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StartseiteBüchermarktKampf gegen das absolute Böse26.11.2009

Kampf gegen das absolute Böse

Mark Juergensmeyer, "Die Globalisierung religiöser Gewalt". Hamburger Edition

Der amerikanische Soziologe Mark Juergensmeyer ist der Ansicht, dass die Religion - gleich welcher Konfession - sich offenbar hervorragend dazu eignet, Terror zu begründen. Einer ihrer wesentlichsten Vorzüge dabei: Religiöse Texte lassen sich niemals endgültig widerlegen.

Von Kersten Knipp

Keine Normalität in Nordirland: Eine Mutter mit ihrem Kind steht vor einem ausgebrannnten Auto (AP)
Keine Normalität in Nordirland: Eine Mutter mit ihrem Kind steht vor einem ausgebrannnten Auto (AP)

Glauben Terroristen, die sich auf die Religion beziehen, wirklich, sie handelten in göttlichem Auftrag? Vermutlich schon, so der US-amerikanische Soziologe und Religionsforscher Mark Juergensmeyer, auch wenn dieser Glaube vor allem ein Akt des Willens und einer sehr eigenwilligen Deutung der religiösen Tradition ist. Vor allem aber, so kann man Juergensmeyers kluges Buch verstehen, handelt es sich um Strategen, denen es vor allem um eines geht: den Zorn in höchstmöglich zerstörerische Energie zu verwandeln.

Und dazu bieten sich keine Texte so sehr an wie die aus den heiligen Büchern, und zwar nicht nur des Islams, sondern nahezu aller Religionen überhaupt. Der Hindu-Nationalismus und der Krieg der Sikhs in Indien; die buddhistischen Revolten auf Sri Lanka, in der Mongolei und in Tibet; der militante Zionismus in Israel; der geisterhafte Terror der Aum-Sekte in Japan; die protestantisch und katholisch gewandten Unruhen in Nordirland; die militante christliche Rechte in den USA und deren etwas mildere Geistesbrüder in Europa: Sie alle zeigen, dass religiös gefärbte Gewalt kein ausschließlich islamisches Phänomen ist.

Ganz offenbar besitzt Religion, gleich, welcher Konfession sie auch ist, Qualitäten, die sie dazu prädestinieren, sich für Terror und Gewalt in Anspruch nehmen zu lassen.

Nach einer eindrucksvollen Reihe detaillierter case studies zu den oben genannten und noch weiteren Fällen religiöser Gewalt geht Juergensmeyer im systematischen Teil seines Buches diesen Qualitäten nach. Einer ihrer wesentlichsten Vorzüge: Religiöse Texte lassen sich niemals endgültig widerlegen. Heilige Bücher sind keine Anleitungen zum Töten. Aber wer will, liest sie dennoch als solche: Kein Text dieser Welt kommt gegen die subjektive Deutung an, die ihm seine Leser unterschieben.

Religion, schreibt Juergensmeyer, sei die, Zitat, "Sprache der ultimativen Ordnung". Ihr gegenüber stehen Bilder der ultimativen Un-Ordnung: es sind Bilder einer chaotischen Welt, die es, so sehen es die Gotteskrieger, wieder in Ordnung zu bringen gilt. Diese Ordnung ist umso verführerischer, als sie den, der sie wiederherzustellen sucht, unweigerlich ins Zentrum irdischer Macht, zumindest in deren Nähe stellt. Wer Gewalt, gar Terror ausübt, kann einen Machtzuwachs verbuchen – meist kurzfristig, aber, das Beispiel Iran oder nun auch wieder das der Taliban zeigt es, gelegentlich auch lang- oder längerfristig. Eine religiöse Diktatur wie die iranische, bemerkt Juegensmeyer, hat zahllose Menschen, die vorher keinerlei Autorität besaßen, in mittelbare oder unmittelbare Nähe zur Macht gebracht. Jetzt neigt sie offenbar ihrem allmählichen Ende entgegen. Aber sie hat 30 Jahre bestanden – ein halbes Menschenleben also, und ein guter Grund, die religiöse Karte zu spielen, garantierte sie doch als einzige den sozialen und politischen Aufstieg. Denn Gratifikationen sind auch ein Kennzeichen vorgeblicher frommer Regime. Dies umso mehr, als mit der symbolischen auch die weltliche Ordnung gekippt worden ist.

Das Regime des Schahs, um beim Beispiel Iran zu bleiben, schloss zu viele Menschen aus, um nicht massenhaften Unmut zu erzeugen. Es sind demnach politische und soziale Missstände, gegen die sich der Unmut richtet, und zwar aus völlig nachvollziehbaren Gründen. Zitat:

An einem bestimmten Punkt des Konflikts jedoch, und zwar in der Regel in Zeiten der Enttäuschung und Verzweiflung, wird der politische und ideologische Kampf "religionisiert". Von da an bekommt, was primär als weltlicher Kampf begann, die Aura eines heiligen Konflikts, und es entsteht ein ganz neuer Komplex von Problemen.

Die Religion bietet sich umso leichter als legitimierende Ideologie an, als viele der bekämpften Regime – wie etwa der Schah - im Namen des Säkularismus handeln; oder die wie Saudi-Arabien – dem Land, aus dem so viele Al-Qaida-Kämpfer stammen – eine Politik betreiben, die die religiösen Werte tagtäglich verhöhnt, jedenfalls aus Sicht ihrer gewaltgeneigten Kritiker.

Es sind demnach, darauf weist Juergensmeyer hin, oft sehr reale Missstände, an denen sich religiös gefärbte Unruhen entzünden. Der Protest gegen sie ist nachvollziehbar – fragwürdig ist nur die Wahl der Ideologie. Aus Sicht der zu Terroristen gewordenen Aufständischen ist der Bezug auf die Religion allerdings völlig rational. Indem sie den Konflikt ins Grundsätzliche hebt, verleiht sie ihm eine Schärfe, die den Einsatz terroristischer Mittel aus ihrer Sicht legitimiert. Sie hebt ihn ins Absolute, spricht ihm ab, verhandelbar zu sein und verwandelt ihn in einem Kampf ums Ganze.

Entsprechend fällt die Wahl der Mittel aus, entsprechend rigoros ist die Kampfmoral der Kombattanten. Religiöse Gewalt ist darum so brutal und hemmungslos, schreibt Juergensmeyer, Zitat, weil die Täter sie nicht nur als Mittel in einem irdischen politischen Kampf betrachten, sondern sie im Szenario eines heiligen Konflikts verorten.

Nicht Gegnern glaubt der Gotteskrieger gegenüberzustehen, sondern Repräsentanten des absoluten, zeitlosen Bösen. Die Missstände, gegen die er aufbegehrt stilisiert er als Vergehen gegen die göttliche Ordnung. So gesellt sich zum irdischen noch der überirdisch motivierte Zorn, der Aufstand gewinnt doppelte Schlagkraft.

Und noch einen Vorteil politische Konflikte religiös zu deuten: Aus Sicht derer, die es tun, finden die Auseinandersetzungen unter kosmischen Vorzeichen statt – können also sehr, sehr lange dauern. Einzelne Niederlagen zählen darum vergleichsweise wenig; denn nicht auf die Schlacht kommt es an, sonder auf den Krieg als ganzen. Ihn gilt es zu gewinnen – und ihn, predigen Gotteskämpfer aller Art, wird man auch gewinnen.

Den meisten Menschen im Westen, schreibt Juergensmeyer, ist eine solche Sicht der Dinge fremd. Das hat ungeheure Vorteile, denn es erlaubt, Konflikte politisch auszutragen, keinen Kampf ums Ganze aus ihnen zu machen. Andererseits verstellt es aber den Blick auf die Logik des religiösen Kampfes, wie er in so vielen Teilen der Welt gärt. Dadurch geraten die eigentlichen – also die politischen und gesellschaftlichen – Ursachen religiöser Gewalt leicht aus dem Blickfeld. Wer religiöse Gewalt darum verstehen will, sollte sich nicht nur die jeweils heiligen Bücher anschauen, sondern auch und die politischen und gesellschaftlichen Umstände zur Kenntnis nehmen, in denen die Gotteskämpfer ihre frommen Bomben zünden.

Mark Juergensmeyer, "Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis Al-Qaida".
Hamburger Edition, 485 S., EUR 35,-

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