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StartseiteKultur heuteKann Liebe retten?15.08.2010

Kann Liebe retten?

Das deutsche Psychodrama "Distanz" kommt in die Kinos

In dem Film "Distanz" treibt ein Gärtner sein mörderisches Unwesen. Ob Steineschmeißen von Autobahnbrücken oder willkürliches Erschießen mit dem Präzisionsgewehr: SinnlosesTöten ist allgegenwärtig. Und dennoch lässt sich das Werk keinesfalls in gängige Schubladen schieben.

Von Rüdiger Suchsland

Menschen töten - für Hauptfigur Daniel reine Freizeitbeschäftigung.  (AP)
Menschen töten - für Hauptfigur Daniel reine Freizeitbeschäftigung. (AP)

Nur die Sonne war schuld. Man kennt diesen Satz, der auch ein Befund ist, aus Albert Camus' Jahrhundertroman "Der Fremde". An dessen Hauptfigur, den Einzelgänger Meursault, der aus nichtigem Anlass ein Mörder wird, erinnert Daniel Bauer sehr stark. Die Hauptfigur des Debütfilms "Distanz" vom Berliner Regisseur Thomas Sieben ist ein Gärtner im Berliner Botanischen Garten. Sein Leben ist von existenzieller Leere durchzogen. Irgendwann steht Daniel auf einer Autobahnbrücke. In der Hand hat er einen schweren Stein. Irgendwann lässt er ihn fallen. Zwei Menschen sterben.

Im Folgenden sieht man ihn immer wieder in seiner Freizeit Menschen töten, mit Gewehr und Zielfernrohr. Er tut das kalt und gefühllos. Der Regisseur bietet keine Erklärung dafür an, keine Entschuldigung. Daniel ist unverständlich, und - auch ganz abgesehen von seinen Taten - ein unsympathischer Mensch.

"Distanz" ist eine Mordgeschichte. In ihrem Zentrum steht ein unbarmherziger Mörder. Und manchmal fühlt man sich an Vorbilder aus der Filmgeschichte erinnert, an Martin Scorseses "Taxi Driver" oder an "Henry, Portrait of a Serial Killer" von John McNaughton. Auch dies ist damit ein Versuch des deutschen Autorenkinos, sich durch die Öffnung zum Genre- und Kriminalkino aus dem Sumpf der Wiederholungsgefahr zu ziehen.

Distanz ist aber auch eine Liebesgeschichte, und eine Einsiedlergeschichte. Parallel zu den Morden entspinnt sich eine zarte Liebelei mit Jana, einem etwas unbedarften Mädchen, dass sich gerade von Daniels spröder, distanzierter Art, von seiner Zurückhaltung, angezogen fühlt. Die Österreicherin Franziska spielt diese Jana - wieder möchte man sagen, denn diese Rolle ähnelt sehr stark ihrem großartigem Auftritt in Benjamin Heisenbergs "Räuber" vor wenigen Monaten. Wieder spielt Franziska Weisz, die mit ihren großen Augen und breiten Schultern, dem langen Haar ein Geheimnis mit Bodenständigkeit verbindet, eine Frau als Rettungsanker. Die Liebe eines Kriminellen, dessen Verbrechen eine obsessive, existenzielle Dimension haben. Diese Jana ist seine letzte Verbindung mit der Welt.

Sie glaubt, dass sie den Mörder in die Welt zurückholen kann:

"Wir halten zusammen, niemand wird was erfahren. Du musst mir vertrauen. Aber Du musst damit aufhören. Wir schaffen das."

Aber immer wieder zieht sich Daniel zurück: Sehr oft ist dieser gesichtslose Daniel Bauer, den Ken Duken angenehm reduziert spielt, einfach nur genau das, was die anderen in ihm sehen wollen: ein Mann ohne Eigenschaften, eine Projektionsfläche, auf die sich alle anderen bereitwillig beziehen. Auch Jana.

"Distanz" - der Titel ist Programm. Abstand hält der Film auch zu den gängigen Schubladen, in die man gewohnt ist, Kino zu verorten: Er ist zu wenig entertaining, um die Massen zu begeistern, zu wenig auf intellektuell chic gestylt, um als Autorenfilm durchzugehen, und zu wenig sentimental für die kunstseligen Bildungsbürger, die das Publikum des sogenannten Arthouse-Films bilden - ein Film, so heimatlos wie seine Hauptfigur.

Streng reduziert, wenig Kompromisse mit den Erzählkonventionen schließend, verzichtet "Distanz" auf jede Erklärung und Psychologisierung seines Charakters. Er zeigt, was passiert, und das ist im Grunde nicht viel, jedenfalls banal. "Bedeutung" bleibt offen, entscheidend ist die Beiläufigkeit allen Geschehens. Splatter-Hoffnungen von Gewaltvoyeuren werden somit ebenso enttäuscht, wie jede eingeübten Thriller-Erwartungshaltung. Was an "Distanz" fesselt, ist seine dichte Atmosphäre.

Daniel bleibt ein Neutrum, aus dem Nichts kommend, im Dunkel lebend. In Daniels innerem, verborgenen Drama, seinem nicht-aus-sich-heraus-können erzählt sein Regisseur nicht allein etwas über die Psychologie von Mördern, sondern auch etwas über die Tragödie traditioneller Männlichkeit, zeigt den dekonstruierten Mann der westlichen Länder: Das alte Heldentum, dessen hysterisch-starre Kämpfe um Ehre, jene Duelle, die das klassische Kino ganz unironisch beherrschten, sind heute unmöglich geworden - weil die Bedingungen für sie fehlen. Übrig bleibt in diesem herausragenden, ungewöhnlichen, kleinem bösen Film die nun nach innen gewendete, zur Erstarrung gewordene Angst. Einen Ausweg hieraus bietet nur noch der Ausbruch, das Töten.

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