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StartseiteThemen der WocheDie Vernunft muss sich durchsetzen27.12.2014

Kampf gegen IS-TerrorDie Vernunft muss sich durchsetzen

Der Islamische Staat hat im Jahr 2014 die internationale Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht - und nirgends ist eine ordnende Kraft in Sicht, kommentiert Thilo Kößler. Denn die Welt sei in eine neue Epoche eingetreten, für die es noch keine Regeln gebe. Um die Zeitenwende zu überwinden, müsse die Politik das Primat des Handelns zurückgewinnen.

Von Thilo Kößler

Ein Anhänger des IS mit der Flagge der Miliz (afp)
Ein Anhänger des IS mit der Flagge der Miliz (afp)
Weiterführende Information

Jürgen Todenhöfer über den IS - "Morden mit einer historischen Mission"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 23.12.2014)

Kampf gegen "Islamischen Staat" - USA: Ranghohe IS-Mitglieder getötet
(Deutschlandfunk, Aktuell, 19.12.2014)

Kampf gegen IS - Teheran ringt um seinen Einfluss in der Region
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 06.12.2014)

Prozess - Deutscher IS-Kämpfer verurteilt
(Deutschlandfunk, Aktuell, 05.12.2014)

Bündnis gegen Dschihadisten - Allianz gegen IS erwartet langen Kampf
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 03.12.2014)

Dass dieses Jahr 2014 ein Erinnerungsjahr an epochale Zeitenwenden werden würde, wussten alle. 1914: 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 1989: 25 Jahre Mauerfall und Zusammenbruch des Sowjetimperiums. Dass dieses Jahr 2014 selbst zum Epochenjahr werden würde, konnte vor zwölf Monaten indes niemand ahnen. Es war schlicht nicht vorhersehbar, dass sich ein russischer Präsident über die Krim und den Osten der Ukraine hermachen und damit offen die europäische Nachkriegsordnung infrage stellen würde. Niemand konnte voraussehen, dass sich die IS-Milizen aufschwingen würden, nationale Grenzen im Nahen Osten so offen in Zweifel zu ziehen und die Prinzipien der Menschlichkeit derart außer Kraft zu setzen.

Noch etwas: Niemand hätte für möglich gehalten, dass sich die internationale Staatengemeinschaft mit all ihren politischen Gremien und Institutionen als so hilflos erweisen würde. Nirgendwo ist eine ordnende Kraft zu sehen. Die UNO: gelähmt. Die USA: geopolitisch auf dem Rückzug. Die EU: oft nur eingeschränkt handlungsfähig. Alle zusammen: überfordert. Die Welt ist in eine neue Epoche eingetreten, für die es noch keine Regeln gibt. Willkommen im gefährlichen Machtvakuum der multipolaren Weltordnung.

Horror vacui: Das war der ideale Nährboden für die Terrormilizen der IS. Zunächst nannten sie sich ISIS - Islamischer Staat im Irak und Syrien, dann benannten sie sich um in IS, Islamischer Staat: Dahinter steckt Programm. Ziel ist es, ein übernationales Kalifat zu errichten und damit die Ordnung von Sykes-Picot aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu stürzen. Die politische Landkarte des Nahen Ostens steht zur Disposition - alte Grenzen sollen geschleift, neue Grenzen nach ethnischen und religiösen Kriterien gezogen werden. Es droht kulturelle Kleinstaaterei - und immer neue Wellen von Flucht und Vertreibung.

Lösung muss politisch gesucht werden

Dabei ist nicht nur erschreckend, mit welch beispielloser Brutalität die IS-Milizen vorgehen. Sorgen bereiten auch ihre straffe Organisation, ihre finanzielle Ausstattung, ihre militärischen Kapazitäten. Und natürlich ihre Fähigkeit, überall auf der Welt Nachwuchs zu rekrutieren. Der Islamische Staat ist längst zu einer ernsten internationalen Bedrohung geworden - zwar zeigt die Bewaffnung der kurdischen Peschmerga Wirkung, zwar verdichten sich die Hinweise auf wachsende Unstimmigkeiten in der Führung der IS. Doch niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass dem Terror der IS mit militärischen Mitteln beizukommen sei.

Eine Lösung muss politisch gesucht werden. Und dabei sind zunächst all jene gefordert, die sich unmittelbar bedroht fühlen. Bedroht fühlt sich der Iran, der um seinen schiitischen Machtanspruch fürchtet. Bedroht fühlt sich Saudi-Arabien, das um seinen sunnitischen Machtanspruch fürchtet. Direkt bedroht fühlen sich auch die Golfstaaten, Jordanien, der Libanon, Ägypten. Indirekt bedroht fühlen sich Europäer, Amerikaner, Russen, Chinesen - überall ist von wachsender Terrorgefahr die Rede, überall brodelt es in den radikalisierten Milieus muslimischer Minderheiten.

Ein erster Schritt war die Gründung einer internationalen Anti-IS-Koalition. Doch dabei darf es nicht bleiben. Die Gräben sind noch tief - doch sie könnten überwunden werden. Die Rede ist von einer ersten Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Katar. Es gibt Kontakte zwischen Saudi-Arabien und Iran. Gäbe es nicht so viele innenpolitische Widerstände, wären sich die USA und Teheran auch offiziell schon näher gekommen. Im Zeichen gemeinsamer Interessen könnten alte Feindbilder brüchig werden.

Die Entschlossenheit, dem Islamischen Staat gemeinsam die Stirn zu bieten, könnte dazu führen, miteinander ins Gespräch zu kommen und vorsichtig Vertrauen aufzubauen - zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Iran und den USA, zwischen China und dem Westen, aber auch: zwischen Russland und dem Rest der Welt. Es geht nicht nur um eine Verständigung auf eine gemeinsame, internationale Strategie gegen den IS - sie ist längst überfällig. Es geht darum, sich in der Unübersichtlichkeit der neuen multipolaren Weltordnung wieder auf gemeinsame Ziele und Regeln zu verständigen. Die Politik muss das Primat des Handelns zurückgewinnen - und unter Beweis stellen, dass sich am Ende die Vernunft durchsetzt. So könnte die Zeitenwende nicht nur durchlitten, sondern aktiv gestaltet werden.

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