Montag, 11.12.2017
StartseiteInterview der Woche"WADA muss nach Rio dringend ihre Hausaufgaben erledigen"21.08.2016

Kampf gegen Doping"WADA muss nach Rio dringend ihre Hausaufgaben erledigen"

"Die Welt-Anti-Doping-Agentur muss dafür Sorge tragen, dass die gültigen Regelwerke international in allen Ländern weit besser umgesetzt werden, als das heute der Fall ist", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, im DLF. Andernfalls werde der Eindruck, dass eh alle Sportler gedopt sein, nicht zu beseitigen sein.

Alfons Hörmann im Gespräch mit Philipp May

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). (dpa-Bildfunk / Felix Kaestle)
Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). (dpa-Bildfunk / Felix Kaestle)
Mehr zum Thema

Das Deutschlandfunk-Portal "Sport"

IOC-Athletenkommission "Wahl verkörpert Ostruck"

Moral und Ethik in Rio "Diese Spiele sind Spiele des Zweifels"

Doping-Bilanz bei den Olympischen Spielen "Generalverdacht schwimmt, läuft, fährt überall mit"

Barbara Engleder "Ich habe sauber gewonnen"

Die Bilanz mit Blick auf die Goldmedaillen zeige eine erfreuliche Tendenz, sagte der DOSB-Präsident Alfons Hörmann im Interview mit dem Deutschlandfunk. Die deutschen Athleten werden aus Rio de Janeiro mehr Goldmedaillen mit nach Hause bringen als aus London vor vier Jahren. Allerdings sei die Gesamtzahl der Medaillen zurückgegangen.

Zudem hätten deutsche Sportler in Disziplinen mit vielen Chancen auf Edelmetall wie Leichtathletik oder Schwimmen die Ziele "nicht annähernd erreicht". Er kündigte an, die Erkenntnisse aus Rio würden wissenschaftlich ausgewertet. "Wir sind uns alle bewusst, das in einigen Bereichen nennenswerter Anpassungsbedarf besteht." Zunächst müsse über Konzepte und Strukturen gesprochen und dann der Finanzbedarf ermittelt werden.

Es gehe darum, in möglichst vielen Sportarten und in möglichst großer Breite Athleten auf internationalem Niveau zu entwickeln. Im entscheidenden Moment müssten die Ressourcen aber so konzentriert werden, dass möglichst viele Sportler Chancen auf das Podium oder auf Endausscheidungen hätten.

"Es war nicht alles gut"

Der DOSB-Präsident wies zudem die Aussage der Athletensprecherin Martina Strutz zurück, wonach in Teilen des deutschen Teams eine große Unzufriedenheit herrsche. Die Strabhochspingerin hatte gesagt: "Die Stimmung im Team ist eigentlich ganz gut. Es gibt aber einige, die sagen, das sind die schlechtesten Spiele." 

Hörmann erklärte, das gehe "völlig an der Realität vorbei." Es sei nicht alles gut gewesen, aber die Rahmenbedingungen in Rio hätten zu einem olympischen Flair beigetragen. 

"Ausschluss von Stepanowa nachvollziehbar"

Hörmann verteidigte zudem den Ausschluss der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa von den Sommerspielen. Wer die Hintergründe der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees kenne, der könne sie verstehen. Stepanowa habe das russische Doping-System viele Jahre zu ihrem eigenen Vorteil genutzt. Sie sei erst dann zur Whistleblowerin geworden, als sie in ihrem Heimatland keine Unterstützung mehr bekommen habe. Zudem habe sie einschlägigen Berichten zufolge nur einen Teil der Wahrheit über das russische Staats-Doping offenbart. Der DOSB-Präsident sprach von einer hoch fragwürdigen Gesamtdarstellung Stepanowas.

Zudem kritisierte er die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Sie müsse dafür Sorge tragen, dass die gültigen Regelwerke in allen Ländern besser umgesetzt werden.


Das Interview in voller Länge:

Philipp May: Alfons Hörmann, seit den Hochdoping-Zeiten in den 80er-Jahren fährt Deutschland relativ konstante Medaillenspiegel zurück, jetzt in Rio, das kann man einen Tag vor dem Ende sagen, wird es ungefähr die Hälfte geben im Vergleich zu den 82 Medaillen von Barcelona 1992 kurz nach der Wende. Sind unsere Athleten also wieder etwas sauberer geworden?

Alfons Hörmann: Also die Gleichung so einfach vorzunehmen, kann ich nicht unterstützen oder akzeptieren. Ich glaube, das nur auf sauber oder nicht sauber zu projizieren, wäre falsch. Unter dem Strich spielt die Frage, haben wir weltweit noch echte Chancengleichheit in verschiedenen Disziplinen, schon eine große Rolle. Ich nenne als typisches Beispiel die Gewichtheber, bei denen seit Tagen und Wochen jetzt sehr intensiv diskutiert wird. Auch andere Sportarten, die sehr stark von Leistungsmanipulation beeinflusst sind, machen uns Sorge. Aber es wäre falsch, die Anzahl der Medaillen nur an dem Thema festzumachen.

May: Aber ich gebe damit eigentlich nur das Empfinden eines Großteils der Deutschen wieder, die beim Thema Olympia mittlerweile lapidar erklären: "Es sind doch ehe alle gedopt."

Hörmann: Das ist schade, dass dieser Eindruck entstanden ist und genau daran müssen und werden wir arbeiten. Deshalb müssen die internationalen Fachverbände und muss vor allem die Welt-Anti-Doping-Agentur nun nach Rio dringend ihre Hausaufgaben erledigen. Anderenfalls wird sich dieses Bild nicht korrigieren lassen und das ist schade, weil damit auch auf alle unsere Medaillen-Gewinner und erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler ein schlechtes Licht geworfen wird.

"Die Welt-Anti-Doping-Agentur muss dafür Sorge tragen, dass die gültigen Regelwerke besser umgesetzt werden"

May: Aber Sie haben es ja teilweise schon angesprochen, man könnte es ja noch mal ganz konkret machen. Fast 300 russische Athleten am Start, obwohl Russland im Vorfeld der Spieler Staatsdoping nachgewiesen worden ist. Sie haben selbst Sportarten wie Gewichtheben angesprochen, die als komplett verseucht gelten. Brasilianische Sportler wurden einen Monat lang vor den Spielen gar nicht mehr getestet durch deren NADA. In Kenia nachgewiesen massive Doping-Kultur, völlig unzureichende Testsysteme in vielen Ländern der zweiten und Dritten Welt. Aber die meisten Medaillen in Rio räumen ausgerechnet die vermeintlichen Saubermänner aus den USA und Großbritannien ab. Teilweise mit Fabelweltrekorden. Soll man das glauben?

Hörmann: Das ist ja genau der Punkt, warum wir sagen, die Welt-Anti-Doping-Agentur muss dafür Sorge tragen, dass die gültigen Regelwerke international in allen Ländern weit besser umgesetzt werden, als das heute der Fall ist. Anderenfalls wird es nicht gelingen, diese Fragezeichen zu beseitigen. Anderenfalls wird es auch nicht gelingen, unsere Sportlerinnen und Sportler davon zu überzeugen, dass sie weltweit unter Fairplay-Aspekten in den Wettkampf gehen und faire Chancen haben, Weltspitzenleistungen dann auch in olympische Medaillen umzuwandeln.

May: Sie haben jetzt schon zweimal die Welt-Anti-Doping-Agentur angesprochen. Man hört es häufig von Sportfunktionären, dass immer die Welt-Anti-Doping-Agentur so jetzt in die Rolle des Buhmanns geschoben wird. Viele Menschen, die sehen das Glaubwürdigkeitsproblem eher beim Internationalen Olympischen Komitee, Sie nicht?

Hörmann: Weil viele Menschen sich nicht mit der Sportarchitektur weltweit beschäftigen, wer sich eben nicht nur oberflächlich und plakativ, sondern im Detail damit beschäftigt, wie die Rollenverteilung im internationalen Sport aussieht, der kann und wird und muss erkennen, dass es die weltweite Anti-Doping-Agentur gibt. Die ist dafür gegründet worden, um eben außerhalb der klassischen Sportorganisationen an der Schnittstelle zwischen dem internationalen Sport und den internationalen Regierungen, deshalb auch in den Gremien 50:50 vertreten, dafür zu sorgen, dass es weltweite Chancengleichheit gibt. Und wer sich mit den Details der vergangenen Monate beschäftigt, insbesondere auch mit dem gesamten Vorgang Russland, kann erkennen, dass inakzeptable Aktivitäten oder Nicht-Aktivitäten der WADA zu dem Problem vor den Spielen geführt haben.

May: Aber meinen Sie nicht, es hätte auch geholfen, wenn das IOC mit Präsident Thomas Bach Russland von den Spielen ausgeschlossen hätte? Schließlich hat ja immerhin die WADA nachgewiesen durch den MCLaren-Report, dass das Land systematisch die Sportwelt hinter das Licht geführt hat.

Hörmann: Wer sich die Beschlusslage des IOC genau ansieht, ich stelle mit Erstaunen fest, dass auch das bis zum heutigen Tag bei vielen, die darüber reden und schreiben, nicht erfolgt ist, der kann erkennen, dass das IOC alle russischen Athleten ausgeschlossen hat und den jeweiligen Fachverbänden die Aufgabe übertragen hat zu prüfen, wo und wie Ausnahmegenehmigungen über entsprechende Nachweise erfolgen können. Die Frage weiterhin, die Fachverbände haben ihrerseits dann leider in recht unterschiedlicher Ausprägung agiert oder reagiert und ich mache keinen Hehl daraus, dass uns die gesamte Mannschaftsstärke Russlands in keiner Weise plausibel erscheint. Das heißt, das, was das IOC als Beschlusslage an die Fachverbände im Rahmen derer Verantwortung gegeben hat, führte leider nicht dazu, dass das in allen Fachverbänden auch in der notwendigen Konsequenz umgesetzt wurde. Und deshalb nun eine Mannschaftsstärke hier in Rio vor Ort, die so nicht erfreulich ist.

May: Aber das war doch abzusehen, Herr Hörmann. Das war doch abzusehen, dass wenn das IOC Russland nicht komplett ausschließt, dass genau das passiert. Wir wissen alle, wie stark Russland funktionärstechnisch in der Sportwelt verankert ist und dass sich die wenigsten Verbände dann gegen Russland so stellen werden, wie es die IAAF tun musste in letzter Konsequenz, also der Welt-Leichtathletik-Verband.

Hörmann: Wenn das für Sie so absehbar war, dann waren Sie an der Stelle uns in der Erwartung einen Schritt voraus.

May: Aber das IOC hätte ja zum Beispiel auch das russische NOK, also das Nationale Olympische Komitee Russlands ohne Weiteres von den Spielen ausschließen können/müssen.

Hörmann: Dazu gibt es im Beschluss ebenfalls eine klare Definition, nämlich im gesamten McLaren-Report wurde festgehalten, dass das russische NOK als Organisation in dieses Thema nicht eingebunden ist. Ich persönlich habe daran auch klare Zweifel, aber zumindest fehlt im McLaren-Report ein wie auch immer gearteter Hinweis darauf, dass das NOK beteiligt war und das hat wohl am Ende dazu geführt, dass die Exekutive das NOK nicht ausgeschlossen hat.

"Das, was in Russland passiert ist, ist in jeder Hinsicht inakzeptabel"

May: Das stimmt aber so nicht, Herr Hörmann. Da war ein Mitglied des russischen NOK, das wurde ausdrücklich genannt als in das Staats-Doping-System eingebunden.

Hörmann: Ein Mitglied, nicht das gesamte NOK. Uns trennt ja an der Stelle nichts im Hinblick auf die sehr kritische Sichtweise, dass das Fragezeichen im Raum steht und dass das, was in Russland passiert ist, in jeder Hinsicht inakzeptabel ist. Die große Frage nach wie vor, aber die Diskussion können wir bezogen auf Rio noch endlos weiterführen, es ändert nichts mehr am Ergebnis. Wie geht man damit um? Uns allen liegt nun vielmehr daran, dass nach den Spielen von Rio die entsprechenden Konsequenzen ergriffen werden und das sage ich noch mal, das kann nur über die WADA erfolgen in der Frage, wie die Dinge nun umgesetzt werden. Weil sie dafür zuständig ist.

May: Na ja, immerhin haben Sie die Entscheidung, Russland zu den Olympischen Spielen zuzulassen, das russische NOK als fair und gerecht bezeichnet. Mit dieser Einschätzung stehen Sie bzw. Ihr operativer DOSB-Chef Michael Vesper ziemlich alleine im deutschen Sport.

Hörmann: Dann unterscheidet uns Ihre Sichtweise wieder von dem, was wir empfinden und auch über viele Gespräche wissen.

May: Nennen Sie uns einen, der öffentlich die Entscheidung des IOC in Deutschland begrüßt hat. Ich meine nicht, wer im Hinterzimmer auf die Schulter geklopft hat.

Hörmann: Nennen Sie mir einen, der offiziell das Gegenteil genannt hat.

May: Andrea Gotzmann, deutsche NADA-Chefin, die das sehr mit scharfen Worten kritisiert hat. Hans-Wilhelm Gäb, Sporthilfe Ehrenvorsitzender, hat es auch mit deutlichen Worten kritisiert.

"Nur logisch, dass der Vorstand des IOC dann so entschieden hat"

Hörmann: Also mit dieser Kritik können und werden wir uns auseinandersetzen.

May: Herr Hörmann, wir müssen leider bei diesem Thema bleiben, auch weil das IOC ja nicht nur Russland nicht ausgeschlossen hat, sondern stattdessen die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die das Staats-Doping-System ja ans Licht gebracht hat, von den Spielen verbannt hat, weil sie ja auch Teil des Doping-Systems gewesen ist. So die Logik des IOC. Ich kann Ihnen jetzt noch mal Reaktionen aus dem deutschen Sport vorlesen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Hörmann: Wir haben die Stepanowa-Entscheidung von Beginn an als eine fragwürdige eingestuft und gesagt, dass das sicher von der rein emotionalen Bewertung mit der schwierigste Teil der Entscheidung gewesen ist. Mittlerweile hat sich aber auch hier in Rio das Bild etwas weiter geklärt. Wer die Hintergründe kennt oder ansatzweise erfährt, wie die Ethik-Kommission-Befragung mit Stepanowa gelaufen ist, wie die Vergangenheit dieser Frau aussieht, der kann verstehen, dass eine Ethik-Kommission des IOC zu einer abschlägigen Entscheidung kommt und nachdem weltweit in vielen vergleichbaren Fällen ständig eingefordert wird, dass die Funktionäre sich in solchen Themen an dem, was eine Ethik-Kommission empfiehlt, orientieren müssen, ist es nur logisch, dass der Vorstand des IOC dann so entschieden hat. Die Ethik-Kommission im unabhängigen Sinne …

May: Jetzt werden Sie ein bisschen kryptisch, wer die Vergangenheit von Julia Stepanowa kennt. Was wissen wir da?

Hörmann: Stepanowa war selbst fünf Jahre klar und deutlich als massive Doperin unterwegs, hat das russische System aufs Massivste zu ihrem eigenen Vorteil genutzt.

May: Sie war Teil dieses Systems, das hat sie nie bestritten.

Hörmann: Und hat wohl zu einem Zeitpunkt, als sie in Russland keine Unterstützung mehr bekommen hat, auf die Ebene Whistleblowing gewechselt. Hat dann allerdings vor der Ethik-Kommission, so ist einschlägigen Berichten hier zu entnehmen, nur einen Teil der Wahrheit ans Licht befördert. Was eine hoch fragwürdige Gesamtdarstellung in der Ethik-Kommission war. Und das hat letztlich wohl dazu geführt, dass die Ethik-Kommission entsprechend gehandelt hat. Uns allen als Außenstehenden fällt es schwer, das nachzuvollziehen, und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass solche Entscheidungen nur nachzuvollziehen und auch einfach zu treffen sind, wenn man voll umfänglichen Einblick in die Dinge hat. Das ist uns leider verwehrt. Ich sage ausdrücklich, Sie alle, insbesondere auch die Medien fordern in den Sportverbänden, dass unabhängige Ethik-Kommissionen solche Dinge bearbeiten.

May: Die Frage ist, wie unabhängig ist die IOC-Ethikkommission. Das müsste man ja schon mal fragen im Vergleich, sogar im Vergleich zur FIFA. Sie hatten keine unabhängige Chairmens zum Beispiel so wie in der FIFA. Es sind ja alles Leute aus dem IOC.

Hörmann: Dann kann man selbstverständlich auch über den Punkt und muss man diskutieren.

May: Müsste man schon.

Hörmann: Auch im Bereich der FIFA ist intensiv diskutiert worden und es werden Themen sein, die uns auch in Zukunft weiter intensiv beschäftigen. Und um es klar und deutlich heraus zu arbeiten, der entscheidende Punkt ist jetzt, dass nach den Spielen das Thema entsprechend weltweit neu aufgestellt wird. Da trennt uns kein Blatt Papier.

"Schwierigste Aufgabenstellung, die Thomas Bach in seiner bisherigen Amtszeit hatte"

May: Herr Hörmann, was glauben Sie, wie groß ist die persönliche Verantwortung des deutschen IOC-Chefs Thomas Bach für den Schlamassel, den wir jetzt momentan haben?

Hörmann: Da bleibe ich bei meinem Bild, dass Thomas Bach dieses Thema schlichtweg wenige Wochen vor den Spielen in Rio zu managen hatte und dass es sehr schwer ist, auf der Zielgeraden vor den Spielen dann die entsprechenden Beschlüsse unter extremem Zeitdruck und unter extremer medialer Begleitung so zu treffen, dass die Dinge voll umfänglich a) sachlich korrekt, b) juristisch haltbar und dann im Idealfall noch c) kommunikativ auch nach außen vertretbar sind. Insofern war es sicher die schwierigste Aufgabenstellung, die er in seiner bisherigen Amtszeit hatte.

May: Nichtsdestotrotz ist er ja zu einer ganz anderen Beurteilung gekommen als zum Beispiel das Internationale Paralympische Komitee, das Russland ausgeschlossen hat auf der gleichen Faktenbasis.

Hörmann: Warten wir ab, was vor dem Sportgerichtshof im Falle der behinderten Sportler jetzt passiert. Da steht ja noch ein Urteil aus.

May: Ja gut, das hieße dann, die Quintessenz ist, weil möglicherweise Klagen kommen, sollte man lieber die eigenen Statuten ignorieren, oder wie?

Hörmann: Nein, ich sage nur, man muss auch die juristischen Konsequenzen bei all diesen Entscheidungen konsequent im Blick haben und ich darf erinnern, dass beispielsweise der Versuch, die ehemals gedopten Sportler hier von Rio fernzuhalten, vor dem CAS, also dem internationalen Sportgerichtshof nicht gehalten hat.

May: Ja, aber Herr Hörmann, das war doch hoffnungslos. Das war doch nun wirklich von vornherein hoffnungslos, weil alle wussten, dass das Osaka-Urteil, also die Osaka-Regel, wonach gedopte Sportler, die ihre Sperre abgesessen haben, noch mal bei Olympischen Spielen gesperrt sein sollen, dass die von CAS schon vor Jahren gekippt worden ist. Deswegen war völlig klar, dass dieser Beschluss keinen Bestand hat. Das ist aber jetzt in diesem Fall was völlig anderes.

Hörmann: Dann waren Sie also auch an der Stelle einen Schritt weiter wie das IOC.

May: Na ja, ich sage ja nur, es ist ja schon offenkundig, dass das IPC, das Internationale Paralympische Komitee, das die gleichen Beweise zur Verfügung hat, eine andere Entscheidung bezüglich des Ausschlusses Russland fällt, als das IOC. Und da fragt man sich als Beobachter natürlich, hat das IOC eine politische Entscheidung oder eine auf Fakten basierende Entscheidung gefällt?

Hörmann: Dann prognostizieren Sie mir doch, wie das jetzt vor dem Sportgerichtshof ausgeht.

May: Kann ich nicht.

Hörmann: Wenn Sie offensichtlich jeweils im Vorfeld wissen, wie es ausgeht.

May: Herr Hörmann, persönlich gehen Sie doch keinem Rechtsstreit aus dem Weg. Warum vertreten Sie hier so eine hasenfüßige Linie?

Hörmann: Was ist denn mit hasenfüßig gemeint?

May: Dass Sie sagen, weil man möglicherweise einen Gerichtsprozess verlieren kann, kann man nicht seine Statuten anwenden.

Hörmann: Es bringt doch für den internationalen Sport und für die olympische Idee nichts, eine Beschlusslage herbeizuführen, die dann vor dem Sportgerichtshof korrigiert wird. Also ich …

May: Vielleicht hat sie ja auch Bestand.

Hörmann: Das werden wir ja im Falle IPC dann ja in wenigen Tagen sehen. Es soll ja sogar heute, wenn ich richtig informiert bin, dazu kommen, dass die Richter tagen. In wenigen Stunden wird das Bild dann eventuell klarer. Und ich bin mit Ihnen gespannt, wie die Beschlusslage aussieht, ohne das in irgendeiner Form zu werten. Wenn ja, dann ist es sicherlich eine spannende Konstellation, dass eine Organisation den einen Weg und die andere den anderen geht. Und die Öffentlichkeit hat das gute Recht zu beurteilen und zu urteilen, welcher dann am Ende der bessere und der richtigere ist.

May: Sie hören das Interview der Woche mit dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes Alfons Hörmann. Herr Hörmann, kommen wir zu den Spielen in Rio selbst endlich. Die Athleten-Sprecherin der Leichtathleten Martina Strutz spricht von den schlechtesten Spielen, die wir je hatten. Können Sie diese Einschätzung verstehen?

Hörmann: Bei ihr und nach ihrem Wettkampf ja.

May: Nein, sie hat das aber nicht auf ihren Wettkampf gemünzt, sondern sie hat das grundsätzlich auf die Spiele selbst gemünzt.

Hörmann: Ich habe vor wenigen Minuten die Frage gestellt, wann sie diese Einschätzung von sich gegeben hat und habe die Antwort bekommen, dass es kurz nach ihrem Wettkampf war. Aus vielen Gesprächen mit Athletinnen und Athleten weiß ich, dass das vollkommen an der Realität vorbei geht. Ich denke, unsere Olympia-Mannschaft wird die entsprechenden Antworten spätestens am kommenden Dienstag bei der Rückkehr nach Deutschland geben. Es werden viele glänzende Augen da sein, es werden in Summe 150 Medaillen-Gewinner, deutsche Athletinnen und Athleten mit Medaillen in Deutschland ankommen. Und werden dann sicher, und zwar ohne jegliche Vorgabe unsererseits von ihren Eindrücken der Spiele berichten. Und da würde ich mal antizipieren, dass die Frau Strutz auf weiter Flur alleine ist mit dieser Einschätzung.

May: Sie hat jetzt konkret angesprochen den Transport, die Sicherheitslage in Rio und die schlechte Stimmung in den Stadien. Also da haben Sie ganz anders empfunden? War alles gut?

Hörmann: Also, es war auch nicht alles gut, es gibt nicht nur schwarz-weiß. Dass die Wege in und um Rio gar nicht mal unbedingt weit, aber zeitlich intensiv sind, haben wir alle erlebt. Das mag zeigen, wie wichtig komprimierte Olympia-Konzepte sind. So wie wir sie mit Hamburg ja anbieten wollten. Es zeigt sich hier eben, dass zum Beispiel Fahrzeiten von ein, zwei, drei Stunden vom Olympischen Dorf zu Wettkampfstätten in einer solchen Metropole zum echten Problem werden können für alle Beteiligten. Unter dem Strich waren die Brasilianer aber sehr bemüht. Was die Sicherheitslage anbelangt, haben wir die gesamte Konstellation als durchaus gut, akzeptabel empfunden. Wohlwissend, auch das will ich nicht schönreden, dass es in Rio zahlreiche Bereiche, die typischen Favelas und irgendwelche Straßen und Hinterhöfe gibt, in die man sich besser nicht bewegt. Aber hart formuliert, das war vor den Spielen bekannt, da hat sich durch die Spiele eher eine zumindest temporäre Verbesserung ergeben. Und insofern meine ich, dass es unter dem Strich durchaus Rahmenbedingungen waren, die zum olympischen Flair beigetragen haben. Ich bin überzeugt, dass zahlreiche Sportler, die heimkommen, es so bestätigen werden.

May: Wo Sie schon Hamburg angesprochen haben, glauben Sie, die letzten Wochen in und vor Rio geben dem deutschen Sport dann Rückenwind, um die Mehrheit der Bevölkerung für eine erneute Olympia-Bewerbung irgendwann zu begeistern?

Hörmann: Nachdem das für uns im Moment kein Thema ist, will ich das im Moment nicht bewerten.

May: Aus Nordrhein-Westfalen wurden ja schon zarte Avancen gemacht mit dem Ruhrgebiet für 2028 anzutreten. Also auf keinen Fall, sagt der Sport.

Hörmann: Nehmen wir mit Interesse zur Kenntnis, aber sehen dieses Thema weder in Nordrhein-Westfalen noch an anderer Stelle im Moment auf der Tagesordnung.

"Einen leicht rückläufigen Trend in der Gesamt-Medaillen-Bilanz"

May: Dann reden wir jetzt noch mal über den Leistungssport selbst. Welche Lehren ziehen Sie aus dem Abschneiden der Deutschen in Rio?

Hörmann: Dass wir mit einer Medaillen-Ausbeute von ca. 40 Medaillen gegenüber London mit damals 44 einen leicht rückläufigen Trend in der Gesamt-Medaillen-Bilanz haben. Im Gegenzug dazu, was das Thema Gold-Medaillen betrifft, eine hocherfreuliche Entwicklung von elf auf im Moment 16 Medaillen haben. Also damit in dieser wichtigen Kategorisierung, die ja auch auf den Medaillen-Spiegel Auswirkungen hat, erfreuliche Tendenz. Unter dem Strich aber im weltweiten Wettstreit durchaus erkennbar an der einen oder anderen Stelle verlieren und leider die Schwerpunkt-Verbände mit sehr vielen Medaillen-Chancen, nämlich Leichtathletik und Schwimmen, die Ziele nicht annähernd erreichen konnten.

May: Sie arbeiten gemeinsam mit dem federführenden Bundesinnenministerium an einer Leistungssport-Reform, die nach den Spielen vorgestellt werden soll. Wird das Ergebnis jetzt noch Auswirkungen haben?

Hörmann: Wir werden auf jeden Fall die Erkenntnisse aus Rio zeitnah auch wissenschaftlich auswerten, wollen das sehr präzise und detailliert tun. Und werden bis Ende September dann die Gesamtanalyse auf jeden Fall noch in den Diskussionsprozess einfließen lassen. Haben aber von Beginn an klar gemacht, dass so oder so einige Medaillen mehr oder weniger die Leistungssport-Reform als solches nicht mehr signifikant verändern werden. Wir sind uns alle bewusst, dass in einigen Bereichen nennenswerter Anpassungsbedarf besteht und den wollen und werden wir im Sinne unserer Verantwortung konsequent umsetzen.

May: Fordern Sie jetzt mehr Geld für den Spitzensport, als die jährlichen rund 150 Millionen Euro vom Bund?

Hörmann: Wir haben von Beginn an so vereinbart und dabei bleibt es, dass wir erst über Konzepte-Strukturen diskutieren und dann den Mittelbedarf gemeinsam ermitteln. Und insofern ist die Frage, wie viel Geld dann für das Konzept notwendig ist, am Ende zu beantworten. Das wird im vierten Quartal dieses Jahres der Fall sein.

May: Für viel Diskussionspotenzial sorgen ja die sogenannten Förderkriterien, nach denen das Geld an die einzelnen Sportarten dann verteilt werden soll. Wichtigstes Kriterium in Zukunft das Medaillen-Potenzial. Also da, wo es verhältnismäßig einfach viel zu holen gibt, wird viel gefördert. Wird das so sein?

Hörmann: So, wie Sie es jetzt schwarz-weiß darstellen, klares Nein, weil wir Potenzial und weil wir Sportstrategie unter dem Dach von Sport Deutschland viel weiter sehen als so simpel und einfach, wie Sie es skizziert haben. Dann könnten wir uns auf einige wenige Disziplinen konzentrieren, genau das Gegenteil wollen wir tun, nämlich eine bewährt breite Sportkultur unter dem Dach von Sport Deutschland weiter erhalten und entwickeln. Bedeutet in möglichst vielen Sportarten, möglichst vielen Disziplinen, in möglichst großer Breite auf internationalem Niveau Athletinnen und Athleten entwickeln. Dann aber im entscheidenden Moment die vorhandenen Ressourcen so konzentrieren, dass wir zahlreiche Athletinnen und Athleten auf die Podien bringen und in die Medaillen-Ränge. Oder zumindest unter die berühmten Top Ten in die Endläufe oder je nach Disziplin eben in die klassische Endausscheidung und in den Kreis der potenziellen Medaillen-Kandidaten.

"Ohne Breite keine Spitze und ohne die Spitze keine dauerhafte Breite"

May: Sollte man nicht eigentlich angesichts der derzeitigen Verhältnisse im Spitzensport und im IOC, die wir am Anfang dieses Gesprächs skizziert haben, nicht lieber stärker den Breitensport fördern, als den Spitzensport? Würde das nicht Sinn machen?

Hörmann: Das tun wir völlig unbenommen davon und nachdem Sie vorher Zahlen in den Raum gestellt haben in der Größenordnung von 150, 160 Millionen für einen Spitzensport, ist vielleicht manch einem in Deutschland nicht bewusst, dass in dem Breitensport ungefähr die doppelte Größenordnung, also mindestens 300 bis 400 Millionen Euro über die verschiedenen Ebenen kommunal- und landesspezifisch investiert werden. Das heißt, in der absoluten Summe wird Sport Deutschland auch finanziell weit mehr von dem geprägt, was in der Breite passiert. Aber ich bleibe bei meinem Bild, ohne Breite keine Spitze und ohne die Spitze, ohne die Motivation über unsere Top-Athletinnen und Athleten dauerhaft nicht die Breite, die wir unter dem Dach von Sport Deutschland benötigen.

May: Hat man sich im deutschen Sport vor der Reform eigentlich die Frage gestellt, was genau das Ziel von Spitzensport-Förderung sein soll? Also mehr Medaillen, sind Sie bei Thomas de Maizière, der sagt: "Wir sind zu schlecht im internationalen Vergleich." Ist das das Ziel der deutschen Sportförderung?

Hörmann: Das ist sicherlich ein entscheidender Punkt zu sagen, wir sind bei den Top-Sportereignissen und da gibt es kein wichtigeres und größeres wie die Olympischen Spiele, im Medaillen-Spiegel entsprechend präsent. Insofern eint uns die Zielstellung, im Idealfall mehr Medaillen, 100-prozentig mit dem Bundesinnenminister. Ich sage aber, das ist nur eine Seite der Medaille. Das Zweite ist, was passiert von Rang 4 bis Rang 10 oder in den klassischen Endausscheidungen, in wie vielen Sportarten gelingt es uns, diese Erfolge zu sichern? Und der dritte Punkt, auch den möchte ich explizit ansprechen, ist außerhalb der Olympischen Spiele oder der Weltmeisterschaften, die Frage, was passiert zwischen den jeweiligen Olympischen Spielen? Denn wir dürfen ja unser Sportsystem nicht auf jeweils zwei Wochen alle vier Jahre reduzieren oder wenn wir den Wintersport mit integrieren, alle zwei Jahre. Sondern wollen auch an der bewährten Kultur festhalten, dass Sport Deutschland sehr, sehr stark von dem wahrgenommen wird, was passiert im Land, was passiert in unseren Ligen, was passiert in den verschiedenen Weltcups-Szenarien? Das ist das Gesamtgeschehen und das wollen und werden wir im Blick haben. Die Kurzzeitbetrachtung eines Medaillen-Spiegels bei den Olympischen Spielen alleine kann und darf nicht der Gradmesser sein.

May: Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Vielen Dank für das Gespräch.

Hörmann: Gern geschehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk