Die neue Platte / Archiv /

Kammermusikalische Grenzgänger

Neue Kammermusik von Zeynep Gedizlioğlu, Pavel Fischer, Gabriel Iranyi

Von Frank Kämpfer

Stradivari Geige und Cello
Stradivari Geige und Cello (AP)

Zeitgenössische Kammermusik, in die sich persönliches Reflektieren einschreibt: Kunst- und volksmusikalische Traditionen, Bezüge zu Politik und Geschichte, kulturelle Prägungen – all das fließt in drei neue Porträt-CDs ein, die den Musikmarkt derzeit auf je ganz eigene Weise bereichern.

Zeynep Gedizlioglu, Akdenizli
Michael Dinnebier (Violine), Hendrik Vornhusen (Viola) Julia Vogelsänger (Klavier)
CD col legno WWE 1CD 40405, LC 07989
Take 02


Das Eingangsmotiv scheint einem geläufig – doch kaum hört man ihm nach, wozu es Gelegenheit gibt, vermittelt sich zugleich und wahrscheinlich bewusst, Differenz. Ganz dezent. Ist vielleicht eine Seite verstimmt, ein Intervall nicht präzise gefasst? Auch die Besetzung differiert an einem Punkt: das Klaviertrio ist nur beinahe das aus hiesigen Sphären gekannte, zudem es dreisätzig anmutet, was es aber nicht ist.

Verschiedenes also stimmt nicht, das heißt nicht so ganz, in dieser Musik; etwas in ihr scheint in sich leicht verschoben – ein aus Innensicht fremder Zungenschlag ist immanent, und je länger man hört, umso mehr scheint diese knapp 9-minütige Kammermusik aus den Fugen zu gehen. Und umso mehr sind andere harmonische Ordungen darin am Wirken. Ob dieses Trio für Violine, Bratsche, Klavier aus dem Jahre 2007 zu den Schlüsselwerken von Zeynep Gedizlioğlu gehört, bleibe hier offen – in Akdenizli, so der Titel des Stücks, (deutsch: das Mediterrane) offenbart die Komponistin unmissverständlich die Welt, das Lebensgefühl, das Kulturengemisch, aus dem sie stammt und das sie prägt.

Gedizlioğlu, geboren 1977 in Izmir, ist Türkin – sie hat bei Cengiz Tanc in Istanbul, Ivan Fedele in Strassbourg und bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe studiert und ihre kammermusikalischen Arbeiten werden heute vom Arditti Quartet, vom Ensemble Modern und von Mitgliedern des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg gespielt. All dies dokumentiert eine beim in Wien ansässigen Label col legno editierte CD, die mit der jüngsten Ehrung der Komponistin im Zusammenhang steht, dem Komponisten-Förderpreis des Ernst von Siemens Musikpreises 2012.

Die vielgeförderte Mittdreißigerin hat Talent, ganz zweifellos, und sie hat eine kompositorische Handschrift kreiert, mit der sie auf dem Markt der Neuen Musik derzeit auf sich aufmerksam macht. Gedizlioğlu’s Musik – so generalisiert Bookletautor Markus Böggermann – gewinnt "ihren Reichtum aus der nicht reduzierbaren Vielheit ihrer Gestalten"; das Individuelle resultiert aus einem bewusst nie ganz Passrechtgemachtsein von Formen und Klängen, aus Unschärfen und Interferenzen, aus der Heterogenität des verwendeten Materials. Okzident und Orient, Avantgarde und Tradition verschiedener Art gehen auf diese Weise zusammen. Dem nachzuhören, nachzusinnen ist Teil eines wiederkehrenden dramaturgischen Binnenprinzips, darin dem Impuls, der expressiven Gebärde meist ein Aus- und Nachklingen folgt. Charakteristisch auch ein permanentes Changieren im Umgang mit Musiktradition – auf engstem Raum wird solche zitiert, verfremdet; verlassen und wieder bedient. Deutlich wird derlei im Dialogo a tre, darin nicht nur Blockflöte, Violine und Cembalo miteinander agieren, darin auch Moderne, traditionelle und Alte Musik einander manchmal sehr fern und manchmal fast deckungsgleich sind.

Zeynep Gedizlioglu, Dialogo a tre
Barbara Neumeier (Blockflöte), Michael Dartsch (Violine), Lutz Gillmann (Cembalo)
CD col legno WWE 1CD 40405, LC 07989
Take 05


Barbara Neumeier (Blockflöte), Michael Dartsch (Violine) und Lutz Gillmann (Cembalo) mit Dialogo a tre von Zeynep Gedizlioglu. Die Debüt-CD der in Berlin ansässigen Urheberin enthält acht Werke Kammermusik, die hauptsächlich im SWR Baden-Baden entstanden, sie ist beim Wiener Label col legno in der CD-Reihe der Ernst von Siemens Musikstiftung erschienen.

Um Tradition gänzlich anderer Art geht es auf der nächsten CD, die bei Supraphon in Prag editiert ist. Pavel Fischer, ehemaliger Leiter und Primarius des Skampa Quartetts hat sie zusammengestellt. Das Ausgangsmaterial entstammt seinem Plattenschrank, Pubs in Manchester, wo Fischer seit einiger Zeit unterrichtet, sowie der Musik seiner mährischen Heimat.

Pavel Fischer, Streichquartett Nr. 1 "Morava"
Skampa Quartett
CD Supraphon SU 4092-2, LC 00358
Take 01


Ein kurzer Ausschnitt aus Morava, Streichquartett Nr.1. Pavel Fischer zeichnet als Urheber – er hat sich von mährischen Zymbalklängen, ungarischem Csárdás und Gesängen der Roma anregen lassen und solche zu einer stimmungsvollen fünfsätzigen Suite gefügt, die eher auf Folkfestivals als auf Podien Neuer Musik vorstellbar ist. Um ästhetische Eigensprachlichkeit im Sinne zeitgenössischen Komponierens geht es hier nicht. Fischers übrigens sehr professionelles Arrangement für klassisches Streichquartett suggeriert indes akademische Tradition – auch Smetana, Dvořák, Janáček und andere Vertreter der tschechischen Klassik haben aus dem reichen Volksmusikarsenal ihrer Heimat geschöpft und diese in namhafte Kunstmusik umgeformt; das Škampa Quartett hat davon viel auf CD eingespielt. Die Platte hier profitiert davon sehr – das Repertoire fordert Präzision wie Esprit, die Formation hat beides zu bieten. Als anspruchsvolles Cross-over-Produkt kann die neue Skampa-CD zudem mehrere Hörerkreise ansprechen: die Folk-Fans, den Streichquartett-Freund, Interessenten für musikalisches Grenzgängertum.

Solches findet sich indes weniger in den weiteren Titeln von Fischer, die stärker ins Kommerzielle tendieren und irische Fiddler, rumänische Roma und schottische Dudelsackspieler beschwören, als im bemerkenswerten Quartett der Performerin Iva Bittová. Bittová, selbst eine Roma, verschmilzt experimentellen Gesang, Improvisation, Folklore und Avantgarde in ihrer Musik und verlangt das bei Hopáhop tálitá auch von den klassischen Interpreten:

Iva Bittová, Hopáhop tálitá
Škampa Quartett
CD Supraphon SU 4092-2, LC 00358
Take 15


Hopáhop tálitá – Musik von Iva Bittova. Die neue CD des tschechischen Škampa Quartetts mit volksmusikalisch entlehnten Kompositionen hauptsächlich von Pawel Fischer ist bei Supraphon erschienen.

Die dritte und letzte CD, die ich Ihnen heute anspielen will, gilt dem 1946 geborenen Komponisten Gabriel Iranyi. Vier kammermusikalische Werke aus den letzten zehn Jahren sowie zwei Lieder finden sich auf der CD, die im vergangenen Jahr mit Musikern der Berliner Szene bei Radio Berlin-Brandenburg für das Label kreuzberg records eingespielt worden ist.

Iranyis Traditionsbezug ist in erster Instanz ein politisch-ethischer – seine Musiksprache ist von abgründigem Ernst, streng, beredt, und gänzlich abstrakt. Deutlich wird dies eingangs nach wenigen Takten der vier Espressioni. Ob einer ungewöhnlichen Triobesetzung mit Violine, Klarinette/Bassklarinette, Akkordeon thematisieren das Prinzip des Kontrasts.

Gabriel Iranyi, Espressioni 1
Theodor Flindel (Violine), M. Badczong (Klarinette), Christine Paté (Akkordeon)
CD kreuzberg records kr 10110, LC 02555
Take 01


Das Schlussstück gibt der Produktion ihren Titel: Hauptweg und Nebenwege – so heißt auch ein viersätziges Klaviertrio aus dem Jahre 2007. Stark abstrahiert mag das knapp viertelstündige Stück eine Selbstbefragung darstellen; Paul Klee’s gleichnamiges Bild diente als formbildender Ausgangspunkt.

Das emotionale Zentrum der ansonsten rein instrumentalen CD bilden zwei höchst bemerkenswerte Lieder für Sopran, Klavier und Violoncello nach Versen von Paul Celan. Es sind Liebesgedichte – und sie künden von Daseins-Erfahrung in auswegloser Zeit. Iranyi hat sie in fragile, zarte, gleichwohl expressive Gesänge gesetzt. Anschließende Miniaturen scheinen zu korrespondieren: InnenZeit III für Violine/Klavier ist eine eindringliche, zuweilen introvertierte Hommage an den jüdischen Philosophen Walter Benjamin und dessen Überlegungen zum Begriff der Geschichte. Benjamin hatte 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten Geschichte nicht als Höherentwicklung der menschlichen Art, sondern vielmehr als Kontinuum des Schreckens gefasst. Der in Siebenbürgen geborene, zeitweise in Israel tätige, jetzt in Berlin ansässige und dort auch kulturpolitisch aktive Gabriel Iranyi transportiert dieses Botschaft ins heute – allerdings artikuliert er sie nonverbal, in Kammermusik von großer Eindringlichkeit.

Gabriel Iranyi, InnenZeit III
Biliana Voutchkova (Violine), Björn Lehmann (Klavier)
CD kreuzberg records kr 10110, LC 02555
Take 07 / Take 08



Biliana Voutchkova (Violine) und Björn Lehmann (Klavier) mit einem Ausschnitt aus der Kammermusik InnenZeit III. Das Stück findet sich auf einer Porträt-CD mit Werken von Gabriel Iranyi, die in diesem Jahr beim Label kreuzberg records des Brühler AMA Verlags erschien. Zuvor habe ich Ihnen eine bei Supraphon editierte neue CD mit dem tschechischen Škampa Quartett sowie bei die col legno verlegte Debut-CD von Zeynep Gedizlioğlu angespielt.

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