• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteInterviewKäßmann vermisst Bewegung in der Ökumene16.04.2007

Käßmann vermisst Bewegung in der Ökumene

Landesbischöfin kritisiert Abgrenzung der Katholiken unter deutschem Papst

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann vermisst unter dem Pontifikat Benedikts XVI. Signale zur Stärkung der Ökumene. "Da ist in Gemeinden vieles möglich, und da gibt es auch gutes Miteinander und Vertrauen. Aber auf der offiziellen Ebene sehe ich keine Bewegung", sagte die evangelische Bischöfin anlässlich des 80. Geburtstages Benedikts.

Moderation: Silvia Engels

Margot Käßmann: "Ich bin persönlich gar nicht so sehr enttäuscht, weil ich nicht so viel erwartet hatte." (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Margot Käßmann: "Ich bin persönlich gar nicht so sehr enttäuscht, weil ich nicht so viel erwartet hatte." (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Silvia Engels: Gestern wurde bereits mit Messen und Andachten gefeiert. Heute ist aber der Jubeltag: Papst Benedikt XVI. wird 80 Jahre alt. Seit fast zwei Jahren führt er die katholische Kirche. Seine Schaffenskraft als Theologe hat er gerade noch einmal mit einem neuen Buch über Jesus Christus unter Beweis gestellt. Viele hat er nach seiner Wahl durch eine unerwartet herzliche Ausstrahlung überrascht und beeindruckt. Doch es gibt auch Kritik an seinem Pontifikat, sei es die bislang geringe Bewegung bei der Ökumene, oder seien es die umstrittenen Zitate über den Islam in seiner Rede in Heidelberg.

Am Telefon ist nun Margot Käßmann. Sie ist Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Guten Morgen, Frau Käßmann!

Margot Käßmann: Guten Morgen, Frau Engels!

Engels: Wenn Sie an das Wirken von Benedikt XVI. beziehungsweise Joseph Ratzinger denken, was fällt Ihnen als erstes ein?

Käßmann: An einem Tag wie heute ist natürlich zu allererst der herzliche Glückwunsch. Wenn jemand 80 Jahre alt wird, denke ich, ist das auch ein großes Fest Wert. Und einfallen? - Es ist ein Papst aus Deutschland, und am Anfang war da sehr große Hoffnung, dass jemand, der aus dem Land der Reformation kommt und die reformatorischen Kirchen gut kennt, wirklich Bewegung in die Ökumene bringt.

Engels: Bewegung in die Ökumene; da sind wir beim Stichwort. Sind Sie enttäuscht, dass sich da bis jetzt wenig bewegt hat?

Käßmann: Nun muss ich sagen, ich bin persönlich gar nicht so sehr enttäuscht, weil ich nicht so viel erwartet hatte. Wer weiß, dass der damalige Kardinal Ratzinger an dem Dokument "Dominus Jesus" aus dem Jahr 2000 ja maßgeblich mitgewirkt hat, konnte die Abgrenzung deutlich erkennen. Da sind die Kirchen der Reformation christliche Gemeinschaften oder auch kirchliche Gemeinschaften, werden aber nicht im vollen Sinne als Kirche anerkannt. Und diese Linie hat er auch als Papst deutlich durchgehalten.

Engels: Hat sich denn in irgendeiner Form die katholische auf die evangelische Seite seit der Wahl Benedikt XVI. zubewegt?

Käßmann: Das kann ich so nicht sehen. Ich meine, wir haben Hoffnungen gehabt, dass beispielsweise konfessionsverschiedene oder konfessionsverbindende Ehepartner zumindest gemeinsam zur Eucharistie gehen können. Da gibt es keine Bewegung, ebenso wenig beim Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr, dass wir den ökumenisch offiziell miteinander feiern können. Ich habe im Moment den Eindruck, die Ökumene bewegt sich vor Ort. Da ist in Gemeinden vieles möglich, und da gibt es auch gutes Miteinander und Vertrauen. Aber auf der offiziellen Ebene sehe ich keine Bewegung.

Engels: Benedikt XVI. hat gerade jetzt ein neues Buch geschrieben. Es geht um die Figur Jesus von Nazareth. Laut Vorwort zeigt er sich in seiner Interpretation auch offen für einen kritischen Dialog. Er beansprucht also hier nicht die päpstliche alleingültige Wahrheit. Das wurde als Novum gefeiert. Ist das ein Fortschritt, aus dem Sie auch Hoffnung für die Ökumene ableiten?

Käßmann: Ja, das finde ich tatsächlich ein sehr positives Signal. Ich finde gut, dass er dieses Buch geschrieben hat, auch vorweggestellt hat, dass er das als erst mal Privatmann geschrieben hat, obwohl man das beim Papst natürlich nie so trennen kann, und dass an dieser Person Jesus Christus, am leeren Grab sich für uns in unserer Religion alles entscheidet, das ist die große Gemeinsamkeit, die uns verbindet. Er hat auch die historisch-kritische Methode benutzt, um Jesus Menschen näher zu bringen. Auf dieser Grundlage müssen wir ja miteinander aufbauen, und da wird auch das Verbindende unter evangelischen und katholischen und natürlich auch orthodoxen Christen im Dialog dann mit anderen Religionen, denke ich, ganz deutlich. Insofern finde ich dieses Buch wirklich ein gutes Angebot für Gespräche.

Engels: Jesus den Menschen näher bringen; Sie haben es angesprochen. Es hat ja viele überrascht, dass Joseph Ratzinger nach seiner Wahl zum Papst so eine freundliche Art hatte, auf Menschen zuzugehen. Kann man darauf aufbauen, oder hat er da auch viel für das Bild der Deutschen insgesamt getan?

Käßmann: Ich denke, da hat er viel getan. Das war ja die Überraschung, kann ein Gelehrter, ein Wissenschaftler zum Sympathieträger werden? Da hatte er nach seinem Vorgänger ja doch einen sehr schwierigen Start. Aber ich habe kürzlich auch mit Polen gesprochen, die sehr, sehr begeistert sind, wie er dieses Amt als Person herüberbringt, und damit, denke ich, können wir dann sagen tut er durchaus was für den christlichen Glauben insgesamt. Auch wenn er nicht mein Papst ist, aber davor habe ich großen Respekt und auch als Deutscher hat er da, denke ich, für unser Bild Positives geleistet.

Engels: Papst Benedikt hat aber auch in seinem Pontifikat Kritik ausgelöst, ich habe es kurz angedeutet, zum Beispiel als er in einer Rede ausführlich einen mittelalterlichen Autor zitierte, der wiederum den Islam ziemlich deutlich attackierte. Hat er damit langfristig Schaden für den Dialog der Kirchen mit der muslimischen Welt angerichtet, oder wurde er missinterpretiert, und das ist lange vergangen?

Käßmann: Also ich denke, das war in dem Moment ein Schaden - das ist ja auch deutlich spürbar gewesen -, aber dann mit dem Besuch in Konstantinopel in der Türkei ist doch deutlich geworden, dass da ein Dialogangebot auch vorhanden ist. Aber ich denke, das ist uns in allen Kirchen bewusst: Die Herausforderung des Dialogs mit dem Islam, da stehen wir gemeinsam noch ganz am Anfang. Da gibt es viele Klippen, die zu überwinden sind, und die Balance zwischen der eigenen Klarheit, in der wir unsere Positionen darzustellen haben - und das finde ich auch wichtig -, aber doch der guten Nachbarschaft, die notwendig ist, diese Balance muss gehalten werden, und da bemühen wir uns als evangelische Kirche in Deutschland auch sehr drum.

Engels: Die evangelische Kirche konnte ja manchmal den Eindruck gewinnen, dass es dem Papst eher um die Annäherung zu den orthodoxen Kirchen geht. Sehen Sie sich da zurückgesetzt?

Käßmann: Zurückgesetzt halte ich für den falschen Begriff. Wir sehen das. Zum einen freue ich mich darüber - das muss ja auch gesagt werden, die große Kirchenspaltung von 1054 soll da geheilt werden. Und es tut der Christenheit nicht gut, dass diese Spaltung so tief geht bis heute. Andererseits ist für uns die große Frage, ist das eine Annäherung, die eine Abgrenzung zu den Kirchen der Reformation bedeutet? Ich denke, gerade in Deutschland sind sich der Katholizismus und die Reformation ja sehr nahe, weil wir in einem Land leben, das die Aufklärung erlebt hat, das versucht, Vernunft und Glaube zusammenzuhalten. Ich denke, der Katholizismus sollte nicht vergessen, dass er hier einen wichtigen Dialogpartner hat.

Engels: Sie haben schon zu Anfang unseres Gespräches Papst Benedikt XVI. gratuliert. Noch mal zum Schluss die Frage: Was wünschen Sie konkret dem Papst zum Geburtstag, und was wünschen Sie sich von dem Pontifikat?

Käßmann: Ich wünsche ihm von Herzen Gottes Segen, und dass er sich daran freuen kann, dass er so gefeiert wird, und dass er auch als 80-Jähriger ein bisschen mehr Ruhe findet. Das würde ich ihm von Herzen gönnen. Wenn ich Wünsche äußern darf, dann möchte ich doch den Wunsch äußern, dass mehr der Blick darauf gerichtet wird, wie viele hervorragende katholische Theologinnen es gibt, die sich zum Amt berufen fühlen, und dass gerade in einer Zeit von Priestermangel doch die Frage der Frauen in der Kirche noch einmal ganz deutlich und neu angesprochen wird.

Engels: Margot Käßmann, Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch und wünsche einen guten Morgen.

Käßmann: Auf Wiederhören.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk