommen. Sie schwenken Fahnen der selbst ernannten Republik Donezk und skandieren "Ruhm Neurussland". So nennt auch Präsident Putin die angeblich schon immer russischen Gebiete der Ukraine. Anders als bei Demonstrationen von Bürgerrechtlern oder Pazifisten bleiben die Unterstützer der Separatisten von der Polizei unbehelligt. Es gibt nicht mal Sicherheitskontrollen.

"Freunde! Wenn wir jetzt nicht mit aller Kraft dem Südosten der Ukraine helfen, dann wird die Front in einigen Jahren wie im Jahr 1941 bei uns, vor Moskau stehen. Es reicht nicht, humanitäre Hilfe leisten. Wir müssen uns hinter der Losung vereinigen: 'Alles für die Front. Alles für den Sieg.'"

Die westliche Staatengemeinschaft fordert von Russland, sich von den Separatisten zu distanzieren und den Nachschub von Kämpfern und Waffen aus Russland zu unterbinden. Das ist bisher nicht geschehen. Im Gegenteil. Der Abgeordnete der Regierungsfraktion Aleksej Schurawljow äußert sogar offen Sympathie für die freiwilligen russischen Kämpfer. In seinem Büro in der Staatsduma hängt eine Karte Russlands, die Krim ist bereits Landesteil. Er sagt offen, dass er für einen offiziellen Militäreinsatz in der Ukraine ist. Da die russische Führung den nicht wolle, sei es gut, dass wenigstens Freiwillige dort kämpften.

"Keiner von uns war je der Meinung, dass die Ukraine ein eigenes Land ist. Wir müssen die russische Welt verteidigen. Mit allen Mitteln, die möglich sind. Reden hat Sinn, wenn der andere auf uns hört. Da Poroschenko das nicht tut, müssen wir mit anderen Mitteln dafür sorgen."

Ruslan, der Vertreter des "Volkssturms Donbass" in Russland, meint, die Kämpfe in der Ostukraine würden noch Jahre dauern. Daran änderten auch die Erfolge des ukrainischen Militärs am Wochenende nichts. Er habe noch tausende Freiwillige in Reserve.

"Der Strom von Freiwilligen wird weiter wachsen. Es wurde doch immer gesagt, Russland brauche eine Zivilgesellschaft. Jetzt ist sie da. Die Bürger erfüllen ihre Pflicht im Kampf gegen den Nazismus, für den Schutz der russischen Welt."

Ein seltsamer Begriff von Zivilgesellschaft.

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