• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterviewEin Gefühl des "jetzt erst recht" 09.01.2015

Karikaturisten nach dem AnschlagEin Gefühl des "jetzt erst recht"

Den Propheten Mohammed hatte Karikaturist Achim Greser noch nie gezeichnet - bis jetzt. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist heute sein erstes Mohammed-Abbild zu sehen, bisher "die absolute Grenzverletzung". Es gehe dabei um die Selbstbehauptung unserer kulturellen Errungenschaften, sagte Greser im DLF mit Blick auf den Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo".

Achim Greser im Gespräch mit Thielko Grieß

Der Karikaturist Achim Greser vor einer Plakatwand im Frankfurter U-Bahnhof am Willy-Brandt-Platz, die einen Mann mit "orientalisch-mediterraner Leidenschaft" zeigt, der in der U-Bahn seinem Gegenüber "Dschihad" (Heiliger Krieg) zuruft - die Antwort lautet "Gesundheit". (picture alliance / dpa / Claudia Masur)
Karikaturist Achim Greser vor einem älteren Cartoon von ihm in einer Frankfurter U-Bahn-Station. (picture alliance / dpa / Claudia Masur)
Weiterführende Information

Mohammed-Karikaturen - "Charlie Hebdo" war konfrontativer als "Jyllands Posten"
(Deutschlandfunk, Interview mit Journalistin Jana Simran, 08.01.2015)

Die letzte Karikatur des Chefs von "Charlie Hebdo"
(Deutschlandfunk, Aktuell, 07.01.2015)

Karikaturist zum Anschlag in Paris:"Wir waren nicht sehr überrascht"
(Deutschlandfunk, Interview mit Heiko Sakurai, 08.01.2015)

Thielko Grieß: Was wagen Sie seit gestern nicht mehr zu zeichnen?

Achim Greser: Witze auf Kosten unserer Mütter. Das war aber auch vorher schon so.

Grieß: Witze auf Kosten Ihrer Mütter, aber die haben sie auch vorher schon nicht gezeichnet. Also, gestern das Attentat in Paris hat Ihre Arbeit nicht verändert?

Greser: Nein.

Grieß: Werden Sie denn diese Attentate aufgreifen in Zeichnungen?

Greser: Selbstverständlich, wir haben zügig darauf reagiert. Es ist ja nicht nur eine große allgemeine kulturelle, gesellschaftliche Angelegenheit, dieser Angriff auf Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Witzfreiheit, sondern es berührt ja auch uns ganz persönlich, unsere kleine überschaubare Branche, unsere kleine Zunft. Und natürlich müssen wir unseren Brotjob da verteidigen.

Grieß: Fühlen Sie sich selbst und persönlich bedroht?

Greser: Nein, nein. Wir leben hier in Aschaffenburg, das ist beschauliche Provinz. Das ist zwar ein schwerer Lebensrahmen, aber die einzigen Hinweise auf eine muslimische Kultur sind hier zwei Dönerbuden, die sehr gute Döner herstellen. Wir nehmen das in erster Linie zunächst einmal als mediales Schreckenserlebnis wahr und sind insofern persönlich betroffen, als wir einige der ermordeten Zeichner persönlich kannten.

Grieß: Wir als Medien, ich glaube, viele Kollegen auch bei Ihnen, bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Journalisten beobachten ja, dass es sehr viele Reaktionen gibt auf Berichterstattung zu verschiedenen Themen: Früher war es der Nahe Osten, ganz zuverlässig als Auslöser von einer Flut von Leserbriefen oder E-Mails, inzwischen ist es die Ukraine oder Pegida. Wie erleben Sie das mit Ihren Zeichnungen, wie verändern sich die Reaktionen darauf?

"Wir wissen selbst gar nicht, was wir in den Köpfen anrichten"

Greser: Eigentlich leben wir hier im Windschatten all dieser digitalen Verlautbarungsnarreteien. Wir kriegen eigentlich wenig mit, wir wissen auch selbst gar nicht, was wir in den Köpfen anrichten, was wir in welchen Köpfen anrichten. Es ist so einfach halt dieser normale - oder was man für normal halten sollte - Idealismus, der Einsatz von ja jetzt auch schon einigermaßen gewachsener Lebenserfahrung. Und ein vermutlich in der Kindheit angelegter Dachschaden, der uns zu diesem Beruf hat greifen lassen. Und dem folgen wir, so wie der Bäcker jeden Tag für Tag in immer gleicher Art sein Brot, seine Brötchen backt, zeichnen wir unsere Witze oder geben unseren Senf zu dem, was auf die aktuelle Agenda der gesellschaftlichen Debatten gesetzt wird.

Grieß: Sind Sie heute zum Zeichnen gekommen?

Greser: Das war schwierig, ja, es war ein Ausnahmezustand, es war sehr aufregend und es war vielfältig gefordert. Es gibt Solidaritätsinitiativen von Kollegen, also an die französischen Kollegen, es gibt natürlich auch Nachfragen von privaten Freunden, die sich sorgen, aber den größten Teil macht halt dieser Medienhype aus, der jetzt einsetzt.

Grieß: Finden Sie, das ist ein Medienhype? In Frankreich gab es ja ein schreckliches Attentat!

Greser: Ja, natürlich, das ist schon wahr, das ist natürlich schon was Außerordentliches und in einer Größenordnung, die eigentlich alles bisher da Gewesene toppt, was in dieser Diskussionsplattform "Krieg der Kulturen" da bislang stattgefunden hat.

Grieß: Herr Greser, ich habe viele Ihrer Karikaturen vor Augen und habe mich auch vor dem Interview noch durch etliche noch mal durchgeblättert und durchgeklickt, aber ich habe es nicht ganz genau im Kopf, deshalb die Frage: Zeichnen Sie auch Mohammed, den Propheten?

Greser: Morgen zum ersten Mal in der "FAZ".

Grieß: In welchem Kontext?

Greser: In einem Zwiegespräch mit Gott.

Grieß: Da schauen wir dann morgen rein. Warum zum ersten Mal, warum haben Sie den in der Vergangenheit nicht gezeichnet?

Mohammed-Karikatur (DLF/Schillmöller; Copyright FAZ/Greser und Lenz)Gresers erste Mohammed-Karikatur in der FAZ (DLF/Schillmöller; Copyright FAZ/Greser und Lenz)Greser: Ja, also, grundsätzlich ist es so, dass Witze auf Kosten der Religion, egal welcher, größtes Empörungspotenzial bergen. Das sollte uns aber natürlich und wir uns auch zukünftig nicht abschrecken, das trotzdem zu tun. Andererseits ist das so eine Frage mit der Religion an und für sich, das ist ja - eigentlich sollte das ja eine Privatsache sein. Es gibt ja keinen Beleg dafür, ob ein Gott existiert, es gibt keinen Beleg dagegen. Sollen sich die Leute doch das aussuchen, wie sie wollen. Wir arbeiten ja auch nicht daran, den Kindern den Glauben an den Weihnachtsmann oder an den Osterhasen zu nehmen, das sind ja auch eigentlich ganz schöne Geschichten.

Was der Mensch an Schindluder betreibt ist Gegenstand der Karikaturistenarbeit

Grieß: Können Sie als Karikaturist tatsächlich alle Religionen gleich behandeln oder müssen Sie beim Islam womöglich immer noch zweimal nachdenken, damit Ihnen was Witziges einfällt?

Greser: Der Gegenstand unserer Arbeit ist ja nicht, wie ich es gerade schon versucht habe zu erklären, ist ja nicht ein Gott oder eine Religion als spirituelles, intellektuelles Ereignis, sondern das ist ja immer das, was der Mensch daraus macht. Was er da an Schindluder betreibt, was er an Machtspielen betreibt und Unterdrückung und Falschheit und alles, was eigentlich gegen die selbst gesetzten religiösen Regeln steht.

Grieß: Nun funktionieren ja Karikaturen zum Beispiel auch über Stereotype, über Wiedererkennbarkeit, über Klischees. Das kann ja manchmal auch gefährlich sein, wenn man immer wieder dieselben Klischees bedient, oder?

Greser: Wir versuchen da schon drauf zu achten, dass wir sowohl in der, sagen wir mal, Informationsentwicklung von Phänomenen, die uns zunächst einmal fremd sind, auf dem Laufenden bleiben, als auch in der bildnerischen Gestaltung.

Grieß: Wie denn? Wie achten Sie darauf?

Greser: Na ja, ein ISIS-Kämpfer sieht zum Beispiel anders aus als ein Mudschaheddin, der in Afghanistan gegen die Russen gekämpft hat. Also, da achten wir schon auf darstellerische Präzision.

Großer Solidarisierungseffekt nach dem Anschlag

Grieß: Was muss einem durch den Kopf gehen, damit man Mohammed darstellen kann?

Greser: Ja, natürlich spielt auch so ein Gefühl des "jetzt erst recht" mit. Also, wie schon gesagt, es geht ja auch um die Selbstbehauptung unserer kulturellen Errungenschaften, von denen wir Zeitgenossen profitieren, die also schon seit einigen Jahrhunderten da so von wackeren und tapferen Menschen erworben wurden. Und wir sollten diese Fackel weiter tragen und wehrhaft sein gegen Angriffe dagegen. Jeder mit seinen Mitteln. Wir tun es halt eben auf unsere Art, indem wir komische Zeichnungen herstellen.

Grieß: Halten Sie unsere Gesellschaft hier in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt für wehrhaft genug, diese Liberalität zu erhalten?

Greser: Also, an diesem Beispiel, dass die "FAZ" jetzt sich so weit vorwagt und tatsächlich ein Mohammed-Abbild abbildet - was ja das größte Tabu bisher war, oder das war ja die jedem bekannte absolute Grenzverletzung in diesem schon seit Jahrzehnten andauernden Kulturkampf und Disput um Rechthaberei -, das zeigt doch, dass es wohl eher zu einem großen Solidarisierungseffekt führen wird, diese schrecklichen Ereignisse. Also, eher als dass sich die Menschen in die Hosen scheißen und sich zurückziehen, schweigen und das wütend ertragen, was da auf uns zukommt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk