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StartseiteDie neue PlatteKammermusik13.04.2009

Kammermusik

Die Geigerin Tanja Becker-Bender spielt die Capricen von Niccolò Paganini

Sie ist kein Geigengirlie – dabei könnte Tanja Becker-Bender mit gerade mal 31 Jahren diese Rolle noch sehr gut spielen. Glitzer, Glamour, Chichi? Tanja Becker-Bender ist für so etwas nicht zu haben. Sie macht Musik – auch wenn die ein bisschen versteckt ist wie in Paganinis opus 1, den halsbrecherischen Capricen.

Von Maja Ellmenreich

Violinen (AP)
Violinen (AP)

Tanja Becker-Bender hat sich ausgerechnet für diese 24 kurzen Bravourstücke entschieden, um ihren Einstand bei dem britischen Qualitätslabel Hyperion zu geben. Wie gesagt – die Akrobatik verstellt bei Paganini gelegentlich den Blick auf die Musik. Aber Tanja Becker-Bender entdeckt sie trotzdem.

MUSIK - Track 1
Caprice Nr. 1 E-dur. Andante
Länge: 2'02

Bei diesem Tempo klingt es fast unverschämt zu behaupten, Tanja Becker-Bender ließe sich Zeit. Aber Tatsache ist, dass sie für die erste der 24 Paganini-Capricen mit 2 Minuten und 2 Sekunden deutlich mehr Zeit benötigt als die meisten ihrer geigenden Kollegen. Der Österreicher Thomas Zehetmair zum Beispiel, er legte Anfang der 90er eine neue Referenzaufnahme von Paganinis opus 1 vor. Und er erreichte den letzten Takt der E-dur-Caprice fast 20 Sekunden früher als Tanja Becker-Bender. Oder noch schneller? Eine Geigergeneration zuvor: Itzhak Perlman, der noch ein paar Sekündchen mehr herausholte.
Kaum ein Werk unserer Musikgeschichte verleitet so sehr zum Blick auf die Stoppuhr wie Nicolò Paganinis Capricen. Und wenn Becker-Bender mit ihrer Kompletteinspielung ganze 10 Minuten hinter Zehetmair liegt, kann rasch ein Urteil fallen, noch bevor die CD im Player liegt.
Spielt aber dann die Musik und sind die Ohren offen, dann punktet Tanja Becker-Bender in der B-Note und gewinnt haushoch!
Schließlich steht sie nicht auf dem Spielfeld, wo "höher, schneller, weiter" einfach alles bedeutet. Tanja Becker-Bender siegt in den Disziplinen der Musik: Klang und Ausdruck haben bei ihr Priorität, sie legt Wert auf Strukturen. Harmonische Veränderungen werden bei ihrer Interpretation deutlich erkennbar, während das rasend schnelle Spiel ihrer Kollegen kaum Zeit lässt, den Gang durch die Tonarten nachzuvollziehen.
Ein bisschen weniger ist deutlich mehr!

MUSIK - Track 5
Caprice Nr. 5 a-moll. Agitato
Länge: 3'00

Eine Achterbahnfahrt durch die Oktaven: 'Ganz oben' und 'ganz unten' liegen nah beieinander. Paganinis Opus 1 ist extreme Musik und verlangt dem Interpreten alles ab. Insbesondere alle Spieltechniken, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt waren: martellato, spiccato, staccato - und wie sie alle heißen. Der Bogen muss hämmern, springen, hüpfen. Doppelgriffe, sogar Tripelgriffe muss man beherrschen. Und wahnwitzige Tempi sind ohnehin in der Mehrheit: Vivace, Presto, Allegretto. In den Noten wimmelt es nur so vor Legatobögen, Akzenten und Trillern.
Um es gerade heraus zu sagen: Jede der 24 Capricen ist ein komponiertes Folterinstrument – und so manch ein geigender Zeitgenosse Paganinis hat vor ihnen kapituliert. Das allgemeine Urteil? Schlichtweg unspielbar.
Aber natürlich nicht für den als Teufelsgeiger bekannten Niccolò Paganini. Der – davon ist auszugehen – wird sie alle bravourös bezwungen haben. Doch, so verrät das überaus informative Beiheft der neuen CD, es gibt keine Belege, dass Paganini sein Opus 1 je öffentlich gespielt hat!
Stellt sich also die Frage: Für welchen Zweck, für welchen Rahmen hat er es überhaupt komponiert? Sicher nicht für eine Konzertaufführung ohne Unterbrechung. Denn die 24 Capricen bilden keinen Zyklus im klassischen Sinne: in sich geschlossen, etwa mit systematischem Tonartenfahrplan oder Querbezügen. Vielmehr ist es eine Aneinanderreihung einzelner, höchst anspruchsvoller Lehr- oder Übungsstücke, jeweils mindestens einer spieltechnischen Schwierigkeit gewidmet. Anstrengend für den Interpreten, aufreibend aber auch für den Hörer. Alle 24 Capricen am Stück? Da läuft man Gefahr, der einzelnen nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken zu können, die ihr eigentlich gebührt.
Im Konzertleben begegnet man den Paganini-Capricen daher in Einzeldosierungen. Am häufigsten: der letzten, Nr. 24 in a-moll. Während die anderen 23 meist schlicht aus zwei oder drei Teilen bestehen, kommt die Nr. 24 als Thema mit elf Variationen und Finale daher.

MUSIK – Track 24
Caprice Nr. 24 a-moll. Temo con variazioni: Quasi presto
Länge: 4'31

Tanja Becker-Bender ist eine der ganz wenigen Frauen, die sich der Herausforderung gestellt haben, Niccolò Paganinis 24 Capricen für eine CD aufzunehmen. Sie legt damit Zeugnis ab über ihr virtuoses Können, noch viel mehr aber dokumentiert sie auf ihrer ersten CD bei Hyperion ihren ausgeprägten Sinn für Klang. Wo viele andere Paganini-Einspielungen vor lauter Tempowahn ins Geräuschhafte abdriften, gelingt es Tanja Becker-Bender, den schlanken, warmen und ausgewogenen Klang ihrer Guarneri del Gesù zu bewahren. Das Instrument aus dem Jahr 1728 wird ihr von der Deutschen Stiftung Musikleben zur Verfügung gestellt, die sie seit nunmehr 13 Jahren fördert – mit Stipendien, Konzertengagements und wertvollen Instrumentenleihgaben. Mittlerweile fördert Becker-Bender selbst den musikalischen Nachwuchs: Die gefragte Kammermusikerin und Solistin lehrt seit zweieinhalb Jahren als Professorin für Violine an der Musikhochschule in Saarbrücken. Sie hat in Stuttgart, London, Wien und an der Juilliard School in New York studiert, zahlreiche Wettbewerbe gewonnen, schon früh mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammen gearbeitet. Doch im Gegensatz zu so manch einem der besagten "Geigengirlies" hat sich Tanja Becker-Bender nicht im Konzertbetrieb verheizen lassen. Ihr Name begegnet einem nicht in jedem x-beliebigen Festivalprogramm. Als sie in dem Fragebogen einer Frauenzeitschrift vor einigen Jahren ihren Erfolgsfaktor nennen sollte, antwortete sie "Mut zum Anderssein". Diesen Mut bestätigt sie mit der neuen CD: Tanja Becker-Bender beginnt ihre Zusammenarbeit mit dem Label Hyperion nicht etwa mit einschmeichelnden und somit gut verkäuflichen Violinsonaten der Romantik, sondern sie nimmt Paganinis Capricen in Angriff. Und denen begegnet sie nicht auf sportliche Art und Weise, liefert sich nicht dem Wettbewerb aus, die Schnellste sein zu wollen, sondern setzt – wie gesagt – auf musikalische Tiefe. "Mut zum Anderssein" eben.
Wünschen wir ihr für die Zukunft noch mehr Mut in nur einer kleinen Nebensache: Tanja Becker-Bender sollte sich bei der nächsten CD ruhig trauen, das Cover mit ihrem sympathischen Konterfei zu schmücken und nicht mit einem an Kitsch kaum zu überbietenden Bild des kanadischen Malers André Durand. "Salieri's Dream" heißt es und zeigt eine Schönheit im schulterlosen, roten Abendkleid, die einen Geiger mit wilder Lockenmähne anhimmelt. Es passt leider so gar nicht zur akustischen Erstklassigkeit dieser Neuerscheinung, die nicht nur musikalisch, sondern auch aufnahmetechnisch ein Genuss ist.

MUSIK – Track 9
Caprice Nr. 9 E-Dur. Allegretto
Länge: 3'02

24 Capricen für Violine solo. Niccolò Paganinis Opus 1 spielt die deutsche Geigerin Tanja Becker-Bender auf ihrer ersten CD bei dem britischen Label Hyperion (hyperion CDA 47763, LC 7533). Unsere "Neue Platte" am Ostermontag. Im Studio war Maja Ellmenreich.

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