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StartseiteNachrichten vertieftKanzlerin in drei Minuten07.06.2014

KarikaturenKanzlerin in drei Minuten

Ein politischer Zeichner sieht sich gern als Robin Hood: Gegen die Großen, mit den Kleinen. Deutschlandfunk.de zeigt künftig Karikaturen von Heiko Sakurai und Berndt A. Skott. Mit uns haben beide über Macht und Missverständnisse, Mohammed und Medienwandel gesprochen. Eine Bestandsaufnahme.

Von Jörg-Christian Schillmöller

Gleiches Prinzip, andere Dimension. In Frankreich und Großbritannien werden der rechtsextreme Front National und die rechtspopulistische UKIP bei der Europa-Wahl stärkste Parteien. (Heiko Sakurai)
Gleiches Prinzip, andere Dimension. In Frankreich und Großbritannien werden der rechtsextreme Front National und die rechtspopulistische UKIP bei der Europa-Wahl stärkste Parteien. (Heiko Sakurai)
Weiterführende Information

Karikatur der Woche 

Zwei Männer an einem Küchentisch in der Kölner Südstadt. Der eine ist Linkshänder, der andere Rechtshänder. Die Aufgabe lautet: Angela Merkel. Beide greifen zum Stift, und es macht Freude, Ihnen zuzusehen. Denn es entstehen in kürzester Zeit und mit wenigen Strichen zwei vollkommen unterschiedliche Kanzlerinnen. Die eine ist kantig und kühl, die andere weich und nett. Doch so verschieden die Zeichenstile sein mögen, beide Bilder lassen keinen Zweifel: Das hier, das ist eindeutig Angela Merkel.

Zwei ganz verschiedene Kanzlerinnen - eine von Sakurai, eine von Skott (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)Zwei ganz verschiedene Kanzlerinnen - eine von Sakurai, eine von Skott (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)

"Wir sind Teil des Journalismus, der vierten Gewalt", sagt Heiko Sakurai, vor sich einen Becher mit grünem Tee. "Wir treten den Mächtigen vor's Schienbein", sagt Berndt A. Skott, vor sich ein Glas Mineralwasser. "Das ist notwendig, weil in der jungen Demokratie der Bundesrepublik immer noch viel Mächtigen-Gehorsam gepflegt wird."

Heiko Sakurai und Berndt A. Skott zeichnen politische Karikaturen, "editorial cartoons". Beide verstehen ihre Arbeit als bildliches Gegenstück zum Leitartikel, sie erschaffen gezeichnete Meinungen. Und zählen zu den wenigen Karikaturisten in Deutschland (bei der Frage klopfen beide auf den Küchentisch), die von ihrer Arbeit leben können. Nach Auskunft der "Caricatura Galerie für Komische Kunst" in Kassel gibt es bundesweit noch 30 bis 40 Zeichner, die das im Bereich "Karikatur/Cartoon/Satire" von sich sagen können.

Heiko Sakurai, Jahrgang 1971, arbeitet unter anderem für die WAZ-Gruppe und hat mit "Miss Tschörmanie" den ersten Comic über Angela Merkel herausgebracht. Die Karikaturen von Berndt A. Skott, Jahrgang 1943, erscheinen ebenfalls in vielen Zeitungen, zum Beispiel in der "Welt". Von Juni an veröffentlichen wir Zeichnungen von beiden auf deutschlandfunk.de - immer einmal die Woche am Samstag.

Berndt A. Skott bei der Arbeit: Unverkennbar, das wird eine Merkel (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)Berndt A. Skott bei der Arbeit: Unverkennbar, das wird eine Merkel (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)

"Die erste Skizze mache ich wie eh und je mit Bleistift und Papier", sagt Berndt A. Skott. Der Entwurf geht an die Redaktion, "und die sagt dann: Daumen rauf oder Daumen runter." Runter ist selten. Anschließend macht er die Reinzeichnung - mit Tusche. Skotts Bilder sind schwarz-weiß, es sind klassische, detailreiche und bissige Karikaturen über die großen Themen der Welt - zur Zeit oft über die Ukraine.

Heiko Sakurai liest (ähnlich wie Berndt A. Skott) morgens erstmal Zeitung, hört Radio und schaut im Internet nach Themen. Und ähnlich wie Skott zeichnet er die erste Skizze auf Papier, scannt sie und verschickt sie an die Redaktion. Aber die Reinzeichnungen, sagt er, die mache ich am Computer. Dort entsteht dann die Endfassung seiner Merkel (und die trägt meist einen knallroten Blazer).

Heiko Sakurai zeichnet Angela Merkel (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)Heiko Sakurai zeichnet Angela Merkel (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)

Seine Karikaturen sind lebhafte, bunte Comics, die Figuren sind knuffiger als bei Skott, die Botschaft aber ist ebenso deutlich (und ironnisch).

Karikaturen 2014: Die Branche kämpft. Das macht Martin Sonntag von der Kasseler "Caricatura Galerie" deutlich - sie ist eines von drei Fachmuseen in Deutschland, neben dem "Caricatura Museum für Komische Kunst" in Frankfurt am Main und dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Sonntag sagt im Telefongespräch mit dem Deutschlandfunk, dass er eine ganze Kunstgattung vom Aussterben bedroht sieht.

Kunstgattung? "Wir arbeiten seit 1997 mit dem Begriff 'Komische Kunst'. In der frankophonen Welt ist das längst anerkannt, aber in Deutschland werden Karikaturen noch nicht als Kunstform betrachtet." Warum nicht? Sonntag zitiert Robert Gernhardt (und man bedauert, dass der 2006 an Krebs gestorben ist): "Wer in Deutschland lacht, der macht sich verdächtig." Botschaft angekommen.

Redaktionen nutzen Portale wie toonpool

Wo gespart wird, ist oft kein Platz mehr für Karikaturen: Die Krise der Branche hat viel mit der Krise auf dem Zeitungsmarkt zu tun - und mit dem Konkurrenzdruck im Internet. Der Versuch, einen Interessenverband zu gründen, ist nach Auskunft von Sonntag vor einigen Jahren gescheitert ("Vielleicht waren die Zeichner dafür zu freigeistig"). Aber es gibt heute Portale wie toonpool. Sie schließen Verträge mit Zeichnern und verkaufen deren Bilder an Redaktionen.

Und es gibt Spielregeln in der Szene, berichtet Martin Sonntag: Als herauskam, dass ein Karikaturist einen anderen bei einer Redaktion im Preis unterbieten wollte ("Ich mache das für 10 Euro weniger"), da hat die Szene den Mann geächtet. Und das möchte dann doch niemand - die Künstler kennen sich, es herrscht "kollegiale Konkurrenz".

Das ändert nichts daran, dass sich jeder selbst um seine Urheberrechte kümmern muss. Berndt A. Skott schützt seine Homepage: Bei ihm lassen sich Bilder nur sehr grob gepixelt herunterladen. Heiko Sakurai wurde einmal von einem Leser darauf hingewiesen, dass eine seiner Zeichnungen auf einer rechtskonservativen Website auftauchte.

"Ich habe denen mit dem Anwalt gedroht, da haben sie das Bild wieder heruntergenommen." So ist das heute, sagen beide: Bilder sind schwer wieder einzufangen. Und das habe sich vor allem im Streit um die Mohammed-Karikaturen gezeigt. Ein Einschnitt für alle sei das gewesen.

Interview am Küchentisch: Berndt A. Skott (l.) und Heiko Sakurai (Mitte hinten) im Gespräch mit DLF-Redakteur Jörg-Christian Schillmöller (Deutschlandradio / Schillmöller)Interview am Küchentisch: Berndt A. Skott (l.) und Heiko Sakurai (Mitte hinten) im Gespräch mit DLF-Redakteur Jörg-Christian Schillmöller (Deutschlandradio / Schillmöller)

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen: eine Zäsur für die Branche

Es wird still in der Küche, als die Frage im Raum steht: "Würden Sie Mohammed zeichnen?" Heiko Sakurai zögert lange. "Wenn es geboten wäre, würde ich es mir sehr genau überlegen - und ich hoffe, ich hätte den Mut. Denn ich habe Frau und Kind. Jesus würde ich lockerer karikieren als Mohammed."

Für Bernd A. Skott gibt es dagegen keinen Zweifel: "Ich würde es nicht tun. Aus Respekt gegenüber dem religiösen Empfinden der Betroffenen." Ist das nicht vorauseilender Gehorsam? "Das sehe ich nicht. Wir kommentieren ja, was in der Region passiert, das Tagesgeschäft ist voll davon. Ich lege auch keinen Wert darauf, dass Leute verzerrt oder persönlich angegangen werden."

Auch Martin Sonntag von der "Caricatura Galerie" in Kassel sieht den Mohammed-Streit als Zäsur: Damals seien wegen einer Zeichnung (die komisch gemeint war) Menschen gestorben - und da frage man sich natürlich: War es das wert? Martin Sonntag findet es aber sehr wichtig, auf einen Aspekt hinzuweisen: Nicht nur im radikalen Islamismus, auch im Christentum gebe es durchaus heftige Reaktionen. In einer Ausstellung in Kassel gab es 2012 wegen einer Karikatur von Mario Lars gleich mehrere Anzeigen und einen Shitstorm an Kritik. Der Streitpunk: eine digital erstellte Zeichnung von Jesus am Kreuz - und aus dem Himmel die Sprechblase: "Ey... Du... Ich hab deine Mutter gefickt."

Strafbare Blasphemie?

Damals setzte (übrigens auch wegen des umstrittenen Films "Die Unschuld der Muslime") eine lebhafte Debatte über die Strafbarkeit von Blasphemie ein - einer der Wortführer war Büchner-Preisträger Martin Mosebach, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick schaltete sich ein, und auch die CSU forderte schärfere Gesetze.

Martin Sonntag betont, die Anzeigen wegen der Jesus-Karikatur hätten zwar zu nichts geführt, aber damals habe sich mancher Zeichner gedacht: Bevor ich sowas erlebe, verkneife ich mir so eine Zeichnung lieber.

Die Sanktionen gegen Russland: Merkel mag es weich wie Watte (Berndt A. Skott)Die Sanktionen gegen Russland: Merkel mag es weich wie Watte (Berndt A. Skott)

Verhöhnung der Opfer - das geht nicht

Tabuthemen 2014: Kirche ist heikel, Israel ist heikel, Tod und Gewalt sind immer noch heikel - so der Befund von Heiko Sakurai und Berndt A.Skott. "Redaktionen reagieren viel sensibler auf Blut in einer Karikatur als auf einem Foto", berichtet Skott. Trotzdem: Auch das Bittere und der Widersinn müssen einen Platz finden, "darum stelle ich den syrischen Präsidenten Assad als Schlächter dar, der er ist."

Heiko Sakurai hatte dagegen Ärger nach dem Attentat auf den Boston-Marathon: Er zeichnete Uncle Sam mit einer Zielscheibe auf dem Rücken, an die der nicht herankam. Ein Symbol für die Ohnmacht einer Supermacht angesichts des Terrors sollte das sein. Er lud die Zeichnung bei Facebook hoch - und erhielt heftigste Reaktionen: schnell war von Verhöhnung der Opfer die Rede (Sakurai: "Das hatte ich überhaupt nicht in der Zeichnung gesehen"). Er nahm die Karikatur aus dem Netz - und sah sich prompt dem Vorwurf der Selbstzensur ausgesetzt. Missverständnisse: ein Teil des Alltags.

Martin Sonntag aus Kassel berichtet, zu Debatten führe auch das Thema Behinderung. Meistens heiße es dann, ihr dürft doch keine Rollstuhlfahrer abbilden. Aber, sagt Sonntag, die Rollstuhlfahrer sehen das meist anders: Sie fänden es schlimmer, gar nicht stattzufinden (und somit auch aus Karikaturen ausgegrenzt zu werden). Die Gratwanderung bestehe darin, auch Menschen mit Behinderungen zum Teil einer Karikatur zu machen, sie also zu integrieren - ohne sie lächerlich zu machen.

Die Rettung wartet online

Das Gespräch am Küchentisch in der Kölner Südstadt war lebhaft. Eineinhalb Stunden lang ging es um die Frage, was und wie ein Karikaturist 2014 zeichnen kann und sollte. Was aber bringt die Zukunft? Lässt sich der Niedergang der Branche aufhalten? "Wir haben jetzt die Chance, unsere Arbeit in den Bereich Online hineinzuretten", sagt Berndt A. Skott. "Mit kurzen animierten Clips zum Beispiel. Wenn wir Bewegung in unsere Zeichnungen integrieren, könnte das für den elektronischen Markt interessant sein."

Auch Heiko Sakurai mag den Begriff der Animation, "also dass sich etwas bewegt. Dass es nicht nur ein Standbild gibt, sondern eine kleine Geschichte, mit Tönen. Das hat einen besonderen Reiz." Er selbst hat eine tagesaktuelle Facebook-Seite, auf der seine Karikaturen zu liken und zu teilen sind. Bleibt das Schlusswort - es gehört Robert Gernhardt und bringt auf den Punkt, was Heiko Sakurai und Berndt A. Skott antreibt:

"Die komische Zeichnung will immer irgendwas. Sie will Augen öffnen für, Partei ergreifen gegen, Stellung nehmen zu, aufmerksam machen auf, lachen machen über. Hier, jetzt und gleich."

Selbstporträt von Heiko Sakurai (Heiko Sakurai)Selbstporträt von Heiko Sakurai (Heiko Sakurai)Selbstporträt von Berndt A. Skott (Berndt A. Skott)Selbstporträt von Berndt A. Skott (Berndt A. Skott)

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