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StartseiteSonntagsspaziergangKampf um eine Sprache20.03.2011

Kampf um eine Sprache

Saterfriesen bewahren sich ihre alte Sprechweise

Das Saterland ist die kleinste Sprachinsel Europas. In dem Landstrich zwischen Leer in Ostfriesland und dem Cloppenburger Land sprechen noch rund 2000 Menschen saterfriesisch. Heute können Kinder das Saterfriesische in Kindergärten und Schulen lernen.

Von Christoph Kersting

Die ostfriesische Stadt Leer liegt im Saterland. (Claudia Kalusky)
Die ostfriesische Stadt Leer liegt im Saterland. (Claudia Kalusky)

13 Uhr, die fünfte Stunde in der Astrid-Lindgren-Grundschule Sedelsberg beginnt gerade. Wie an jedem Dienstag hat Lehrerin Anne Hüntling ihre Gitarre mitgebracht und singt mit den 17 Drittklässlern erst einmal ein Lied zum Aufwärmen. Auf dem Lehrplan steht: Saterfriesisch. Kein Pflichtfach, sondern eine Arbeitsgemeinschaft, zu der sich die Kinder freiwillig anmelden.

Für die Drittklässler ist Saterfriesisch die zweite Fremdsprache neben Englisch, wobei "Fremdsprache" eigentlich nicht ganz zutreffend ist. Denn im Saterland, einem Landstrich zwischen Wattenmeerküste und Emsland, war das Saterfriesische über Jahrhunderte hinweg Alltags- und Verkehrssprache der Landbevölkerung.

Heute leben rund 14 000 Menschen im Saterland, schätzungsweise 2000 zumeist Ältere sprechen noch die Sprache ihrer Vorfahren. Das sind nicht viele, und damit die Sprache eine Zukunft hat, lernen Grundschüler der Region seit einigen Jahren wieder Saterfriesisch.

Marron Fort hat es sich in einem Sessel seines Wohnzimmers gemütlich gemacht und schaut in den Garten seines Hauses im ostfriesischen Leer, 30 Kilometer nordwestlich des Saterlandes. Ein alter Freund ist am Telefon, man spricht Platt, ostfriesisches Platt, wie Marron Fort später beiläufig aber bestimmt anmerkt. Der 71-Jährige weiß, wovon er spricht. Das verrät alleine schon der Blick auf die vielen gerahmten Urkunden und Ehrungen an seinen Wohnzimmerwänden. Die vielleicht Schönste kommt vom Verband "Ostfriesische Landschaft", die den gebürtigen Schwarzamerikaner Fort zum "Eingebürgerten Ostfriesen" gemacht hat. Daneben hängt die Ehrenbürger-Urkunde der Gemeinde Saterland. Denn Marron Fort ist nicht nur Ost-, sondern quasi auch Saterfriese - und Preuße noch dazu, denn seit 30 Jahren arbeitet der Sprachwissenschaftler mit eiserner Disziplin für den Erhalt des Saterfriesischen. 40 000 Wörter hat er aufgezeichnet, Textsammlungen veröffentlicht und das Neue Testament ins Saterfriesische übersetzt.

"Also ein klein bisschen eine missionarische Tätigkeit, damit die Sprache nicht untergeht. Ein Landwirt im Harlinger Land hat gesagt: Fort, Sie sind richtig so ein Missionar für das Plattdeutsche. Es geht darum: Es ist der Urbesitz des Menschen. Der Urbesitz des Ostfriesen ist seine Sprache."

Bei allem Missionarischen ist der "Professor", wie ihn die Saterländer nur nennen, zunächst einmal ein offenherziger Mann mit viel Sinn für deftigen Humor. Ein "schwarzer Eskimo" sei er ja eigentlich, weil er aus dem kalten Neu England stamme, erzählt er gerne - und dass die Norddeutschen zu Beginn Angst gehabt hätten vor ihm, dem schwarzen Hünen mit seinen ein Meter 96 Körpergröße.

Dass es den in Boston geborenen und in New Hampshire aufgewachsenen Marron Fort überhaupt in die nordwestdeutsche Tiefebene verschlägt, ist dabei eher ein Zufall. Fort hat in Princeton und Pennsylvania Germanistik und skandinavische Sprachen studiert.
Anfang der 60er Jahre lernt er einen Sprachwissenschaftler kennen, der im niedersächsischen Vechta geboren und aufgewachsen ist - Marron Fort lässt sich zu einer Arbeit über das Vechteraner Platt überreden:

"Und so bin ich in der Weihnachtszeit 1963 nach Vechta gefahren, und die begrüßten mich also mit offenen Armen und sagten: Dat lernt der nie!"

Ein Trugschluss, denn der Amerikaner sitzt fortan jeden Tag in der Stube eines alten Ehepaares, um Vechteraner Platt zu lernen und Wörter auf Karteikarten zu schreiben.

"Und er sagte zu mir im Laufe unserer Arbeit: Ick schnack bloß Platt mit Di - Ich spreche nur Plattdeutsch mit Dir - dat muss do ooch schnackn lern', änners gleuv de di das nich - anders glauben die Dir das nicht usw. Und so sprach er immer Platt mit mir, und ich konnte nach einiger Zeit antworten."

In Vechta, einer niedersächsischen Kreisstadt mit 30.000 Einwohnern nördlich von Osnabrück, hört Marron Fort auch zum ersten Mal von der Existenz des Saterlands. Eine Strafkolonie im Moor sei der Landstrich, erzählt man ihm. Andere wollen wissen, dass die Saterländer vor Jahrhunderten aus dem Schwarzwald eingewandert seien.

Einige Jahre später erzählt ein Bekannter aus Vechta, dass die Saterländer ihn, den amerikanischen Germanisten, gerne treffen würden. Marron Fort zögert nicht lange, fährt zum ersten Mal in das von Mooren umgebene Saterland und trifft dort Hermann Janssen:

"Der hatte all diese Texte aufgestapelt. Der war der erste, der Saterfriesisch überhaupt schrieb. Janssen erzählte mit also die Situation, dass die Sprache am Aussterben war. Genauso wie beim Plattdeutschen hatten die Leute wegen ihrer Kinder aufgehört Saterfriesisch mit denen zu sprechen, untereinander Saterfriesisch, aber mit den Kindern Hochdeutsch. Er wollte nicht, dass die Sprache unterginge und dieses und jenes."

Untergegangen ist das Saterfriesische nicht. Ganz im Gegenteil: Die Sprache ist heute lebendiger als damals vor 45 Jahren in der Gemeinde Saterland mit ihren vier Ortsteilen Scharrel, Sedelsberg, Ramsloh und Strücklingen.

Die Schule in Scharrel hat inzwischen sogar einen saterfriesischen Namen: "Litje Skoule Skäddel" - "Kleine Schule Scharrel" prangt in großen weißen Lettern an dem freundlichen Backsteingebäude, und auch die vier Ortsschilder der Gemeinde sind schon seit einigen Jahren zweisprachig. Unter den hochdeutschen Ortsnamen stehen dort gleichberechtigt auch die Saterfriesischen: Roomelse, Strukelje, Seedelsbierich und Schäddel.

Ein regelrechtes Sprachgewirr herrscht am Nachmittag auf dem Moorhof Koch unweit von Ramsloh. Drei Generationen - Großeltern, Eltern und ihre Kinder - schnattern hier wild durcheinander: hochdeutsch, platt und saterfriesisch - gelebte Vielsprachigkeit im Saterland.

An einfachen Biertischen sitzen die Großeltern und hauen mit Messern die Rinde von Ästen umstehender Eschen, um daraus Flöten zu basteln. Andere flechten Weidenkränze für die Mädchen: eine alte Frühjahrssitte aus der Region, und nebenbei ein schöner Anlass mit den Enkeln Saterfriesisch zu schnacken.

"Bei uns in der Familie: mein Mann spricht Plattdeutsch, wir haben bei uns in der Familie Plattdeutsch gesprochen, meine Muttersprache ist Saterfriesisch, von unseren acht Enkelkindern haben wir eins, das perfekt Saterfriesisch spricht mit mir, auch zu Hause, die Eltern sprechen auch. Er wohnt jetzt allerdings schon seit 2004 in Köln. Aber wenn er kommt, ist der immer noch auf Saterfriesisch. Wenn wir am Tisch sitzen, mein Mann und ich und unser Lukas, dann wird dreisprachig gesprochen - unbewusst, so, wir beiden saterfriesisch, mein Mann und ich platt, und mein Mann mit Lukas hochdeutsch."

Hannelore Espeter geht einmal pro Woche in den St. Jakobus-Kindergarten, um mit den Kleinen Saterfriesisch zu lernen - ehrenamtliche Arbeit für den Erhalt der Sprache, sagt sie. Um den Moorhof herum zeigt sich, dass nicht nur die Sprache der Region überlebt hat, sondern auch die typische Moorlandschaft. Links und rechts der schnurgeraden Straße, die den Hof mit der nächsten Ortschaft Ramsloh verbindet, türmen sich meterhohe tiefbraune Hügel. Der Torfabbau spielt noch immer wie seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle im Saterland, erzählt die Saterfriesisch-Lehrerin Ingeborg Einhaus. Das Moor war aber nicht nur Lebensgrundlage vieler Menschen, auch der Erhalt der Sprache ist eng verbunden mit den landschaftlichen Gegebenheiten:

"Und zwar mit dieser geografischen Lage Insel im Moor, das heißt, das Saterland ist eigentlich eingeschlossen vom Westermoor und Ostermoor. Auf dieser Seite ist das Westermoor, und das war in früheren Zeiten nur in harten Wintern, wenn es gefroren war, begehbar. Und ansonsten hatte man nur diesen Verkehrsweg Seelter Ei, die Saterems, die dann durch das Saterland führte. Und die Saterems hat das Saterland eigentlich erst entstehen lassen, weil sie ganz viel Sand aufgespült hat im Laufe von Jahrhunderten und dadurch also dieser feste Boden entstand. Trotzdem war rundherum das Moor, und die Besiedlung kam eigentlich vom Norden her durch die Friesen, die ja im ganzen Nordseeraum verbreitet waren, und durch Sturmfluten haben sich diese Friesen zurück gezogen und auch das Saterland besiedelt. Und dieses Friesische hat sich eben dadurch erhalten, weil die Leute keine Möglichkeit hatten nach draußen zu gehen beziehungsweise es kam keiner von außen rein, und das war eine lange Zeit so."

Sprachgeschichtlich ist das Saterfriesische verwandt mit den anderen beiden Zweigen des Friesischen: dem Nordfriesischen, das heute noch von rund 8000 Menschen im nördlichen Schleswig-Holstein gesprochen wird, und dem Westfriesischen, das im Norden der Niederlande noch 600.000 Sprecher hat. Während Wissenschaftler nach wie vor darüber streiten, ob es sich bei den unterschiedlichen Formen des Plattdeutschen um eine Sprache oder doch eher Dialekte des Deutschen handelt, ist bei den Varianten des Friesischen die Sache eindeutig: Sie gehören mit dem Englischen zu den nordseegermanischen Sprachen. Bis ins 15. Jahrhundert hinein wurde in ganz Ostfriesland Friesisch gesprochen, das später vom Niederdeutschen komplett verdrängt wurde - bis auf die kleine Sprachinsel im Saterland.

""In den 1970er-Jahren stellt der Sprachwissenschaftler Marron Fort jedoch fest, dass das Bewusstsein der Saterländer für ihre eigene Sprache schwindet. Während der Amerikaner Fort inzwischen an der Uni Oldenburg begonnen hat ein saterfriesisches Wörterbuch zu schreiben, droht die Sprache in dieser Zeit tatsächlich auszusterben:

""Ich hatte keine Probleme wegen meines fremden Aussehens oder so. Ich hatte eher Probleme, dass Leute fragten: Ja, Fort macht Wörterbuch und so, aber was soll das? Was ist der Grund? Und dann habe ich 1977, im Februar, habe ich einen Vortrag vorm Heimatverein gehalten. Und ich ging ans Podium, und ich sagte: Ihr seid die letzten Ostfriesen, denn die Saterfriesen sind Ostfriesen, sind eingewandert. Und alles auf Saterfriesisch und so. Und sie haben mir später erzählt: Da kommt jemand, der offensichtlich kein Hiesiger ist. Und Du sprachest das genau wie wir das sprechen. Und die Leute waren so baff. Wenn einer da von Amerika kommt und sagt, wir müssen unsere Sprache behalten, vielleicht tun wir das. Die hatten noch nie erlebt, dass ein Fremder jemals die Sprache gesprochen hat. Die Sprache ist an sich schwer erlernbar. Plattdeutsch - Saterfriesisch hat mehr Unregelmäßigkeiten, man kann sich doch wohl hinein hören, aber das dauert.

1980 bringt Marron Fort das erste Wörterbuch "Saterfriesisch" heraus. Das Zweite, 40.000 Einträge Umfassende, schlummert noch auf der Festplatte seines Computers. Noch ist nicht klar, woher die zur Veröffentlichung notwendigen 25 000 Euro kommen. Immerhin hat der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff die Unterstützung des Landes für das Projekt zugesagt.

Auch das Neue Testament übersetzte Marron Fort eigenhändig. Seitdem werden in den Kirchen der Region die Messen auch wieder auf Saterfriesisch gehalten. Eine von Marron Forts Lieblingspassagen: "Jesu Gang über das Wasser". Forts Arbeit hat ohne Zweifel Entscheidendes dazu beigetragen, dass das Saterfriesische auch als Schriftsprache fortleben kann. Inzwischen gibt es sogar einen"Sprachkurs Saterfriesisch" auf CD - Sprachwissenschaftler der Uni Bremen haben die Übungen mit Sprechern im Saterland aufgenommen:

Eine saterfriesische Grammatik müsse noch geschrieben werden, sagt Marron Fort, und seine Bremer Kollegen plädieren für die Einrichtung eines Sprachenrates im Saterland, der den Wortschatz ständig aktualisiert. Wird das ausreichen, um die Sprache der letzten Ostfriesen zu retten? Marron Fort ist da eher skeptisch. Nur wenn das Saterfriesische irgendwann auch wieder in Ostfriesland gesprochen werde, habe es eine Chance zu überleben.

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