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StartseiteBüchermarktKafka in Schottland24.11.2009

Kafka in Schottland

John Burnside: "Glister". Knaus Verlag

"Glister" ist in John Burnsides neuem Roman der Name einer Maschine, die Ungeheuerliches vermag - eine Verwandte von Kafkas schreibendem Folterapparat. Der Autor beschreibt jedoch auch eine Umweltkatastrophe - und die Ohnmacht der Menschen, die darunter zu leiden haben.

Von Brigitte Neumann

Auf einer nicht näher benannten kleinen Landzunge wird in dem kleinen Städtchen Innertown eine Chemiefabrik geschlossen. (Stock.XCHNG / Simon Collins)
Auf einer nicht näher benannten kleinen Landzunge wird in dem kleinen Städtchen Innertown eine Chemiefabrik geschlossen. (Stock.XCHNG / Simon Collins)

Falls auf ein Buch der diesjährigen Herbstproduktion die Warnung von George Bernhard Shaw zutrifft, Lesen sei ein gefährlicher Zeitvertreib, dann auf "Glister" von John Burnside. Es ist, als würde dieses Buch ein schlafendes inneres Tier wecken. Ein Hund, der immer gehorsam war, geht von der Leine.

"Glister", empfahl Trainspotting-Autor Irvine Welsh, solle man nur bei Tageslicht lesen. Bei Nacht könne er Albträume verursachen. Der Autor John Burnside winkt ab. Derartige Warnungen vor Düsternis und Horror in seinen Romanen kennt er zur Genüge. Er findet hingegen:

"Wir sollten mehr Angst haben, und diese Angst auch auskosten. Angst ist eine gute Sache! Denn wir sind doch alle übermäßig entspannt. Ein klein wenig mehr Schärfe und Wachheit täte uns gut. Das würde die Fantasie ankurbeln, uns offener machen, zugänglicher für Sinneseindrücke. Emily Dickinson hat mal gesagt, die Seele sei ein Tor, das immer einen Spaltbreit offen stehe für die Dinge, die da kommen. Und das sind eben nicht nur die netten, positiven, sondern auch die dunklen und unheimlichen Dinge. Ich weiß auch nicht, aber das Leben kommt mir so matt und langweilig vor, wenn wir unter unseren Möglichkeiten bleiben. Deswegen ist es wichtig, wach und offen zu sein."

Der 55-jährige John Burnside, der Creative Writing an der schottischen St Andrews Universität lehrt, forscht dort auch über das Thema Ökologie in der Literatur. Sein Roman "Glister" könnte gut als Anschauungsbeispiel dienen:

"Er ist eine Allegorie darauf, wie wir die Natur gering schätzen. Meist mit der Folge, dass reiche Leute und große Firmen viel Geld mit deren Zerstörung machen. Das Buch handelt von unserer Weigerung, dagegen etwas zu unternehmen."

Auf einer nicht näher benannten kleinen Landzunge, in einer Zeit, die der unseren ähnelt, wird in dem kleinen Städtchen Innertown eine Chemiefabrik geschlossen, deren Abfälle die Umwelt über Jahre hinweg gründlich vergiftet haben. Man munkelt, es seien auch C-Waffen dort hergestellt worden.

Unter den Bauherren war ein gewisser G. Lister. Und Glister ist nicht nur der Name des Romans, sondern auch der einer Maschine im Innersten der Fabrikruine, die Ungeheuerliches vermag. Sie ist eine Verwandte des schreibenden Hinrichtungsapparats aus Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie", aber John Burnside lässt uns im Zweifel, vielleicht ist sie auch eine Art Portalgerät, ein Ausgang in ein besseres Leben.

"Bei Kafka ist es so, er liefert uns keinen Grund für das Leid. Man kann es sich nicht erklären. Man kann sich nicht davon distanzieren, es in die Hand nehmen und betrachten. Und das ist ein schreckliches Gefühl. Bei meinen Figuren ist es so, wenn sie gewisse Momente des Grauens durchleben, dann dürfen sie gehen. Dann dürfen sie die Hölle verlassen."

Eine Hölle aus Gift, Resignation und politischer Gemeinheit.

Das Gift sickert immer tiefer in die Böden, verfärbt die Blätter der Bäume, lässt die Menschen verkümmern - körperlich, geistig und emotional. Ein gewitzter Mr. Smith regiert den nun toxischen Landstrich, als Sanierungsbevollmächtigter. Er kassiert von den Verantwortlichen ansehnliche Summen und behält sie für sich. Wie ein absolutistischer Herrscher verfügt er über die wenigen Arbeitsplätze, die noch geblieben sind. Auch über den des einzigen Polizisten, Morisson, einem unglücklichen Biedermann, der eines Tages die Leiche eines offenbar ermordeten 15-Jährigen entdeckt. Mr. Smith nötigt ihn, den Fall zu vertuschen. Auch als die nächsten Jungens verschwinden, wird offiziellerseits die immer gleiche Ausflucht bemüht: Sie sind wahrscheinlich nur eben mal weg, um sich die Welt anzuschauen. Selbst die Eltern der Verschwundenen begehren nicht auf.

"Die Leute mögen es, nach dem Gesetz zu leben. Aber immer wieder kommt das Irrationale dazwischen. Man weiß nicht, woher es kommt und wie es vorgeht. Und weil man es nicht versteht, fühlt man sich hilflos. Genau dieses Gefühl wollte ich mit meinem Roman 'Glister' vermitteln. Ohnmacht, Lähmung, Apathie. Die Menschen können ihr Leben nicht mehr in die Hand nehmen. Sie sind nicht einmal mehr in der Lage, den Ort des Grauens zu verlassen."

Das Unglück hat die Menschen aus Innertown fest im Griff. Sie scheinen einverstanden mit ihrem Untergang: den rätselhaften Krankheiten, der Arbeitslosigkeit, dem korrupten Regime des Mr. Smith, dem Verschwinden ihrer Söhne. Sie sind, und das ist einer der beunruhigenden Aspekte des Romans "Glister", sie sind nicht so sehr viel anders als wir.

"In der Stadt, in der ich aufwuchs, da gab es, gerade als das Buch herauskam, genauso einen Fall. Viele Leute, deren Kinder mit Behinderungen geboren wurden, weil der Boden auf dem sie lebten, verseucht war. Der Ort ist ein Modell dafür, was passieren kann, wenn man zu den Habenichtsen gehört. Die Vermögenden ziehen weg. Und die Habenichtse bleiben, atmen Gift und essen die Früchte der vergifteten Erde. Wenn ich frage, sagen die Leute immer: Ich kann nichts ändern. Ich bin hilflos. Aber wenn man in eine Kalkgrube fällt, sagt man doch auch nicht: Ich bin hilflos. Die Leute erlauben der Hilflosigkeit, die Macht in ihrem Leben zu übernehmen."

Nur einige Jugendliche begehren auf. Immer dann, wenn der nächste von ihnen verschwindet, entladen sie ihre Wut in einer Orgie der Gewalt. Sie toben auf dem Gelände der stinkenden Chemiefabrik, schmeißen Scheiben ein, zündeln und bringen in einer Raserei der Ratlosigkeit den ganz und gar falschen Mann um. Er ist nicht der Kidnapper. Er ist nur ein einsamer Waldschrat. Es wirkt wie ein Ritualmord, um den Göttern Einhalt zu gebieten. Burnsides Roman ist überhaupt voller Bibelzitate: Hiob, Jesus, Sodom und Gomorrha.

"Und ich liebe die Geschichten aus der Bibel sehr. Ich liebe sie aber als Geschichten. Nicht als Erklärungen. Ich glaube nicht an Gott, jedenfalls nicht auf traditionelle Weise. Ich glaube an eine Art natürlicher Ordnung aller Dinge. Eine Ordnung, die nicht notwendig gütig oder menschenfreundlich sein muss. Diese Ordnung übersteigt unsere Ängste und Hoffnungen. Ich rede von einer Ordnung, die dafür sorgt, dass die Sterne an ihrem Platz bleiben und wir auch. Das ist eine Ordnung, die wir nicht begreifen. Und ich halte sogar den Wunsch, es tun zu können, für falsch. Gut tun wir daran, uns jederzeit dessen bewusst zu sein, wie begrenzt unser Horizont ist. Alles, was wir fertigbringen ist, zu erkennen, dass es eine Ordnung gibt und zu sehen, dass sie die Gestalt hat, die unser Geist ihr geben kann. Darüber werden wir nie hinauskommen."

Nun geht es einerseits in "Glister" um ganz irdische Ungerechtigkeiten und Brutalitäten. Der Roman ist ein Aufruf an alle, die sich hilflos fühlen, Mut und Selbstachtung zu zeigen. Andererseits versteht Burnside sehr wohl, welche magnetischen Kräfte selbst eine Hölle auf Erden entwickeln kann. Der mit zerrüttetem Selbstbewusstsein mag glauben, er habe nichts Besseres verdient. Ein Übriges tun Armut, Krankheit, Zerstörung des politischen Lebens. Für Burnsides Figuren ist ihre Hölle ein unentrinnbares Land. Bis auf einige Ausnahmen: die verschwundenen Knaben.

"Etwas Entsetzliches muss passieren, damit sie entkommen. Wohin? Keiner kennt die andere Welt, in die sie hinübergehen. Ich wollte, dass es die Unschuldigen sind, die in dieser Hölle leiden, nicht wie in der Bibel, die Schuldigen. Weil die Unschuldigen leiden, dürfen sie die Hölle verlassen. Die Schuldigen können nicht entkommen. Sie müssen bleiben. Das weiß ja zum Beispiel auch jeder Drogensüchtige: Der Weg zum Neuanfang führt immer erst durch die Hölle."

John Burnside, der in seinem bislang unübersetzten autobiografischen Roman "A Lie about my father", die Hölle seiner eigenen Kindheit und Jugend beschrieb, lässt seinen Glister-Helden Leonard sagen: "Mir will der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass lieben muss, wer leben bleiben will." Und Leonard liebt Literatur, er liebt es, mit Mädchen Sex zu haben, und er liebt die neuen Farben, die das Gift der Natur gibt. Rettet es ihm das Leben? Auf der ersten Seite des Romans hat Leonard das Wort, und er sagt: "Ich dachte, das Leben sei eine Sache und der Tod eine andere, aber das dachte ich nur, weil ich noch nichts über den Glister wusste." Diese Geschichte hat kein Ende. Sie ist vieldeutig, wie es Gedichte häufig sind. John Burnside ist in England ein gefeierter Lyriker. Zwölf Gedichtbände sind von ihm dort erschienen.
Aber "Glister" hat auch deshalb kein Ende, weil Burnside findet, dass gute Geschichten kein Ende haben sollten. Sie sind wie Spiralen. Sie gehen nur in einer anderen Dimension in die nächste Runde.

Das ist "Glister": spooky, Kafka in Schottland, Hegel im Quadrat. Sehr unbequem zu lesen. Doch auch wenn sich auf den ersten Seiten alles dagegen sträuben sollte: Trotzdem unbedingt weitermachen. Denken Sie an den Hund, der endlich von der Leine will.

John Burnside: "Glister". Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben
288 Seiten, Euro 19,95, Knaus Verlag

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