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StartseiteInformationen am MorgenDer Mann, den sie vor einen Jeep banden, weil er wählen ging21.07.2017

KaschmirDer Mann, den sie vor einen Jeep banden, weil er wählen ging

Das Video ging durchs Netz: Indische Soldaten fesseln einen jungen Kaschmiri auf einen Jeep und fahren ihn durch die Dörfer, damit keiner mehr wählen geht. Die Paramilitärs sehen darin keine Menschenrechtsverletzung. Der Kommandant wird gar für den "Kampf gegen militante Kaschmiris" ausgezeichnet.

Von Jürgen Webermann

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Farooq Ahmad Dar, gefesselt auf einem Armee-Jeep auf einem Weg, links daneben ein bewaffneter Soldat (Screenshot aus Internetvideo)
Soldaten fuhren ihn gefesselt über die Dörfer, weil er wählen gegangen war: Farooq Ahmad Dar aus Kaschmir. Einer der Soldaten filmte das und stellte ein Video ins Netz, das sich schnell verbreitete. (Screenshot aus Internetvideo)
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Am 9. April kam Farooq Ahmad Dar gerade vom Wählen, als die Soldaten ihn von seinem Motorrad holten. Die Bescheinigung, dass er seine Stimme abgegeben hatte, trug er bei sich. Farooq war Wähler Nummer 612 in seinem Distrikt im Kaschmir:

"Die Soldaten sagten nur: Anhalten! Dann verprügelten sie mich mit Bambusstöcken, so heftig, dass ihre Stöcke brachen. Anschließend banden sie mich auf ihren Jeep. Sie fuhren mich so durch jedes Dorf hier, 28 Kilometer weit."

An jenem Sonntag standen Nachwahlen für einen Sitz im indischen Parlament an. Aber nur sieben Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Die Wut vieler Kaschmiris auf Indien, auf die indische Armee und die anderen Sicherheitskräfte ist groß. 600.000 Soldaten und Paramilitärs sind im überwiegend muslimischen Kaschmir stationiert. Für viele Menschen sind sie Besatzer. Die meisten Kaschmiris wollen Unabhängigkeit, einige einen muslimischen Gottesstaat. Es gibt gewalttätige Ausschreitungen, Kämpfe mit Militanten und Opfer auf allen Seiten.

"Ich hatte mich nie an Ausschreitungen beteiligt"

Farooq aber war wählen gegangen. Der Schneider aus einem kleinen, abgelegenen Dorf müsste aus indischer Sicht eigentlich ein Vorbild sein. Stattdessen erniedrigten die Soldaten ihn, festgebunden auf der Motorhaube des Jeeps. Entsetzt sahen die Menschen aus der Gegend zu. Einer der Soldaten filmte Farooq mit seinem Handy und stellte die Aufnahme ins Internet. Per Lautsprecher verkündete ein anderer, alle anti-indischen Randalierer werde dasselbe Schicksal erwarten wie Farooq.

"Dann brachten sie mich in eines ihrer Lager", erzählt Farooq Ahmad Dar. "Dort musste ich mich ausziehen. Sie schlugen immer wieder auf mich ein. Warum sie mich verprügelten, sagten sie mir nicht. Dabei hatte ich nie Steine auf Soldaten geworfen oder mich an Ausschreitungen beteiligt. Ich bin unschuldig. Mein Bruder und ein Dorfältester holten mich abends aus dem Lager heraus. Zu Hause bin ich dann kollabiert."

Das Misshandlungs-Video verbreitet sich im Netz

Inzwischen war Farooq in ganz Indien berühmt. Die Aufnahmen des indischen Soldaten hatten sich rasend schnell verbreitet. Im Kaschmir kam es zu neuen Ausschreitungen. Die Armee behauptete jedoch, Farooq sei ein bekannter anti-indischer Gewalttäter. Einige indische Fernsehsender hetzten gegen Farooq und beschimpften ihn als Terroristen. Viele Inder ließen anschließend in den sozialen Medien ihrer Wut auf den jungen Kaschmiri freien Lauf.

Allerdings ließen sie dabei ein wichtiges Detail außer Acht: Denn im Polizeibericht zu dem Vorfall findet sich kein einziger Vorwurf gegen den 26-jährigen­. Kein Wort darüber, dass Farooq sich etwas hat zu Schulden kommen lassen, weder am 9. April noch davor.

Kommandeur: "Ich sehe hier keinen Fehler der Armee"

Wie also ist das Vorgehen der Soldaten zu rechtfertigen? Rajesh Yadav, ein Kommandeur der paramilitärischen Einheiten im Kaschmir, sieht kein Problem darin, einen Zivilisten auf einen Armee-Jeep zu binden:

"Ich sehe hier keinen Fehler der Armee. Die Offiziere vor Ort müssen schnell entscheiden. Und hier hat der zuständige Major durch die Entscheidung, ihn auf den Jeep zu binden, Gewalt verhindert. An jenem Tag wurde keine einzige Patrone abgefeuert. Wäre der Junge nicht auf dem Jeep gewesen, wären Steine geflogen. Ich weiß nicht, warum hier Menschenrechte verletzt worden sein sollen. Im Übrigen gibt es hier keine Schikanen gegen Zivilisten."

Wurden hier Ausschreitungen verhindert oder provoziert?

Dass die Aufnahmen von Farooq neue Ausschreitungen mit vielen Verletzten zumindest beförderten, lässt Yadav nicht gelten. Auch der Chef der indischen Armee verteidigt den Major, der Farooq an den Jeep binden ließ, bis heute – und nicht nur das: Er gab ihm sogar noch ein Auszeichnung für seine Verdienste im Kampf gegen militante Kaschmiris. Farooq kann das nicht verstehen:

"Der Major hat mich wie ein Tier behandelt. Die Nachricht von seiner Beförderung hat mich noch einmal zutiefst erniedrigt und traurig gemacht."

Farooq Ahmad Dar im ARD-Interview (Annop Saxena / NDR)Farooq Ahmad Dar im ARD-Interview (Annop Saxena / NDR)

Einige pensionierte indische Generäle sehen das ganz ähnlich. Einer schrieb, die Armee habe ihre Werte über Bord geworfen. Das Foto von Farooq auf dem Jeep werde das Militär ewig verfolgen.

14.000 Euro Entschädigung und dauerhaft Alpträume

Die Menschenrechtskommission in Kaschmir urteilte, das Vorgehen gegen Farooq sei einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig. Sie sprach Farooq eine Entschädigung von umgerechnet 14.000 Euro Euro zu.

Es war nicht einfach, Farooq überhaupt ausfindig zu machen. Erst nach mehreren Anläufen kam das Interview zustande. Farooq sagt, er sei nach jenem 9. April 21 Tage lang nur im Bett gewesen. Er traue sich nicht mehr alleine auf die Straße:

"Ich träume ständig von diesem Tag. Immer, wenn ich Soldaten sehe, ducke ich mich vor Angst weg."

Farooq hat Anzeige erstattet. Er sagt, er hoffe trotz allem immer noch auf Gerechtigkeit. Ob er noch einmal zu einer Wahl gehen wird, das glaubt Farooq aber nicht.

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