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Seit 23:00 Uhr Nachrichten
StartseiteTag für Tag"Der Papst ist kein dominanter Typ"29.12.2015

Kardinal Marx im Interview"Der Papst ist kein dominanter Typ"

Die Debatte um Obergrenzen sei ein "Scheingefecht", sagte Kardinal Reinhard Marx im DLF. Zum Einsatz der Bundeswehr in Syrien hat er "große Bedenken". Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist ein Freund der klaren Worte. Aber findet er sie auch, wenn es um die eigene Kirche geht?

Kardinal Marx im Gespräch mit Andreas Main

Deutschlandfunkredakteur Andreas Main (l.) im Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx (Deutschlandradio/Jochen Bethscheider)
Deutschlandfunkredakteur Andreas Main (l.) im Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx (Deutschlandradio/Jochen Bethscheider)
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Reinhard Marx ist 1953 geboren. Er studierte an der Theologischen Fakultät Paderborn und in Paris katholische Theologie. Er war Professor für Christliche Gesellschaftslehre und Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Im Dezember 2001 berief ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Trier. Seit 2007 ist er Erzbischof von München-Freising. Marx ist auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und gehört zum achtköpfigen Beratergremium von Papst Franziskus.

Das "Interview der Woche" vom 20.12.2015 mit Reinhard Marx drehte sich um die Themen Flüchtlinge, Syrien, Islamismus, Illiberalismus und die Zukunft Europas.

Andreas Main: Kardinal Reinhard Marx, Sie sind Teil des so genannten K9-Rates, dieses extrem wichtigen Berater-Gremiums des Papstes. Acht Kardinäle aus aller Welt kommen regelmäßig zusammen, um mit dem Papst an einer Reform der Kurie zu arbeiten. Da gilt absolute Geheimhaltung. Dennoch können Sie uns ja womöglich einen kleinen Einblick gewähren: Was wird das nächste ganz große Ding in Ihrer Runde? Oder seriöser formuliert: Was steht oben auf Ihrer Agenda?

Reinhard Marx: Mit der Geheimhaltung im Vatikan ist das so eine Sache, wie Sie wissen aus aktuellen Ereignissen. Aber wir nehmen das mit Humor - und der Papst, glaube ich, auch. Wir gehen unseren Weg weiter. Ich habe ihm, nachdem dieses Vatileaks 2, also diese zweite Weitergabe von vertraulichen Dokumenten, geschehen war, auch sofort gemailt: Die Reform der Finanzen geht weiter, wir lassen uns da nicht abbringen. Das hat ihm auch gefallen. Wir haben darüber gesprochen. Also, das ist schon mal ein erster Punkt. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir im gesamten Bereich der Kurie versuchen, stärker auch von den aktuellen Fragen auszugehen, zu konzentrieren. Ein wichtiger Bereich ist der der Finanzen. Das war ja auch ein Ausgangspunkt damals der Unruhe. Manche haben das schon vergessen, aber als dann der Papst zurücktrat und ein neuer Papst gewählt wurde, war ja eine Diskussion sehr stark: Wie geht das mit den Finanzen weiter? Ist da nicht einiges sehr dubios? Und so. Da sind wir sehr vorangekommen. Und die anderen Punkte sind vor allen Dingen der Schutz von Kindern und Jugendlichen. Das war auch etwas, was wir voran gebracht haben durch diese Kommission, denn das Thema, was bei uns ein sehr wichtiges war, auch in den Vereinigten Staaten, wird die anderen Länder auch betreffen, die waren zunächst so – 'naja, das ist ja so eine Sache, die Westeuropa betrifft und die USA betrifft, aber die Missbrauchssachen, das passiert bei uns nicht'. Das wissen wir jetzt anders. Es ist ein weltweites Thema, nicht nur ein kirchliches Thema, sondern ein Thema, was alle betrifft. Da sind wir, glaube ich schon, sehr weit vorangekommen. Und in der Struktur der Kurie, welche Aufgaben, da muss man natürlich auch immer wieder mit dem Papst sprechen. Ich sage ihm auch immer wieder, Heiliger Vater, da müssen Sie auch die Prioritäten setzen, was ist Ihnen wichtig, etwa im Bereich von Gerechtigkeit, jetzt sein großes Thema " Laudato si" mit dem Klimawandel. Also er hat schon da bestimmte Prioritäten. Das muss sich dann in der Struktur auch der Kurie in der Zusammenarbeit niederschlagen. Ich merke, das gebe ich zu, man braucht Geduld.

Papst Franziskus während seiner Rede vor dem Europäischen Parlament. (AFP / Patrick Hertzog)Marx: "Der Papst liefert ständig." (AFP / Patrick Hertzog)

Main: Weil viele fragen: Wann liefert der Papst?

Marx: Ja, er liefert schon. Er liefert ja ständig. Also, ich meine, das finde ich etwas merkwürdig, weil manche sagen, ich habe ein bestimmtes Thema, und das möchte ich, dass der Papst das klärt, also möglichst – was weiß ich – das Zölibat abschaffen. Das war ja immer schon auch bei der Diskussion in Deutschland der Fall, wenn die Bischöfe nicht dafür – dann ist das alles daneben. Aber wenn man überlegt, was wir in zweieinhalb Jahren erlebt haben mit diesem Papst, der in Buenos Aires fast immer sein Leben verbracht hat, der kaum eine andere Sprache spricht, etwas Deutsch versteht, der keine Reisen gemacht hat, der zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten war, der zum ersten Mal in Afrika war – was der aus den Möglichkeiten macht, die ihm der liebe Gott schenkt – manche sagen, der Mann hat sich völlig verändert - im Sinne von sozusagen: 'in seinen Möglichkeiten erstmal richtig entdeckt worden mit 77 Jahren'. Aber er macht das. Und er bringt so viel voran. Er setzt Themen, ohne dass er sich überlegt, wie könnte das jetzt ankommen, sondern er macht es einfach. Seine Reisen bringen auch in der Kirche wieder Leute zusammen, die vorher spannungsvoll voreinander standen. Rechte, Linke – Progressive, Konservative, sie sagen, er zieht uns nach vorne. Das meine ich, da hat er schon geliefert. Ich will das Beispiel Enzyklika nennen. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern – ich bin ja Professor für den Bereich Soziallehre gewesen – dass irgendwann eine Enzyklika dieser politische Resonanz ausgelöst hätte wie "Laudato si", die ja bewusst platziert war vor der Weltklimakonferenz und die, wie ich von den Teilnehmern und den Experten höre, tatsächlich Wirkung entfaltet hat über den kirchlichen Raum hinaus. Ja, was wollen wir denn noch mehr, wenn wir das schaffen?

Main: Sie stehen ihm inhaltlich nahe, Sie sind oft bei ihm. In einem Satz: Was ist das für ein Mann?

Marx: Er bleibt ein Geheimnis. Er ist menschlich einfach ein sehr naher Typ – also ein Mensch, mit dem man eigentlich gerne zusammensitzt. Aber keiner, der sich aufdrängt, ganz zurückhaltend im Gespräch, auch in der Diskussion. Er dominiert nicht. Das ist etwas Faszinierendes für mich. Ein Mensch, der eigentlich von seiner ganzen Person her nicht ein dominanter Typ ist. Da gehe ich in einer Runde viel selbstbewusster manchmal rein, von meinem Naturell, ich habe ein ganz anderes Naturell. Aber die Wirkung ist groß, die Wirkung ist wirklich faszinierend - und deswegen arbeite ich gerne mit ihm zusammen. Also er ist eigentlich ein bescheidener Mann, zurückhaltend. Ich sage manchmal so, er weiß, was er will – das ist jetzt nicht Unsicherheit, er weiß, was er will, hat aber keinen Plan, also nicht eine Agenda, geheime Agenda, wo alles abgehakt wird. Er überlässt sich dem Wirken des Geistes und vertraut darauf, dass viele mit ihm gehen, dass er etwas anstößt, dass er einen Ball ins Spiel wirft und dass andere diesen Ball aufgreifen. Das ist seine Hoffnung, glaube ich. Und wir tun es.

Main: Vielleicht ist es auch das, was unabhängig vom Ausgang dieses Pontifikats übrig bleiben wird: die Erkenntnis: Katholische Kirche geht auch anders. Ist es das, was womöglich in den Geschichtsbüchern stehen wird?

Marx: Mag sein. Auf jeden Fall wird es in den Geschichtsbüchern stehen, dass hier ein gewisser Einschnitt war – in ganzer Kontinuität in der Geschichte der Kirche. Der Papst will keine neue Kirche erfinden. Wenn man sich vor fünf oder zehn oder zwanzig Jahren mal überlegt hätte, wie kann denn ein Papst aussehen und jemand hätte einen solchen Papst beschrieben, wie wir ihn jetzt haben, dann hätten die meisten gesagt, das können wir uns nun gar nicht vorstellen, dass das so läuft. Aber es geht. Also insofern hat sich die Bandbreite dessen, was wir uns in der Phantasie für die Kirche vorstellen können – das hängt ja nicht nur am Papst, aber immerhin es ist eine wichtige Gestalt - diese Bandbreite hat sich erheblich vergrößert – durch dieses Pontifikat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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