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StartseiteBüchermarktKampf zwischen Karneval und Fasten16.08.2007

Kampf zwischen Karneval und Fasten

Neues Buch zur Geschichte des Körpers im europäischen Mittelalter

Die Geschichtswissenschaft entdeckt den Umgang mit dem Körper, der auch immer Ausdruck seiner Zeit ist, als neues Feld. Der französische Mediävist Jacques Le Goff hat zusammen mit dem Journalisten Nicolas Truong das Körperbild des Mittelalters analysiert. Immer wieder ergeben sich dabei Verknüpfungen zur Sozial- und Kirchengeschichte.

Von Christian Gampert

Die mittelalterliche Medizin konnte nicht zu einem schönen Körper beitragen. (Deutschlandradio)
Die mittelalterliche Medizin konnte nicht zu einem schönen Körper beitragen. (Deutschlandradio)

Die Umschlag-Abbildung dieses Buchs wirkt wie ein Programm und weckt die schönsten Hoffnungen: Dort reitet ein feister Mensch auf einem Weinfass und hält einen aufgespießten Schweinskopf in der Hand, während hinter ihm ein Gaukler mit Hütchen jongliert. Andererseits sieht man einen querschnittsgelähmten, halbnackten Krüppel am Boden kriechen und einen unterschenkel-amputierten Mann davon humpeln. Pralles Wohlleben also versus soziale Not.

Klappt man das Buch auf und sieht im Abbildungsteil die vollständige Reproduktion des Bildes, nämlich Pieter Breughels "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten" von 1559, so wird einer der vielen Widersprüche des Mittelalters tableau-artig sichtbar: das Karge, Arme, Selbstquälerische, Mönchische der Fastenzeit wird konfrontiert mit karnevalesken Übersprungshandlungen, mit Musik, Unzucht und Völlerei, was die Kirche zwar als Todsünde brandmarkte, was aber die andere, die anarchische Seite des kirchlich dominierten Alltags und Jahreskalenders war.

Jacques Le Goff, der Doyen der französischen Mittelalter-Forschung und "Annales"-Fraktion, beschwört gleich eingangs eine angebliche Forschungslücke, –

""Der Körper des Menschen wurde von der Geschichtsschreibung und den Historikern vergessen.""

- um dann in extenso vorzuführen, wer bereits zur Körpergeschichte gearbeitet hat: Jules Michelet, Johan Huizinga, Marc Bloch, Lucien Febvre, Marcel Mauss, Michel Foucault, Marx, Freud, Horkheimer, Adorno. Schon hier wird Le Goffs Strategie sichtbar, sich im Gegensatz zur Herrschafts- oder Ideengeschichte als Neuerer auf dem Gebiet der Körperforschung zu präsentieren, um dann allerdings nur Bekanntes zusammenzutragen. Das Ergebnis: Auf den 200 Textseiten mit viel unterschiedlichem Material wird alles nur kurz angetippt, aber nichts richtig ausgeführt.

Beginnen wir mit der Grundthese des Buchs:

""Die Dynamik der mittelalterlichen Gesellschaft speist sich aus Spannung, Gegensatz und Widerstreit.""

Wie wahr! Aber welche geschichtliche Epoche wäre denn nicht von Spannung und Widerstreit gekennzeichnet? Die Antike? Die Neuzeit? In der historischen Abgrenzung des Themas liegt eine Hauptschwierigkeit des Buches. Le Goff erweitert das Mittelalter (und damit seinen eigenen Forschungsbereich!) großzügig vom 5.Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert, also bis zu Französischer Revolution und Industrialisierung, ohne das genauer zu begründen.

Gewiss, die in der Antike üblichen Körper-Ertüchtigungen, die sportlichen Wettkämpfe, verschwanden mit dem Christentum und tauchten als organisierte Veranstaltung erst mit dem 19. Jahrhundert wieder auf. Daraus aber ein verlängertes Mittelalter zu konstruieren, das Neuzeit und Renaissance kurzerhand verschluckt, das zeugt nicht gerade von historischer Redlichkeit.

Le Goff behauptet außerdem, der Sieg des Christentums im vierten Jahrhundert habe "eine Quasi-Revolution in den Vorstellungen über den Körper" herbeigeführt. Das ist wenig plausibel, da Le Goff selber die asketischen Ideale der Kirchenväter auf den enthaltsamen römischen Kaiser Marc Aurel zurückführt, der ebenso wie die Kirche gegen die verderbenden Leidenschaften kämpfte. Zum anderen: Viele heidnische Bräuche der Antike, zum Beispiel bei der Bestattung, sind vom Christentum zunächst übernommen und erst nach und nach von der Kirche an sich gerissen worden. Die Übergänge sind fließend.

Noch abstruser wird es, wenn Le Goff das Mittelalter zur Wiege des modernen Umgangs mit dem Körper erklärt:

""Das Mittelalter wirkt mehr als jede andere Epoche – auch wenn man es Ende des 15. Jahrhunderts für abgeschlossen erklärt – wie ein Prägestempel unserer modernen Gegenwart. Ein großer Teil unserer Mentalitäten und unseres Verhaltens wurde im Mittelalter erworben. Genauso verhält es sich mit den Gewohnheiten in Bezug auf den Körper.""

Verzeihung, aber das ist eine gewagte These. Nichts hat weniger Einfluss auf das Sexualverhalten der Gegenwart als die Lehren des Christentums und deren Nachhall. Nichts ist heute wirkungsloser als die kirchliche Androhung von Höllenqualen bei Völlerei und Ehebruch. Selbst die daraus derivierte psychische Instanz des Gewissens scheint grosso modo in Rückbildung begriffen. Ob das Christentum überhaupt "Grundelement unserer kollektiven Identität" ist, wie Le Goff behauptet, wäre eine Frage für Zeitgeschichtler, nicht für Mediävisten.

Zur Sache geht es erst, als Le Goff sich der Ambivalenz und Zerrissenheit zuwendet, mit denen die mittelalterliche Gesellschaft selbst dem Körper begegnete: Sie habe ihn "glorifiziert und unterdrückt, gepriesen und gedemütigt". Diese Spannweite wird vermessen zwischen dem Apostel Paulus, der den Körper für "das Tabernakel des heiligen Geistes" hielt, und Gregor dem Großen, der im Körper "das abscheuliche Gewand der Seele" erblickte. Zur Leib-Seele-Problematik zitiert Le Goff seinen Kollegen, den Sozialhistoriker Jean-Claude Schmitt (so wie er überhaupt fast nur seine Schüler und Annales-Kollegen zitiert):

""Die Seele war zwar spirituell, aber sie empfand körperliche Schmerzen. Sie wurde in der Hölle oder im Fegefeuer gequält, was die Menschen im Mittelalter sich so bildhaft vorstellten, dass sie diese Qualen als körperliche Qualen beschrieben.""

Wie die Kirche sich der Körper der Menschen bemächtigte, sie mit Verboten und Geboten überzog und selbst die Eheleute traktierte, die alle Lüsternheit vermeiden und den Zweck der Fortpflanzung stets im Auge behalten sollten – dies wird von Le Goff dann anschaulich und mit vielerlei Untersuchungen beglaubigt.

Allerdings schreibt Le Goff weniger eine Geschichte des Körpers im Alltag, wie es eigentlich sein Anspruch ist – denn Volk und Klerus taten manches, was vom Heiligen Geist nicht gutgeheißen wurde. Le Goff dagegen bietet zunächst mehr eine Historie der konkurrierenden Vorschriften und Ideologien, und er wühlt sich dabei durch drei Themenbereiche: "Fastenzeit und Karneval", also Entsagung und Festzeit, das Schwanken zwischen der Knechtung des Körpers (der Gläubigen) und seiner Verherrlichung, denn Gott war ja Fleisch geworden (dies ist das weitaus stärkste Kapitel); dann "Leben und Sterben im Mittelalter", und das heißt Kindesalter und (hohe) Kindersterblichkeit, Minne und Erotik, Krankheit und Medizin (Galens Körpersaft-Theorie!), angstvolle Jenseitserwartungen und das religiöse Verhältnis zum Tod; und drittens: "Körper und Manieren", also das, was Norbert Elias bereits geleistet hat, was Le Goff aber mit einer kurzen Untersuchung zur Nacktheit und zur "Kultur der Gesten" ergänzen möchte. Es folgt noch ein (schwaches) Kapitel zur Körper-Metapher.

Inquisition, Hexenprozesse und Judenpogrome, enorm körperliche Veranstaltungen, fehlen bei Le Goff ganz. Warum denn nur? Dies waren die wichtigen sozialhistorischen Ereignisse.

Dafür jedoch hat Le Goff manch anderes im Gepäck, oft auch Skurriles, was sich schön hin- und herwenden, aber nicht systematisch einordnen lässt: Selbstkasteiungen und Buße; Verteufelung der Frau und Marienverehrung; die Uminterpretation der Erbsünde in eine sexuelle Verfehlung, die Welt der Ehelosen in den Orden; die körperbehinderten Monster. Seuchen und Aberglauben – wie jenen, der Leprakranke sei Produkt einer sexuellen Verfehlung der Eltern. Die Erfindung des Fegefeuers und die Theologen-Debatte, ob die Körper im Paradies nackt oder bekleidet seien.

Bei der "Kultur der Gesten" geht es dann um Vasallenhuldigungen und um liturgische Handlungen, auch um Heldengedichte, die "Chansons de geste" - aber fast alle Zeugnisse, die Le Goff anführt, stammen aus der französischen Sozialgeschichte. So bleibt der Blickwinkel verkürzt.

Eine umfassende Studie zum Körper im Mittelalter ist dieses Buch jedenfalls nicht; vielleicht eine Materialsammlung zum Nachschlagen, ein Vorgeschmack aus dem gutsortierten Zettelkasten eines großen Forschers, der hier für ein breites Publikum einige Grundtatsachen zum Mittelalter populär aufbereiten ließ. Co-Autor ist nämlich der Journalist Nicolas Truong, und so erscheinen alle Themen, die Le Goff doch in vielen Verästelungen extemporieren könnte, hübsch verpackt als kleine Appetithappen.

Jacques le Goff/ Nicolas Truong: Die Geschichte des Körpers im Mittelalter
Klett-Cotta, 230 Seiten, 24.90 Euro.

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