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StartseiteForschung aktuell"Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann"15.02.2016

Karolinska-Institut"Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann"

Der Forschungsskandal am renommierten Karolinska-Institut, über den sich derzeit ganz Schweden aufregt, zieht weitere Kreise. Der italienische Chirurg Paolo Macchiarini, um den es bei jenem Skandal geht, hat offenbar weitere Publikationen gefälscht: Auch in Italien, wo er vorher tätig war, wurde gegen ihn ermittelt.

Von Christine Westerhaus

Juli 2011: Paolo Macchiarini und sein Team transplantieren einem Patienten im Krankenhaus des schwedischen Karolinska-Instituts eine künstliche Luftröhre. I (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )
Juli 2011: Paolo Macchiarini und sein Team transplantieren einem Patienten im Krankenhaus des schwedischen Karolinska-Instituts eine künstliche Luftröhre. I (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )
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Arvid Carlsson ist entsetzt. Im Jahr 2000 hat der schwedische Forscher am Karolinska-Institut in Stockholm den Nobelpreis für Medizin verliehen bekommen. Dass diese ehrwürdige Forschungseinrichtung nun so tief verwickelt ist in den Forschungsskandal um Paolo Macchiarini, macht den 92-Jährigen tief betroffen. Im schwedischen Fernsehen SVT sagte er:

"Man muss radikal aufräumen, weil so viele in diesen Skandal verwickelt sind. Natürlich dürfen die Verantwortlichen kein Stimmrecht bei der Vergabe des Nobelpreises mehr haben. Das ist wirklich der schlimmste Skandal, den es in der Geschichte des Medizin-Nobelpreises je gegeben hat."

Am Wochenende hat der Leiter des Karolinska-Instituts, Anders Hamsten, die Konsequenzen aus der Affäre gezogen und seinen Rücktritt erklärt. Er habe Fehler gemacht und stehe nun dafür ein, teilte er in einer Pressemitteilung mit. Zudem habe das Karolinska-Institut Informationen über weitere Fälle von Forschungsbetrug erhalten, die auf Macchiarinis Konto gehen. Der Leitung des Karolinska-Instituts wird vorgeworfen, mehrfach Warnungen ignoriert zu haben, dass Paolo Macchiarini leichtfertig das Leben von Patienten aufs Spiel setze. Zudem habe man den Chirurgen vom Vorwurf des Forschungsbetrugs freigesprochen, obwohl er nachweislich Studienergebnisse gefälscht hatte.

Künstliche Luftröhren zuvor nicht an Tieren getestet

Macchiarini hatte mehreren Personen nachgebaute Luftröhren aus Plastik eingepflanzt, die er zuvor mit den Stammzellen der Patienten behandelt hatte. Sechs der insgesamt acht operierten Patienten starben an den Folgen des Eingriffs, gegen Macchiarini wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Die Leitung des Karolinska-Instituts habe sich am Tod dieser Menschen mitschuldig gemacht, so Bo Risberg, emeritierter Professor für Chirurgie und ehemaliger Vorsitzender des schwedischen Ethikrats.

"Das wurde sehr lange unter den Teppich gekehrt und erst als eine Dokumentation im Fernsehen die Sache aufgedeckt hat, haben die Verantwortlichen reagiert. Das ist der eigentliche Skandal, dass das Karolinska-Institut seine Fehler nicht eingesehen und die Konsequenzen daraus gezogen hat."

Auch als ein externer Gutachter im Jahr 2015 bestätigte, dass Macchiarini Studienergebnisse gefälscht hatte, stellte sich das Institut noch hinter den Chirurgen. Erst als das schwedische Fernsehen Anfang 2016 den Fall aufgriff, wurde das gesamte Ausmaß der Affäre bekannt: Offenbar hatten Macchiarini und sein Team die künstlichen Luftröhren nicht mal an Tieren getestet, bevor sie sie in Patienten einsetzten. Bo Risberg findet das unfassbar:

"Als ich das hörte, bin ich an die Decke gegangen. Das widerspricht allen ethischen Grundsätzen, die für die medizinische Forschung an Menschen gelten, das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann."

Karl-Henrik Grinnemo, einer der Ärzte am Karolinska-Institut, die Macchiarini angezeigt haben, findet es nun vor allem wichtig, dass die Publikationen des umstrittenen Chirurgen zurückgezogen werden. Im Fachmagazin Lancet hatte er seine Operationsmethode als Erfolg beschrieben und Studienergebnisse nachweislich gefälscht.

"So lange das nicht revidiert ist, steht in der Fachliteratur, dass die künstlichen Luftröhren funktionieren. Doch das ist falsch!"

Auf Anfrage teilte die Pressestelle des Lancet mit, man wolle sich zu dem Fall nicht äußern, auch die Gutachter der Studie seien nicht zu sprechen. Das Karolinska-Institut will Macchiarinis Veröffentlichungen erneut prüfen lassen und gegebenenfalls eine Rücknahme beantragen. Paolo Macchiarini bestreitet die Vorwürfe in einer Stellungnahme in Lancet, er sammle derzeit Beweise für seine Unschuld. Seine Anstellung am Karolinska-Institut wird jedoch nicht verlängert.

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