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StartseiteKommentare und Themen der WocheMut muss belohnt werden10.05.2018

Karlspreis für Emmanuel MacronMut muss belohnt werden

Völlig zu Recht habe die Karlspreisgesellschaft Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron ausgezeichnet, kommentiert Anne Raith. Man müsse seine Visionen nicht in Gänze überzeugend finden, dürfe ihn jetzt jedoch nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Von Anne Raith

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron. (imago )
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron. (imago )
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Noch während er im Saal sitzt und der Laudatio der Bundeskanzlerin lauscht, macht sich Emmanuel Macron Notizen, feilt offenbar bis zur letzten Sekunde an seiner Rede. Die vergangenen Tage haben ihm für seine nächste große große Europarede einen neuen, besorgniserregenden Anlass geliefert: Die Eskalation im Nahen Osten.

Und so appelliert der französische Staatspräsident wieder einmal und dieses Mal mit besonderem Nachdruck an die Einheit der Europäischen Union. Die Mitgliedsländer dürften nicht weichen, keine Angst haben, sich nicht spalten lassen. Nach dem Rückzug der USA aus dem Atomabkommen gehe es in der Region um Krieg oder Frieden, pflichtet ihm die Bundeskanzlerin bei.

Zwei unterschiedliche Reden

Und auch sonst kommt die Karlspreisträgerin von 2008 - unter'm Strich - zu einer ganz ähnlichen Einschätzung wie ihr Nachfolger: Die Europäische Union sei ein großes und großartiges Friedensprojekt. Das dringend weiterentwickelt, krisenfest gemacht werden müsse, um seine Bürger schützen zu können. Sie wird dabei auch sehr konkret: Die Europäische Union brauche eine gemeinsame Innovationsstrategie. Eine gemeinsame Asyl- und Migrations-, eine Außen- und Sicherheitspolitik. Sie kommt sogar zu dem gleichen Schluss wie Emmanuel Macron: Europa müsse sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Und doch haben wir bei der Verleihung des Karlspreises zwei unterschiedliche Reden gehört. Und das liegt nicht daran, dass Angela Merkel ein anderes Temperament hat als Emmanuel Macron. Die Bundeskanzlerin klang mitunter seltsam unbeteiligt. Wenn sie etwa die Leidenschaft lobt, mit der sich der junge Staatspräsident Europa widme, seine Begeisterung. Wenn sie betont, dass dieser Karlspreis Bestätigung und Bestärkung sei für den eingeschlagenen Weg. Dann klang das so, als müssten die anderen überzeugt werden. Und nicht Deutschland und Teile ihrer eigenen Parteienfamilie.

Ausgeklammert hat die Bundeskanzlerin die Probleme nicht: Schwierige Diskussionen stünden noch an, wenn es um die Reform der Wirtschafts- und Währungsunion gehe, aber man werde sich bis Juni schon einigen.

Falls sie gehofft hatte, dass sich auch Macron mit einem kleinen Schlenker zu den inhaltlichen Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland begnügen würde, wurde sie enttäuscht. Der Franzose wiederholte seinen Standpunkt mit großem Nachdruck: Europa funktioniere für ihn nur als Solidargemeinschaft - auch in finanzieller Hinsicht. Er stelle sich den Kritikern Deutschlands in seiner Heimat sehr entschieden entgegen, beteuerte er – und meint: Es wäre schön, wenn Sie das für mich auch täten, Frau Merkel.

Unabdingbar, dass sich Europa auch in Zukunft als starke Gemeinschaft versteht

Es muss ein Elend für Macron sein, in der mittlerweile mindestens vierten großen Europarede die immer gleichen Reformvorschläge zu wiederholen. In der Begründung für seine Auszeichnung wurde natürlich auch an die Szene erinnert, in der der frisch gewählte Präsident damals zu den Klängen der "Ode an die Freude" den Innenhof des Louvre durchschritt. Inzwischen aber hakt diese Platte immer an der gleichen Stelle. Dass jemand die Nadel hochhebt und noch einmal auf Anfang setzt, hofft auch die Karlspreisgesellschaft, die ihn deshalb ausgezeichnet hat.

Zu Recht? Ich finde ja.

Denn Mut muss belohnt werden.

Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft. Und es ist unabdingbar, dass sich Europa auch in Zukunft als starke Gemeinschaft versteht. Ebenso unabdingbar ist es, dass jemand eine Schneise durch den Dschungel schlägt, der die Europäische Union in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist.

Emmanuel Macron war der einzige französische Präsidentschaftskandidat, der sich getraut hat, mit Europa Wahlkampf zu machen. Der angekündigt hat, die Europäische Union nicht nur erhalten, sondern ausbauen zu wollen. Der sie als Zukunftsthema gesetzt hat. In einem Land, das 2005 gegen den europäischen Verfassungsvertrag gestimmt hat, in dem sich ganz rechts und ganz links in ihrer Anti-EU-Haltung treffen, aber auch die anderen Parteien keine klare Haltung finden. In diesem Land ist Macron bereit, für einen bedingten Verzicht der nationalen Souveränität zu werben, um die europäische Souveränität zu stärken.

Man muss seine Vision nicht in Gänze überzeugend finden, aber man darf ihn auch nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Die Kanzlerin sollte lieber beisteuern, was sie am besten kann: der Vision aus Paris praktische Vernunft einhauchen, um auch die anderen europäischen Mitgliedsstaaten von der Notwendigkeit eines starken Europas zu überzeugen.

Es sagt schließlich viel über den Zustand dieser Europäischen Union aus, dass jemand allein für seine visionären Ideen – und nicht für seine visionären Taten – ausgezeichnet wird.

Anne Raith (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Anne Raith (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Anne Raith, Jahrgang 1981, studierte Romanistik, Anglistik und Neuere Geschichte in Bonn und Aix-en-Provence. Nach ihrem Volontariat beim Deutschlandradio arbeitete sie zunächst als Redakteurin im Zeitfunk, bevor sie 2013 in die Abteilung Hintergrund wechselte, wo sie unter anderem die Sendung "Europa heute" moderiert. Anne Raith ist Arthur F. Burns Fellow.

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