Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteDeutschland heuteDasein, ohne anzukommen01.10.2015

Kassel-CaldenDasein, ohne anzukommen

Schlafen in überfüllten Zelten, kulturelle Konflikte und mangelnde hygienische Zustände: Die rund 1.000 Bewohner leiden unter der derzeitigen Situation im Flüchtlingscamp Kassel-Calden. Was ihnen aber am meisten zu schaffen macht, ist die ungewisse Zukunft, denn der Abschiebeflughafen befindet sich direkt vor der Tür.

Von Ludger Fittkau

(picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Die Flüchtlinge in Kassel-Calden sind täglich mit dem Anblick des Regionalflughafens konfrontiert. Von dort droht vor allem Albanern die Abschiebung. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Mehr zum Thema

Asylsuchende Massenschlägerei in Flüchtlingsheim

"Es ist ein so schlechter Ort! Niemand kümmert sich um uns – seit zwei Monaten. Wir sind Frauen. Wir müssen in einem Zelt dicht an dicht mit wildfremden Männern schlafen. Wie soll man seine Sachen wechseln? Die Waschräume sind weit weg."

Die Frau um die 30 ist aus Eritrea geflohen. Die ausgebildete Krankenschwester, die ihren Namen nicht nennen will, ist entsetzt über die Zustände im Flüchtlingscamp am Flughafen Kassel-Calden. Nach zwei Monaten Lagerleben unter diesen Umständen habe sie das Gefühl, dass sie psychisch krank werde, sagt sie:

"Was die deutsche Regierung für uns tut? Ich weiß es nicht. Wenn man mit einem Betreuer hier spricht, sagt der nur: Geduld! Wenn ja jemanden anderen anspricht, sagt der: Warten Sie ab!"

"Ich weiß, dass meine Familie und ich gute Chancen haben, Asyl zu bekommen. Aber man müsste uns hier mehr Aufmerksamkeit geben. Wir warten seit zwei Monaten hier. Wir kommen aus dem Krieg. Aus Aleppo. Meine Familie muss zur Ruhe kommen. Es geht nicht nur ums Essen!"

Leben in Sichtweite des Flughafens

Ob Ahmed aus dem syrischen Aleppo oder die Krankenschwester aus Eritrea – seit zwei Monaten im Zeltlager am Flughafen Kassel-Calden zu sein und nicht wirklich anzukommen, schlägt hier allen aufs Gemüt.

Insbesondere die mehreren Hundert Albaner, die hier untergebracht sind, haben permanent das benachbarte neue Flughafenareal vor Augen, von dem aus sie demnächst abgeschoben werden. Denn Chancen auf Asyl haben sie nicht. Doch Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Nationalitäten sollen künftig vermieden werden.

Daher schlägt der hessische Landtagsvizepräsident Wolfgang Greilich von der FDP nun vor, das Zeltlager in Calden zu einem reinen Abschiebelager für die Albaner umzufunktionieren, die ohnehin nicht bleiben dürfen:
"Kassel-Calden ist die Außenstelle für Erstaufnahmeeinrichtungen, die direkt am Flughafen liegt. Von diesem Flughafen werden jede Woche mehrere Flugzeuge zu Abschiebungszwecken verschickt.

Nach Albanien im Regelfall, teilweise ins Kosovo. Also macht es ja wohl auch Sinn, diese Flüchtlinge dort zu konzentrieren. Und da muss ich nicht Öl ins Feuer gießen, in dem ich andere, mit einiger Sicherheit anerkennungspflichtige Flüchtlinge in der gleichen Situation unterbringe. Das führt zu solchen Ereignissen wie am Sonntag in Kassel."

Kritische Stimmen

Der für die Unterbringung der Flüchtlinge am Flughafen zuständige Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) hält jedoch nichts von einem reinen Abschiebelager für Albaner am Flughafen Calden:

"Ich finde das total falsch. Das wäre ein reines Lager für Albaner. Wenn die wissen, dass die zu 99,9 Prozent wieder nach Hause gehen, dann wird das Gewaltpotenzial noch größer.

Und ich glaube, diese Durchmischung, die da ist trägt ja auch dazu bei: Wenn ich in ein Land will und will aufgenommen werden, dann muss ich auch andere Ethnien anerkennen und kann mich nicht separieren. Also ich finde es vollkommen falsch, hier ein reines Lager egal für welche Nationalität zu machen."

Das sehen auch SPD und Linke im hessischen Landtag so. Dass der oft menschenleere Flughafen Kassel-Calden jetzt zunehmend zum Abschiebeflughafen ausgebaut wird, kommentieren Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken sowie Gerhard Merz, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion so:

"Natürlich kommen in Kassel-Calden noch mal spezielle Probleme hinzu. Ich meine, ein Flughafen, den man gebaut hat, den keiner braucht, jetzt zum Abschiebeflughafen zu machen, finde ich generell auch einfach zynisch und einfach eine unfassbare Idee dieser Landesregierung."

"Ja, es werden von Kassel-Calden Flüchtlinge abgeschoben, insbesondere in die West-Balkan-Länder. Es ist natürlich logistisch sicher ein Vorteil , aber es ist eher eine tragische Ironie."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk