23. Oktober 2017

 

Kommentare und Themen der Woche 06.10.2017

Katalanische UnabhängigkeitsbestrebungenZurück an den VerhandlungstischVon Jule Reimer

Beitrag hören Befürworter des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums demonstrieren am 03.10.2017 in Barcelona (Spanien). Nach dem umstrittenen Referendum in Katalonien bereitet sich die Regionalregierung von Puigdemont nach eigenen Angaben auf die Abspaltung von Spanien vor. Für Dienstag riefen Gewerkschaften und andere Organisationen aus Protest gegen das harte Vorgehen der von Madrid nach Katalonien entsandten staatlichen Polizeieinheiten zu einem Generalstreik in ganz Katalonien auf. (picture alliance/dpa - Nicolas Carvalho Ochoa)Befürworter des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums demonstrieren in Barcelona. Eine Abspaltung könnte teuer für Katalonien werden, warnt Jule Reimer. (picture alliance/dpa - Nicolas Carvalho Ochoa)

Spätestens seit dem Brexit müsse eigentlich jedem dämmern, dass eine Unabhängigkeit Kataloniens viel komplizierter sei, als dies die großen Straßendemonstrationen vermittelten, kommentiert Jule Reimer. Gerade weil die Region so international und wirtschaftlich stark sei, wäre die Unabhängigkeit ein Anachronismus.

Selbstbewusst sind sie ja, die Katalanen, politisch sowieso und wirtschaftlich gerechtfertigt: Hier liegen Spaniens wichtigste Häfen, die Autobahnanbindung ans nahe Frankreich ist sehr gut, in der Unternehmensstruktur haben alteinge­sessene Industrien genauso Platz hat wie junge Start-ups der IT-Branche, Barcelona ist eine angesagte pulsierende Metropole. In reinen Zahlen ist Kataloniens Wirtschaft ist so stark wie die dänische. 20 Prozent des spanischen Bruttoinlands­produkts kommt von hier, sogar ein Viertel des spanischen Exports. Deutsche Chemie-, Pharma- und Automobilunternehmen zieht es besonders hierhin. Dazu eine Region begünstigt von der Natur, um vieles reicher an Wasser als anderswo in Spanien, ausgestattet mit schönen Gebirgen und attraktiven Stränden. International aufgestellten Konzernen fällt es nicht schwer, Mitarbeiter für den Standort Barcelona zu gewinnen.

Und gerade weil Katalonien so international ist, wäre die Unabhängigkeit ein Anachronismus. Obwohl sich die Katalanen zu Recht über andere Regionen ärgern. Dass das scheinbar gesunde Spanien 2008 so heftig von der internationalen Finanzkrise erfasst wurde, lag in erster Linie an der Zentralregierung in Madrid, den Parteifürsten in südlicheren Regionen, die den irrsinnigen Bauboom, Vetternwirtschaft und korrupte Strukturen beförderten und hohe Schulden verschleierten.

Vertrauen aufbauen kostet Jahre

Aus katalanischer Perspektive mag deshalb zuvorderst die verhasste autoritäre Zentralregierung wirtschaftliche Probleme bekommen, falls sich die Region für unabhängig erklärt. Rajoys Finanzminister muss jetzt schon höhere Zinsen bieten, um spanische Staatsan­leihen unters Volk zu bringen. Doch ein unabhängiger Staat bedeutet auch ganz andere Kosten, es ist ein Kraftakt. Zwar vollzöge eine neue Regierung den Katalexit mit dem klaren Ziel des EU-Wiedereintritts. Aber spätestens seit dem englischen Brexit müsste eigentlich jedem dämmern, dass dies alles viel komplizierter ist, als der Schwung der rotgelben Straßendemonstrationen vermittelt. 

Bis zu einem "Singapur des Südens Europas" ist der Weg noch weit. Unsicherheit ist jedoch der Feind eines jeden Kon­junk­turauf­schwungs. Um Vertrauen in die Wirtschaft aufzubauen, braucht es Jahre, um es zu zerstören, reichen manchmal Tage. Auch glühende Katalanen sollten noch einmal gut nachrechnen, ob sich die Unabhängigkeit mehr lohnt als "nur" um einen neuen Finanzausgleich zu streiten. Auf die Rechnung wären außerdem die politischen Risiken zu setzen, die blutigen Separatistenkriege der ETA liegen schließlich nicht allzu lange zurück. Liebe Katalanen, Ihr habt Eure Muskeln gezeigt, Euer Selbstbewusstsein besteht zu Recht. Deshalb setzt Euch jetzt an den Verhandlungstisch - um erst recht wirtschaftlich weiter zu wachsen.

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