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StartseiteKalenderblattKaiser Haile Selassie besucht die Bundesrepublik10.11.2004

Kaiser Haile Selassie besucht die Bundesrepublik

Vor 50 Jahren wurde der erste Staatsgast in Bonn empfangen

Fast auf den Tag genau 36 Jahre war es her, dass der letzte deutsche Kaiser 1918 Deutschland verlassen hatte und in die Niederlande geflohen war. Deutschland hatte keinen Kaiser mehr, und der Regierungssitz der Bundesrepublik war Bonn, nicht mehr Berlin. Hans von Herwarth war der Protokollchef der Bundesregierung, als 1954 kaiserlicher Besuch in der Bundesrepublik erwartet wurde.

Von Schanett Riller

Haile Selassie I, 1941 (AP Archiv)
Haile Selassie I, 1941 (AP Archiv)

Wir vom Protokoll haben natürlich immer besondere Sehnsucht nach Berlin. Denken Sie nur daran, dass die Oper in Berlin die wunderbaren Logen hat, so dass man also ein Schauspiel hat auf der Bühne und dann außerdem sich nur umdrehen braucht. Dann sieht man die hohen Herrschaften oder sah man die hohen Herrschaften in ihren festlichen Gewändern in den Logen.

Die festlichen Gewänder waren nun kaum mehr zu sehen. Bonn war nicht Berlin.

Die Bonner Republik empfing ihren ersten Staatsgast überhaupt:

Haile Selassie der Erste, Macht der Dreifaltigkeit, Negus Negesti, König der Könige, Siegreicher Löwe aus dem Stamme Juda, Herrscher auf dem salomonischen Thron; Tafari Makonnen mit bürgerlichem Namen.

Vier regierende Kaiser gab es 1954 noch. Haile Selassie jedoch war ein ganz besonderer:

Schaut nach Afrika. Wenn ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann ist der Tag der Erlösung nahe!

Dies hatte der schwarze Jamaikaner Marcus Garvey in den zwanziger Jahren prophezeit. Der Vater der späteren Black Power-Bewegung predigte die Rückkehr aller amerikanischen Schwarzen in ein idealisiertes Afrika - und zwar nach Äthiopien, dem einzigen wahrhaft unabhängigen Land des Kontinents.

Ras Tafari Makkonen hatte 1916 die Regierungsgeschäfte an der Seite Kaiserin Zauditus übernommen. Er führte Äthiopien in den Völkerbund und wurde 1928 nicht zuletzt wegen dieses Erfolges König. Zwei Jahre später ließ er sich zum Kaiser Haile Selassie dem Ersten krönen.

Für die jamaikanische Sekte der nach Haile Selassis bürgerlichem Namen benannten Rastafaris war der Kaiser der neue Messias. Zwar blieb Äthiopien unter seiner Regentschaft nicht lange unabhängig. Italien besetzte das Land, und der Kaiser floh nach Großbritannien. Seiner Verehrung tat dies jedoch keinen Abbruch. Bei einem Besuch in Jamaika konnte Haile Selassie 1966 eine ganze Stunde nicht aus dem Flugzeug steigen, weil begeisterte Rastafaris auf den Flughafen strömten.

Haile Selassies Empfang in Europa 1954 fiel dagegen gemäßigter aus.

Wir sagen uns, wir haben heutzutage Flüchtlinge, es gibt noch große Not in Deutschland, man würde es weder in Deutschland noch im Auslande verstehen, wenn wir einen zu großen Luxus entwickeln. Es kommt uns darauf an, dass der Kaiser von Äthiopien sich bei uns recht wohl fühlen möge.

So Hans von Herwarth, der Protokollchef der Bundesregierung. Für rote Teppiche, einen Baldachin am Bahnhof und einige Zirkus-Elefanten und Kamele am Rheinufer reichte es aber doch. Haile Selassie traf Präsident Heuß und Kanzler Adenauer, Parlamentarier und Industrielle, besichtigte Universitäten, Pferdegestüte und Krankenhäuser und gab auf dem Petersberg eine Pressekonferenz. Die Journalisten durften dem Kaiser Fragen zur aktuellen Politik stellen:

Seine Majestät hat festgestellt, dass glücklicherweise im Lande Seiner Majestät dieses Problem des Kalten Krieges nicht besteht, und Majestät wünscht deshalb keine näheren Ausführungen zu dieser Frage zu machen.

Am Morgen des 11. November verließ Haile Selassie Bonn wieder. Die Elefanten am Rheinufer konnten zurück in ihren Zirkus.

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