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Karasek: Die "Spiegel"-Affäre hat Deutschland verändert

Literaturkritiker zur politischen Krise in der jungen Bundesrepublik der 1960er

Hellmuth Karasek im Gespräch mit Peter Kapern

Literaturkritiker Hellmuth Karasek liest in der Alten Oper in Frankfurt/Main bei der Veranstaltung "Leseköpfe".
Literaturkritiker Hellmuth Karasek liest in der Alten Oper in Frankfurt/Main bei der Veranstaltung "Leseköpfe". (AP Archiv)

Bis zur "Spiegel"-Affäre habe die Republik in einem Dämmerzustand gelebt, sagt der Buchautor Hellmuth Karasek. Durch die Festnahme von Rudolf Augstein und die Besetzung der Redaktion durch die Polizei, habe er befürchtet, dass die Demokratie nur ein Versprechen war, das wieder einkassiert würde.

Peter Kapern: Soweit Timo Grampes über die "Spiegel"-Affäre, an die das Nachrichtenmagazin wie gesagt an diesem Wochenende mit einer zweitägigen Konferenz erinnert, zu der unter anderem Ex-Kanzler Helmut Schmidt und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher erwartet werden. Vor der Sendung habe ich den langjährigen Leiter des Kulturressorts beim Spiegel, Hellmuth Karasek, gefragt, ob man sagen kann, die "Spiegel"-Affäre habe Deutschland verändert.

Hellmuth Karasek: Das muss man sogar sagen. Ich glaube, dass die Republik bis dahin sehr friedlich war, in einem Dämmerzustand lebte, und dachte, es ist alles in Ordnung. Die einzigen Aufreger waren sozusagen, dass es die deutsche Wiedervereinigung nicht gab, dass Deutschland geteilt war, aber damit hatte man sich abgefunden, obwohl in jedem Eisenbahnzug stand "Deutschland dreigeteilt? Niemals!", aber irgendwie war die Welt in sich ruhig. Adenauers Republik schien endlos zu sein, aber man hatte sich auch damit abgefunden. Und nun auf einmal weckte eine Nacht- und Nebelaktion – ich war damals in Stuttgart Redakteur, und als Redakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" hatte ich natürlich einen Fernseher zuhause, ich erinnere mich noch genau, dass ich das in der "Tagesschau" sah –, und wir waren wie elektrisiert. Wir dachten, gibt es jetzt wieder einen Polizeistaat.

Kapern: Was genau ist dann da in Bewegung geraten?

Karasek: Ich war ja mit Journalisten und Theaterleuten damals zusammen, ich arbeitete auch am württembergischen Staatstheater. Wir hatten das Gefühl, dass die Demokratie wirklich nur ein Versprechen war, das jetzt wieder einkassiert wird.

Kapern: Es gab ja ganz erstaunliche Dinge, zum Beispiel Demonstrationen vor dem Gefängnis, in dem "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein einsaß. Da gab es Sprechchöre, die lauteten Augstein raus, rein mit Strauß, oder Spiegel tot, Freiheit tot. Das heißt, es war ja mehr als nur Entsetzen, was dadurch ausgelöst wurde, Es war Aktion.

Karasek: Nein, es ist eine Bürgerbewegung entstanden, es ist sozusagen in nuce eine Vorhut der Studentenbewegung entstanden. Die Bürger hatten auf einmal das Gefühl, wir müssen uns regen. Das hat sich dann mit den Friedensmärschen kombiniert und mündete schließlich in das 68er-Jahr.

Kapern: Warum wurde dies ausgerechnet durch die "Spiegel"-Affäre ausgelöst? Es war, wenn man doch mal distanziert drauf schaut, ein wichtiges Medium auch damals in der Republik. Aber warum hat ausgerechnet diese Durchsuchungsaktion dort für diese Aufregung gesorgt?

Karasek: Also ich habe in Tübingen studiert von 52 bis zu den 60er-Jahren, ich erinnere mich noch, ich habe eine französische Freundin gehabt, die ein Stipendium in Tübingen hatte. Und die machte sich immer lustig über mich, dass ich jeden Montag den "Spiegel" mir besorgte, sie sagte, das ist nun dein Evangelium, wo du dich informierst. Der "Spiegel" hatte so die Funktion von einer Zeitung, die nicht konform war mit der Republik, und die der Republik auf die Finger guckte, auch geistig und kulturell. Ich kannte Augstein von ein paar Veranstaltungen, die er in Stuttgart machte. Wir sind dann auch als Studenten hingegangen – er hatte in München und in Stuttgart Veranstaltungen gemacht, die sozusagen die Republik bezweifelten, dass sie so, wie sie war, bleiben konnte. Es war die Zeit, wo auch die Schriftsteller sich hinter den "Spiegel" stellten. Martin Walser hat damals für die Gruppe 47 eine Schrift rausgegeben: "Die Alternative oder: Brauchen wir eine andere Regierung?" Es gab also, nachdem die Parteien so zementiert in der Adenauer-Republik waren, nebenbei eine Bürgerbewegung, die sich damit zufriedengab, dass der "Spiegel" Missstände anprangerte und dass man sagte, es gibt eine Art Kontrollfunktion der Demokratie.

Kapern: Das heißt, "Spiegel" lesen war damals eine praktische Form des Widerstands gegen die Adenauer-Republik?

Karasek: Widerstand wäre etwas zu viel, der kritischen Begleitung und des Augen Offenhaltens in der Adenauer-Ära.

Kapern: Augstein hat gesagt in einem Interview: "Sie hatten es auf die Vernichtung des 'Spiegel' abgesehen." Wen meinte er wohl mit sie, und warum hatten sie es darauf abgesehen?

Karasek: Mit sie meinte er das Establishment, Augstein gehörte ja auch als FDP-Mitglied zu den Jungtürken,[Gruppierung innerhalb der FDP Anmerkung der Redaktion], die sozusagen die Adenauer-Koalition, die damals schwarz-gelb auf ewig war, die Mende-FDP, aus diesem Bündnis raus schießen wollte. Es gab damals ein paar Ereignisse, die das andeuteten. Ich war beispielsweise mit der Gruppe 47 beim Erler-Begräbnis. Erler war der Generalsekretär der SPD und galt als so ein Vorbote eines Widerstands. Es gab mehrere Kerne, die sich gegen diese Ewigkeit dieser konservativen Republik, die aus Katholizismus, Adenauer und amerikanischem Bündnis bestand, aufzulösen trachtete.

Kapern: Herr Karasek, jetzt haben wir darüber gesprochen, was die "Spiegel"-Affäre in der Republik ausgelöst hat. Was hat diese Affäre denn eigentlich dem "Spiegel" selbst gebracht?

Karasek: Eine Art Heiligenschein. Also ich will mal so sagen, die über 100 Tage, die Augstein im Gefängnis war, die Revision dieser Schritte, dass das Establishment zu wanken begann, dass Strauß gestürzt wurde, dass Adenauers Herrschaft auf einmal nur noch begrenzt war, der gesagt hat, ein Abgrund an Landesverrat tut sich auf, der war auf einmal nur noch Kanzler auf Abruf, die FDP sagte, es muss das Versprechen her, dass er zurücktritt, Strauß wurde in die Wüste gejagt, die Rechtsstaatlichkeit hatte sich sozusagen durchgesetzt. Das hatte dem "Spiegel" ein ungeheures Wächteramt eingebracht. Augstein hat den "Spiegel" danach ja das Sturmgeschütz der Demokratie genannt sozusagen.

Kapern: Die "Spiegel"-Affäre, ist sie heute Teil der Corporate Identity des "Spiegel" immer noch, wird sie auch ein wenig wie eine Monstranz vor sich hergetragen, um die Bedeutung dieses Magazins heute aufrechtzuerhalten?

Karasek: Na gut, es gehört zum Gründungsmythos des "Spiegel", obwohl der "Spiegel" also eine Gründung der britischen Besatzungsmächte in Hannover war, um die Deutschen umzuerziehen, und obwohl der "Spiegel" mit allen anderen Zeitungsorganen unter der britischen Politik dann in die Hamburger Freiheit sozusagen gezogen ist, in die Hamburger Liberalität, dass es eine freie Presse in Deutschland gab, das war der erste Mythos. Der zweite Mythos war natürlich der, dass zum Beispiel Hamburg eine SPD-Stadt war – Helmut Schmidt war Innensenator, und der hat in der "Spiegel"-Affäre gegen Bonn gestanden.

Kapern: Hellmuth Karasek, der langjährige Kulturchef des "Spiegel". Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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