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StartseiteKultur heuteKaninchen aus Korea01.07.2007

Kaninchen aus Korea

Uraufführung von Unsuk Chins "Alice in Wonderland" an der Staatsoper München

Die koreanische Komponistin Unsuk Chin hat Lewis Carrolls "Alice in Wonderland" zur Vorlage ihrer ersten Oper gewählt. Ihr Förderer Kent Nagano dirigierte am Samstag in München die Uraufführung, bei der Achim Freyer die Bühne entwarf - frei nach dem Motto: Alles muss möglich sein.

Von Wolf-Dieter Peter

Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)

Alles muss möglich sein, wenn einer Lewis Carrolls "Alice in Wonderland" auf die Bühne bringen will: Die Schwerkraft ist aufgehoben, dauernd neue Wege und Orte, Vergrößerung, Verkleinerung, surreal-groteske Erscheinungen, dann auch mal Nonsens - also einfach: Theater- Zauber.

Genau dafür ist Achim Freyer der richtige Mann. Seine Mitarbeiterin Nina Weitzner steuerte zauberhafte Masken, Kostüme und Puppen bei - und beide nutzen alle Tricks, Täuschungen und modernen Fortentwicklungen des "Schwarzen Theaters": Was im dunklen Raum vor einem schwarzen Hintergrund auftaucht, scheint gleichsam ortslos zu schweben. Also hat Freyer in den schwarzen Theaterraum eine bühnengroße steile schwarze Wand mit symmetrisch angeordneten Luken gestellt: Vorne in der Mitte die Alice von Sally Matthews in weißem Kinderkleidchen und Tütü, darüber eine große Kopfmaske - denn aus ihren riesen-, ja: schrankenlosen fantastischen Träumen entspringt ja alles Weitere: ein dem Slalomkurs der Zeit hinterher hetzender weißer Hase, eine umher springende Grinsekatze, eine Riesen- und eine Zwerg-Alice, ein Tränensee, ein Mords-Fliegenpilz mit Riesenraupe, ein wildes Krokett-Spiel - es wird gestürzt, gefallen, geschwommen, getobt, getänzelt.

Das können Sänger nicht auch noch leisten. Also hat Freyer die acht Sänger mit ihren Mehrfachrollen als gealterte Dichterbüsten direkt über dem Orchester sitzend aufgereiht. In der schwarzen Abdeckung vor ihnen hat er ihnen nochmals je zwei große weiße Unterarme zum Mitspielen gegeben. Damit hat er die Freiheit gewonnen, ihre jeweiligen Aktionen, Masken oder Requisiten von acht schwarz kostümierten Tänzer- und Akrobaten-Doubles, nein: "Stuntmen in der Oper" vor den Luken und der ganzen schwarzen Spielfläche spielen zu lassen. Sie hängen an Seilzügen und können durch den Raum springen, hüpfen, fliegen, sich wirbelnd drehen - die Schwerkraft scheint aufgehoben - furioses Zaubertheater voller überraschender Details und Einfälle.

Dazu hat Unsuk Chin eine mal von "Turandot" über Gershwin, Strawinsky und Prokofieff amüsant zitierende Musik, dann aber auch typisch "moderne" Partitur komponiert: viele austauschbar dissonante, aufgrund ihrer Komplexität nicht haften bleibende Klanggebilde. Die Gesangspartien sind etwas stimmfreundlicher als bei anderen Zeitgenossen - und gipfeln in Alice's klangschönem Wiegenlied für das Schweine-Baby.

Sally Matthews sang zauberhaft kindlich glockenrein und agierte konzentriert den Freyerschen Gesten-Minimalismus aus. Doch auch sie und alle engagierten Solisten konnten dem Abend am Ende keinen Sinn, kein Ziel geben. Das liegt einmal am Libretto Unsuk Chins. Noch mehr an ihrer Musik: da spielt ein auch die Proszeniums-Logen füllendes Riesenorchester mit XXL-Schlagwerk-Erweiterung. Kent Nagano führt dies durchsichtig, ziseliert und auch mal atmosphärisch. Der Orchesterberg kreißt - und gebiert ein Mäuschen. Als Festspieleröffnung ist sinnfreies Nonsens-Spiel im Jahr 2007 ein bisschen wenig - und musikdramatisch ist das Werk eine Totgeburt.

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