• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenArm und Reich in der Steinzeit29.10.2015

KapitalismusArm und Reich in der Steinzeit

Heute will fast jeder Jugendliche ein teures Handy haben, in der Steinzeit war es ein verzierter Dolch. Allerdings hatten nur wenige junge Männer eine so wertvolle Waffe. Das zeigt: Auch damals gab es schon Arm und Reich. Grabbeigaben verraten noch mehr über das soziale Gefüge in prähistorischen Gesellschaften.

Von Christian Forberg

Eine Besucherin fotografiert minoische Funde im Archäologischen Museum in Heraklion, Kreta. (dpa/ picture-alliance/ Robert B. Fishman)
Eine Besucherin fotografiert minoische Funde im Archäologischen Museum in Heraklion, Kreta. (dpa/ picture-alliance/ Robert B. Fishman)
Mehr zum Thema

Vor 60 Jahren entdeckt Faszinierende Bilderwelt aus der Steinzeit

Steinzeit Ahnenkult und die Steinkreise von Stonehenge

"Zu viele Häuptlinge, nicht genug Indianer" - so beschrieb einst der amerikanische Archäologe Noel Broadbent die Situation. Inzwischen sind drei Jahrzehnte vergangenen, in denen Grabungs- und Untersuchungsmethoden stetig verbessert wurden. Und dennoch kam Professor Harald Meller, Sachsen-Anhalts Landesarchäologe und Gastgeber der Tagung "Arm und Reich. Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften" zu einem ähnlichen Schluss:

"Wir wissen zu wenig von armen Gräbern, und wir haben zu sehr auf die Gräber mit Beigaben fokussiert. Dazu kommt aber auch, dass wir häufig Skelette einfach entsorgt in Siedlungsgruben finden, sogenannte Sonderbestattungen. Und denen wurde auch zu lange zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet."

Nun wurde auf der Tagung das Verhältnis arm-reich nicht gleich vom Kopf auf die Füße gestellt, denn noch immer gewinnen Archäologen die meisten Erkenntnisse von denen, die sorgsam und mit Beigaben bestattet wurden. Die einstigen Eliten verfügten nun mal über die meisten Ressourcen und hinterließen die meisten Dinge.

Aber diese haben zwei Seiten, einen materiellen und einen ideellen Wert - wie ein goldener Ehering. An ihm sei nicht nur das Material wertvoll, sondern auch die Geschichte einer hoffentlich glücklichen Ehe, so der Heidelberger Frühgeschichtler Dr. Philipp Stockhammer. Oder aber bei Keramik aus der Ägäis, die in der Bronzezeit ein begehrtes Gut in den Palästen weiter südlich, in der Levante wurde, und kretische Töpfer zu reichen Unternehmern werden ließ. Als diese Mode vorüber war, tauchte sie bei normalen Leuten auf.

"... wo man sich fragt: Warum hat ein Töpfer in einer Stadt in der südlichen Levante um 1300 vor Christus sich entschieden, ein Gefäß aus der Ägäis zu erwerben? Ich kann nur sagen: Wir wissen es nicht, weil wir uns zu wenig gefragt haben, welche Rückstände in dem Gefäß sind, was mit dem Gefäß wirklich getan wurde. Wir klassifizieren das Objekt und sagen: Es ist wertvoll. Und das ist einfach zu wenig."

Der idelle Wert zählt

Hinzu kommt eine Sichtweise, die wir von den Wiederentdeckern der Antike verinnerlicht haben: Insbesondere weißer Marmor hat in der Farbe naturbelassen, aber möglichst poliert zu sein. Auch jene schlichten, Idole genannten Figuren, die der Archäologe Dr. Bernhard Steinmann auf den Kykladen, also jenen Inseln zwischen Griechenland und der Türkei, in einigen wenigen, herausgehobenen Gräbern fand - obwohl es dort Marmor in Mengen gibt.

"Idole waren bemalt - das dürfen wir nicht vergessen - und vielleicht spielt die Wertigkeit des Materials hier keine so große Rolle. Vielleicht müssen wir da eine Ebene tiefer gehen. Vielleicht ist das Objekt an sich, das hergestellt wurde, wichtig; eben diese religiöse Konnotation, diese ideologische Konnotation, die da mit drin steckt. Und das Material tritt in den Hintergrund, ist nur Mittel zum Zweck."

Schwer fassbare Armut

Armut sollte man doch am besten fassen können, wenn man Spuren des Hungers an den Skeletten findet - könnte man denken. Doch Vorsicht: Ein spezieller, hoher Stickstoffwert entsteht sowohl bei einem an Hunger Gestorbenen als auch bei einem vormals Reichen - hier allerdings erst im Verwesungsprozess. Der Körper, sagt Professor Kurt Alt, verdaue sich dabei selber. Der im österreichischen Krems-Stein forschende Anthropologe ist also auf eine vergleichbare Bestattung angewiesen.

"Welchen Kontext haben wir genommen? Den Kontext der Kircheninnenbestattung in Magdeburg, weil nur die höhere soziale Schicht, die es sich leisten kann, in der Kirche bestattet zu werden, weil man dafür zahlen muss. Und dann haben wir noch das Riesenglück gehabt, dass wir die Kleriker alle hatten; unterschiedlichste Gruppierungen: Klöster und so weiter. Die hatten sogar noch höhere Werte. Und warum? Wegen der Fastenspeise, wenn sie kein Fleisch gegessen haben - Fisch, Biber; Biber galt zum Beispiel als nicht-tierisch, weil er im Wasser lebt. Und dann zeigen die die höchsten Stickstoffwerte."

Was heutzutage nicht weniger gelten würde: In der Ernährung bedeutet weniger manchmal mehr.

Selektion auch im Tod

Wann in der Menschheitsgeschichte setzte eine soziale Differenzierung überhaupt ein? Bereits vor weit mehr als 100.000 Jahren, bei den Jägern und Sammlern, stellte die Hallenser Archäologin Dr. Judith Grünberg fest, als sie Gräberfelder mit mehreren Toten untersuchte.

"In der Altsteinzeit, in der Mittelsteinzeit sind alle Menschen bestattet worden. Ob die alle eine Erdbestattung erhalten haben oder eine Hochbestattung oder ob die weiterhin in die Höhlen gelegt worden sind, wissen wir nicht. Aber auf diesen Gräberfeldern liegt nur eine selektive Gemeinschaft. Meistens sind es Reiche oder besondere Leute."

Darunter Menschen, die keines natürlichen Todes gestorben sind, oder Kinder mit reichem Muschelschmuck. Viele Kinder: Deren Sterblichkeit war besonders hoch. Als besonderer Reichtum galt zum Beispiel ein verzierter Dolch aus Horn, der wenigen jungen Männern beigelegt wurde.

"Dieser Dolch entspricht vielleicht einem Handy der Marke 'Weiß-ich-nicht', das man vorzeigen kann. Ein Mann, der 40 geworden ist, brauchte das nicht mehr. Aber er hatte andere Funktionen weiterhin gehabt. Innerhalb der Frauen gibt es auch eine soziale Differenzierung, die auch abhängig ist vom Alter. Aber man findet in Gräbern von Frauen sehr viel Schmuck, viel mehr als bei Männern."

Spaltung der Gesellschaft

So richtig in Fahrt kam diese Differenzierung, als aus Jägern und Sammlern Ackerbauern und Viehzüchter wurden. Diese produzierten Überschüsse, die in den frühen Häuptlingsgesellschaften bei Gemeinschaftsfesten verzehrt oder an andere verschenkt wurden, um soziale Bindungen zu festigen. Später wurden sie zu Tauschobjekten, was sowohl zur Entstehung von Königreichen als auch zur Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme führte. Staat und Religion spielten dabei eine besondere Rolle, sagt Harald Meller: Beides hielt die Gesellschaft zusammen, aber auch gefangen, wie schon ein dreieinhalb Tausend Jahre alter Friedensvertrag zwischen Hethitern und Ägyptern belege.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk