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StartseiteKommentare und Themen der WocheEuropäischer Geist verzweifelt gesucht07.10.2017

KatalonienEuropäischer Geist verzweifelt gesucht

Dem katalanischen Streben nach Unabhängigkeit sei weder rechtlich noch politisch, weder kulturell noch militärisch zufriedenstellend beizukommen. Es illustriere, in welch tragischer Weise es misslungen sei, einen europäischen Geist zu entfachen, kommentiert Burkhard Ewert von der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Von Burkhard Ewert, "Neue Osnabrücker Zeitung"

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Viele Menschen schwenken katalanische Flaggen in Barcelona. (AFP / Lluis Gene)
Auch wenn Katalonien und andere Regionen nach Unabhängigkeit strebten, sei das kein Grund zur Panik, kommentierte Burkhard Ewert im Dlf. (AFP / Lluis Gene)
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Das Problem der katalanischen Separatisten ist, dass sie nicht als unterdrückte und orangefarbene Bänder tragende Opposition die internationale Sympathie auf sich ziehen. Stattdessen stören sie. Das Problem der Gegner eines unabhängigen Kataloniens ist allerdings, dass keines ihrer Argumente wirklich zieht.

Da wäre der Vergleich mit rechtsgesinnten Populisten wie in Ungarn. Er greift zu kurz. Das katalanische Streben nach Autonomie reicht lange zurück und umfasst die zwangsweise Eingemeindung durch den Diktator Franco. Aus katalanischer Sicht geht es daher nicht um eine fremdenfeindliche Umformung der Gesellschaft, sondern um das Abstreifen eines uralten Jochs. Von anderswo erstarkenden Revanchisten ist die Katalonien-Frage zu trennen.

Die jüngste Volksbefragung sei illegal gewesen, heißt es ferner. Sich abzuspalten sei es sowieso. Das ist erstens strittig und zweitens belanglos, zumindest aus größerem Blickwinkel. Welche Sezession der Geschichte war denn legal, sofern sie nicht im Konsens geschah? Und: Wie steht es um das völker- und menschenrechtliche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts, wenn regionale Gliederungen im Zweifel doch nicht über sich bestimmen dürfen? Der Streit um die Tagung des demokratischen Parlaments löst ein Bauchgefühl aus, das einem sagt, dass es hier rechtlich-moralisch zumindest unentschieden steht.

Es geht auch ums Geld

Es gehe den Katalanen ums Geld, monieren Kritiker. Tatsächlich geht es zumindest auch um Geld, das aber aus gutem Grund: Während andere Regionen Fördermittel ohne Ende erhalten, gibt Katalonien das Zehnfache dessen in den zentralen Topf, was deutsche Top-Zahler wie Bayern oder Baden-Württemberg zum Länderfinanzausgleich beitragen. Man muss kein Geizhals sein, um hier nach der Verhältnismäßigkeit zu fragen.

Bleibt der nationale Faktor: Spanien müsse zusammen halten. Da passen aber keine prügelnden Polizisten dazu und auch kein König, der für die Katalanen kein Ohr hat, aber den Oberbefehl über das Militär und dieses in Richtung der widerspenstigen Untertanen schickt. Die Zentralregierung als Besatzungsmacht.

Kleinstaaterei ist ein weiteres Stichwort, mit dem eine Abspaltung diskreditiert werden soll. Allerdings ist Katalonien so groß wie Belgien und hat mehr Einwohner als Dänemark, um vom rasant anerkannten Kosovo oder freudig aufgenommenen Kleinstaaten wie der Slowakei ganz zu schweigen. Mit Färöer gibt es sogar eine Enklave, die zwar Teil eines EU-Landes, nicht aber der EU ist. Warum soll das nicht umgekehrt gehen?

Kulturell schließlich hat Katalonien seine eigene, lange unterdrückte Sprache und eine Geschichte, mit der es sich in der Reihe bedeutsamer europäischer Königreiche nicht zu verstecken braucht.

Die EU als Verlierer

Wie man es also dreht und wendet: Dem katalanischen Streben nach Unabhängigkeit ist weder rechtlich noch politisch, weder kulturell noch militärisch zufriedenstellend beizukommen. Die EU schweigt, weil sie das weiß. Das katalanische Paradoxon kann sie nur als Verlierer zurücklassen. Stützt sie den Zentralstaat, treibt sie außer den Katalanen auch andere Zweifler von sich weg. Stützt sie die Separatisten, würden sich weitere Regionen auf diese Blaupause berufen.

Katalonien illustriert, in welch tragischer Weise es misslungen ist, einen europäischen Geist zu entfachen. Er wurde durch ein Übermaß an Gleichmacherei und Geldtransfers erstickt. Immerhin, den wenigsten Kritikern geht es um Abschottung. Es geht um Identität, anders gesagt: um Heimat und also jenes Wort, das plötzlich selbst führende Grüne inflationär für sich entdecken.

Das ist der richtige Weg. Man darf modern sein und trotzdem digitale Kraken wie Google und Amazon nicht mögen. Man darf lebensgefährlichen Käse und salziges Brot essen und trotzdem Europäer sein. Man darf Abtreibungen für fatal halten und trotzdem einen freien Binnenmarkt wollen. All das muss in der EU möglich sein; all das macht sie aus. Vielleicht ist es für eine solche Vielfalt in der Einheit nicht zu spät. Wer in Katalonien irgendwann einmal die Pässe ausstellt, wäre dann ziemlich egal.

Burkhard Ewert, Stellv. Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (Michael Gründel)Burkhard Ewert, Stellv. Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (Michael Gründel)Burkhard Ewert, geboren 1974 in Hamburg, ist Chefredakteur der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ) und leitet die gemeinschaftliche Mantelredaktion, die über die NOZ hinaus unter anderem den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag und die Schweriner Volkszeitung sowie mehrere digitale Produkte und externe Kunden mit Inhalten aus Politik und Wirtschaft, Kultur und Service versorgt. Ewert studierte Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Bielefeld und war vor dem Wechsel nach Osnabrück unter anderem leitender Redakteur beim "Handelsblatt" in Düsseldorf.

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