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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKants Aufklärung in Zeiten des Internets31.10.2013

Kants Aufklärung in Zeiten des Internets

Jahrestagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Einmal im Jahr versammeln sich Mitglieder von acht Wissenschaftsakademien, die sich in der Union der deutschen Akademien zusammengeschlossen haben. Dieses Mal waren die Aufklärung und ihr Freiheitsbegriff das - sehr aktuelle - Hauptthema.

Von Bettina Mittelstraß

Die Fassade des Gebäudes der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (picture-alliance / ZB)
Die Fassade des Gebäudes der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (picture-alliance / ZB)
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Ist das noch Wissenschaft?

"Das Verhalten dem Internet gegenüber ist zutiefst nicht aufgeklärt."

Nicht aufgeklärt? Ist es nicht das weltumspannende Netz, das allen Zugang zu Wissen verschafft, jedem Information liefert, der sie sucht - mit anderen Worten für Aufklärung und Freiheit sorgt? Und ist das nicht genau das, was sich die Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert auf die Fahnen schrieb? Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp ist nicht einfach nur skeptisch, er hat unseren Umgang mit den Möglichkeiten des Internets präzise untersucht.

"Seit Einführung des Internets herrscht ein Freiheitsbegriff, der entschieden verteidigt wird, und das ist ein additiver. Zu einem gegebenen Status von Freiheit wird so viel als irgend möglich hinzugefügt, um einen umfassenden Begriff von Freiheit zu ermöglichen. Thomas Hobbes hat dieses Konzept durchdacht, als er im 17. Jahrhundert die Theorie des modernen Staates begründete. Und er kam zu dem Ergebnis, dass ein radikal additives Konzept von Freiheit zur Latenz führt, meinen Nächsten zu töten, zu überfordern, zu belügen, was immer. Und aus diesem Grund hat er einen Vertrag geschlossen, in dem Individuen und Gemeinschaften einen Teil dieser absoluten Freiheit zurücknehmen, einem anderen geben - also was dann der Leviatan war, der Staat -, der das Gewaltmonopol übernimmt, um eine wirklich freie Kommunikationsform zu erlauben und zu ermöglichen in diesem Rahmen."

Man müsste also die additive Freiheit begrenzen, das Internet regulieren. Denn die Freiheit, die wir uns wünschen, ist immer auch die des anderen – eine geteilte Freiheit: Niemand darf willkürlich dem anderen antun, was ihm gerade einfällt. Niemand darf nach Belieben in die private Sphäre anderer einbrechen. Im weltweiten Datennetz aber herrscht offenbar genau diese entgrenzte Freiheit. Horst Bredekamp, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin:

"Mein Punkt ist, dass die Empörung über das Abhören eines gewissen Mobiltelefons der Republik zu Recht besteht, und dass der Aufschrei gar nicht groß genug sein kann. Die Geheimdienste nehmen sich die Freiheit, die definitorisch im Internet per se agiert."

Horst Bredekamp will keine Zensur von oben, sondern im Gegenteil: Er will auch in der modernen Lebenswelt, in der virtuelle Welten mit realen eng verschränkt sind, eine für alle geregelte Freiheit der Kommunikation zurück, wie sie von den Denkern der Aufklärung diskutiert wurde.

"Die Diskussion der letzten Wochen und Monate war für meinen Begriff auf hohem Niveau, das - denke ich - seit vielen Jahren erstmals zeigt, dass über das Internet in einer Weise nachgedacht wird, wie es ihm angemessen ist - als eine zweite Natur, in der ein Freiheitsbegriff regiert, der diskutiert werden muss."

Wer eine solche Diskussion nicht will und sich auf den Standpunkt stellt, man könne eh sowieso nichts mehr machen, wenn erst einmal persönliche Informationen im Internet kursieren, der, sagt Bredekamp, verhält sich alles andere als aufgeklärt.

"Das ist von Kant im zweiten Satz seiner berühmten Schrift über die Aufklärung so genau beschrieben worden: Aufklärung ist der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Und die Verhinderung dieses Ausganges aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit liegt in der Dummheit und der Faulheit - die Faulheit und das Akzeptieren, dass es andere Größen gibt, die alles für mich regeln."

Die Podiumsdiskussion über Daten im Internet und die "Aufklärung" der Nachrichten- und Geheimdienste war auf dem Akademientag in Berlin ein eindrückliches Beispiel für die Aktualität des Themas. Ein anderes Podiumsgespräch mit dem Ökonomen Manfred Neumann und dem Philosophen Pirmin Stekeler-Weithofer stellte die Frage, wie aufgeklärt wir eigentlich über unsere wirtschaftliche Lage sind - genauer: über die europäische Schuldenkrise? Wenig offenbar - auch deshalb, weil Volkswirtschaft eben nicht einfach zu verstehen ist. Professor Pirmin Stekeler-Weithofer, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften:

"Die Situation der Volkswirtschaft, der Ökonomie, ist ein bisschen anders, wie wir sie aus dem Haushalt kennen, wenn wir normalerweise haushalten, wenn wir Geld verdienen und Geld ausgeben. Die Volkswirtschaft funktioniert aus vielerlei Gründen anders."

Es gibt keinen begrenzten Haushalt. Es gibt das Wirtschaften mit Geld selbst. Es gibt den Staat, der in das Wirtschaften eingreifen kann, indem er Geld druckt, ...

"... und über monetarische Interventionen die Wirtschaft zum Beispiel ausdehnen kann und über das billige Geld bestimmte Investitionen anreizen kann, die auf eine bestimmte Weise - das ist ja die Einsicht des Keynesianismus - zeigt, dass: Manchmal ist es klug, nicht zu sparen, von einer Volkswirtschaft. Manchmal ist es klug, leichte Inflationen zu erzeugen."

Aber wann welches Handeln warum klug ist oder gerade nicht, welches Handeln die Schuldenkrise beendet und welches sie verschärft, das - so hatte man den Eindruck - verstehen offenbar nur Wirtschaftswissenschaftler. Auf deren Aufklärung müsse die Politik daher besser hören. Die meisten Europapolitiker hingegen wollten der Wahrheit offenbar nicht ins Auge sehen und sie lieber verschleiern, da waren sich die Podiumsteilnehmer einig.

"Wenn Herr Neumann, ein Kollege sagt: ja, man müsste den Griechen sagen, das und das ist der Fall, dann ist das immer ein bisschen überheblich, weil: Die deutschen Wirtschaftswirtschaftler, die deutschen Politiker sagen einem anderen Land, was eigentlich zu tun ist. Und diese leichte Überheblichkeit ist natürlich eine große Schwierigkeit. Auf der anderen Seite ist es leider wahr. Und aus diesem Grund haben wir jetzt eine Situation, dass die Wahrheit politisch nicht korrekt ist in Europa."

Einen Teil der Zuhörer im Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat das nicht ganz überzeugt und sie kritisierten: Wo bleibe denn da die Kritik an den eigenen Analysen?

"Der Zentralbegriff der Aufklärung lautet: Kritik. Und was erleben wir unter allen Bedingungen gesellschaftlicher Entwicklung heute? Kritik! Und zwar von allen Seiten!"

Der Philosoph Volker Gerhardt, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, sieht in allen Kulturen der Welt in der Fortführung von Streit – mit entsprechender Streitkultur – eine Wiedergabe der zentralen Idee von Aufklärung. So gesehen ist Aufklärung auf der ganzen Welt wirksam, ohne ein Exportprodukt aus Europa zu sein. Selbst in der chinesischen Gesellschaft ginge es um Aufklärung - wenn auch dort unterhalb der noch gleichgeschalteten Ebene der Öffentlichkeit.

"Man braucht nur mit chinesischen Kollegen am Tisch zusammenzusitzen und dann erlebt man sozusagen augenblicklich die Stunde der Aufklärung, weil eben in den gegensätzlichen Meinungen darüber gestritten wird, ob man die Universitäten tatsächlich weiterhin noch zentral organisiert, ob man nicht in den Provinzen stärkere Selbstverwaltung braucht, und, und, und - und für mich sind das alles Prozesse der Aufklärung."

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