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StartseiteForschung aktuellKampf dem arktischen Dunst11.06.2008

Kampf dem arktischen Dunst

Klimaforscher fordern Sofortmaßnahmen gegen kurzlebige Schadstoffe

Umwelt. - Die Arktis erwärmt sich derzeit doppelt so schnell wie Erde im Durchschnitt. Mit dafür verantwortlich sind Rußpartikel aus tieferen Breitengraden. Ruß trübt die schneeweiße Eisoberfläche ein, Sonnenlicht wird schlechter reflektiert. Die Wärme bleibt also im Eis, und das schmilzt immer schneller. Klimaexperten fordern deshalb schnelle Maßnahmen gegen den arktischen Dunst.

Von Volker Mrasek

Das Eis in der Arktis schmilzt immer schneller. (AWI)
Das Eis in der Arktis schmilzt immer schneller. (AWI)

40 Grad Nord. Etliche Megastädte liegen auf diesem Breitengrad: New York, Madrid, Ankara, Peking. Er verläuft mitten durch Nordamerika, Südeuropa und Zentralasien.

" Die 40 Grad Nord sind etwas willkürlich gewählt. Aber wenn man Wissenschaftler fragt, woher all die Luftschadstoffe stammen, die man in der Arktis antrifft, dann sagen sie: Wir müssen unseren Blick auf die Regionen ab 40 Grad Nord richten. "

Als "arktischer Dunst" sind die importierten Schadstoffschleier schon länger bekannt. Doch erst jetzt beginnen sich Fachleute so richtig für ihre Klimawirkung zu interessieren. Darunter auch Pam Pearson. Die Biologin und Politikwissenschaftlerin leitet das Europa-Büro des Zentrums für Klimapolitik, einer Nicht-Regierungsorganisation aus den USA. Der Einfluss Nordamerikas und Europas auf die Arktis äußert sich regional unterschiedlich:

" Grönlands Eisschild bekommt vor allem die Emissionen aus Nordamerika ab. Das arktische Meereis und das Gebiet jenseits von Sibirien steht dagegen stärker unter dem Einfluss Europas. Das hat mit der natürlichen Luftzirkulation zu tun. "

Die Meereis-Bedeckung in der Arktis war im vergangenen Sommer so mickrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen. In dieser Saison wird bereits mit dem nächsten Rekordminimum gerechnet. Es gibt Klimaprojektionen, wonach das Nordpolarmeer schon vor dem Jahr 2030 im Sommer völlig eisfrei sein könnte. Offenbar haben die Staaten Europas einen maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung. Darauf verwies jetzt in Bonn der Norweger Terje Berntsen, Meteorologe und Atmosphärenchemiker an der Universität Oslo:

" Die wichtigsten Schadstoffquellen liegen in Europa und Eurasien. In West-Europa sind es die Dieselmotoren von Autos und Baufahrzeugen. Sie emittieren Ruß, und ihre Zahl ist beständig gewachsen. Eine weitere Quelle entdeckten wir in Weißrussland, der Ukraine und anderen früheren Ostblockstaaten. Dort werden noch immer Ernteabfälle auf den Feldern verbrannt. "

Dabei entsteht nicht nur Ruß, sondern auch Kohlenmonoxid. Und aus diesem Spurengas wiederum Ozon. Auch das ist schlecht für die Arktis:

" Ozon kann das Klima der Arktis beeinflussen, ohne selbst dorthin zu gelangen. Sagen wir, es wird in mittleren Breiten produziert. Weil Ozon Sonnenstrahlung absorbiert, erwärmt sich die Umgebungsluft. Und diese Hitze wird dann mit Luftströmungen in die Arktis befördert. "

Ruß, Kohlenmonoxid, Ozon - diese Stoffe bezeichnet man auch als kurzlebige Antreiber der arktischen Erwärmung. Anders als CO2 verbleiben sie nicht für Jahrzehnte in der Atmosphäre, sondern bloß wochen- oder monatelang. Um dann, wie zum Beispiel Ruß, mit Niederschlägen ausgewaschen und auf dem Eis deponiert zu werden. Könnte man nicht bei diesen kurzlebigen Schadstoffen den Hebel ansetzen? Mit dieser Frage befasst sich inzwischen eine 40-Grad-Nord-Initiative, wie Pam Pearson sie in Bonn nannte:

" Das ist eine Koalition aus Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftlern und interessierten Regierungen. Russland, Kanada, die USA, Island und die skandinavischen Länder zählen dazu. Auch die EU-Kommission zeigt sich interessiert. Uns geht es darum, die kurzlebigen Schadstoffe einzudämmen. Man bekäme dann eine relativ schnelle Reaktion in der Arktis. Das würde die Erwärmung nicht stoppen, sie aber vermindern - um 30, vielleicht auch um 50 Prozent. Das ist die Hoffnung. "

Man könnte Diesel-Partikelfilter stärker verbreiten und die Verbrennung von Ernte-Resten gänzlich verbieten. Das wären geeignete Maßnahmen. Wie sie sich möglichst rasch umsetzen lassen, will die 40-Grad-Nord-Initiative im September auf einer Tagung in Oslo erörtern.

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