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StartseiteTag für TagKippa und Kamelle12.02.2018

Karneval Kippa und Kamelle

Erstmals seit mehr als 80 Jahren ist die jüdische Gemeinde beim Düsseldorfer Rosenmontagszug mit einem Mottowagen dabei. Der Wagen zeigt Heinrich Heine und setzt ein politisches Zeichen: Minderheiten müssten zusammenhalten. Deshalb ist auch ein Vertreter der Düsseldorfer Muslime dabei.

Von Ina Rottscheidt

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Wagen für den Rosenmontagszug der jüdischen Gemeinde Düsseldorf (Deutschlandradio / Ina Rottscheidt)
Sie feiern Heinrich Heine: So holt sich die jüdische Gemeinde Düsseldorf den Karneval zurück (Deutschlandradio / Ina Rottscheidt)

Die Wagenhalle im Düsseldorfer Süden, wenige Tage vor Rosenmontag: dutzende bunte Karnevalswagen reihen sich dort aneinander, letzte Details werden noch gerichtet, Wurfkästen mit Kamelle befüllt. Michael Szentei-Heise führt stolz zu einem blauen Wagen, durch eine kleine Türe steigt er nach oben.

Ansonsten ist so gut wie alles fertig. Der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde schaut sich zufrieden um: Am Heck des Wagens räkelt sich ein überdimensionaler Heinrich Heine aus Pappmaché.

"Ja, Heine wird hier dargestellt mit der der Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung für den Gottesdienst und dem Tallit, dem Gebetsschal, den erwachsene Männer auch im Gottesdienst tragen. Das ist ein Zeichen, dass er eben als jüdischer Sohn der Stadt geboren ist", sagt Michael Szentei-Heise.

Denn tatsächlich konvertierte Heinrich Heine im Jahr 1825 vom Judentum zum Protestantismus – weil die Jobchancen so für ihn besser waren. Lange Zeit wollte man in Düsseldorf davon gar nicht so viel wissen – erst seit den 80er-Jahren blickt man stolz auf den wohl berühmtesten Sohn der Stadt – den berühmtesten jüdischen Sohn der Stadt, wie Szentei-Heise dann immer gerne hinzufügt:

"Niemand bezweifelt, dass er als Jude geboren ist und dass er einfach zum evangelischem Glauben konvertiert ist, weil er einfach gesellschaftliche und karrieremäßig vorankommen wollte. Er war vorher auch kein religiöser Mensch. Aber er ist nicht nur der größte Sohn der Stadt Düsseldorf, sondern auch der größte jüdische Sohn."

Judenhass kam zum Zug

Deswegen war auch von Anfang an klar: Wenn die jüdische Gemeinde beim Rosenmontagszug mitzieht, dann muss Heine an Bord. Die Idee kam Szentei-Heise letztes Jahr Karneval. Eine ungewöhnliche Idee, denn zum einen ist Karneval eine christlich, vor allem katholisch geprägte Tradition. Zum anderen ist seit der Nazizeit keine jüdische Gemeinde in Deutschland je wieder Rosenmontag mitgezogen. Denn damals in den 30er-Jahren, kam Judenhass auch im Karneval zum Zug.

Michael Szentei-Heise erzählt: "Wenn man in Köln zum Beispiel die Geschichte anschaut: 1922 gründete sich die erste jüdische Karnevalsgesellschaft und 1923 - also zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers - hat das Kölner Karnevalskomitee die Teilnahme von Juden am Karneval verboten."

Nach 1933 wurden die Umzüge dann massiv für Propaganda und Judenhetze benutzt. Trotzdem - oder gerade deswegen - will sich die jüdische Gemeinde dieses Brauchtum wieder zurückholen. Das hat auch etwas mit "Dazugehören" zutun.

Von oben auf dem Wagen wird Michael Szentei-Heise koschere Kamelle werfen (Deutschlandradio / Ina Rottscheidt)Von oben auf dem Wagen wird Michael Szentei-Heise koschere Kamelle werfen (Deutschlandradio / Ina Rottscheidt)

"Es gibt in jeder Stadtgesellschaft bestimmte Dinge, die einfach der Stadt sehr eigen sind und Karneval in den drei Karnevalshochburgen Düsseldorf, Köln und Mainz ist eines dieser Dinge. Und wenn man da mitmacht, dann ist man wirklich auch Teil der Stadtgesellschaft. Deswegen wollten wir uns auch beteiligen."

Und weil Michael Szentei-Heise mit dem Vorsitzenden des Kreises der Düsseldorfer Muslime befreundet ist, hat er ihn direkt auch an Bord geholt. Eigentlich ist Dalinç Dereköy als gläubiger Muslim kein großer Karnevalist – doch dann hat er sich überreden lassen.

"Es ist wichtig, dass man als Minderheiten in diesem Land auch zusammenarbeitet. Sowohl die jüdische Gemeinde als auch die muslimische Gemeinde sehen die Entwicklung der AfD mit Besorgnis, beide Gemeinden sehen sich auch einer verschärften Fremdenfeindlichkeit gegenüber, Antisemitismus und Islamophobie, und das ist besorgniserregend."

Man kennt sich, und man hilft sich: Als in Berlin antisemitische Demonstrationen durch die Straßen zogen und israelische Flaggen verbrannt wurden, verurteilte Dereköy das aufs Schärfste. Und als sich in Düsseldorf ein Ableger der Pegida breit machen wollte, bekam er Unterstützung von der jüdischen Gemeinde. Auch Dereköy will zeigen: Die Muslime gehören zur deutschen Gesellschaft: 

"Wir setzen hier ein Signal, und wenn ich mir als Muslim den Koalitionsvertrag anschaue und bemerke, dass das Wort "Islam" nur in Verbindung mit sicherheitsrelevanten oder extremistischen Themen auftaucht, dann bin ich schon sehr enttäuscht und denke aber, man muss gerade deshalb ein Zeichen setzen und zeigen: Wir sind Teil dieser Gesellschaft."

Die Kamelle sind koscher und halal

Aber natürlich sollen auch der Spaß und das Feiern nicht zu kurz kommen: 1,3 Tonnen koschere Kamelle hat die jüdische Gemeinde extra aus Israel liefern lassen. Das heißt, sie sind ohne Gelatine oder tierische Zusätze. Und das freut dann auch den Muslim Dereköy, denn dann sind sie nämlich auch halal: 

"Das ist korrekt, die kann ich unproblmatisch genießen."

Und ein Kostüm hat er auch schon: Wie alle auf dem Wagen wird er Kleidung wie aus dem 18. und 19. Jahrhundert tragen – also Heinrich-Heine-gemäß: Da durften sich die Neu-Jecken im Fundus der Deutschen Oper am Rhein bedienen.

Dalinç Dereköy erklärt: "Ha, ja, mein Kostüm ist auch aus der Zeit. Ist allerdings nicht europäisch, ich werde als orientalisch-persischer Dichter gehen."

Und weil Heinrich Heine damals schon fasziniert vom Orient und der arabischen Kultur war, fügt sich so alles wunderbar zusammen, auf dem Heinrich-Heine-Wagen in Düsseldorf, wo Juden und Muslime erstmals zusammen Karneval feiern.

Nur in Punkto Karnevalserfahrung hat Michael Szentei-Heise seinem muslimischen Mitjecken dann doch etwas voraus: Die Juden feiern das Purim-Fest, das an die Befreiung der jüdischen Perser vor über 2.000 Jahren erinnert. Da wird sich ebenfalls verkleidet und das Besäufnis ist sogar heilige Pflicht:

"Zwischen Karneval und Purim gibt es zwei große Parallelen: Die Verkleidung und der Alkohol: Zum Purim-Fest, so heißt es, muss man so viel Alkohol trinken, dass man nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann."

Ob sich das Michael Szentei-Heise auch für Karneval vorgenommen hat, verrät er nicht.

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