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StartseiteDie neue PlatteJede einzelne Romanze eine Kostbarkeit18.01.2015

KammermusikJede einzelne Romanze eine Kostbarkeit

Kleine Musikpralinen mit Stücken von Hans Sitt, Louis Vierne, Henry Wieniawski und Fritz Kreisler präsentiert die Bratschistin Tabea Zimmermann auf ihrer neuen CD. Es sind charmante Zeugnisse einer romantischen Salonkultur, die melancholisch in die Vergangenheit blicken.

Von Raoul Mörchen

Die Bratscherin Tabea Zimmermann in der Philharmonie in Köln (picture alliance/dpa/Hermann Wöstmann)
Die Bratscherin Tabea Zimmermann in der Philharmonie in Köln (picture alliance/dpa/Hermann Wöstmann)
Weiterführende Information

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Vergessene Romanzen, "Romance oubliée", so nennt die Bratschistin Tabea Zimmermann ihre neue CD. Kleine, manchmal kaum zweiminütige Salonstückchen sind darauf versammelt, Raritäten allesamt, frisch aufgearbeitet mit dem Pianisten Thomas Hoppe und veröffentlicht vom Label myrios classics.

Sitt, Albumblatt op.39,1: Moderato                                                          

Tabea Zimmermann und Thomas Hoppe, Albumblatt op.39 Nummer 1 von Hans Sitt.

Die Spuren dieser Musik muss man sehr genau suchen, sonst findet man sie nicht. Das zwanzigbändige Standardwerk "The New Grove Dictionary of Music and Musicians", diese globale Datenbank der Musikgeschichte, widmet in fast 40.000 Spalten dem Komponisten Hans Sitt acht knappe Zeilen.

"Geboren 21. September 1850 in Prag, gestorben 10 März 1922 in Leipzig, böhmischer Geiger. Studierte am Prager Konservatorium, bekleidete verschiedene Positionen als Konzertmeister und Dirigent und wurde als Bratscher Mitglied des Leipziger Brodsky-Quartetts. An den gefragten Geigenlehrer des Leipziger Konservatoriums erinnern heute neben den didaktischen Werken seine Lieder und Instrumentalmusik."

Und tatsächlich, diese Instrumentalmusik, diese Albumblätter für Bratsche und Klavier op.39 sind ein guter Grund, sich zu erinnern an den Musiker und Komponisten Hans Sitt.

Sitt, Albumblatt op.39,3: Allegro

Jede Erinnerung braucht einen Anlass, und so ist es auch im Fall von Hans Sitt. Während der Aufnahme von Sonaten Paul Hindemiths, so erzählt Tabea Zimmermann im Booklet der neuen Platte, habe sie mit ihrem Klavierpartner Thomas Hoppe zur Auflockerung zwischendurch ein paar kleine, romantische Stücke gespielt, auf die sie beim Stöbern in einer alten Notensammlung gestoßen war. Es waren besagte sechs Albumblätter op.39, die 1891 erstmals im Druck erschienen und trotz einer Wiederauflage in den 1950er Jahren selbst einer so repertoirekundigen Interpretin wie Tabea Zimmermann bisher unbekannt geblieben waren. Sechs charmante Zeugnisse einer romantischen Salonkultur, die melancholisch in die Vergangenheit blicken: Mendelssohn und Schumann, die Klassizisten unter den Romantikern, sind die entfernten Ahnherren dieser Musik. Das Spätwerk von Brahms, zeitlich so nahe, wirkt modern im Vergleich, von Mahler, Debussy oder dem jungen Schönberg ganz zu schweigen. Doch Tabea Zimmermann hat das nicht gestört. Sie stellt Sitts Albumblätter bewusst an den Anfang ihrer neuen CD: Dort bestimmen sie die Atmosphäre und auch den Anspruch dieser Platte: "Romance oubliée" ist ihr Titel, vergessene Romanze. Er verspricht lyrische Entdeckungen, keine lauten Sensationen.

Sitt, Albumblatt op.39,2: Andante sostenuto      

Ein Sonntagmorgen wie dieser, vielleicht auch ein Konzert am Nachmittag, dort hat solche Musik ihren idealen Platz. Man stellt sie sich vor gespielt in einem geräumigen Wohnzimmer mit dicken Teppichen, Stofftapeten und schweren Möbeln. Auf einer großen Bühne vor vielen hundert Menschen wirkt sie deplatziert. Auch Tabea Zimmermann sieht das wohl so: Auf ihrer neuen Platte gönnt sie sich ein Repertoire, das sonst in keinen Tourneeplan passt, auch nicht in ihren.

Doch so klein diese Werke auch sein mögen, diese Albumblätter, Träumereien, Elegien und Legenden, diese Musikpralinen von Sitt, Glasunow und Vierne, von Vieuxtemps, Wieniawski, Liszt und Kodaly, Tabea Zimmermann spielt sie nicht einfach nebenbei, sie behandelt jede einzelne wie eine Kostbarkeit. Sie schämt sich nicht für diese Musik und bauscht sie darum auch nicht auf. Viele hätten diesen Fehler an ihrer Stelle begangen oder haben es bei ähnlicher Gelegenheit: die eigene Virtuosität vor die Musik zu schieben, den Hörer von ihren bescheidenen Inhalten abzulenken mit Spielfertigkeit und dem üblichen Zubehör des Profis, mit Ornamenten und Athletik. Statt sie anzupreisen als etwas, was sie nicht sein können, lässt Zimmermann diese Stücke dort, wo sie sind. "Werkimmanent" nennt die akademische Musikkritik einen solchen Ansatz der Interpretation: "liebevoll" träfe es wohl auch.

Liszt, Romance oubliée

Wäre der Rang der Musikerin Tabea Zimmermann noch ein Geheimnis, man müsste sich an dieser Stelle förmlich überschlagen vor Begeisterung. Wer hat je behauptet, die Bratsche sei der Geige unterlegen, weil sie aufgrund ihrer Masse zwangsläufig immer einen Tick zu schwerfällig sei und aufgrund ihrer Maße zwangsläufig zum Brummen neige, zur Dickbäuchigkeit im Forte und zum Rauschen im Piano? Tabea Zimmermann nimmt es auch mit den besten Geigern auf. Sogar mit dem großen Charmeur Fritz Kreisler. So zart und innig, so kapriziös und elegant wie sie hat selbst Kreisler sein Stück "Aucassin & Nicolette" wohl nur an allerbesten Tagen gespielt.

Kreisler: Aucassin & Nicolette

Die Zeiten sind vorbei, als Bratscher wurde, wer als Geiger nicht gut genug war - und die Begriffe "Bratsche" und "Solist" sich praktisch ausschlossen. Bratscher spielten in Orchestern und Quartetten, die wenigen Konzerte, die sich hin und wieder auf die Spielpläne verirrten, wurden meist von hauptberuflichen Geigern absolviert. Das hat sich längst geändert, auch dank der Lehrerin Tabea Zimmermann, die neben ihrem berühmtesten Schüler Antoine Tamestit einer ganzen Reihe begabter Studenten den Weg in eine erfolgreiche Karriere geebnet hat. Sie selbst bleibt derweil das Maß der Dinge. Ihr Klang- und Ausdrucksspektrum ist schier atemberaubend, reicht vom leisen Hauch bis hin zu einem Forte von geradezu sinfonischen Dimensionen, wobei die Wegstrecke zwischen diesen beiden Extremen unendlich lang sein kann: Ein Crescendo vermag Zimmermann wie in Zeitlupe über zwei, drei Duzend Takte zu spannen, einen Ton ganz langsam immer weiter hinauszuschieben aus dem Nichts, und sie hat, wenn man glaubt, die Grenze nach oben sei jetzt erreicht, meist noch erstaunliche Reserven. Wenn sie es nicht will, dann hört man keinen Bogenwechsel, einen halbherzig gegriffenen Ton ohnehin nicht. Was man immer hört, ist eine berauschende Intensität von großer Natürlichkeit, die Thomas Hoppe am Klavier aufmerksam und gänzlich uneitel begleitet. Hoppe ist ein guter Partner, der sich nicht versteckt, sondern stützt und fördert, doch ohne selbst zu lenken. Tabea Zimmermann lässt ihn nicht spüren, wer hier der Star ist, Hoppe weiß es selbst - und er weiß ganz offenkundig auch um den Anspruch der Musik, die er spielt: Romanzen, das sind Lieder, das ist instrumentaler Gesang. Mehr als dabei sein darf das Klavier hier eh nicht.

Louis Vierne: Le Soir

"Le Soir", der Abend, Salonmusik des französischen Komponisten Louis Vierne, eine der vergessenen Romanzen, die Tabea Zimmermann auf ihrem gleichnamigen Album wiederentdeckt: "Romance Oubliée", so heißt die neue Platte, die Zimmermann gemeinsam mit dem Pianisten Thomas Hoppe aufgenommen hat für das Label myrios classics. Raoul Mörchen hat sie Ihnen vorgestellt und dankt fürs Zuhören. 

Vorgestellte CD:
"Romance oubliée - Romantische Miniaturen für Viola und Klavier u.a. von Hans Sitt, Louis Vierne, Henry Wieniawski, Fritz Kreisler", Tabea Zimmermann, Viola, Thomas Hoppe, Klavier. Myrios classics 19355, EAN: 4260183510147

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