Freitag, 15.12.2017
StartseiteInterview"Trumps Entscheidung bedeutet mehr Krieg"27.11.2017

Karsai über die Lage in Afghanistan"Trumps Entscheidung bedeutet mehr Krieg"

"Die Sicherheitslage in Afghanistan ist extrem schlecht", sagte der ehemalige Präsident Afghanistans, Hamid Karsai, im Dlf. Die Entscheidung von US-Präsident Trump, mehr Truppen ins Land zu entsenden, werde noch mehr Zerstörung bringen. Auch deshalb solle Deutschland vorerst Abstand von Abschiebungen nehmen.

Hamid Karsai im Gespräch mit Martin Gerner

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Der ehemalige Präsident Afghanistans, Hamid Karsai im Januar 2017 (AFP / Money Sharma)
Der ehemalige Präsident Afghanistans, Hamid Karsai im Januar 2017 (AFP / Money Sharma)
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Martin Gerner: Wie bewerten Sie die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan?

Hamid Karsai: Die Sicherheitslage in Afghanistan ist extrem schlecht zur Zeit. Und ein Ende ist nicht absehbar. Obwohl sich die Menschen das wünschen, um wenigstens einen Teil Normalität und Alltag leben zu können. Zur Zeit gibt es täglich Angriffe und Kämpfe überall in Afghanistan. Jeden Tag sterben mindestens 100 Menschen: Armee-Angehörige, Zivilisten, und Taliban, die am Ende auch Afghanen sind. Das muss so schnell wie möglich aufhören.

Gerner: Ist der Abzug des ausländischen Militärs mitverantwortlich für die fehlende Sicherheit?

Karsai: Nicht alleine. Es kommen mehrere Faktoren zusammen: Die US-Regierung hat jahrelang die Rückzugsgebiete der Terroristen auf pakistanischer Seite der Grenze vernachlässigt. Beim Abzug der ausländischen Truppen 2014 haben die USA von einem Albtraum für Afghanistan geredet. Das hat Tausende Afghanen, vor allem jungen Menschen, veranlasst, das Land zu verlassen. Viele davon sind jetzt in Deutschland. Eine Mischung aus politischen Fehlern und bewussten Entscheidungen also.

"Deutschland sollte mehr Milde im Umgang mit Afghanen walten lassen"

Gerner:  Die deutsche Regierung schiebt abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan ab. Ist Afghanistan sicher genug, um so etwas zu tun?

Karsai: Deutschland hat uns Afghanen immer freundlich empfangen. Anfang der 80er-Jahren vor allem, nach dem Einmarsch der Sowjetunion. Damals wurden viele Afghanen mit außergewöhnlicher Gastfreundschaft und offenen Armen empfangen. 100.000 Menschen haben das genossen. Dafür sind wir sehr dankbar. 2015 sind jetzt erneut Tausende Afghanen nach Deutschland gekommen. Den Afghanen, die man jetzt abschieben will, empfehle ich, das Dilemma, in dem Deutschland steckt, zu verstehen. Der deutschen Regierung empfehle ich, mehr Milde im Umgang mit den Afghanen walten zu lassen, die jetzt abgeschoben werden. Ich hoffe, dass man sich mehr Zeit lässt damit, diese Menschen zurückzuschicken. Solange, bis sich die Lage gebessert hat und sicherer ist.

Sie sehen Demonstranten, die in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen protestieren. Auf einem der Transparente steht "Afghanistan is not safe". (AFP / Daniel Roland)Sie sehen Demonstranten, die in Frankfurt am Main gegen die Abschiebung von Afghanen protestieren. Auf einem der Transparente steht "Afghanistan is not safe". (AFP / Daniel Roland)
Gerner:  Welche Rolle spielt der IS in Aghanistan?

Karsai: Die Gefahr des IS ist in Afghanistan ist sehr real, gravierend und ernst. Der IS droht mehr denn je alle Werte und Prinzipien, die auch rechtsschaffenden Afghanen hochhalten, zu zerstören. Das Recht auf Leben, Eigentum, Werte wie die menschliche Würde. All das greift der IS an, täglich. Der IS versucht Sunniten und Schiiten aufeinander zu hetzen. Aber das wird ihm nicht gelingen in Afghanistan. 

Karsai kritisiert Trumps Truppenaufstockung in Afghanistan

Gerner: US-Präsident Trump hat mehr Kampftruppen nach Afghanistan geschickt. Ist das eine gute Nachricht für die Menschen?

Karsai:  Nein. Trumps Entscheidung bedeutet mehr Krieg. Das Gegenteil von Frieden. Trumps Strategie bringt keine Hoffnung sondern mehr Krieg und Zerstörung. Sie führt zu mehr zivilen Opfern. Ich bin allerdings nicht bereit, noch mehr afghanische Opfer in Kauf zu nehmen. Wir reden von täglichen Bombardierungen zur Zeit infolge der Trump-Strategie. Die Leidtragenden sind einmal mehr ganz überwiegend Zivilisten. Das können Sie täglich in den Nachrichten verfolgen. Das Ausmaß der Zerstörung infolge dieser Angriffe ist enorm.

US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede zur US-Politik in Afghanistan. (AFP/Nicholas Kamm)US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede zur US-Politik in Afghanistan (AFP/Nicholas Kamm)
Gerner: Also direkt an den Verhandlungstisch? In welchem Verhältnis sollen militärischer Kampf und diplomatische Anstrengungen stehen?

Karsai: Eine Strategie, wie Trump sie jetzt anwendet, ist bereits einmal gescheitert in Afghanistan. Schauen wir auf die vergangenen 16 Jahre. Ist der Terror besiegt? Oder sind wir nicht mit noch mehr Extremismus konfrontiert? Extremismus und Terror sind auf dem höchsten Niveau seit 2001. Wir hatten gehofft, dass Amerika unser größter Verbündeter bleibt und die afghanische Souveränität respektiert. Ich meine die wiederholten Bombardierungen unschuldiger Dörfer und Menschen. US-Militär ist oft einfach in Häuser einmarschiert, hat Türen eingeschlagen und Familien mitten in der Nacht terrorisiert. Man hat geheime Gefängnisse geschaffen. Und es gab Folter durch das US-Militär.

"Haager Tribunal ist der richtige Ort"

Gerner:  Das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen hat kürzlich erklärt, es wolle Verstösse gegen die Menschenrechte in Afghanistan nach 2001 vor Gericht bringen. Eine gute Nachricht?

Karsai: Das ist ein wichtiger Schritt und muss kommen. Es sind diese Verletzungen, die unseren Dissens mit den USA ausmachen. 

Gerner: Sprechen wir von Kriegsverbrechen hier?

Karsai: Das vermag ich noch nicht zu sagen. Das muss das Gericht entscheiden. Aber der Schmerz vieler Afghanen ist unermesslich. Das Haager Tribunal ist der richtige Ort dafür.

Gerner: Würde das also auch für afghanische Warlords gelten?

Karsai: Warlords haben nichts zu tun mit der Gewalt der Jahre nach 2001. Das fällt in die Zeit der russischen Besatzung und danach. Das hat keine Priorität für die Menschen in Afghanistan.

"Richtig, dass Deutschland keine neuen Kampftruppen entsendet"

Gerner:. Deutschland hat vor einigen Jahren eine einflussreichere Rolle gespielt bei Friedensbemühungen als Makler. Heute hat man den Eindruck, es versucht dies auf Umwegen, über die Chinesen und Pakistan.

Karsai: Der Anstoß dafür muss von den USA kommen. Aber Deutschland kann hier eine konstruktive Rolle spielen. Es könnte eine neue Friedensinitiative starten. Damit könnte Deutschland der aktuellen US-Politik in Afghanistan einen Sinn geben. Deutschland sollte eine direkte Rolle in Afghanistan haben, als historischer und strategischer Freund. Es ist richtig, dass Deutschand jetzt keine neuen Kampftruppen nach Afghanistan schickt. Neben einer stärkeren diplomatischen Rolle erhoffe ich mir von Deutschland auch eine stärkere Rolle als Investor von Aufbauprojekten. Vor allem in Bezug auf die Bodenschätze in Afghanistan. Wir reden von Kupfer, Lithium, seltene Erden und Metallen. Das würde Deutschland gut zu Gesicht stehen.

Gerner:  Herr Präsident, vielen Dank.

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